Wie Partner von bisexuellen Frauen bessere Verbündete sein können

Foto: Amanda Picotte
Es ist kein Geheimnis, dass die Tage der Heteronormativität (zum Glück) gezählt sind. Umfragen haben gezeigt, dass die Zahl heterosexueller Menschen abnimmt und sich Menschen zwischen 16 und 24 Jahren am ehesten als LGBTQIA+ identifizieren – was bedeutet, dass die Zukunft queerer aussieht als je zuvor.
Das heißt aber nicht, dass es auf unserem Planeten bald keine heterosexuellen Menschen mehr geben wird. Bisexuelle Personen machen mehr als 50 Prozent der heutigen queeren Bevölkerung aus, was bedeutet, dass sich einige Männer und einige Frauen bis zum Ende der Zeit lieben, miteinander schlafen und einander ghosten werden. Das soll nicht heißen, dass Beziehungen von Menschen, die bi sind und für Außenstehende als heterosexuell durchgehen, als traditionell betrachtet werden sollten. Vielmehr könnten sie die Quelle für tiefgreifenden sozialen Wandel sein.
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Studien haben ergeben, dass bis zu 84 Prozent bisexueller Menschen in einer Beziehung leben, die von außen betrachtet als „heterosexuell“ angesehen werden könnte. Im Gegensatz zu dem, was der umstrittene Begriff „Bi-Privileg“ vermuten lässt, ist das kein Schutzschild gegen Queerphobie – ganz im Gegenteil. Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen, die sich zu zwei oder mehr Geschlechtern hingezogen fühlen, häufiger unter Depressionen und Ängsten leiden und gesundheitlich schlechter abschneiden, da sie sowohl von queeren als auch von heterosexuellen Gemeinschaften diskriminiert werden. Eine britische Studie ergab, dass sich nur 33 Prozent von bisexuellen Frauen wohl dabei fühlten, ihren Hausärzt:innen von ihrer sexuellen Orientierung zu erzählen, und fast die Hälfte der Befragten sah sich bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten mit Biphobie konfrontiert.
Zusätzliche Schwierigkeiten ergeben sich aus der Tatsache, dass sich bisexuelle Personen seltener zu ihrer Identität bekennen (nur 19 Prozent geben an, dass sie sich vor allen wichtigen Personen in ihrem Leben outen) und dass das Risiko, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden, für insbesondere bisexuelle Frauen aus verschiedenen Gründen höher ist, unter anderem wegen der Fetischisierung und Objektivierung, die damit zusammenhängt, dass sie für gewöhnlich als Frauen dargestellt werden, die häufig die Partner:innen wechseln.
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Es muss eindeutig etwas getan werden, um Biphobie zu bekämpfen, vor allem dann, wenn sie sich mit Sexismus überschneidet. Bisexuelle Frauen sollten nicht alleine gegen diese Missstände kämpfen müssen. Heterosexuelle Männer befinden sich in einer einzigartig privilegierten Position. Wenn sie also mit Frauen zusammen sind, die bisexuell sind, haben sie die Pflicht, dieses Privileg sinnvoll zu nutzen. Wenn sie nicht lernen, wie sie bessere Verbündete sein können, könnten sie zu dem Stigma beitragen, dem bisexuelle Frauen ausgesetzt sind. Wenn sie sich jedoch die Mühe machen und das Gelernte an ihre heterosexuellen Freunde weitergeben, können sie dazu beitragen, etwas gegen Biphobie zu unternehmen, die bis heute viel Schaden anrichtet.
Wo ist also anzufangen? Wie viele andere bisexuelle Frauen hat Niamh, 23, das Gefühl, dass ihre sexuelle Orientierung „ein bisschen unsichtbar“ wird, wenn sie in einer Beziehung mit einem Mann ist. Eines der ersten und grundlegendsten Dinge, die ein heterosexueller Partner tun kann, ist, die Identität der Partnerin aktiv und bewusst zu bestätigen. „Es ist wichtig, die Tatsache anzuerkennen, dass deine Freundin queer ist und dass das ein Teil ihrer Identität ist“, sagt Niamh. „Wenn sie darüber sprechen möchte, solltest du ihr zuhören.“ Sie hält es auch für wichtig, dass Hetero-Partner ihren queeren Freundinnen helfen, mit der LGBTQIA+-Kultur in Kontakt zu bleiben, indem sie selbst daran teilnehmen – sei es in Form von Kinobesuchen, Kunst oder gemeinsamen Drag-Race-Abenden. „Was auch immer du gerne tust, nimm es voll und ganz an.“
Ebenso sollten bisexuelle Frauen selbst entscheiden, inwieweit sie ihre heterosexuellen Partner in ihre Erfahrungen mit der Queer-Kultur einbeziehen wollen, und diese sollten die Grenzen ihrer besseren Hälfte respektieren. Die 25-jährige Helen empfiehlt Männern, es nicht zu persönlich zu nehmen, wenn ihre Freundin zögert, sie in eine Gay-Bar mitzunehmen. „Es gibt einige Aspekte der Queer-Kultur, mit denen du in einer heterosexuellen Beziehung einfach nicht in Kontakt kommst, und deswegen sollte er nicht beleidigt sein“, erklärt Helen. „Wenn sie hie und da ohne dich zu Veranstaltungen speziell für queere Menschen gehen oder an Pride-Events teilnehmen möchte, solltest du ihr das nicht übelnehmen. Das ist ein Teil ihrer Persönlichkeit, den sie ausleben sollte, und es sollte ihre Entscheidung sein, ob sie dich darin einbeziehen will oder nicht.“
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Partner sollten das jedoch nicht als Ausrede benutzen, um nicht selbst dazuzulernen. Helen rät: „Informier dich über Bisexualität und mach dich mit Erfahrungsberichten unterschiedlicher Menschen, die sich als bi identifizieren – und nicht nur mit den Erfahrungen deiner Freundin – vertraut.“ Auf eigene Faust Recherchen zum Thema Bisexualität anzustellen, ist sicherlich eine gute Idee; ein guter Anfang ist Shiri Eisners Bi: Notes for a Bisexual Revolution und die Essaysammlung The Bi-ble – nicht nur, um die Terminologie kennenzulernen, sondern auch, um dich über die Herausforderungen zu informieren, mit denen sich bisexuelle Menschen konfrontiert sehen. Um dich in andere Personen hineinversetzen zu können, musst du schließlich erst einmal verstehen, was sie durchmachen.
