Studie beweist: Wir sind erst ab 30 richtig erwachsen

Photographed by Eylul Aslan.
Mittagessen vorkochen, mit dem Rauchen aufhören, über Retinol nachdenken, ein professionelles Bewerbungsfoto machen lassen, wissen, welchen Wein man bestellen soll, Hausratversicherung, einen Elternteil verlieren, nur einen Drink am Abend nehmen, eine Finanz-App runterladen und tatsächlich benutzen, Samstage im Gartencenter, einen Geschirrspüler besitzen, sich selbst Blumen kaufen. Das ist nur eine Auswahl an Antworten, die ich bekommen habe, als ich meine Kolleg*innen im Büro fragte, was „Erwachsensein“ für sie im Jahre 2019 bedeutet. Ich persönlich werde mich so lange nicht erwachsen fühlen, wie ich nicht in eine ordentliche Kollektion Kaschmir-Pullover investiert habe und mir Whisky schmeckt.
Rein gesetzlich sind wir ab dem 18. Lebensjahr erwachsen, aber wenn wir uns ansehen, welche traditionellen Reife-Symbole in unserer materialistischen Kultur als Anzeichen dafür gelten, dass man nun kein Kind mehr ist, beginnt das Erwachsenwerden wesentlich später. Erwachsensein im klassischen Sinne bedeutet: ein Eigenheim (also ob), verheiratet sein (das Heiratsalter rückt seit Jahren immer weiter nach hinten) und Kinder (das Alter, in dem Frauen ihr erstes Kind bekommen, rückt ebenfalls immer weiter nach hinten).
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Aber reicht auch nur eine dieser Definitionen tatsächlich aus, um sich erwachsen zu fühlen? Neben Anschaffungen wie zusammenpassenden Handtüchern oder einer „richtigen“ Couch, müssen wir der Wahrheit ins Gesicht blicken: Es gibt auch verheiratete Menschen mit Kindern, die eine Eigentumswohnung besitzen und nicht erwachsen sind. (Ist ähnlich wie mit der Arbeit: Nur weil du endlich einen tollen Job abgestaubt hast, geht das Gefühl, den anderen nur etwas vorzumachen, nicht von alleine weg.) Mittlerweile wird diskutiert, ob Erwachsenwerden nicht eher als ein innerer, psychologischer Prozess wahrgenommen werden sollte.
Neurowissenschaftler*innen der Universität Cambridge wollen nun herausgefunden haben, dass wir tatsächlich erst in unseren Dreißigern richtig erwachsen werden. Bei einem Kongress im März sagte Camtbridge-Professor Peter Jones, dass der Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter „viel nuancierter“ abläuft, als es die gesetzliche Volljährigkeit abbilden könnte. Er bezeichnete es als "zunehmend absurd", ein Alter zu definieren, in der man von einer Stufe zur anderen wechselt und sagte außerdem, dass wir alle unterschiedlich schnell reifen. „Im Gehirn passieren von der Pubertät an bis in die Mitt- bis Spätzwanziger wichtige Reifungsprozesse. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Wort Prozess: Das ist nichts, was mit 18 abgeschlossen ist. Bei den einen geht es schneller, bei den anderen dauert es länger“, erklärte er gegenüber Refinery29. Er verweist damit auf Forschungsergebnisse aus jüngsten Studien, die er und seine Kolleg*innen durchgeführt haben. Dabei sahen sie sich an, wie die Veränderungen des Gehirns das Verhalten junger Menschen beeinflusste. (Trotzdem ist er der Meinung, es sei „vernünftig“, dass es in unserer Gesellschaft ein festgesetztes Alter gibt, in dem junge Menschen im Durchschnitt „reif genug sind, um unterschiedliche Entscheidungen zu treffen und Verantwortlichkeiten zu übernehmen.“)
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Seine Kommentare lösten weit und breit Seufzer der Erleichterung unter Mittzwanzigern aus, die in den Forschungsergebnissen die Rechtfertigung ihres, nun ja, turbulenten Lebensstils sahen. „Gott sei Dank, jetzt habe ich keinen Druck mehr“, twitterte beispielsweise ein Mann. Fasziniert von der Vorstellung, dass jeder zu verschiedenen Zeiten das Erwachsenenalter erreicht, habe ich mehrere junge Frauen in verschiedenen Lebensphasen gefragt, was Erwachsensein für sie im Jahr 2019 bedeutet.

Im Gehirn passieren von der Pubertät an bis in die Mitt- bis Spätzwanziger wichtige Reifungsprozesse.

