Ich war Joe von You – Meine Vergangenheit als Stalkerin

Foto: Netflix.
Ich bin nicht stolz darauf, aber ich war Joe von You. Es ist lange her und mittlerweile bin ich ein ganz anderer Mensch. Aber damals hätte ich mich sehr gut mit ihm identifizieren können – vor allem, weil die Begründung für sein Handeln „Liebe“ lautete.
Anfang der Nullerjahre, hatte ich meinen ersten festen Freund und war zum ersten Mal verliebt. Wir lernten uns durch einen gemeinsamen Freund kennen, als wir etwa 15 Jahre alt waren. Wie das bei Teenagern so ist, verbrachten wir jede freie Minute damit, zu telefonieren. Am Wochenende gingen wir zusammen ins Kino und spazierten Händchen haltend durch die Mall. Manchmal kam er zu mir nach Hause und ich half ihm bei seinen Physikhausaufgaben. Es dauerte nicht lange und ich wurde zum Abendessen und sogar zu Familienausflügen eingeladen. Wir sprachen darüber, irgendwann mal zu heiraten und ich sagte praktisch ständig „Ich liebe dich“. Bevor ich schlafen ging, sang er jede Nacht You are My Sunshine für mich und wir unterhielten uns in Babysprache. Manchmal schliefen wir beim Telefonieren ein, weil keiner Tschüss sagen und auflegen wollte.
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Romeo und Julia waren nichts gegen uns. Verglichen mit uns wirkten Bollywood-Filme langweilig und unromantisch. Es war fatalistisch und überwältigend.

Es war diese Art von Liebe, bei der du das Gefühl hast, nicht essen, nicht schlafen, nicht atmen zu können, wenn ihr nicht zusammen seid. Die Basis unserer Beziehung war Habgier und die Sehnsucht danach, besessen zu werden. Romeo und Julia waren nichts gegen uns. Verglichen mit uns wirkten Bollywood-Filme langweilig und unromantisch. Es war fatalistisch und überwältigend. Doch statt durch gegenseitigen Respekt, Liebe und Zufriedenheit zeichnete sich unsere Beziehung eher durch komplett übertriebene Emotionen und zwei riesige Egos aus – was nicht zuletzt, da bin ich mir sicher, auch am Einfluss von Popkultur und „klassischen“ Liebesgeschichten gelegen haz.
Nach zwei Jahren machten wir unseren Schulabschluss und begannen an verschiedenen Unis zu studieren, wobei sie nicht wirklich weit voneinander entfernt waren. Ich war vorher auf einer reinen Mädchen- und er auf einer reinen Jungenschule. Jetzt gingen wir also das erste Mal auf gemischte Schulen. Wir hatten beide Führerscheine und Autos – es wäre also kein Problem gewesen, sich regelmäßig zu sehen. Aber da wir beide sehr kontaktfreudig waren, uns schnell eigene Freundeskreise aufbauten und oft stressige Prüfungsphasen hatten, bekam ich bald das Gefühl, wir würden uns auseinanderleben. Mich überkam die Angst, er könnte mich verlassen.
Er freundete sich mit einem Pärchen an und verbrachte viel Zeit mit ihnen. Sie fragten mich nie nach einem Doppeldate. Langsam wurde mir die Sache suspekt und ich fragte mich, ob etwas zwischen ihm und dem Mädchen laufen könnte. Beim Gedanken daran wurde mir schlecht. Ich machte mir wirklich Sorgen und fing an, sein Handy zu checken und ihre Nachrichten zu lesen. Als sich das Pärchen dann irgendwann trennte, fühlte ich mich bedroht. Irgendwann war ich wie besessen davon, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um meinen Freund von diesem Mädchen fernzuhalten. Ich war mir sicher, er würde das, was wir haben, nicht mehr so sehr schätzen, wie ich es tat. Ich glaubte, er würde sicher bald fremdgehen.
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Genau wie Joe es bei Beck tat, stellte ich ihn heimlich immer wieder auf die Probe. Diese kleinen Prüfungen sollten ihm die Möglichkeit geben, mir zu zeigen, dass ich mich irrte – dass unsere Liebe diesen „Ablenkungen“ standhalten könnte.

