Ich habe es satt, in meiner Beziehung den Mental Load zu tragen

Foto: Flora Maclean.
Weißt du, an welchem Tag deine Mülltonnen abgeholt werden? Weißt du, ob noch Brot in deinem Gefrierschrank ist? Denkst du daran, im Oktober Weihnachtskarten zu kaufen? Hast du die Telefonnummer deiner Hausärztin in deinem Handy gespeichert? Schließt du die Schubladen, nachdem du alles herausgenommen hast, was du brauchst? Wenn du Kinder hast, kennst du die Namen ihrer Freunde? Oder die von deren Eltern? Wie heißen ihre Lehrer:innen? Weißt du, wann du das letzte Mal einen Großeinkauf gemacht hast? Wann die Toilette zuletzt geputzt wurde? Erinnerst du dich an den Namen der neuen Freundin deiner Freundin? Wenn du einen Partner oder eine Partnerin hast, kennst du den Namen seiner oder ihrer Großmutter? Wo sie wohnt? Wie sie ihren Tee mag? Weißt du, wann du das nächste Mal die Pflanzen gießen musst? Organisierst du jemanden, der oder die deine Katze füttert, wenn du nicht da bist? Erinnerst du dich daran, deine Mutter an einem schwierigen Jahrestag anzurufen? Weißt du, wo sich dein Reisepass gerade befindet? Kannst du aus dem Stehgreif sagen, wie viel Milch im Kühlschrank ist?
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War dir überhaupt bewusst, dass du die Last trägst, all diese Informationen zu speichern? Das ist der Mental Load – das heißt auf Deutsch etwa psychische Belastung und bezeichnet den Zustand, wenn du im Schatten einer nicht enden wollenden To-Do-Liste lebst. Nicht zu verwechseln mit Emotionsarbeit, welche die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild in ihrem 1983 erschienenen Buch Das gekaufte Herz definiert als „Gefühle hervorrufen oder unterdrücken, um das äußere Auftreten zu wahren, das bei anderen den richtigen Gemütszustand erzeugt“.

Weil Frauen ihre beruflichen Chancen auch ernst nehmen, haben sie am Ende einfach mehr zu tun als Männer.

Einem Bericht aus dem Jahr 2017 zufolge sind Mütter nicht nur für ihre Hälfte der Haushaltspflichten und die Kinderbetreuung zuständig, sondern auch für die Organisation, das Erinnern und die Planung praktisch aller Familienangelegenheiten. Schlimmer noch: Je mehr eine Frau verdient, desto mehr Verantwortung trägt sie zu Hause, was völlig unlogisch erscheint. Laut der Studie ist es – im Vergleich zu berufstätigen Vätern – dreimal wahrscheinlicher, dass Frauen die Termine ihrer Kinder organisieren und dafür zuständig sind, sie zu Aktivitäten und Terminen zu bringen; Mütter verwalten zu 34 Prozent häufiger die Familienfinanzen; 30 Prozent häufiger organisieren sie Familientreffen und Urlaube und sie kümmern sich 38 Prozent häufiger um die Instandhaltung des Hauses.
Weil Frauen ihre beruflichen Chancen auch ernst nehmen, haben sie dem Bericht zufolge am Ende einfach mehr zu tun als Männer. 69 Prozent der berufstätigen Mütter, die an der Umfrage teilgenommen haben, gaben an, dass allein der Gedanke an all ihre Verpflichtungen eine psychische Belastung darstelle, während 52 Prozent sagten, dass sie unter der ganzen Last ausbrennen würden.
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Ich wollte ein Loch in die Wand schlagen. Ich wollte in den Streik treten.

Und wie eine andere Studie herausfand, die Anfang des Jahres in der Zeitschrift Sex Roles veröffentlicht wurde, beeinträchtigt das alles das Wohlbefinden der Frauen und kann zu „Gefühlen der Leere“ führen.
