Kann mir ein Persönlichkeitstest dabei helfen, die große Liebe zu finden?

Foto: Refinery29
„Was ist sein Sternzeichen?“, ist immer die erste Frage, die im WhatsApp-Gruppenchat aufploppt, sobald ich von einem neuen Typen in meinem Leben berichte. Es folgt jedes Mal eine Google-Suche nach demselben Muster: „Fische Frau + [sein Sternzeichen] Mann Kompatibilität“. Und auch das Ergebnis ist immer dasselbe: Aus kosmischer Sicht sind er und ich einfach nicht füreinander bestimmt. Und so beginnt meine Suche dann von Neuem.
Ja, ich weiß – viele Leute halten Horoskope für fragwürdig. Klar sind sie unterhaltsam; beim Durchlesen fühlst du dich immer ein bisschen so, als würdest du ein altes Psychoquiz aus der Bravo machen, das dir verrät, ob du und dein Schwarm wirklich zusammenpasst. Und zugegebenermaßen hat die Astrologie bisher auch ordentlich darin versagt, mich zur wahren Liebe zu führen. Aber – wie wär’s denn stattdessen mit ein wenig Psychologie?
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Schließlich kommen Persönlichkeitstests – wie der wohl berühmteste, der Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI) – sogar im professionellen Umfeld zum Einsatz, um geeignete Kandidat:innen für eine Position zu finden oder sich unter Kolleg:innen generell besser kennenzulernen. Warum sollte so ein Test mir also nicht auch beim Dating helfen können?
Eine kurze Erklärung: Der MBTI ist eine psychologische Analyse in Form eines Fragenkatalogs, die deine Persönlichkeit bestimmen soll – konkret: wie du Entscheidungen triffst und die Welt um dich herum empfindest. Der Indikator wurde von dem Mutter-Tochter-Duo Katharina Cook Briggs und Isabel Briggs Myers entwickelt und ist heute einer der gebräuchlichsten Persönlichkeitstests der Welt; Schätzungen zufolge machen ihn jedes Jahr über zwei Millionen Menschen. Vor allem Jobvermittlungen loben den MBTI dafür, dass er ermögliche, die beste Karriereoption für jede Persönlichkeit vorherzusagen; Kritiker:innen des Tests hingegen nennen ihn „bedeutungslos“. Insbesondere Psycholog:innen verurteilen seine wackelige wissenschaftliche Basis.
Laut des MBTI gibt es vier menschliche psychologische Haupteigenschaften: Introversion/Extraversion, Sensorik/Intuition, Denken/Fühlen, Wahrnehmung/Beurteilung. Jede:r von uns verfügt demnach über je eine Eigenschaft dieser Kategorien; daraus ergeben sich also 16 verschiedene Persönlichkeitstypen.

Der Test sagt dir, was du vielleicht lieber gar nicht hören willst, und hält dir deine Makel direkt vor Augen.

