„Ich wünschte, du hättest mir das nicht erzählt“: So reagierten Freund*innen auf meine Krebs-Diagnose

2013 bekam ich meine Diagnose: Brustkrebs. Anfangs wusste niemand so genau, wie schlimm es um mich stand. Lange Zeit konnte man mir nicht sagen, ob die Krankheit früh erwischt worden war oder sich schon in meinem Körper breitgemacht hatte. Trotzdem wollte ich die Diagnose nicht für mich behalten. Ich fühlte mich dazu verpflichtet, zumindest denen Bescheid zu geben, die mir am nächsten stehen.
Als ich meiner Familie und Freund*innen davon erzählte, war ich ganz ruhig, sehr sachlich. Ich machte mir zu dem Zeitpunkt noch nicht so viele Sorgen, was ich mir damit erklärte, dass ich ja noch gar nicht alle Fakten kannte. Im Nachhinein ist man aber bekanntlich immer schlauer und heute weiß ich: Ich fühlte mich eher betäubt als besorgt. Ich hatte keine Ahnung, wie meine Zukunft aussehen würde. Keine Ahnung, welche Behandlung auf mich zukommen würde, oder eben nicht. Keine Ahnung, ob ich meine Kinder aufwachsen sehen würde.
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Aus dem Strudel an Arztterminen und unangenehmen Gesprächen sticht heute vor allem die Erinnerung daran hervor, wie merkwürdig manche Leute auf meine Neuigkeit reagierten. Besonders die Worte einer sehr engen Freundin verfolgen mich bis heute: „Ich wünschte, du hättest mir nie von deinem Krebs erzählt. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, wie ich mit dir umgehen soll.“ Und dann unterhielten wir uns darüber, wie sie mit meiner Diagnose klarkam.
Versteh mich nicht falsch: Ich wollte kein Mitleid von ihr. Trotzdem fühlte es sich irgendwie unfair an, dass ich andere wegen meiner Krankheit trösten musste. Zwar hielt mich das nicht davon ab, ihnen davon zu erzählen, doch je mehr sich meine Nachricht rumsprach, desto offensichtlicher wurde es: Manche Menschen können einfach nicht damit umgehen, wenn jemand aus ihrem engen Umfeld an Krebs erkrankt.
Eine andere Freundin entschied sich dazu, mir einfach komplett aus dem Weg zu gehen. Meinem Mann gegenüber gab sie zu, sie habe nicht angerufen, weil sie einfach nicht wusste, was sie hätte sagen sollen. Dabei fragte sie ihn nicht, wie es mir ging. Sie wünschte mir nicht alles Gute. Und natürlich wollte sie weiterhin nicht mit mir sprechen.
Aber selbst wenn jemand mit mir sprach, wollte ich gar nicht immer hören, was sie sagten. Ganz vorne mit dabei: „Ich bete für dich.“ Einigen helfen diese Worte bestimmt, aber mich nervten sie, ehrlich gesagt. Ich brauchte keine Gebete – ich brauchte eine Behandlung.
Und da wir gerade dabei sind: Zu meiner Behandlung hatte gefühlt die halbe Welt eine ganz eigene Meinung. Die Leute fragten mich, welche Therapie ich denn bekam, und legten mir direkt Alternativen ans Herz. Andere weihten mich in ihre Theorien für die Ursache meiner Krankheit ein. Ich solle doch am besten auf dieses und jenes Essen verzichten, lockere BHs tragen oder nicht so viel arbeiten. War das hilfreich? Natürlich nicht! Sie vermittelten mir dadurch nur das Gefühl, ich sei selber schuld am Krebs, weil ich scheinbar nicht wusste, was gut für mich und meinen Körper ist.
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Es war auch nicht besser, wenn man mich „mutig“ oder „stark“ nannte. Was erwarteten sie denn von mir? Dass ich alle fünf Minuten in Tränen ausbreche? Mutig ist nur, wer sich absichtlich einer angsteinflößenden Sache stellt. Ich hatte ja aber gar keine andere Wahl. Und ich überließ die Arbeit meinen Ärzt*innen. Stark war daran gar nichts – ich wollte das Ganze bloß irgendwie überstehen.
Bei all den negativen Erfahrungen, die ich gemacht habe, gab es aber doch auch noch ein paar Menschen, die genau die richtigen Worte fanden. Zum Beispiel, als mir eine Fremde im Spa vom Krebs ihrer Großmutter erzählte. Sie hatte ihre Diagnose schon vor 20 Jahren bekommen und war trotzdem immer noch fit. Zu dem Zeitpunkt hatte ich selbst noch keine Testergebnisse bekommen; die Geschichte dieser Fremden waren Balsam für meine Seele. Andere Leute hatten das durchgestanden; ich würde das ja wohl auch schaffen! Auch was eine Freundin zu mir sagte, blieb mir in Erinnerung: „Es tut mir leid, dass du das durchmachen musst.“ Da war kein Mitleid, keine Verurteilung. Meine Krankheit tat ihr leid – nicht ich.
Was mich allerdings am meisten berührte, waren die Worte meiner 11-jährigen Tochter. „Mama, wenn du stirbst, kann ich schon auf mich alleine aufpassen. Ich krieg das hin.“ Was für dich jetzt vielleicht lieblos klingt, ging mir damals mitten ins Herz, denn meine Tochter sprach eine meiner größten Sorgen an: Was würde nach meinem Tod mit meiner Familie passieren? Ihre Worte beruhigten mich irgendwie.
Letzten Endes wollte ich einfach bloß nicht wie eine Aussätzige oder ein rohes Ei behandelt werden – sondern wie ich selbst. Es tat mir so gut, wenn meine Freund*innen mit mir umgingen wie vor der Diagnose. Wenn sie mich fragten, wie es mir ging, ohne aufdringlich zu wirken. Wenn sie mir zuhörten, ohne mich zu verurteilen. Wenn sie mir halfen, wenn ich sie darum bat. Und manchmal auch, wenn ich es nicht getan hatte.
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Denn ist doch letztlich alles, was wir uns von unseren Lieben wünschen, oder?
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Dr. Shara Cohen ist die Gründerin von Cancer Care Parcel, einer britischen Organisation, die weltweit Geschenke und Infomaterial an Krebserkrankte verschickt – eine schöne Möglichkeit, zu helfen, auch wenn dir vielleicht die richtigen Worte fehlen.

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