Warum Frauen sich Fake-Inzest-Pornos angucken

Foto: Lula Hyers.
Dass auch wir Frauen gerne Pornos schauen, dürfte heute niemanden mehr überraschen. Laut Angaben von Pornhub sind etwa 20 Prozent der deutschen User Frauen. Eine aus drei gibt an, es sich mindestens einmal pro Woche mit einem der Kurzfilmchen gemütlich zu machen. Das erklärt auch, warum der Markt für Erotikfilme, die speziell für die Bedürfnisse von Frauen produziert werden, stetig wächst. Allerdings wird nach wie vor wenig darüber gesprochen, welche Genres dabei von den weiblichen Konsumenten bevorzugt werden. Die Vorlieben beschränken sich nämlich mitnichten auf Kategorien die mit Schlagworten wie „feministisch“ oder „frauen-freundlich“ versehen sind. Glaubt man den Beobachtungen, so stehen die Clips bei Frauen besonders hoch im Kurs, in denen es um „Fauxcest“, also um „fiktiven Inzest“ geht.
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Bewiesen wurde dieser Trend auch auf den letztjährigen AVN Awards, quasi der Oscar-Verleihung der Pornobranche. Die Abräumer in der Kategorie „Verbotene Beziehungen“ waren fast überwiegend Fauxcest-Filme, wie z.B. die Videos der Serie „Keep It In The Family“ von Jacky St. James, in der es um Patchworkfamilien geht, die sich regelmäßig recht nahe kommen. Schaut man sich die Charts der Pornoindustrie an, so findet sich immer mindestens ein Fake-Inzestfilmchen unter den Tophits. Jeff Dillon, Verantwortlicher bei GameLink (NSFW), einem der Businessriesen im Pornogeschäft, der ca. 35% weibliche User hat, bestätigt: „Rollenspiele, vor allem mit familiärem Kontext, sind die Topseller bei Frauen und Pärchen.“
Woher mag diese Faszination am Verbotenen kommen? Weit verbreitet ist die Annahme, dass Frauen eher durch erotische Geschichten und durch ihre eigene Fantasie erregt werden, wohingegen Männer wesentlich visueller funktionieren und dadurch besonders durch Pornos stimuliert werden. Natürlich kann man das nicht verallgemeinern, aber es lässt sich dennoch vermuten, gestützt durch Beobachtungen aus der Industrie, sowie den Aussagen der Frauen selbst, dass die Fauxcest-Pornos genau die Storyline bieten, die die Fantasie der Frauen auf Touren bringt. Dillon beschreibt es wie folgt: „Frauen stehen einfach auf eine Hintergrundgeschichte. In der Fauxcest-Kategorie muss ja immer erstmal etabliert werden, in welchem Verhältnis die Personen zueinander stehen und dazu braucht es eben eine Story.“ Eine Twitter-Userin schreibt dazu: „Frauen möchten gerne sehen, warum die miteinander schlafen - wir möchten uns mit der Situation identifizieren können.“

Das Verbotene daran macht den größten Reiz aus

Die Regisseurin Jacky St. James, hat, neben vielen anderen, bereits 24 Fauxcest-Filme produziert und auch sie hält die Hintergrundgeschichte für das Erfolgsgeheimnis dieser Kategorie: „Ich finde es sexy, wenn ich sehen kann, wie sich da diese Spannung zwischen den Partnern aufbaut, egal wie verboten es vielleicht sein mag. Mich machen Tabus einfach scharf.“ Es scheint, als wäre das Tabu der springende Punkt, auch eine andere Twitter-Userin schreibt: „Das Verbotene daran macht den größten Reiz aus.“ Kelly Shibari, eine Pornodarstellerin, die sowohl als Penthousemodel arbeitet, als auch die PR für Erotikfirmen macht, stimmt dem zu: „Die Funktion der Pornographie war schon immer Tabus aufzugreifen. Heute jedoch haben wir fast alle Tabus bereits abgebaut, so dass nicht mehr viele übrig sind. Sobald etwas nicht mehr tabuisiert und zum Mainstream wird, verliert sich der Kick, heimlich danach im Internet zu suchen. Eines der letzten gesellschaftlichen Tabus, stellt da eben der Inzest dar. Diese tabuisierte Fantasie durch Pornos zugänglich zu machen, ist zuständig für den Erfolg, den die Fauxcest-Kategorie genießt.“
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Und ein weiterer Punkt macht die Fantasie so massentauglich: Die Familie ist ein Bereich, zu dem jeder einen Zugang hat. „Ich erforsche gerne die verschiedenen Dynamiken, die in so einem Familienverhältnis stecken können. Da gibt es zum Beispiel das Klischee vom Muttersöhnchen oder den unterschiedlichsten Vater-Tochter-Beziehungen. Ich mag das, weil ich glaube, dass sich jeder damit identifizieren kann“, so St. James. Die Vertrautheit, die man dadurch vielleicht empfindet, spricht dann auch Leute an, die von der Aggressivität manch anderer Genres abgeschreckt sind. Ein anderer Fan beschreibt es auf Facebook wie folgt: „Man spürt diese intensive Anziehung zu einer Person, zu der man diese Gefühle lieber nicht haben sollte.“ Und wieder eine andere Twitter-Userin schreibt: „Familie fühlt sich einfach immer sicherer an.“
St. James versteht ihre Fans: „Es ist etwas besonderes daran, sich vorzustellen, dass eine Person, die so viel Vertrauen und Sicherheit ausstrahlt, wie beispielsweise eine Bruderfigur, auch in anderer Weise auf mich ‚aufpasst‘.“ Eine andere Frau, die ohne Geschwister aufgewachsen ist, erzählt: „Ich weiß nicht genau, woher diese Fantasie kommt, aber vielleicht liegt es daran, dass ich mir insgeheim immer einen großen Bruder gewünscht habe oder für ältere Nachbarjungs oder entfernte Cousins geschwärmt habe. Als Einzelkind habe ich die meiste Zeit alleine verbracht. Ich habe mir immer so eine besondere Beziehung zu jemandem gewünscht.“
Für die Branche ist der finanzielle Aspekt hinter der Produktion natürlich der wichtigste. Glaubt man Dillon, sorgen die Fauxcest-Filme für Einnahmen im sechsstelligen Bereich. Jacky St. James kennt zwar die genauen Zahlen nicht, ist sich aber auch sicher, dass diese Art von Filmen den größten Absatz finden. Besonders durch das große Angebot im Internet, das kostenlos zur Verfügung steht, gilt in der Branche mittlerweile alles, was sich rentabel verkauft, als Erfolg.
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Auch wenn der Fauxcest-Trend ein relativ neuer ist und jede Art von Inzest strafbar ist, ist das Thema eines, welches auch geschichtlich weit zurückreicht. Nicht nur König Tut, auch in anderen Königshäusern, war es Gang und Gebe sich mit nahen Verwandten zu verheiraten, um die Adelslinie und den Stammbaum möglichst rein zu halten. Auch in der Kunst und der modernen Unterhaltungsindustrie schwingt dieses Thema oft mit. Man denke an die Beziehung zwischen Luke Skywalker und Prinzessin Leia, oder das besondere Verhältnis, das die Stiefgeschwister in dem Film „Eiskalte Engel“ miteinander pflegen.
Obwohl, oder vielleicht auch gerade weil, Inzest nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu darstellt, ist er eines der aufregendsten Fantasien. Das verändert nach und nach die Pornoindustrie. St. James bringt es auf den Punkt: „Die Wahrheit ist, dass die Leute es mehr denn je kaufen, egal ob sie es zugeben, oder nicht.“
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