So viel zur Theorie. Vor ein paar Jahren, als ich im Finanzwesen arbeitete, wollte mein Chef, dass wir alle den Test machten. Ich fand das damals ein bisschen albern, ließ mich aber drauf ein – und das Ergebnis war gruselig zutreffend. Der Indikator stempelte mich als ENTJ ab (extrovertiert/intuitiv/denkend/beurteilend); ich sei eine natürliche Anführerin voller Charisma und Selbstvertrauen, sei sehr rationell veranlagt, total ehrgeizig und verfolge meine Ziele mit Cleverness und Ausdauer. 
ENTJ gilt angeblich als seltener Persönlichkeitstyp. Das schmeichelte meinem Ego erstmal enorm; leider nahm sich der Test dann aber meine weniger schönen Eigenschaften vor: Ich sei stur, intolerant, ungeduldig, arrogant, manchmal kalt und rücksichtslos. Noch dazu seien ENTJs schlecht darin, mit ihren eigenen Gefühlen – und denen anderer – klarzukommen. 
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Aber ob es mir gefällt oder nicht: All das haut ziemlich gut hin.
Der Myers-Briggs-Test kann gleichzeitig aufschlussreich und unangenehm sein. Er sagt dir, was du vielleicht lieber gar nicht hören willst, und hält dir deine Makel direkt vor Augen. Genauso ist er aber auch ein faszinierender Einblick in dein Verhalten und erklärt dir, wodurch du auf andere vielleicht unsympathisch wirkst. 
Das klingt jetzt erstmal, als sollte sich das theoretisch sehr gut aufs Dating übertragen lassen. Schließlich sind wir alle aus der Nähe betrachtet etwas merkwürdig – und vielleicht würden wir davon profitieren, schon vor dem ersten Date zu wissen, inwiefern der oder die andere wirklich merkwürdig ist. Mit diesem Gedanken bin ich scheinbar auch nicht allein; in letzter Zeit sind mir immer wieder Dating-Profile aufgefallen, in denen die Myers-Briggs-Persönlichkeitstypen standen. Das wollte ich mir genauer ansehen, also schrieb ich auch meinen in mein Profil. Wer weiß – vielleicht würde er mir  ja dabei helfen, weniger Zeit bei der Suche nach Liebe zu verschwenden?
Und dann kam James*, ein Anwalt – und ebenfalls ein ENTJ, was ihn laut Myers-Briggs zu meinem Traumtyp schlechthin macht. Zwei ENTJs sollen einander perfekt ergänzen. Und das stimmte auch… irgendwie. 
James und ich trafen uns zu vier magischen (sozial distanzierten!) Dates. Er war aufmerksam, lieb, intelligent und logisch denkend. Wir unterhielten uns über Politik, Geschichte und Popkulturelles; dabei merkten wir schnell, dass wir dieselben Werte teilten, aber eben auch beide ziemlich stur waren. Vielleicht ist er ‚der Eine‘, dachte ich mir. Tja, das war er natürlich nicht. Nach Date Nr. 5 ließ er mich fallen wie eine heiße Kartoffel. Da ist sie ja, die typische ENTJ-Rücksichtslosigkeit, sagte ich mir. 
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Der Nächste war Fraser*. Ich bat ihn, vor unserem Date den MBTI zu machen, und er ließ sich drauf ein. Vorher erzählte er mir noch, er sei introvertiert, fühle sich in sozialen Situationen oft unwohl und verstecke sich bei Partys in der Küche. Trotzdem spuckte der Test ein anderes Ergebnis aus: Fraser sei ein ENTP (extrovertiert/intuitiv/denkend/wahrnehmend) – also ein charismatischer, energiegeladener, debattierfreudiger Typ. Und das sah in den ersten Wochen, während der wir miteinander schrieben, auch so aus: Er war gesprächig – aber leider auch unsensibel. Oft lehnte er ab, was ich sagte, was mir wiederum das Gefühl gab, nicht von ihm respektiert zu werden. Noch dazu war seine Spotify-Playlist echt scheiße. Wir trafen uns zu einem Date, merkten aber schnell, dass daraus nichts werden würde.
Mein nächstes Match war Tim*. Er war ein ISFJ (introvertiert/sensorisch/fühlend/beurteilend) und wirkte auf mich ziemlich clever, charmant und humorvoll. Deswegen verstanden wir uns super – ich war mir trotzdem nicht sicher, ob das mit uns klappen würde. ISFJs sind sehr zurückhaltend und oft nicht sonderlich selbstbewusst, und das traf auch auf Tim zu. Er war zwar von allen meiner Matches der liebste Typ, aber leider eben auch etwas zu sanft für meine lebhafte ENTJ-Persönlichkeit.

Als er mir erzählte, er sei ein INFJ (ideal für mich, ENFP), vermutete ich, dass aus uns was werden könnte.

Francesca Specter
Letztlich war Myers-Briggs für mein Dating also ungefähr so hilfreich wie mein Horoskop. Andere hatten da mehr Erfolg – zum Beispiel Francesca Specter, Gründerin vom Blog und gleichnamigen Podcast Alonement. Sie erzählt mir, dass sie den MBTI schon in der sechsten Klasse habe machen müssen; die Ergebnisse habe sie dann später auf ihr Liebesleben angewandt. „Ich fing an, mich beim Dating auf den MBTI zu verlassen, nachdem eine Beziehung in die Brüche gegangen war und ich den Test plötzlich überall in Dating-Profilen sah“, sagt sie. „Bei Reddit und Quora gibt es unzählige Threads dazu, wie sich die Myers-Briggs-Persönlichkeitstypen in Beziehungen verhalten, und ich war irgendwann wie besessen davon. Ich datete also jemanden, der laut Myers-Briggs genau mein Typ hätte sein sollen; ich kannte ihn schon aus meinem Freundeskreis und wir hatten vorher schon immer ein bisschen geflirtet. Als er mir erzählte, er sei ein INFJ (ideal für mich, ENFP), vermutete ich, dass aus uns was werden könnte.“ Und tatsächlich: Francesca erzählt, mit diesem Mann sei sie seit ihrer vorherigen Beziehung am längsten zusammen gewesen; noch dazu habe ihr der MBTI dabei geholfen, ihren Ex-Partner besser zu verstehen.
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Aber ist es überhaupt eine gute Idee, dich beim Dating auf Persönlichkeitstests wie den MBTI zu verlassen? Die Psychologin, Autorin und Beziehungstherapeutin Dr. Kalanit Ben-Ari hat dazu ein paar warnende Worte.
„Ich denke, es gibt andere Möglichkeiten als einen Persönlichkeitstest, um die eigenen Beziehungen und Erwartungen zu managen“, meint sie. „Wenn du den Test an eine:n potentielle:n Partner:in schickst, ist das Ergebnis nicht ‚clean‘ und verlässlich; schließlich will er oder sie dich beeindrucken und wird die Fragen demnach nicht so beantworten, dass dich das Ergebnis womöglich abschrecken könnte.“ Heißt das, er oder sie würde lügen? „Nein, aber die Antworten fallen vielleicht ‚weicher‘ aus.“
Noch dazu, betont Dr. Ben-Ari, berücksichtigt Myers-Briggs vieles von dem nicht, was für romantische Beziehungen enorm wichtig ist – zum Beispiel Kindheitserfahrungen und persönliche Interessen wie die eigene Religion oder den Kinderwunsch. Wenn du dich also bei deiner Suche nach Liebe auf einen Persönlichkeitstest verlässt, warnt dich Dr. Ben-Ari, dass du damit womöglich deine Zeit, Hoffnungen und Energie verschwendest. 