Cambridge-Professor Peter Jones
Martha Nahar ist 24 und Mitarbeiterin für interne Kommunikation in London. Sie sagt, dass sie zwar einen Ehemann und einen festen Job hat (die sich beide „wie erwachsene Dinge anfühlen“), aber kein eigenes Haus oder eine „große Verantwortung“ wie eine Hypothek oder Kinder. Außerdem sagt sie, sie habe immer noch einen unreifen Humor und Angst vor der Zukunft. Alles in allem „fühle ich mich die meiste Zeit eher wie ein verlorener Welpe als wie eine Erwachsene. Als junger Mensch in meinen Zwanzigern suche ich immer noch nach dem richtigen Weg für mich und habe mein Leben mit Sicherheit nicht im Griff“, sagt sie. Sie gibt zu, dass es sie beruhigt hat, von den Ergebnissen der Cambridge-Studie zu hören. „Fast so, als würde man einen Schnellkochtopf vom Herd nehmen und einmal durchatmen, um sich Gedanken um das eigene Leben zu machen.“
Ihre Definition von Erwachsensein ist vielschichtig: „Für mich besteht das aus wirtschaftlichen und psychologischen Zielen. Ein schönes Auto oder Haus zeigen, dass du dein Leben im Griff hast. Aber du musst auch ausgeglichen, rational, ruhig und selbstbewusst sein.“ Schaut sie sich jedoch das wirtschaftliche Klima an, in dem wir leben, glaubt sie, dass materielle Sicherheiten das offensichtlichste Zeichen von Reife in der heutigen Welt sind.
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Die 33 Jahre alte Rachel McCarron ist Mutter und pflegt ein Familienmitglied. Für sie waren es neue finanzielle als auch familiäre Verantwortlichkeiten sowie das Überwinden von Widrigkeiten, die sie zum Erwachsenwerden trieben. „Ich habe mich nicht wie eine vollwertige Erwachsene gefühlt, bis ich anfangen musste, mich mit Gemeindesteuerrechnungen zu befassen, meine Tochter da war und ein Todesfall in meinem Umfeld mich dazu zwang, jemanden zu betrauern, der nicht etwa so alt war wie meine Großeltern, sondern tatsächlich in meinem Alter.“ Ein Bewusstsein für Politik – etwas, von dem sie im Teenageralter glaubte, dass es in ein "Problem für Erwachsene" sei – sowie Geldsorgen waren für sie ebenfalls Anzeichen für Reife, fügt sie hinzu.
„Letztendlich glaube ich, dass man dann vollständig erwachsen ist, wenn man tagtäglich Verantwortung für jemand oder etwas anderes als sich selbst tragen muss. Meine Tochter hat mich erwachsen werden lassen, weil alles, was ich tue oder lasse einen Einfluss auf ihr Leben hat. In meinen Dreißigern vermeide ich Risiken, die ich in meinen Zwanzigern eingegangen bin, weil ich heute weiß, dass mein Handeln ernsthafte Konsequenzen hat.“
Hope Virgo ist eine 28 Jahre alte Autorin und bekommt oft Komplimente dafür, jung auszusehen. Sie will nicht „zu schnell erwachsen werden“. Sie definiert Erwachsensein vor allem als Selbstsicherheit. „Ich habe ein Bett voll mit Stofftieren, sodass ich mir ziemlich kindisch vorkomme. Außerdem gibt es immer noch Momente, in denen ich einfach mit meiner Mama kuscheln muss. Darüber hinaus hasse ich es, Wäsche aufzuhängen und liebe es, im Bett zu essen. Das sind alles nicht besonders erwachsene Verhaltensweisen.“
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Sie glaubt, dass es vielen jungen Menschen guttun würde, eine lockerere Definition von Erwachsensein zu verinnerlichen. „Es ist erfrischend zu lesen, dass es Forschungsergebnisse gibt, aus denen hervorgeht, dass es lächerlich ist, anzunehmen, dass wir mit 18 auf einmal über Nacht erwachsen sind. Ich hoffe, dass dieses Bewusstsein auch in der psychiatrischen Betreuung ankommt und Leute nicht mehr direkt nach ihrem 18. Geburtstag als Erwachsene behandelt werden, obwohl sie eigentlich noch Kinder sind. Das kann nur ungesund sein.“
Während die Hauptmerkmale fürs Erwachsenwerden von Person zu Person variieren können, scheint es einen breiteren Konsens darüber zu geben, wenn es um ein angemessenes Alter geht, die Volljährigkeit zu erreichen: 25. Virgo sagt: „Ich finde es lächerlich, dass man, wenn man 18 wird, plötzlich erwachsen sein soll. So funktioniert das nicht. Leute machen in ihren frühen Zwanzigern große Fortschritte, sodass ich glaube, dass es für viele junge Menschen besser wäre, die gesetzliche Volljährigkeit auf 25 Jahre zu erhöhen.“
Der gleichen Meinung ist auch Nahar. „Ich würde es nicht bei 18 Jahren lassen. Einfach, weil nicht jeder bereits mit 18 bereit für die große weite Welt ist. Ich glaube, mit 25 versteht man die Welt um einiges besser, hat mehr Lebenserfahrung gesammelt und ein besseres Gefühl für sich selbst entwickelt. Mit 18 war ich wesentlich naiver und mir definitiv nicht der Dinge bewusst, die ich nun mit 24 weiß.“
Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass die strafrechtliche Verantwortlichkeit auf 25 angehoben wird. Und tatsächlich werden wohl die meisten 18-jährigen den Unterschied zwischen richtig und falsch kennen. „Ich glaube nicht, dass sich das Gesetz ändern muss, aber was ich vorschlagen würde, ist, dass man statt Gefängnisstrafen gemeinnützige Dienste verhängt“, sagt Rachel.
Das Leben kann manchmal hart sein und es ist beruhigend, einen Kommentar wie den von Professor Jones zu lesen. Wenn du 18 bist, darfst du wählen, die Schule oder Uni abbrechen, Alkohol kaufen, einen Kredit aufnehmen und wirst von der Polizei wie ein*e Erwachsene*r behandelt. Trotzdem kann man im selben Alter immer noch nichts dringender brauchen als eine Umarmung von seiner Mutter oder ein aufmunterndes Wort von einem Lehrer. Rachel hat es, wie ich finde, ziemlich gut auf den Punkt gebracht: „Es gibt hundert verschiedene Wege, erwachsen zu werden. Jeder hat andere Erfahrungen im Leben gemacht. Mit dem Alter kommt ein tiefes Verständnis und eine Widerstandskraft, die man irgendwann in sich selbst spürt. Ich glaube, das ist der Punkt, ab dem man sich wirklich erwachsen fühlt.“
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