Warum Frauen an Weihnachten zusätzliche Emotionsarbeit leisten

Die weit verbreitete Bezeichnung „Emotionsarbeit“ ist zurzeit in aller Munde.
Dieser Begriff nimmt in feministischen und akademischen Kreisen seit Jahren an Bedeutung zu. Er wurde 1983 von der US-amerikanischen Soziologieprofessorin Arlie Hochschild geprägt, um die Arbeit von Flugassistent:innen und Fahrscheinkontrolleur:innen zu beschreiben. In dieser Arbeit beschäftigt sie sich mit der Regulierung von Gefühlen bei der Arbeit (wie zum Beispiel dem krampfhaften Lächeln den Kund:innen zuliebe). In den darauffolgenden 37 Jahren hat sich „Emotionsarbeit“ zu einer Bezeichnung entwickelt, die sich mit dem ausdrücklich genderspezifischen Aspekt unbezahlter Arbeit befasst.
Dabei handelt es sich um „Fürsorge-Arbeit“, was von der Gesellschaft bis heute als „Frauenarbeit“ angesehen wird. Der Begriff umfasst vieles – von der Kindererziehung und das Sich-an-Geburtstage-Erinnern, über das Kochen des Abendessens bis zum Entschuldigen. Wir werden in dem Glauben erzogen, dass Frauen einfach gut darin seien, sich um andere zu kümmern. Die Wahrheit aber ist, dass das auf Genderstereotypen im Haushalt zurückzuführen ist, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Heute, trotz aller Veränderungen weltweit, leisten Frauen diese Arbeit (oder haben zumindest das Gefühl, dass sie diese Arbeit leisten sollten) weiterhin völlig umsonst. Fürsorge ist aber erlerntes Verhalten. Das bedeutet, dass Männer ebenfalls lernen können, gute Gefühlsarbeit zu leisten. Natürlich tun das bereits viele. Der Unterschied aber ist, dass es von Männern nicht wirklich erwartet wird. Außerdem werden ihnen keine Anreize dafür geboten.
Deshalb sind es auch weiterhin überwiegend Frauen, die die Hauptlast emotionaler Arbeit tragen – und um die Weihnachtszeit herum vergrößert sich diese Belastung sogar noch.
Emotionale Arbeit besteht nicht nur aus körperlichen Handlungen: Zuhören, Verstehen und Reagieren gehören ebenfalls dazu. Gespräche mit
Gästen neben dem Kochen und Aufräumen zu führen, zum Beispiel, können in diese Kategorie fallen. In Familien, in denen die Eltern geschieden sind oder die aus vielen Mitgliedern bestehen, fällt vor allem Frauen die Verantwortung in die Hände, alles so zu planen, dass sich niemanden auf die Füße getreten fühlt oder sich über etwas ärgert. Angesichts der Pandemie dieses Jahr kommen Einschränkungen und Sicherheitsbedenken hinzu, die es zu verhandeln gilt. Das macht keinen Spaß. Diese Aufgabe erfordert ein hohes Maß an Energie und emotionaler Intelligenz.
Geschenke zu kaufen, sie zu verpacken, Karten zu schreiben und Listen zu erstellen, macht vielen Menschen Spaß. Das bedeutet aber nicht, dass diese Aktivitäten nicht geistig und emotional anstrengend sind. Dass einige Frauen gerne „weihnachtliche“ Dinge tun, ändert nichts an der Tatsache, dass viele das Gefühl haben, dass es von ihnen erwartet wird. Dieser Glaube ist sogar so tief verwurzelt, dass wir Frauen Schuldgefühle bekommen, die akut werden können, wenn wir jemanden vergessen oder unsere Zeit falsch einteilen.
Die sozialen Erwartungen sind zu dieser Jahreszeit sehr hoch, und es kann sehr schwierig sein, Verhaltensweisen zu ändern. Es reicht nicht aus, zu sagen: „Ist schon gut, Mama, ich kümmere mich um die Bratkartoffeln.“ Mama fühlt sich nämlich trotzdem noch verantwortlich fürs Essen, weil sie es bisher einfach tatsächlich immer war. Wenn sich also deine Kartoffeln als Riesenerfolg entpuppen, ist das fantastisch. Wenn du sie aber verbrennst, wird sie sich so fühlen, als hätte sie versagt. Damit beginnt ihre emotionale Arbeit und das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen.
Es gibt viele Möglichkeiten, die Last der Gefühlsarbeit an Weihnachten auf alle Familienmitglieder zu verteilen. Denk darüber nach, was du von den anderen verlangst – wenn du deine Mutter darum bittest, Aufgaben zu delegieren, muss sie so immer noch Probleme lösen. Das ist wiederum eine Form von Arbeit. Ergreif also die Initiative. Räum hinter dir auf. Belade den Geschirrspüler. Kauf ein. Koch Tee. Zu guter Letzt: Um Himmels willen, denk daran, wo du den Tesafilm hingelegt hast.
Hier erzählen drei Frauen* vom Ausmaß und den Auswirkungen ihrer Erfahrungen mit emotionaler Arbeit an Weihnachten.
*Namen wurden geändert

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