Um ein besserer Verbündeter zu sein, reicht das jedoch bei weitem nicht aus. Jeder potenzielle Bi-Ally muss seine eigenen Vorurteile hinterfragen – vor allem, wenn es um Sex geht. Aufgrund der hypersexualisierten Darstellung von bisexuellen Frauen in den Medien (denk nur mal an Basic Instinct) und in der Pornografie werden sie oft objektiviert – sogar von ihren Partnern. Partnerinnen eindringlich dazu aufzufordern, einen Dreier zu probieren, darauf zu beharren, dass es „nicht Fremdgehen“ ist, wenn sie andere Frauen küsst, und lüstern nach Details über queere sexuelle Erfahrungen zu fragen, sind alles Beispiele für Fetischisierung. Es mag den Anschein erwecken, dass das alles nicht so ernst ist, aber diese Art von Verhalten kann durchaus schädlich sein. Frag doch einfach mal eine Frau, die bisexuell ist.
Katie, 24, erzählt, wie ihre sexuelle Identität zur Befriedigung früherer Freunde benutzt wurde. „Meine Partner ermutigten mich dazu, mit Frauen zu flirten, sie auf Partys zu küssen und ihre sexuellen Fantasien anzuheizen“, erklärt Katie. „Auf diese Weise objektiviert zu werden, gab mir das Gefühl, dass Sex mit Frauen etwas sei, das ich für ein männliches Publikum tue.“ Heute ist sie in der Lage, über diese Erfahrung zu reflektieren und erkennt, dass Beziehungen zwischen Bi-Frauen und Hetero-Männern nur dann funktionieren, wenn Letztere ihr Ego beiseite schieben. Wie sie es so treffend formuliert: „Die Sexualität der Partnerin ist nicht der Ort, an dem [Hetero-Männer] ihre Fantasien ausleben oder ihre Unsicherheiten kaschieren können.“
Im weiteren Verlauf von Beziehungen zwischen Bi-Frauen und Hetero-Männern entwickelt sich (hoffentlich) ein gewisses Maß an Respekt und Verständnis für die Identität der jeweils anderen Person. Das bedeutet jedoch nicht, dass dadurch auch die Gesellschaft Schritt hält. Da bisexuelle Frauen weiterhin mit Biphobie zu kämpfen haben, müssen ihre Partner für ihre Identität eintreten und sie unterstützen – sei es innerhalb der Familie, im Freundeskreise oder gesellschaftlich. Genau das empfiehlt Lucy, 28, auch: „Es gibt offensichtlich das [Missverständnis], dass bisexuelle Menschen einfach nur gierig seien, und es ist wichtig, dass [jeder Partner] versteht, warum das falsch ist, und in solchen Situationen für bisexuelle Personen eintreten kann.“ Frauen, die bi sind, sollten ihre Kämpfe nicht alleine ausfechten müssen; zumindest sollten sie sich auf ihre Partner verlassen können, wenn sie Unterstützung brauchen.
Ein:e Verbündete:r zu sein, kann sehr abstrakt sein, vor allem in einer Welt, die sowohl für Frauen als auch für bisexuelle Menschen alles andere als einladend ist. Helen beschreibt ihre Erfahrung mit ihrem derzeitigen Freund: „Mein Partner ist mein Verbündeter. Er macht mich glücklich. In seiner Nähe fühle ich mich wohl und ich habe das Gefühl, dass ich ich selbst sein kann. Queere Menschen haben oft Probleme mit Selbstakzeptanz und Selbstliebe, aber er macht es mir so leicht, mich selbst zu akzeptieren und zu lieben. Das ist der Grund, warum ich ihn liebe.“

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