Über all das habe ich nachgedacht, als ich Gemma Hartleys ausgezeichnetes Buch Es reicht. las, nachdem mein einjähriger Sohn ausnahmsweise früh und anstandslos ins Bett gegangen war. Und nachdem ich nach dem Essen – das ich gekocht hatte – abgespült hatte, die Wäsche – die ich am Morgen gewaschen hatte – gefaltet und in den Schrank gelegt hatte, nachdem ich die Spielsachen – mit denen mein Sohn mit seinem Vater gespielt hatte – weggeräumt hatte, fünf verschiedenen Leute geschrieben hatte, um eine:n Babysitter:in zu organisieren, damit ich in dieser Woche zwei Stunden lang jemanden für einen Artikel interviewen konnte, nachdem ich die Stromrechnung bezahlt hatte und mich bei der Mutter meines Freundes für die Filzstifte bedankt hatte, die sie an diesem Tag mitgebracht hatte, nachdem ich die Schuhe und Socken meines Freundes und meines Sohnes von der Mitte des Teppichs aufgesammelt und ins Regal gestellt bzw. in die Waschmaschine geworfen hatte.
Die Art und Weise, wie Hartley beschreibt, wie sie in die Rolle der allwissenden Logistik-Managerin für alle in ihrer Familie gedrängt wird und wie sie hinter ihrem Mann herräumt und ihn dabei beobachtet, wie er jeden Tag an einer Kiste vorbeiläuft, die er mitten im Raum stehen gelassen hatte, anstatt sie einfach wieder ins Regal zu stellen, hat mich zum Schreien gebracht. Ich wollte ein Loch in die Wand schlagen. Ich wollte in den Streik treten.
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Das ist die tränenreiche Wut des Mental Load. Das Hauptsymptom ist die Erschöpfung, die sich einstellt, wenn man die Haushaltsmanagerin ist, die gleichzeitig Probleme wahrnimmt, Lösungsansätze koordiniert und ansonsten den ganzen Haushalt führt, um andere zu entlasten.
Doch im Gegensatz zu dem, was in einem Großteil der verfügbaren Literatur steht, sind es nicht nur Mütter, die diese unsichtbare Last tragen. Wenn du die Liste der Fragen am Anfang dieses Artikels tausend Menschen – männlich, weiblich, nicht-binär – stellen würdest, würde ich meine linke Arschbacke darauf verwetten, dass diejenigen, die die meisten Fragen mit Ja beantworten, auch die meiste Emotionsarbeit in ihrem Zuhause leisten. Aber nicht alle sind Mütter.
Leo, ein 34-jähriger trans Mann, der in der Wissenschaft arbeitet, sagte mir am Telefon: „Ein großer Teil des Daseins als trans Person besteht darin, Konfrontationen zu vermeiden.“ Die schiere Anstrengung, Konfrontationen zu vermeiden, ihnen auszuweichen und sie abzuschütteln, bevor sie überhaupt entstehen können, ist Mental Load, den Menschen wie Leo jeden Tag auf sich nehmen müssen.
„Als ich mich als trans geoutet habe, musste ich meiner Familie beweisen, dass ich nicht nur wahnsinnig gut organisiert, sondern zusätzlich auch trans bin“, erklärt er. „Ich fühle diesen enormen Druck von meiner Familie, ein vollständiger Erwachsener sein zu müssen, obwohl niemand ein vollständiger Erwachsener ist. Ich muss ihnen zeigen, dass ich alles im Griff habe, denn das ist Teil meiner Performance, die ich abliefere, weil ich trans bin. Ich kann weder dreckiges Geschirr herumstehen lassen, noch meine Kreditkarte verlieren, weil sie das für eine schädliche Nebenwirkung der Hormontherapie halten würden. Ich übertreibe nicht: Sie denken, die Hormontherapie würde mich zerstören.“
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Deshalb sind alle Versicherungen von Leo auf dem neuesten Stand, er weiß, wo seine Bankkarte ist, seine Rechnungen sind bezahlt, er weiß, wie viel Geld auf seinem Konto ist, er gibt seine Steuern pünktlich ab, er hat ein sauberes Haus, saubere Wäsche und alle Oberflächen sind gewischt und aufgeräumt.