Je besser du weißt und kommunizierst, was du dir wünschst, desto wahrscheinlicher wirst du es finden.

Dr. Kalanit Ben-Ari
Aber wie solltest du es denn stattdessen anstellen? Dazu hat Dr. Ben-Ari eine Empfehlung: „Du hast vermutlich eine ganze Menge Erwartungen an eine:n mögliche:n Partner:in. Aber schließlich ist niemand perfekt; um realistisch zu bleiben, schlage ich dir vor, eine Liste aus fünf Werten oder Eigenschaften zu erstellen, die für dich in einem Partner bzw. einer Partnerin unverzichtbar sind.“ Und diese fünf Punkte hängen natürlich auch davon ab, wonach du konkret suchst; in einer Kurzzeitbeziehung wünschst du dir vielleicht jemanden, der oder die ähnliche Freizeitinteressen hat wie du, wohingegen du für eine Langzeitbeziehung womöglich nach jemandem suchst, der oder die deine Familienvorstellungen teilt
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Bei einem Date kannst du das Gespräch spontan in diese Richtungen lenken, meint Dr. Ben-Ari, um mehr über dein Gegenüber zu erfahren und eine informierte Entscheidung darüber treffen zu können, ob du mehr Zeit in diese Beziehung investieren möchtest. „Alles, was ein Gespräch eröffnet, kann dir helfen“, sagt sie. „Je besser du weißt und kommunizierst, was du dir wünschst, desto wahrscheinlicher wirst du es finden.“
Trotz der kritischen Stimmen gegen Myers-Briggs gibt es aber auch Studien,  die sehr wohl einen Zusammenhang zwischen dem Test und Beziehungen zeigen. Eine fand heraus, dass die Introversion/Extroversion-Kategorie verlässlich dabei helfen könne, Kompatibilität zu bestimmen; eine andere ergab, dasselbe gelte auch für Wahrnehmung/Beurteilung. Leider scheint allerdings der Test selbst nicht so verlässlich zu sein; rund 50 Prozent aller Teilnehmer:innen bekommen bei einem zweiten Durchgang ein anderes Ergebnis, selbst nach nur fünf Wochen, zeigte eine andere Studie. Trotzdem lässt sich eines nicht leugnen: Der Myers-Briggs-Test macht einfach Spaß – und Dr. Ben-Ari gibt zu, dass es schließlich nicht schaden kann, die Ergebnisse als Eisbrecher bei Dates und in Dating-Apps zu nutzen.
Ich persönlich muss sagen: Es ist irgendwie beruhigend zu wissen, dass ich ein Teil einer großen ENTJ-Community bin, die einander einfach versteht. Der Test hat mir außerdem tiefe Einblicke in meine Persönlichkeit geschenkt und mich darüber nachdenken lassen, wie mein Handeln, meine Reaktionen und meine Gewohnheiten andere beeinflussen. Und bevor wir Persönlichkeitstests als Dating-Grundlage verteufeln, sollten wir uns vor Augen halten, dass uns schließlich auch Online-Dating-Apps aufgrund von Persönlichkeitsdaten und Charakteristika miteinander verkuppeln wollen…
*Namen wurden von der Redaktion geändert

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