Warum schämen wir uns alle so sehr für unsere Hände?

Foto: Meg O'Donnell
„Ignorier bitte meine Nägel!“ Ob im Schönheitssalon oder bei einem Drink mit Freund:innen – diesen Satz hören wir viel öfter, als wir es sollten. Vielleicht sind es gar nicht deine Nägel, sondern deine Hände, für die du dich jedes Mal entschuldigst, wenn du dich im Nagelstudio für einen Termin blicken lässt. Wie dem auch sei, das Aussehen deiner Nägel bzw. Hände zu kritisieren, ist möglicherweise eine so tief verwurzelte Angewohnheit von dir, dass du vielleicht denkst, dass du die einzige Person bist, die das tut.
Damit bist du aber alles andere als allein. Eine kurze Befragung des Refinery29-Teams bestätigte, dass Hände ein heißes Diskussionsthema sind. Kleine Nagelbetten, rissige Haut, sichtbare Venen, zu kurze, dicke oder alt aussehende Finger waren einige Unsicherheitspunkte. Als ich meine Twitter-Follower befragte, waren die Reaktionen ähnlich: „Wurstfinger“, Trockenheit, ungepflegte Nagelhaut… und die Liste könnte noch endlos fortgesetzt werden. Warum aber machen uns unsere Hände so sehr zu schaffen? Immerhin sind sie eines unserer wichtigsten Körperteile; wir benutzen sie, um Nachrichten zu schreiben, um zu tippen, zum Autofahren und um jemandem die Hand zu schütteln. Für so viele unterschiedliche Aufgaben benötigen wir sie. Wie bei den meisten Unsicherheiten geht es jedoch um mehr als nur das Aussehen. Was also ist der Grund dafür, dass wir uns für diese Alleskönner schämen?
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„Hände verraten der Welt etwas über die Lebensweise einer Person“, erklärt Charlotte Ferguson, Psychotherapeutin und Gründerin der Hautpflegemarke Disciple. „Der Umgang mit unseren Händen im Laufe unseres Lebens ist sehr nuanciert und oft privilegiert. Das alte Sprichwort ‚Deine Hände sehen aus, als hättest du noch nie gearbeitet‘ zeigt, wie sehr wir unseren Lebensstil und unsere Umstände mit dem Aussehen unserer Hände in Verbindung bringen.“ Charlotte sagt, dass unsere Hände eines der ersten Körperteile sind, die verraten, ob oder wie gestresst wir sind und welche Tätigkeiten wir regelmäßig ausüben. „Sie sind dem Sonnenlicht ausgesetzt, wenn eine Person draußen arbeitet, und können verbrannt, rau oder geschwollen sein, was oft etwas über die Gesundheit der jeweiligen Person verrät – sowohl auf einer mentalen als auch auf einer physischen Ebene.“ Charlotte fügt hinzu, dass auch Klasse, Weiblichkeit und Hände untrennbar miteinander verbunden sind. „Frauen trugen im Laufe der Geschichte Handschuhe, um ihre Hände zu schützen und damit diese länger jung aussahen. Weiche Hände wurden als ein Zeichen dafür verstanden, dass eine Frau aus einer wohlhabenden Familie oder der Oberschicht stammt.“

Es reicht nicht aus, das Gesicht oder die Figur einer Person zu kommentieren – auch Hände werden für vogelfrei gehalten und als Mittel benutzt, um Frauen auf unfaire Weise anzugreifen und zu verleumden.