„Ich meine, ich staubsauge sogar hinter dem Bett“, lacht er am Telefon. „Wenn die Leute von ‚Mental Load‘ sprechen, denke ich an die Art von Denkarbeit, die du leisten musst, um dein Leben effektiv zu führen – was auch immer das für dein Leben bedeutet“, sagt Leo. „Unser Haushalt läuft unglaublich gut und das liegt vor allem daran, dass sowohl ich als auch meine Partnerin als Mädchen sozialisiert wurden. Wir haben diese Erfahrung gemacht, dass man uns beibrachte, uns um das Haus zu kümmern – und zwar auf die heimtückische Art und Weise, wie man Mädchen beibringt, sich um den Haushalt zu kümmern. Meine Mutter hat den Löwenanteil der Arbeit erledigt und tut es immer noch.“
Apropos Mütter: Seit ich selbst ein Kind habe, ist mir klar geworden, wie sehr das Stillen, die unangemessene Elternzeit, der Gender Pay Gap und sexistische Arbeitsbedingungen dazu beitragen, dass moderne Frauen, die ein Kind bekommen, oft jahrelang in völlig veraltete Geschlechterklischees gedrängt werden.
Wenn du dein Baby stillst, könnt ihr in den ersten drei bis sechs Monaten nicht länger als drei Stunden voneinander getrennt sein, was eine bezahlte Vollzeitbeschäftigung an einem traditionellen Arbeitsplatz extrem schwierig, wenn nicht sogar unmöglich macht. Da Frauen im Durchschnitt immer noch 14 Prozent weniger verdienen als Männer, ist es für Väter nur allzu leicht und verbreitet, wieder Vollzeit zu arbeiten, um das Einkommenspotential der Familie zu maximieren. Die Frauen bleiben zu Hause und erziehen die Kinder. Alles, obwohl wir wissen, dass dies langfristig negative Auswirkungen auf die elterliche Bindung, die Entwicklung des Kindes, die berufliche Entwicklung der Frau und die Wirtschaft hat.
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Martha Lane, eine 31-jährige Mutter von zwei Kindern, erzählt, dass sie den Großteil des Mental Load auf sich nehmen muss, seit sie Kinder hat. Trotz bezahlter Schichtarbeit und der Tatsache, dass ihr eigener Vater während ihrer Kindheit zu Hause blieb. Und obwohl sie mit ihrem Partner zusammen ist, seit sie 17 Jahre alt waren und vorher in einer gleichberechtigten Beziehung lebten.

Mental Load ist, wie alles im Leben, oft an der Schnittstelle verschiedener sozialer Kategorisierungen wie race, Klasse und Geschlecht am stärksten spürbar.

„Ich bin diejenige, die sich an Geburtstage erinnert und 30 Geschenke für eine Klasse von Vorschulkindern aussucht“, erzählt sie mir. „Mein Partner macht all die schweren Arbeiten – die von außen wie Jobs aussehen –, während ich wissen muss, wo die Schuhe von allen sind, ob wir letztes Mal im Supermarkt Pitabrot gekauft haben und ob eine Geburtstagsparty ansteht. Ich muss verhindern, dass unser Sohn seinen Penis in die Xbox steckt, die Spülmaschine einräumen, das Abendessen planen und mir merken, welche Schulstunden die Kinder morgen haben. Und was mich ärgert: Wenn ich etwas vergesse, dann geht es um mich. Ich vergesse, mir selbst genug Unterwäsche für den Urlaub einzupacken, während ich die Koffer der Kinder mit reichlich Ersatzkleidung, Spielzeug und Toilettenartikeln fülle. Ich bin für die Kleinigkeiten des Familienlebens verantwortlich. Wenn du all diese Aufgaben zusammenzählst, ist es schier endlos.“
Mental Load ist, wie alles im Leben, oft an der Schnittstelle verschiedener sozialer Kategorisierungen wie race, Klasse und Geschlecht am stärksten spürbar. Für die Illustratorin Anshika Khullar, eine trans Person indischer Abstammung, ist der Mental Load in vielerlei Hinsicht anders als für mich: eine heterosexuelle, weiße Frau aus der Mittelschicht, die ein Kind hat.
