Anscheinend wissen viele nicht, was Homewear wirklich bedeutet

Photo: Robert R. McElroy/Getty Images.
Diane von Furstenberg looking absolutely divine in her inside clothes.
Als ich das erste Mal nach Seoul reiste, sagten mir alle, Shoppen gehen sei dort einfach der Hammer. In der koreanischen Metropole kriege man die Eyecatcher und einzigartigen Statement-Pieces, die es sonst nirgends auf der Welt gebe. Und das stimmt auch! Aber mein persönliches Shopping-Highlight war nichts, das ich irgendwann mal draußen tragen werde. Das Beste, was ich aus Südkorea mitbrachte, war ein kuscheliges Kleidungsstück für Zuhause: Eine sehr spezielle Jogginghose, die gesteppt war und sich wie ein Ofenhandschuh anfühlte.
Ich habe die Hose in einem Shop auf einem kleinen Basaar ergattert. Der Laden war vollgestellt mit gemütlichen Jogginghosen. Sie hingen neben flauschigen Pullis und Anglerwesten aus Fleece. Mir war sofort klar: Hier wurde Homewear verkauft – meine Lieblingskleidung! Homewear heißt nicht gleich Pyjama oder Athleisure. Und es ist auch definitiv keine Lingerie. Die Kleidung für Zuhause sollte wirklich nur getragen werden, wenn du in den eigenen vier Wänden bist und aktiv deinen Alltag drinnen verbringst (was wir ja alle derzeit tun).
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Mein Mann hat den Sinn dieser Kleidung noch nicht so ganz kapiert. Erst letztens fragte er mich, ob ich den ganzen Tag in meinen „Depressionsklamotten“ versauern will. Wir arbeiten beide im Home Office, um unseren Beitrag bei der Eindämmung von COIVD-19 zu leisten. Und während er sich immer noch in eine ungemütliche Jeans und ein Hemd zwingt, trage zum Arbeiten ich meine Kuschelhose, ein Batikshirt von einem Promotion-Event und einen dicken, weichen Pulli.
So sehr ich auch meine Homewear liebe, ich kann verstehen, dass manche es deprimierend finden, den ganzen Tag in solchen Klamotten zu verbringen. Diese Art von Kleidung hat, dank der überzogenen Rom-Coms, einen recht schlechten Ruf. Die Protagonist*innen tragen diese Sachen nur, wenn sie gerade eine schlimme Phase in ihrem Leben durchmachen – also zum Beispiel nach einer Trennung oder einer Kündigung ­– und den ganzen Tag nur auf der Couch sitzen und eimerweise Eis in sich hineinlöffeln. Und ihr Outfit ist nicht gerade fancy. Die Klamotten, die sie tragen, sind schon voller Flecken und irgendwie zusammengewürfelt. Sowas ist natürlich deprimierend, ja. Aber genau deshalb will ich klarmachen, dass meine Homewear nichts damit zu tun hat!
Meine Kleidung wurde mit Sorgfalt ausgesucht und soll Gelassenheit repräsentieren. Ich habe hohe Erwartungen an sie. Alle Stücke müssen besonders funktional sein. Sie sollten tiefe Taschen haben, den perfekten Kragen und die Ärmel sollten leicht hochzukrempeln sein, aber sie müssen auch lang genug sein, damit ich meine Hände darin einkuscheln kann. Die Kleidung darf nicht zu eng oder kratzig sein und fusseln darf sie natürlich auch nicht. Im Klartext: Meine Kleidung soll mir Freude bringen.
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Und verglichen zur Straßenkleidung ist Homewear viel hygienischer – kein einziges Kleidungsstück hat mein Zuhause je verlassen. Ich war damit nie in der U-Bahn oder in einem Kino. Durch diese Klamotten habe ich das Gefühl, die Kontrolle über meine Umgebung zu haben. Normalerweise ist das nur eine kleine Sache, aber gerade in diesen Zeiten ist das sehr viel Wert.
Dass ich so positiv über meine Homewear denke, hat wahrscheinlich auch einen kulturellen Hintergrund. Als Kind musste ich meine Schuhe nämlich schon vor der Haustür ausziehen und dann sollte ich schnurstracks in mein Zimmer und meine Klamotten wechseln, sprich: Ich zog meine Straßenklamotten aus und meine Hausklamotten an. Ich durfte nicht einmal vorher einen Abstecher ins Bad machen, geschweige denn kurz auf dem Sessel chillen. Nein, die Kleidung von draußen hat drinnen nichts zu suchen. Manchmal schlich ich mich mit meiner Homewear raus, um die Post zu holen oder versuchte, unbemerkt noch in meiner Jeans die letzten Minuten meiner Lieblingsserie zu schauen, bevor ich ins Zimmer ging. Doch irgendwie hatte meine Mutter für solche Momente einen sechsten Sinn. Aus dem Nichts tauchte sie plötzlich mit einer Flasche Putzmittel in der Hand auf und scheuchte mich in mein Zimmer, damit sie die Couch von meinen dreckigen Jeans-Bakterien befreien konnte.
Als Teenie fand ich es mega peinlich, wenn ich Freund*innen zu Besuch hatte und meine Eltern sie in ihrer Kuschelhosen und flauschigen Hausschuhen begrüßten. Doch interessanterweise war dieses Bild für meine Freund*innen mit Migrationshintergrund – egal aus welchem Land auch immer – nicht gerade ungewöhnlich. Sie kannten dieses Konzept. Im Gegensatz dazu gehörten meine anderen Freund*innen zu der Kategorie „Ich-schmeiß-mich-mit-den-Straßenschuhen-auf-die-Couch“. Was war nur los mit denen? Wie kann man bitte mit Schuhen im Haus herumlaufen?
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Natürlich ist es verständlich, dass manche glauben, wenn man die ganze Zeit nur Jogginghosen trägt, hat man sich selbst aufgegeben. Wenn du deine Straßenkleidung trägst, impliziert das ja, du bist immer bereit, coole Dinge zu unternehmen. Das stimmt ja auch irgendwie. Aber meine Homewear ist nicht deprimierend, sondern eigentlich ein Zeichen für Selbstliebe.
Ich glaube, gerade jetzt ist unsere Kuschelkleidung für Zuhause, die richtige Wahl. Egal wie sehr du deinen Streetstyle auch magst, damit hältst du dich doch irgendwie immer an gewisse Erwartungen von anderen. Nicht so mit der Homewear. Meine Jogginghose aus Korea und das Souvenir-Shirt trage ich nur für mich. Und ganz ehrlich: Wenn ich das Haus in den nächsten Tagen zum Einkaufen verlassen muss, dann zieh ich mich einfach um! So. Schlimm. Ist. Das. Nicht.
Die nächste Zeit spielt sich unser ganzes Leben zuhause ab. Das müssen wir machen, damit wir das kollektive Wohlergehen und unser aller Seelenfrieden wahren können. Mit der richtigen Homewear machen wir das Ganze, meiner Meinung nach, für uns gleich viel erträglicher.

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