Ist das die Dating-App, auf die queere Menschen gewartet haben?

Reisefan Heather Knight (aka @renegadepilgrim) war anfangs sehr verwundert, als sie im August 2018 ihren Instagram-Account öffnete und eine Welle an neuen Followern und DMs vorfand. Knight kam jedoch relativ schnell zu dem Schluss, dass das an ihrem veröffentlichten Post auf dem Queer-Insta-Account @_personals_ gelegen haben muss. 
Inspiriert war der Account von den Kontaktanzeigen, die sich auf der Rückseite von On Our Backs befanden – einem queeren Frauenmagazin, das von 1984 bis 2006 herausgebracht wurde. Die Frau hinter @_personals_ heißt Kell Rakowski, ihr gehört auch der beliebte queere Geschichtsaccount @h_e_r_s_t_o_r_y. Die Idee für @_personals_ kam ihr, als sie alte Kontaktanzeigen dort postete. Ihre Follower liebten diese kleinen Anzeigen so sehr, also bat sie ihre User einfach, ihre eigenen Anzeigen einzureichen. Rakowski wurde regelrecht überflutet mit Kontaktanzeigen, weshalb sie ein extra Konto, nur für diese kreierte. @_personals_ ging 2017 als textbasierter Instagram-Dating-Service online, der ausschließlich für Mitglieder der LGBTQ+-Community bestimmt ist; Cis-Männer waren außerdem nicht erlaubt.
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Aber zurück zu Heather Knight: Sie hatte über Kolleg*innen von @_personals_ gehört und reichte kurzerhand auch selbst eine Anzeige ein in der Hoffnung, gleichgesinnte Reise-Junkies mit einem „gültigen Pass“ und „viel Abenteuerlust“ zu finden. „Antwortet mir mit euren besten Reise-Storys“, sagte die 45-jährige selbsternannte „lesbische Abenteurerin“ in ihrer Anzeige. Und irgendwie hat Heather schon geahnt, dass eine der DMs sie zu einem ihrer größten Abenteuer führen würde. Die 41-jährige Angie Reiter (alias @onepinkfuzzy) schrieb ihr nämlich und wie es das Schicksal so will, haben sich die beiden Frauen auf Anhieb super verstanden. Nachdem sie dann wochenlang übers Internet Kontakt hatten, beschlossen sie im Oktober 2018 einen Schritt weiter zu gehen und sich persönlich zu treffen. Weniger als zwölf Monate später und trotz einer Distanz von 1.600 Kilometern, klingelten bei dem Paar am 29. September 2019 dann die Hochzeitsglocken.
Heather und Angie sind nur eines von Dutzenden Paaren, die ihre herzallerliebste Story via #metonpersonals mit der ganzen Welt geteilt haben. @_personals_ wurde sehr schnell sehr beliebt, denn die Plattform brachte queere Menschen aus der ganzen Welt zusammen – und das sprach sich wie ein Lauffeuer herum. Mehr als 500 Anzeigen gingen während jedes monatlichen 48-Stunden-Einreichungsfensters ein. Und weil die Seite an sich so super lief, entschied sich Rakowski dazu, aus dem Account kurzerhand eine App zu machen.
Nach einem Jahr Fundraising und vielen Spenden von @_personals_-Usern, ging Lex (Kurzform von Lexicon) am 7. November 2019 live, was sie zur ersten Dating-App machte, in der der Text noch vor den Selfies kommt. Wenn sie wollen, können die User ihr Insta zwar mit dem Profil verknüpfen, so dass die anderen sehen können, wie sie aussehen, aber keiner der Insta-Posts erscheint in der App selbst. Stattdessen sind die Anzeigen auf Lex, genau wie das ursprüngliche Instagram-Konto, textbasiert, mit einem Limit von 34 Zeichen für die Überschrift und 300 für den Text der Anzeige. Gibt es keine visuelle Anreize, müssen die Leute nämlich über Text so charismatisch und ehrlich es geht erscheinen.
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Kurz nochmal für diejenigen, die noch etwas zu jung sind, um sich daran zu erinnern: Kontaktanzeigen waren die Vorläufer des Internet-Datings. Meistens waren sie auf der Rückseite von Zeitungen und Zeitschriften platziert und die Person hatte nur ein paar wenige Worte, um sich den Leser*innen zu beschreiben (immerhin kostete jedes Zeichen Geld!). Manchmal waren Kontaktanzeigen auch in Form von „verpassten Kontakten“ geschrieben. Wenn jemandem der oder die vermeintlich perfekte Partner*in rein zufällig über den Weg lief, man es aber nicht geschafft hat, mit ihm oder ihr zu sprechen, schrieb man hin und wieder auch solche Anzeigen: „Du, rosa Haare im Bus 33. Ich, blaue Zöpfe, versteckt hinter meinem Buch.“
„Anzeigen waren schon immer erfolgreich“, erklärt Rakowski am Telefon. „Nicht nur für die Leute, die sie schreiben, sondern auch für die Leute, die sie lesen, weil sie einfach so unterhaltsam sind. Das Modell war jahrzehntelang voll im Trend, noch vor der App. Die Leute waren immer besessen davon, sie zu lesen. Also dachten wir uns: Gehen wir zurück zum Altbewährten – nur diesmal über das Internet und nicht in einer Zeitung.“
Es stimmt, Kontaktanzeigen waren historisch gesehen schon immer ein Erfolg, nur leider eher exklusiv für heterosexuelle Menschen. Dieses Format ist aber einzig und allein für die LGBTQ+-Community gedacht. Vor allem transgender und nicht-binäre Menschen scheinen von der App sehr angetan zu sein. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie sich individuell ausdrücken können; man muss wirklich ehrlich sein und den Menschen erklären, was man suchen und was die eigene Identität ist“, erklärt Rakowski.
