Amazons Das Rad der Zeit: Endlich Diversity in einer Fantasy-Serie

Foto: bereitgestellt von Amazon Prime Video.
Gerade sind alle Augen auf Amazons Das Rad der Zeit gerichtet. Zum Teil, weil die Serie als neues Game of Thrones gilt, und auch, weil es die aufwendigste Serie ist, die Amazon je produziert hat – vor allem aber, weil die Hauptrollen (im Gegensatz zu anderen Fantasy-Shows!) divers besetzt sind. Diverses Casting in Fantasy-Serien lässt noch immer mehr auf sich warten als in anderen Genres; echte Repräsentation sucht man vielerorts vergebens. Verglichen mit den beinahe ausschließlich weißen Darsteller:innen in Game of Thrones, ein wenig mehr Diversity in The Witcher und His Dark Materials und noch ein bisschen mehr in Shadow and Bone beweist Das Rad der Zeit diesen Vorgänger-Serien, dass echte Diversity nicht nur ein Nebengedanke sein muss und die Story sogar auf spannende Art vorantreiben kann.
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Repräsentation spielt sich in Fantasy-Serien (wenn überhaupt) meist nur am Rand ab – in Form von Nebencharakteren, die gefühlt nur dazu dienen, die Serie als vermeintlich divers abnicken zu können. In Das Rad der Zeit nehmen Menschen of color aber Hauptrollen ein. So spielt Zoë Robins die Rolle der Nynaeve, eine Heilerin und Kämpferin. In einer der ersten Szenen erfahren wir, dass ihr Zopf in dieser fiktiven Welt ein traditionelles Symbol für Reife, Stärke und Weiblichkeit ist. „Es war für mich etwas Besonderes, durch diesen Zopf meine natürliche Haarstruktur einzubringen… Wir haben hierdurch diese tolle Gelegenheit für sorgsame, liebevolle Repräsentation“, erzählte Zoë in einem Interview. Die Tatsache, dass Nynaeves Zopf aus dem eigenen Haar der Schauspielerin besteht und diesen Überlegungen rund um Haar, Identität und Schwarze Kultur schon früh in der Serie Raum im Dialog eingeräumt wird, zeigt dem Publikum von Das Rad der Zeit direkt von Anfang an: Das hier ist eine andere Serienerfahrung.

Weiß ist nicht die Standardeinstellung für Menschen. Warum also für Charaktere in Serien?

Jen, YouTuberin
Egwene, gespielt von Madeleine Madden, ist Nynaeves Schützling und entscheidet sich für die Berufung zur Heilerin, anstatt den traditionellen Erwartungen nachzugeben, die ihr das Leben einer Frau und Mutter aufzwingen würden. Dann sind da noch Lan, gespielt von Daniel Henney, ein Beschützer, und Perrin (Marcus Rutherford), dessen starkes Auftreten darüber hinwegtäuscht, dass er innerlich mit sich selbst zu kämpfen hat. Diese Charaktere spielen auch in Robert Jordans 14-teiliger Buchreihe die Hauptrollen, und werden uns somit wohl eine Weile erhalten bleiben. Staffel 1 hat außerdem zwei Regisseur:innen of color, Salli Richardson-Whitfield und Wayne Yip, die beweisen, dass sich die Diversity hier nicht bloß auf den Cast beschränkt.
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Schon 2018 erzählte der Showrunner der Serie, Rafe Judkins, dass „[Hautfarbe] in der Welt von Das Rad der Zeit viel weniger definiert ist als in unserer. Unser Cast sollte deswegen so gut wie möglich aussehen wie ein Amerika in hundert Jahren – ein toller Mix aus weißen, Braunen und Schwarzen Menschen, und allen, deren Hautton dazwischen liegt.“ Auch in der gesellschaftspolitischen Landschaft von Das Rad der Zeit spielt die Hautfarbe und Abstammung kaum eine Rolle; Nationalismus ist eine viel größere Sorge, und unterschiedliche Regionen sind stark voneinander abgeschottet. Das heißt aber nicht, dass die Showrunner ganz die Augen vor Diversity-Themen verschließen. In einer Episode begrüßt eine weiße Aes Sedai (eine Anhängerin einer magiebegabten Gruppe Frauen) Nynaeve mit: „Ich mag deinen Zopf… Du heißt Ninay, oder? Tut mir leid, wenn ich den Namen falsch ausspreche, ich weiß nicht genau, wie man ihn betont…“ Sie fragt nicht, ob sie Nynaeves Zopf berühren dürfe, und erklärt ihren Namen auch nicht für „exotisch“. Das braucht sie aber auch gar nicht – das Publikum versteht auch so, was diese Szene kommunizieren soll.
Einige Fans der Bücher zu Das Rad der Zeit haben sich schon darüber beschwert, dass die Charaktere in den Büchern offenbar nicht explizit so beschrieben wurden, als hätten sie eine andere Hautfarbe als weiß. Nynaeve, Egwene, Lan und Perrin sind Figuren, von denen viele scheinbar annahmen, sie würden von weißen Darsteller:innen gespielt werden – und werden es nun eben nicht. Dabei wird Perrin in den Büchern mit dickem, lockigem Haar und braunen Augen beschrieben, Egwene als klein und dunkeläugig, und bei Nynaeve sticht vor allem der Zopf heraus. Die Besetzung entspricht all diesen Beschreibungen; die weiße Hautfarbe spielte sich also nur in den Köpfen der Leser:innen ab, ganz automatisch.
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Eine YouTuberin namens Jen meldete sich beim YouTube-Kanal The Dusty Wheel, um dort ihre Meinung zur Besetzung von Das Rad der Zeit abzugeben: „Mein Lieblingscharakter ist Nynaeve – und dann ist das auch noch die Rolle, die mir am ähnlichsten sieht… Wenn es in einem Film oder Buch oder einer Serie nicht explizit um Schwarze Menschen geht, ist es mir noch nie passiert, dass meine Lieblingsfigur aussieht wie ich.“ In ihrem eigenen Video zu dem Thema sagt sie: „Weiß ist nicht die Standardeinstellung für Menschen. Warum also für Charaktere in Serien?“

