Mein Partner will eine offene Beziehung & ich nicht – was jetzt?

Foto: Refinery29.
Die 28-jährigeCharlie war schon seit drei Jahren mit ihrem Partner zusammen, als er ihr gegenüber seinen Wunsch nach einer offenen Beziehung äußerte. „Wir hatten vorher nie darüber gesprochen, und ich hatte es auch nie in Betracht gezogen, unsere Beziehung zu öffnen“, erzählt sie. Sie bat ihren Freund um Bedenkzeit – und kam zu einer Entscheidung. „Ich glaube nicht, dass ich das will“, sagt sie. „Wir haben seitdem nicht mehr darüber gesprochen, aber jetzt mache ich mir Sorgen um unsere Zukunft. Ich habe Angst davor, das Thema nochmal anzusprechen, obwohl ich weiß, dass wir darüber reden müssen. Wie gehe ich das Gespräch am besten an?“
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Dr. Sheri Jacobson, eine pensionierte Psychotherapeutin mit über 17 Jahren Berufserfahrung, kann hier weiterhelfen.
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Dr. Sheri Jacobson: Du hast schon ganz richtig angefangen, indem du in dich hineingehört hast. Erst einmal geht es darum herauszufinden, welche Position du wirklich vertrittst – das kannst du zum Beispiel dadurch tun, indem du Tagebuch schreibst, in einer Therapie darüber sprichst oder dich mit einer vertrauten Person unterhältst. Was hältst du selbst von der Idee, unabhängig von externen Einflüssen?
Im nächsten Schritt solltest du ein Gespräch mit deinem Partner einleiten. Das kann sehr, sehr schwierig sein – es erfordert viel Mut, so empfindliche Themen anzusprechen und dann offen zu diskutieren. Eine Therapie ist oft das einfachste Umfeld für solche Gespräche, weil du dabei ohnehin schon damit rechnest, mit kritischen Themen konfrontiert zu werden; im Alltag bekommen wir dafür nur selten die richtige Plattform. Es ist aber sehr wichtig, diesen Raum für euer Gespräch zu schaffen. Dann konzentrierst du dich am besten erst einmal darauf, deinen Standpunkt zu erörtern – während du gleichzeitig offen für den Blickwinkel der anderen Person bleibst. Vielleicht bittest du dein Gegenüber, diesen Blickwinkel zu erklären und genau darzulegen, was er sich eigentlich vorstellt oder wünscht. Dabei hörst du bitte genau zu. Wenn du kannst, versuche dabei, dich in seine Position hineinzuversetzen und nachzuvollziehen, worum es deinem Partner geht. 
Was ist sein Antrieb für den Wunsch, eure Beziehung zu öffnen? Vielleicht hat er einen besonders starken Sexualtrieb, oder wünscht sich ein wenig Abwechslung. Vielleicht ist er aber auch unzufrieden mit einem Aspekt eurer Beziehung, an dem ihr eventuell arbeiten könntet. Innerhalb einer Beziehungsdynamik ist es sehr wichtig herauszufinden, wonach sich die andere Person sehnt. Womöglich gibt es Möglichkeiten, genau das auch innerhalb eurer Beziehung zu finden, wenn ihr das beide möchtet. Außerdem ist es sehr wichtig, über Schutzmechanismen innerhalb eurer Beziehung zu sprechen. Überlegt euch, welche „Sicherheitsnetze“ ihr in eurer Partnerschaft spannen könnt, wenn sich jemand unwohl oder unsicher fühlt.
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Wenn ihr euch dazu entschließt, das Experiment einer offenen Beziehung zu wagen, ist es entscheidend, eure Kommunikationskanäle immer offen zu halten. Du brauchst die Sicherheit zu wissen, dass du deine Perspektive mit deinem Partner teilen kannst und dabei von ihm gehört, verstanden und respektiert wirst – und dass er offen für Kompromisse bleibt.
Dabei ergibt sich die interessante Frage, wann du deine eigene Komfortzone verlassen solltest – und wann du wiederum auf dein Bauchgefühl hören solltest. Die Antwort darauf ist völlig individuell und hängt von deinen eigenen Grenzen ab. Wie flexibel bist du in neuen Situationen? Hier geht es nicht bloß darum, ein neues Hobby anzufangen oder ein neues Gericht zu kosten; es ist deutlich weniger riskant, ein neues Lebensmittel auszuprobieren, als mehrere Sexualpartner:innen zu haben. Einerseits wäre da das Risiko von ungeschütztem Sex und Geschlechtskrankheiten; andererseits kannst du das Ganze nicht einfach aus deinem Alltag streichen, wie du es mit einem Essen tun würdest, das dir nicht schmeckt. Innerhalb einer Beziehung gibt es da nämlich noch eine andere Person, die zum selben Schluss kommen muss wie du. Das heißt natürlich nicht, dass ihr es gar nicht erst ausprobieren solltet; dennoch solltet ihr euch, solltest du dir, darüber im Klaren sein, dass es schiefgehen kann – und nicht zwangsläufig leicht wieder „rückgängig“ gemacht werden kann.
Wenn du zu dem Entschluss kommst, dass du dir keine offene Beziehung vorstellen kannst, dein Partner sich aber weiterhin eine solche wünscht, ist die Therapie die ideale Plattform für solche Gespräche. Im therapeutischen Raum könnt ihr das Thema von allen Seiten beleuchten und im besten Fall eine Option herausarbeiten, die für euch beide funktioniert – trotz verschiedener Präferenzen. Natürlich ist das manchmal einfach nicht machbar für eine Partei (oder beide). In diesem Fall würdet ihr dann eher auf eine freundschaftliche Trennung hinarbeiten. Die ist möglich, selbst mit geteiltem Zuhause oder finanzieller (Co-)Abhängigkeit. 
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Ganz egal, wofür ihr euch entscheidet: So oder so wird euch das Ganze lange Gespräche abverlangen. Aber man weiß ja nie – vielleicht bringen euch diese Gespräche einander sogar näher denn je.
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