Als das letzte Unijahr begann, stellte sich heraus, dass er sie wirklich heimlich traf. Genau wie Joe es bei Beck tat, stellte ich ihn heimlich immer wieder auf die Probe. Diese kleinen Prüfungen sollten ihm die Möglichkeit geben, mir zu zeigen, dass ich mich irrte – dass unsere Liebe diesen „Ablenkungen“ standhalten könnte. Er bestand keinen einzigen Test. Und trotzdem jagte ich ihm hinterher, statt ihn zu verlassen. Buchstäblich. Einmal wartete ich vor seinem Haus in meinem Auto, als sie mit ihm lernte. Ich wusste, er würde sie danach nach Hause fahren und wollte sehen, wie sie sich miteinander verhalten, wenn sie denken, sie sind allein. Als sie losfuhren, verfolgte ich sie und überfuhr dabei sogar eine rote Ampel. Ein anderes Mal ritzte ich das Wort „Lügner“ in den Lack seines Autos. Er erwähnte es mir gegenüber nie, sondern ließ es einfach neu lackieren. Eines Tages schlich ich mich in seine Wohnung, als ich wusste, er ist allein mit ihr. Ich wusste, wie ich die Tür auch ohne Schlüssel aufbekomme.
Ich habe viele extreme Sachen gemacht. Heute kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ich daran denke. Aber damals dachte ich, ich würde ihm durch die Aktionen zeigen, dass ich für ihn kämpfe. Und dass es unsere Beziehung wert war, sie zu retten.

Wenn ich die gleichen Möglichkeiten wie er gehabt hätte, wäre ich dann auch so weit gegangen wie er? Wozu wäre ich fähig gewesen?

Als ich sah, wie Joe Beck im Keller des Buchladens einsperrte und hörte, wie er erklärte, warum er das alles macht, fragte ich mich, ob ich damals so viel anders war als er. Wenn ich die gleichen Möglichkeiten wie er gehabt hätte (einen schalldichten Glaskasten, zu dem nur ich einen Schlüssel habe, zum Beispiel), wäre ich dann auch so weit gegangen? Wozu wäre ich fähig gewesen? Joe wird in der Serie als „psychotisch“ bezeichnet. War ich das auch? Ich glaube schon.
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Unsere Beziehung war praktisch schon vorbei, als ich wirklich anfing, auszuflippen – wobei ich zu der Zeit noch davon überzeugt war, mein Verhalten sei berechtigt. Wie konnte mich jemand jahrelang aus tiefstem Herzen lieben und sich dann gegen mich richten? Wie konnte er mir ins Gesicht lügen? Er machte mir etwas vor, benutzte mich und kehrte mir den Rücken zu, als er genug hatte. Zu keinem Zeitpunkt kam mir der Gedanke, dass manche Beziehungen einfach nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Ich war labil. Ich vertraute mich jedem an, der mir zuhörte. Sie sagten, ich solle ihn vergessen. Aber ich hörte nicht auf sie. Ich machte eine Therapie, aber die brachte fast nichts. Der Therapeut versuchte nicht mal, mir bei meinem Problem zu helfen. Er konzentrierte sich darauf, meine Ängste zu identifizieren. Doch alles, was ich mir wünschte, waren ganz konkrete Lösungsvorschläge, um meine Beziehung zu retten. Ich war suizidgefährdet, depressiv und nahm zehn Kilo ab.
Eine Woche nach meinem 21. Geburtstag, im Sommer 2008, machte mein Freund Schluss mit mir. Er brach den Kontakt komplett ab. Zum Glück. Denn dadurch hatte ich gar keine andere Wahl, als ihn in Ruhe zu lassen.
Was mich im Nachhinein am meisten beschäftigt, ist nicht nur der Fakt, dass ich komplett die Kontrolle verlor, als sich unsere Beziehung dem Ende zuneigte. Vielmehr schockiert mich, dass es niemandem (inklusive mir) auffiel, wie verkorkst unsere nach außen gesund wirkende Beziehung war! Erst als meine Gefühle nicht mehr erwidert wurden, sagte jemand zu mir, ich würde langsam den Verstand verlieren. Aber was war mit der Zeit, in der wir beide vermeintlich glücklich verliebt waren? Unsere Beziehung war die ganze Zeit extrem. Wir waren voneinander abhängig. Wir waren beide Joe. Wir waren wahnsinnig. Warum merkte niemand, wie ungesund unsere Beziehung war? Alle dachten, wir wären das perfekte Paar. Die Geschichten romantischer Filme, die Songtexte von Liebesliedern – ständig wird extreme Bindung mit „Liebe“ gerechtfertigt. Und deswegen glauben viele auch, Liebe müsse definitiv extrem sein.
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Ich sah ihn lange als den Schuldigen. Die Person, die fremdgeht, ist der Böse, richtig? You half mir dabei, die Beziehung ins rechte Licht zu rücken. Etwa eine Woche bevor ich die Serie auf Netflix schaute, fiel mir zufällig mein altes Tagebuch in die Hände, in dem ich alles dokumentiert hatte. Beim Lesen wurde mir klar: Ich war die Hauptschuldige. Ich erdrückte ihn. Selbst in den guten Jahren dachte ich nur an mich und an die Beziehung, die ich haben wollte. Ich ignorierte seine Bedürfnisse komplett. Verständlich, dass er dann irgendwann das Gefühl hatte, mehr Zeit für sich zu brauchen. Als ich fertig mit lesen war, tat mir mein Ex leid. Aber genau wie bei You war ich nicht die Einzige, die Schuld an unserer Geschichte hatte. Beck hatte ihre eigenen Probleme – genauso wie mein damaliger Freund. Er suchte körperliche Nähe bei anderen, um die Leere zu füllen, Frustration abzubauen und sich abzulenken. Vielleicht wären Selbstbeobachtung, Geduld, Verantwortung und Kommunikation besser gewesen. Beck vermied es, Joe zu konfrontieren. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass auch sie zu unreif für eine vielschichtige Beziehung zwischen Erwachsenen war.