Dieser Glaube hat sicherlich dazu beigetragen, dass sich heute so viele von uns aufgrund ihrer Hände schämen. Außerdem gibt es Beispiele aus der Vergangenheit, die zu unserer heutigen Scham beigetragen haben. Nehmen wir zum Beispiel Anne Boleyn, die sechs Finger an einer Hand gehabt haben soll (ein angebliches Zeichen von Hexerei, das sie in Verruf bringen sollte). Spulen wir ins Jahr 2022 vor, und es wird klar, dass die Medien keine Hilfe in diesem Zusammenhang sind. Es reicht nicht aus, das Gesicht oder die Figur einer Person zu kommentieren – auch Hände werden für vogelfrei gehalten und als Mittel benutzt, um Frauen auf unfaire Weise anzugreifen und zu verleumden. Ein Beispiel aus der Gegenwart sind die Hände von Sarah Jessica Parker (And Just Like That), die der Boulevardpresse zum Opfer gefallen sind und als „knochig“ und „ädrig“ abgetan worden sind. In einem Artikel hieß es: „Während sie einen Teint und einen Körper hat, um den sie viele jüngere Frauen beneiden würden, verraten ihre Hände ihr wahres Alter.“
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Unsere Hände sind eine der ersten Stellen, an denen sich die natürlichen und völlig normalen Anzeichen des Älterwerdens in Form von z. B. Veränderungen der Hautstruktur und -farbe zeigen. „Hände sind ständig dem UV-Licht der Sonne und Schadstoffen ausgesetzt“, erklärt Dr. Pamela Benito von der Cosmetic Skin Clinic. Sie sagt, dass die Haut an den Händen dünner ist und im Laufe der Zeit an Fett und Elastizität verlieren kann, was zu einem Volumenverlust führt. Das ist allerdings kein Grund zur Sorge und betrifft jeden Menschen. Könnte es sein, dass unsere kollektive Unsicherheit in Bezug auf unsere Hände mit einer angeborenen Angst vor dem Altern zusammenhängt, die darauf zurückzuführen ist, dass überall „Anti-Aging“-Hautpflege und verschiedene kleine Schönheitseingriffe beworben werden? Das mag eine Tatsache sein, aber die körperlichen Auswirkungen des Älterwerdens sind nur eine weitere Sache, die Frauen bewusst gemacht wird und über die sie sich den Kopf zerbrechen müssen. Das trägt zweifellos zu dem unnötigen Druck bei, den viele ohnehin schon empfinden.
Für viele von uns war Nagellack der Einstieg in die Schönheitspflege und vielleicht sogar das einzige Produkt, das du als Kind benutzen durftest. Wie unsere Hände aussehen, könnte auf unsere ersten Vorstellungen von Aussehen zurückzuführen sein. Wer könnte die Szene in Girls Club – Vorsicht, bissig! vergessen, in der die „Plastics-Girls“ ihre Unsicherheiten aufzählen? „Meine Nagelbetten sind scheiße!“, ruft Karen aus. Dr. Sophie Shotter, eine Expertin für Haut und Ästhetik, erklärt, dass wir unsere Hände häufiger sehen als unser Gesicht. „Wir haben sie die ganze Zeit vor Augen, aber wir schauen nicht den ganzen Tag in den Spiegel“, sagt sie. „Außerdem sind sie (neben dem Gesicht und dem Hals) eine der wenigen Hautpartien, die für andere sichtbar sind. Das bedeutet, dass wir mehr darauf achten, wie sie aussehen.“
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Die Schönheitsbranche hat sich in den letzten Jahren sprunghaft weiterentwickelt. Wir bemühen uns sehr darum, Akne, Dehnungsstreifen und Körperbehaarung zu normalisieren – und das zurecht. Was aber Nägel und Hände betrifft, scheint Repräsentation nicht zu existieren.

