Warum sind Schwarze Frauen in And Just Like That… nur Requisiten?

Foto: freundlicherweise zur Verfügung gestellt von HBO
Sex and the City hat so einen Kultstatus in der Popkultur, dass viele Schwarze Frauen einen Bezug dazu herstellen können – sei es durch ihre Liebe zu Cosmopolitans, durch ihre Begeisterung für Samanthas sexuelle Freiheit oder – und das ist genauso in das Vermächtnis der Serie eingebettet wie Designerschuhe –- durch ihren Wunsch, etwas gegen die mangelnde Vielfalt der Darsteller:innen in der HBO-Serie zu tun.
Im Laufe der letzten 20 Jahre, als neue Generationen die Serie entdeckten und diese somit wieder an Aktualität gewann, ist auch die Kritik daran nicht verstummt. Die meisten Schwarzen Frauen, die in der Serie zu sehen sind, sind Stereotypen, deren Handlungsstränge nie im Mittelpunkt stehen. Vielleicht erinnerst du dich ja noch an die Schwester von Samanthas Schwarzem Freund, Adeena, gespielt von Sundra Oakley.
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„Als 20-jährige Sundra war ich glücklich über diesen Job und darüber, die Möglichkeit zu haben, an dieser fabelhaften Show mitzuwirken“, sagte sie gegenüber der Vanity Fair. „[Aber] selbst nur ein paar Jahre später… war meine Reaktion eher: ‚Oh Mann, warum musste es so sein? Warum hätte es nicht anders sein können?‘“
Selbst Jennifer Hudsons Rolle (Louise), die als erste Schwarze Frau in einer bedeutenden Rolle im Film Sex and the City (2008) zu sehen war, war eher zweitrangig und dekorativer Natur. Ihre einzige Aufgabe bestand darin, Carries Leben wieder in Ordnung zu bringen, nachdem sie am Altar stehen gelassen worden war. Darüber hinaus erfuhr das Publikum nur sehr wenig über Louise. Nun ist das SATC-Revival And Just Like That… ein übermäßiger und viel zu später Versuch, Versäumnisse in Sachen Einbeziehung und Repräsentation in der Vergangenheit wiedergutzumachen. Als Schwarze Frau, die AJLT gesehen hat, kann ich jetzt schon sagen, dass diese Serie Schwarze Frauen nie als vollwertige Charaktere, also als komplex, nuanciert und wertvoll, behandeln wird.
Kurz nach dem Höhepunkt von SATC zog ich mit 20 nach New York, aber Carries ganz und gar weiße Großstadtabenteuer machten mich nicht neugierig auf das Leben in der Stadt, im Gegensatz zu Sidney Shaw in Brown Sugar oder der Eröffnungsszene der Mary Tyler Moore Show. Doch als ich mir die Serie 2011 endlich ansah – von der Pilotfolge bis zum Ende der Serie –, verstand ich den Traum, den die Serie zu verkaufen versuchte (und war sogar ganz davon angetan; damals wohnte ich in Harlem): ein charmantes Studioapartment, High-End-Klamotten, feurige Gespräche in Cafés am Morgen nach einer durchzechten Party-Nacht und ein Mann nach dem anderen. In dieser Show stand ein Vierergespann im Mittelpunkt, eine Freundschaftskonstellation, die wir aus Serien wie Insecure zu lieben gelernt haben. Was SATC aber unterscheidet, ist der beachtliche Hauch von Fantasie, den die Sendung an den Tag legt. Denn seien wir mal ehrlich: Niemand außer Carrie könnte sich einen solchen Lebensstil mit dem Gehalt einer freiberuflichen Schriftstellerin leisten. Wirklich haarsträubend ist aber, dass Schwarze Frauen entweder eine dekorative Funktion haben oder – schlimmer noch – gar nicht gezeigt werden. Mir wurde sofort klar, dass ich mir von dieser Serie lieber nicht erhoffen sollte, authentisch dargestellte Schwarze Frauenfiguren zu sehen. Diese Show wurde nicht geschrieben, um ein realistisches Porträt der Bevölkerung in New York wiederzugeben, die bekanntlich sehr vielfältig ist, sondern um weißen Frauen dabei zuzusehen, wie sie Geld in einer von weißen Privilegien geprägten Welt verprassen.
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Sollten weiße Mensche nun lieber jede Woche And Just Like That… streamen, anstatt White Fragility zu lesen, um dazuzulernen?