Fantasy ist ein Genre, in dem (meist weiße) Autor:innen ihrer Fantasie freien Lauf lassen und eine mystische, magische, fantastische, überirdische Welt kreieren. Leider sehen viele dieser Autor:innen Menschen of color aber eben nicht in diesem Licht, weswegen sie sie sich in dieser Fantasy-Welt nicht vorstellen können. Also tauchen sie gar nicht auf.

Dr. Sherri Williams
Weiß ist eindeutig die Standardeinstellung in Game of Thrones, mit der Ausnahme zweier Schwarzer Nebencharaktere, die beide ehemalige Sklav:innen sind. „Game of Thrones ist von vornherein nicht sonderlich melaninhaltig, und alle Menschen of color darin sind quasi Requisiten… wenn aber die einzige Schwarze Frau in deiner Serie in Ketten stirbt, fällt uns das auf“, schrieb die Black Wall Street Times. Dann wäre da noch die weiße „Retterin“ Daenerys und die Darstellung der Dothraki als sexbesessene Wilde. George R. R. Martin hat behaupt, Westeros sei einfach nicht so divers wie das heutige Amerika, und basiere auf dem mittelalterlichen England. Wenn die faktische Genauigkeit diesbezüglich aber scheinbar so wichtig sind, wieso dann die Drachen? Wenn wir die Magie von Fantasy-Welten glauben können, dann wohl doch auch ein bisschen mehr Diversity.
Foto: bereitgestellt von Amazon Prime Video.
„Dieses Genre fußt oft auf unserem Bild vom Europa des Mittelalters, daher lassen sich Menschen of color in diesen Darstellungen leicht ausblenden. Gleichzeitig ist es aber eben auch ein Genre, deren kreative Köpfe sich zwar Werwölfe vorstellen können, aber nicht Menschen mit anderen Hautfarben“, meint Dr. Sherri Williams, Professorin für Race, Medien und Kommunikation an der American University in Washington. „Das sagt viel darüber aus, wie sich dieses Genre in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat – oder eben nicht.“
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Und da hat sie Recht: In Sachen Repräsentation hat sich in den letzten Jahren tatsächlich nicht allzu viel getan. 2019 eroberte Netflix’ The Witcher die TV-Welt und brachte ein wenig Diversity mit – in Form der britisch-indischen Schauspielerin Anya Chalotra als die be_hinderte Figur der Yennefer. Weil die sich aber irgendwann auf ihre eigene Schönheit konzentriert, verliert Yennefers Be_hinderung in der Serie an Bedeutung. Und auch Netflix’ Shadow and Bone wurde gerade für seinen diversen Cast gefeiert (teils zurecht), doch war auch diese Serie nicht ganz ohne Kontroversen; vor allem die Tatsache, dass Amita Sumans Stunt-Double eine dunkel geschminkte weiße Frau war, sorgte für einen Shitstorm. Die Erklärung dazu – dass es in der Stunt-Branche einfach kaum Diversity gäbe – war alles andere als befriedigend. Kein Wunder also, dass Das Rad der Zeit gerade in der Hinsicht viele Pluspunkte sammelt.

Hollywood fängt gerade erst damit an, sich darüber Gedanken zu machen, wie es an dieser Ausgrenzung beteiligt ist und was Repräsentation wirklich bedeutet.

DR. SHERRI WILLIAMS
Warum hat es so lange gedauert, bis echte Repräsentation in Fantasy-Serien ankam? „Fantasy ist ein Genre, in dem (meist weiße) Autor:innen ihrer Fantasie freien Lauf lassen und eine mystische, magische, fantastische, überirdische Welt kreieren. Leider sehen viele dieser Autor:innen Menschen of color aber eben nicht in diesem Licht, weswegen sie sie sich in dieser Fantasy-Welt nicht vorstellen können. Also tauchen sie gar nicht auf“, erklärt Dr. Williams.
„Diese Probleme gab es schon immer. Vielleicht liest du Beowulf, dann Der Herr der Ringe, und dann tauchst du immer tiefer ins Genre ab. Als junge Person of color bekommst du in diesen Büchern, Filmen und Serien aber nie jemanden gezeigt, der:die aussieht wie du“, erzählt sie weiter. „Hollywood fängt gerade erst damit an, sich darüber Gedanken zu machen, wie es an dieser Ausgrenzung beteiligt ist und was Repräsentation wirklich bedeutet. Dabei geht es um eine Gruppe an Menschen, denen es ohnehin innerhalb der Gesellschaft an Macht fehlt, und dann repräsentieren wir sie nicht einmal [in den Medien]. Diese fehlende Repräsentation heißt effektiv, dass sie nicht existieren. Und das führt dazu, dass wir diese Menschen und ihre Sorgen und Wünsche so behandeln, als sei all das egal. Genau deswegen ist Repräsentation so wichtig.“
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Keine Frage: Das Rad der Zeit ist eine der diversesten Fantasy-Serien, die wir bisher gesehen haben. Und hoffentlich ist sie nur der erste Schritt in die Richtung einer repräsentativeren Zukunft.
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Das Rad der Zeit ist zum Streamen auf Prime Video verfügbar. 

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