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Einer der Gründe, warum sie glaubt, dass @_personals_ so ein großer Hit wurde, war natürlich der Mangel an verfügbaren Alternativen für die queere Gemeinschaft. Oft hatten sie ziemlich schlechte Erfahrungen mit den gegenwärtigen Dating-Apps wie Tinder, Hinge oder Bumble. Für sie besteht darin noch immer zu oft die Gefahr, dass sie fetischisiert, für Dreier angeschrieben oder von Cis-Männern belästigt werden. „Diese Art von Apps werden in der Regel von Männern und für heterosexuelle Menschen gedacht und gemacht. Unsere Community ist immer nur ein zusätzlicher Aspekt“, sagt Rakowski.
Auf meine eigene Anzeige, in der ich User gefragt habe, wie dieses Format zu anderen Apps im Vergleich für sie erscheint, wurde mit ähnlichen Aussagen geantwortet. Diese Stimmung spiegelt sich auf der gesamten Plattform wider. „Dass alle Informationen vollständig von den Nutzer*innen selbst erstellt werden, macht das Ganze so einfach; du musst keine Kästchen abhaken, um anderen zu erklären, wer du bist“, erklärt Oliver, ein*e 26-jährige*r nicht-binäre*r New Yorker*in. „Du kannst dich so beschreiben, wie du willst und das macht einen großen Unterschied für diejenigen von uns, die nicht wirklich in irgendwelche Schubladen passen. Ich muss mir keine Sorgen machen, dass cis Menschen mir aufdringliche Fragen zu meinem Geschlecht oder meiner Sexualität stellen.“ 
„Ich fühle mich von den Leuten dort angezogen, weil sie so interessant sind“, sagt die 36-jährige Jill. Sie hatte schon viele Mainstream-Apps ausprobiert, fand aber erst über Lex ihre*n Partner*in Devon. „Ich finde es toll, wie sich die Leute in der Community beschreiben, wenn sie nur ein paar wenige Zeichen verwenden dürfen: Liebevoller Technikfreak mit großer Wanderlust, Daddy sucht masochistische Muse, Zweigleisiger Dschungeljude, Kunstliebhaber, der gerne rummacht. Viele dieser Titel sind wirklich clever und einige sogar richtig lustig. Manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich in der Schlange an der Kasse beim scrollen meines Feeds lächeln musste. Das ist bei Dating-Apps nie passiert.“
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„Das Format schafft eine Art Safe Space für unsere Community“, sagt ein*e 21-jährige*r Nutzer*in, der*die lieber anonym bleiben möchte. „Du musst keine Anzeige aufgeben, kannst aber einfach die der anderen Leute lesen und darauf reagieren. So bekommst du garantiert keine ungewollte Aufmerksamkeit und outen musst du dich auch nicht, wenn du nicht willst. Es ist einfach ein freundlicher Raum.“
Für das Team hinter Lex ist die faire Behandlung von Minderheiten in der App besonders wichtig. Nachdem das @_personals_ Instagram-Konto für die überwältigende Anzahl von Kontaktanzeigen von Weißen kritisiert wurde, versuchte das Team, das Konto zu einem inklusiveren Ort zu machen. Abgabetermine für queere BIPOCs wurden aufgehoben und wenn eine*r von ihnen die Spende für die Anzeige nicht zahlen konnte, wurde einfach darauf verzichtet. Rakowski möchte, dass die App ein sicherer Hafen für alle User bleibt: „Man kann Profile, die sich nicht an die Richtlinien halten, einfach melden und wir kümmern uns dann darum, ihre Konten zu löschen.“
Wie wichtig Lex für die queere Community ist, zeigt sich durch die hohe Anzahl der Menschen, die über die App einfach nur auf der Suche nach platonischen Beziehungen sind. „Ich liebe es, von all den Leuten zu hören, die um die Welt reisen, um zu einem ersten Date zu gehen“, sagt Rakowski, „aber meine Lieblingsgeschichte kommt aus London: Dort haben sich eine Gruppe von Usern über die App zusammengetan, um gemeinsam The Great British Bake Off zu schauen. Am Ende hatten sie so viel Spaß, dass sie ihren eigenen Instagram-Account namens Queerpack London gegründet haben. Sie machen alle möglichen Dinge zusammen und Leute aus der Gruppe haben angefangen, sich zu verabreden, aber gefunden haben sie sich durch uns, was mich so glücklich macht.“
Viele queere Menschen, insbesondere in ländlichen Regionen, berichten noch immer oft von Diskriminierung, Einsamkeit und Isolation. Lex ist gerade für sie eine wirklich gute Plattform – und nicht nur in Sachen Dating! Denn auch Freund*innenschaften, ein Zugehörigkeitsempfinden und Liebe in allen verschiedenen Formen lassen sich dort finden.
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