Wir sind pandemiemüde. Was wir dagegen tun können – und müssen

Foto: Jessica Xie
Der Ausbruch der Pandemie liegt nun schon etwas zurück. Deshalb haben wir uns in der Zwischenzeit bereits mehr oder weniger an unsere neuen Lebensumstände gewöhnt. Außerdem haben wir das Ausmaß und die verheerenden Auswirkungen von COVID-19 begriffen. Warum aber scheint das Coronavirus nicht mehr in aller Munde zu sein? Immerhin sind die Fälle im vergangenen Monat stetig gestiegen. In vielen Ländern wurden sogar wieder Lockdowns verhängt. Nach mehr als einem halben Jahr macht sich Frustration bei vielen von uns breit: Die Pandemie-Müdigkeit hat eingesetzt.
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Bei einer Pressekonferenz im vergangenen Monat sprach Andrew Cuomo, Gouverneur von New York, dieses Phänomen an und legte es anhand eines inneren Monologs, der manchen von uns bestimmt vertraut vorkommt, dar: „Von COVID-Müdigkeit ist die Rede, wenn du dich zum Beispiel Folgendes sagen hörst: ‚Wir machen das schon so lange mit. Ich dachte, diese Ausnahmesituation würde nur kurz andauern. Jetzt scheint dieser Albtraum aber nicht mehr zu enden. Ich habe die Nase voll von allem. Ich habe es satt, eine Maske zu tragen und mein Leben auf unabsehbare Zeit auf Eis zu legen.‘“ Cuomo räumte ein, dass dieses Gefühl dazu verleiten könne, Sicherheitsvorschriften zu missachten.
Diese Müdigkeit kann mit einem Burn-out verglichen werden: „Wir sind ebenfalls intensivem Druck über einen langen Zeitraum hinweg ausgesetzt, ohne dass eine Ende in Sicht ist“, erklärt die Psychologin Kaye Hermanson. Hohe Anspannung und Angstzustände, die längere Zeit andauern, überfordern unsere Gehirn enorm, fügt sie hinzu.
Um aufzuzeigen, wie das Gehirn in der Regel mit Stress umgeht, nimmt einen Autounfall als Beispiel: Nach so einem einschneidenden Erlebnis hast du möglicherweise eine Zeit lang Angst davor, dich wieder hinter das Lenkrad zu setzen. Wenn du dich dann schließlich überwindest, bist du beim ersten Mal vielleicht extrem achtsam. Es kann auch sein, dass dir ist etwas mulmig dabei ist. Tage oder Wochen später aber vergeht dieses Angstgefühl, sagt Hermanson. Irgendwann fühlt sich das Autofahren wieder völlig normal an und du denkst gar nicht mehr an den Unfall.
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Etwas Ähnliches passiert im Fall von COVID-19. Zu Beginn des Ausbruchs waren wir alle sehr angespannt und vorsichtig. Wir desinfizierten alle unsere Einkäufe und zogen die Schuhe vor der Haustür aus, um ja keine Keime ins Haus zu bringen. Mit der Zeit aber ließ der Stress nach. Obwohl wir zwar weiterhin unsere Masken trugen und Handdesinfektionsmittel benutzten, fiel es uns leichter, zum Supermarkt oder Essen zu gehen. „Als wir uns wieder vermehrt nach draußen begaben, gab es für die meisten von uns dafür keine negativen Auswirkungen. Deshalb fingen wir an, die Ernsthaftigkeit der Situation infrage zu stellen“, erklärt Hermanson.
„Wir denken uns alle möglichen Erklärungen aus, um das tun zu können, was wir wollen, weil wir es leid sind, ständig zu Hause sein und unsere vier Wände nicht verlassen zu dürfen“, sagt Hermanson. Sie fügt aber Folgendes hinzu: „COVID wütet aber immer noch da draußen. Im Vergleich zum Frühjahr wissen wir jetzt vielleicht etwas genauer, wie wir Menschen helfen können, die sich angesteckt haben. Nichts hat sich aber wirklich geändert.“
Um deine COVID-Müdigkeit zu überwinden, ist es notwendig, dir einzugestehen, dass du tatsächlich die Nase voll von der Pandemie hast. Nimm deine Handlungen und Gedanken unter die Lupe und sei ehrlich zu dir selbst: Gibt es Hygiene- und Sicherheitsvorschriften, gegen die du verstößt? Lässt sich das wirklich nicht irgendwie vermeiden? Versuchst du logisch klingende Erklärungen für dein Verhalten zu finden? Wenn das der Fall ist, solltest du dich deswegen trotzdem nicht fertigmachen. Denk aber daran, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist – auch wenn du dir vielleicht nichts sehnlicher wünschst. Bemüh dich, wieder zu jenen Strategien zurückzufinden, die dir Anfang dieses Jahres dabei geholfen haben, dich über Wasser zu halten.
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Um deine Einstellung zu ändern und deine Stimmung zu heben, solltest du dich stets daran erinnern, dass diese Situation nur vorübergehend ist. Ein Hauptgrund für die COVID-Müdigkeit ist das Gefühl, dass sich die Dinge nie wieder einrenken werden. Das ist nur allzu gut nachvollziehbar. Immerhin ist es bereits Monate her, seitdem das Coronavirus als Pandemie eingestuft wurde. Die Sicherheitsmaßnahmen werden sich aber mit der Zeit – wie wir es bereits zwischenzeitlich erlebt haben – lockern. Hermanson schlägt vor, dir selbst Hoffnung zuzusprechen, indem du dir Folgendes vorsagst: „Das alles ist nur vorübergehend. Ich werde diese schwierige Zeit überstehen.“ Versuche im Hier und Jetzt zu leben und weniger an die Zukunft zu denken.

Die Psychologin rät auch dazu, sich täglich Zeit dafür zu nehmen, kleine Glücksmomente zu schaffen. Baue Aktivitäten in deine tägliche Routine ein, die einerseits mit den Sicherheitsvorschriften konform sind, aber auf die du dich andererseits tatsächlich freust. So ist die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass du dich dazu verleitet fühlst, die allgemeingültigen Corona-Regeln zu ignorieren und zum Beispiel eine Hausparty zu schmeißen. Bestell bei deinem Lieblingsrestaurant, mach einen Spaziergang im Park oder triff dich mit einem Freund oder einer Freundin, den oder die du schon eine Weile nicht gesehen hast.
Wenn deine COVID-Müdigkeit deinen Alltag aber zu sehr beeinträchtigt, solltest du vielleicht mit dem Gedanken spielen, professionelle Hilfe aufzusuchen. So erhältst du zusätzliche Unterstützung, rät Hermanson.
Letzen Endes haben wir keine andere Wahl: Wir müssen hinnehmen, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. Aber Kopf hoch, denn es gibt Licht am Ende des Tunnels und es wird immer heller: Fortschritte bei der Entwicklung eines Impfstoffs und gemeinsame Anstrengungen, die Pandemie zu besiegen, die wir weltweit sehen, geben Anlass zur Hoffnung.

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