Erstens: So abgedroschen es klingt, Kommunikation ist das A und O für eine gesunde Beziehung ist. Zweitens: Mach dir klar, wie viel du dir selbst wert bist.

Mittlerweile liegen ein paar unterschiedliche, aber allesamt sehr lehrreiche Beziehungen hinter mir – von einer leidenschaftlichen Affäre mit einem jüngeren Mann, über eine Fernbeziehung und ein paar kürzere Geschichten bis hin zu einigen erwachsenen Beziehungen. Zwei Dinge habe ich gelernt. Erstens: So abgedroschen es klingt, Kommunikation ist das A und O für eine gesunde Beziehung ist. Zweitens: Mach dir klar, wie viel du dir selbst wert bist. Genau wie Joe dachte ich immer, ich wäre ein*e wundervolle*r Partner*in und wollte das permanent beweisen. Jetzt weiß ich, es gibt einen Unterschied zwischen sich selbst wertschätzen und dem eigenen Ego zu viel Wert beimessen. Egos sind überheblich. Ihr Selbstwert basiert auf der Bestätigung durch andere Menschen – nicht auf dem, was in dir steckt. Wenn du wirklich wertschätzen kannst, was du mitbringst und wer du bist – ganz egal, wer dein*e Partner*in, deine Freund*innen, deine Familie und deine Kolleg*innen sind – wirst du nie extrem eifersüchtig sein. Dann wirst du nie das Gefühl haben, nicht gut genug für jemanden zu sein. Du wirst dich darauf konzentrieren, einen Menschen zu finden, der auch wirklich zu dir passt.
Auch, wenn es uns so eingetrichtert wird: Es geht nicht darum, um die Liebe kämpfen oder wetteifern zu müssen. Es geht darum, jemanden zu finden, der deine positiven Seiten hervorbringt. Eine Person, die nicht mit dir konkurriert, sondern dich ergänzt. Zu wissen, wer du bist und was dich besonders macht ist eine Grundvoraussetzung für eine gesunde Beziehung. Und sollte eine Beziehung doch irgendwann auseinandergehen, ist es einfacher, dich dabei nicht komplett zu verlieren, wenn du dir immer treu geblieben und eben nicht eins mit deine*r Partner*in geworden bist.
Ich bin dankbar und glücklich, dass meine Geschichte anders endete als die von Joe und Beck. Am Anfang fand ich die Serie ein bisschen albern, aber dann realisierte ich: Ich war Joe. Solltest du You schon komplett gesehen haben, empfehle ich dir, es noch mal zu schauen und dabei zu überlegen, wie anders alles hätte laufen können – wenn alle mehr miteinander kommuniziert hätten und die Egos nicht so groß gewesen wären. Spoiler-Alarm: Hätte keine Serie gegeben. Zumindest nicht auf Netflix. Weil sie nicht catchy genug gewesen wäre.
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