Samantha Irby, eine Schwarze Frau, die als Autorin bei AJLT mitwirkt, sagte gegenüber der Vogue: „Ich war früher ein großer Fan von Sex and the City. Aber es gab einige Momente, in denen ich mir dachte: ‚Wenn ein:e Schwarzer: Autor:in im Raum gewesen wäre, hätte das Endergebnis wahrscheinlich anders ausgesehen.‘ Bei AJLT war es mir wichtig, dass die Figuren echt rüberkamen, ohne das auf eine belehrende Weise zu tun. Denn ich würde nie etwas für eine Serie schreiben wollen, bei der sich das Zuschauen wie die Einnahme von Medikamenten anfühlt.“
Die Serie hat in der Tat zwar nicht unbedingt einen belehrenden Ton, aber sie nutzt ihre neu hinzugekommenen Schwarzen weiblichen Charaktere, um superpeinliche Lektionen rund um die Themen Rassismus und soziale Gerechtigkeit zu vermitteln.
In der vierten Folge verbringt Charlotte den Großteil der Episode damit, Fakten über afroamerikanische Menschen auswendig zu lernen, um Lisa Todd Wexley (Nicole Ari Parker) bei einer Dinnerparty voller wohlhabender Schwarzer Gäste zu beeindrucken (und weil sie keine anderen Schwarzen Freund:innen hat). Auch Miranda lässt uns – während der gesamten Staffel bisher – regelmäßig zusammenzucken, wenn sie ihrer Juraprofessorin Dr. Nya Wallace (Karen Pittman) ihre Verbundenheit zu beweisen versucht, was jedoch nur zu einer Eskalation der Situation durch Stereotypen und Mikroaggressionen führt. Für wen genau sind diese Gespräche gedacht? Sind sie für das weiße Publikum? Sollten weiße Menschen nun lieber jede Woche And Just Like That… streamen, anstatt White Fragility zu lesen, um dazuzulernen?
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Fairerweise muss ich aber sagen, dass es der Serie gelungen ist, ein paar brisante Themen nahtlos einzubauen. Nehmen wir zum Beispiel Charlottes nicht-binäres Kind, Rock. Charlottes Liebe zu Rock und ihr Wunsch, Rocks Nicht-Binarität zu verstehen, ist für eine sonst ultrakonservative Figur wie Charlotte ein mitfühlender Einstieg in dieses Thema. Allerdings sind diese Sensibilität und Ehrlichkeit nicht bei den Interaktionen der SATC-Damen mit den Schwarzen Frauen in der Serie zu sehen.
Lass mich an dieser Stelle mal Tacheles reden: Vielleicht hat Charlotte deshalb keine Schwarzen Freund:innen in ihrem engen Kreis, weil das nicht zu ihrem Lebensstil passt. Einige nicht-weiße Figuren hinzuzufügen, ohne ihnen genauso viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen wie den weißen Charakteren, ist nur Vielfalt um der Vielfalt willen.

Einige nicht-weiße Figuren hinzuzufügen, ohne ihnen genauso viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen wie den weißen Charakteren, ist nur Vielfalt um der Vielfalt willen.

Obwohl mehr Diversität der Aufhänger für AJLT war, wollte ich zu Beginn gar nicht einschalten. Außerdem trübte Kim Cattralls berechtigte Auseinandersetzung mit Sarah Jessica Parker die Vorfreude auf das Revival der Serie. Das Trara um Big and sein Peloton-Rad nach der Premiere von AJLT, das sich auf Twitter breitmachte, machte mich dann aber doch ein wenig neugierig. Zunächst war ich begeistert davon, SJP, Cynthia Nixon und Kristin Davis als schön alternde ältere Frauen in einem sozial verantwortlicheren Umfeld zu sehen. Dieses Mal schien die Welt, die gezeigt wurde, das echte NYC widerzuspiegeln. Doch im Laufe der Handlung wurde schnell klar, dass die Frauen of color darin (wie z. B. Sarita Choudhury, eine Frau indischer Abstammung, die die Immobilienmaklerin Seema spielt) quasi als Requisiten für die verschiedenen Identitätskrisen der weißen Frauen der Sendung agieren. Miranda braucht Nya, um ihre Schuldgefühle zu lindern, Charlotte will die Anerkennung von Lisa und Seema ist Carries Stütze, wann immer diese nicht weiß, wie es weitergehen soll.
Deshalb hasse ich die Serie mittlerweile. Es ist anstrengend mitanzusehen, wie den weißen Hauptfiguren in jeder Folge durch unsinnige Dialoge etwas über die reale Welt beigebracht werden soll. Sollte AJLT eine zweite Staffel bekommen, können wir nur hoffen, dass die Charaktere von Parker und Pittman dreidimensionaler werden.
Obwohl vielschichtige, komplexe und spezifische Darstellungen Schwarzer Frauen im Mainstream-Fernsehen nach wie vor selten sind, gibt es inzwischen Sendungen wie Harlem (R.I.P., Insecure), die vielschichtige, dynamische Schwarzen Frauenfiguren zeigen – etwas, wonach sich Schwarze Frauen so lange sehnen mussten. And Just Like That… ist für mich demnach hiermit gelaufen.

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