Natürlich hat die Pandemie auch dazu beigetragen, wie viel Aufmerksamkeit wir unseren Händen schenken. „Durch regelmäßiges Händewaschen sind unsere Hände trockener als sonst. Das macht vielen Frauen zu schaffen“, sagt Dr. Shotter. Das ständige Waschen und Desinfizieren mit scharfen alkoholhaltigen Gels brachte auch viele neue Produkte auf den Markt. Es gibt auf Hände abgestimmte Retinol-Seren und sogar Handmasken zur Behandlung von schlaffer Haut und Textur. Auch das Interesse an professionellen Behandlungen, die früher dem Gesicht vorbehalten waren, steigt. Dazu gehören Filler, um feine Linien und Falten zu reduzieren und die Haut aufzupolstern, und chemische Peelings bei der Behandlung von Pigment- und Altersflecken. Auf TikTok hat der Hashtag #handfiller 781.500 Aufrufe und zeigt Behandelnde, die Filler in die Hände injizieren und sie massieren. Das Endziel? Verjüngung. Die Reaktionen sind gemischt. Während einige über ihre „faltigen“ Hände klagen, stehen andere felsenfest zu dem Aussehen ihrer Hände: „Meine Hände sind, wie sie sind!“ Diese Behandlungen sind ein weiterer Beweis dafür, dass von Frauen erwartet wird, in allen Bereichen unerreichbare Schönheitsstandards zu erfüllen.
Nicht nur alternde Hände sind die Zielscheibe der Kritik. Megan Barton-Hanson aus Love Island und die Schauspielerin Megan Fox sind Online-Mobbing zum Opfer gefallen. Sie sind zwei starke und erfolgreiche Frauen, die wegen der Nagelform ihrer Daumen – das wohl Uninteressanteste an ihnen – beschämt wurden. Trotz ihrer Erfolge scheint sich die Presse am meisten auf ihre Hände zu konzentrieren. Dieser immense Druck wird durch die sozialen Medien nur noch verschärft. Die Schönheitsbranche hat sich in den letzten Jahren sprunghaft weiterentwickelt. Wir bemühen uns sehr darum,, Akne, Dehnungsstreifen und Körperbehaarung zu normalisieren – und das zurecht. Was aber Nägel und Hände betrifft, scheint Repräsentation nicht zu existieren. Wenn du durch Instagram scrollst und nach Maniküren suchst, wirst du nur schlanke Finger und lange Nagelbetten sehen.
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Nageltrends erfreuen sich im Internet immer größerer Beliebtheit, insbesondere auf Instagram. Such einfach nach #acrylics (3,8 Millionen Beiträge) oder #nailart (102 Millionen Beiträge). Von diesen Millionen von Bildern, die von Künstler:innen geteilt und von Nagelpflegemarken gepostet werden, sehen die meisten gleich aus: Im Mittelpunkt stehen schlanke und zarte Hände. Alle anderen Arten von Händen, die aber die Mehrheit der Gesellschaft hat, sind so gut wie nicht zu sehen. Es spielt keine Rolle, wie viele Likes diese Bilder bekommen, wenn sie nicht inklusiv sind, dafür sorgen, dass wir uns schämen, und die Befürchtung wecken, dass nur ein bestimmter Look als schön oder einer Maniküre würdig angesehen wird.
Als jemand, die in der Beauty-Branche arbeitet (und deren eigene Hände diesem weit verbreiteten Schönheitsideal nicht entsprechen), wollte ich dazu beitragen, diesen Mangel an Repräsentation aus der Welt zu schaffen. Gemeinsam mit meiner guten Freundin und Beauty-Redakteurin Laura Capon gründete ich den Instagram-Account @allnailswelcome. Da Hände, die wie unsere aussehen, scheinbar nie gezeigt werden, wollten wir einen sicheren und inklusiven Raum schaffen, der wirklich repräsentativ ist. Hier werden Nagelkunst und Maniküren an Händen gezeigt, die wie deine und unsere aussehen. Das ist für alle gedacht, die sich irgendwann einmal schon für das Aussehen ihrer Hände entschuldigt haben.
Dieser Account dient auch als Inspirationsquelle: Hier kannst du sehen, wie verschiedene Designs an jeder Art von Hand aussehen. Das ist etwas, das uns wirklich am Herzen liegt. Wir wollen einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass sich Menschen selbstbewusster, gesehen und willkommen fühlen, anstatt sich zurückzuziehen, zu schämen oder sich zu fühlen, als seien sie nicht gut genug. Deine Hände – alle Hände – sind nämlich perfekt, so wie sie sind – auch, wenn die sozialen Medien jetzt noch größtenteils eine andere Botschaft vermitteln.

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