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„Für mich bedeutet Mental Load die kleinsten Dinge des täglichen Lebens, aber sie werden durch deine Identität und die Art und Weise, wie du dich in der Welt bewegst, noch zusätzlich beeinflusst“, erzählt mir Anshika am Telefon. „Jede Art von Ausgrenzung, mit der du konfrontiert wirst, erhöht den Mental Load. Ich habe im Moment nicht die finanzielle Freiheit, von zu Hause wegzuziehen. Das liegt zum Teil daran, dass ich keinen traditionellen Job habe, und der Grund, warum ich keinen traditionellen Job habe, ist der, dass ich mich in einem traditionellen Arbeitsumfeld nicht unterstützt fühle.“
Als „relativ hellhäutige, nordindische Person“, sagt Anshika, hätte er:sie einen Großteil seines:ihres Lebens damit verbracht, mit den Erwartungen anderer Menschen an ihn:sie umzugehen. „Während meiner gesamten Schulzeit war ich ‚das neue indische Kind‘; das war eine Identität, die mir zugewiesen wurde. Ich habe mich bewusst bemüht, ihr nicht zu entsprechen; ich habe buchstäblich Dinge gesagt wie ‚Ich mag kein indisches Essen‘ oder ‚Ich mag Bollywood nicht‘. Aber das tue ich. Natürlich mag ich es! Ich wollte nur nicht als ‚Neuankömmling‘ bekannt sein, wie in ‚frisch vom Boot‘. Ein großer Teil von Mental Load ist das Gefühl, auf dem schmalen Grat der ‚Akzeptanz‘ zu wandeln, damit sich andere Menschen nicht unwohl fühlen.“
Abseits von Haushalt und Beruf trägt Anshika auch in seinem:ihrem Sex- und Beziehungsleben eine Art Mental Load, die weiße, nicht-trans Menschen nicht tragen. „Auf Dating-Apps wird ständig von mir erwartet, dass ich den Leuten Ausgrenzung und Unterdrückung erkläre. Ich muss mich also sehr anstrengen, um ihnen Dinge verständlich zu machen und vorauszusehen, wie diese Menschen reagieren werden“, sagt Anshika. „Es bereichert dein Leben nicht, wenn du den Leuten immer und immer wieder deine Pronomen erklärst. Das ist eine Arbeit, die sie auch selbst machen könnten. Ich nehme an, die Menschen wegen der Pronomen zu korrigieren, ist für mich das Äquivalent dazu, dass du durch das Haus gehst und immer feuchte Handtücher aufsammelst.“
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Ich bin um 5 Uhr morgens aufgestanden, um diesen Artikel zu schreiben. Eigentlich war ich schon seit 4:45 Uhr wach, weil mein Sohn in seinem Zimmer zu weinen begann und ich ihn füttern wollte. Bevor mein Partner wach war, hatte ich die Küche geputzt, meinem Sohn Frühstück und Mittagessen gemacht, zwei Stunden bezahlt gearbeitet, 20 Minuten lang auf Immobilien-Websites nach einer Wohnung gesucht, die wir uns leisten können, ein Zugticket gebucht und darüber nachgedacht, welche Einkäufe ich für die Woche erledigen muss. Stillen kann er nicht; der Rest könnte besser verteilt werden. Oder wie es Martha Lane in Bezug auf ihre eigene Ungleichbehandlung im Haushalt ausdrückt: „Es kann nicht nur daran liegen, dass er ein Mann ist.“
Bis wir die Strukturen und Systeme des Patriarchats abbauen, die es ermöglichen, dass Frauen für gleichwertige Arbeit schlechter bezahlt werden, bis wir eine universelle, staatlich finanzierte, kostenlose Kinderbetreuung haben, die es allen Eltern ermöglicht, so zu arbeiten, wie sie es wollen und brauchen, bis Frauen nicht mehr für dasselbe Verhalten anders beurteilt werden als Männer, bis Hausarbeit als echte Arbeit anerkannt wird, die es verdient, finanziell entlohnt zu werden, bis wir die weiße, cis-geschlechtliche, ableistische, heterosexuelle Vorherrschaft zerschlagen, die sich durch alle Schichten unseres Lebens zieht, bis einige Menschen lernen, ihre verdammten Handtücher selbst aufzuhängen, damit sie auch wirklich trocknen, und der Rest von uns sich den Impuls abgewöhnt, das für sie zu tun, wird das Tragen des Mental Load einige Menschen ihrer Chancen, ihres Potenzials und ihrer Freiheit berauben, wohingegen andere davon profitieren und aufblühen.
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