Meine Freund:innen laden ihre Sorgen auf mir ab – wie ziehe ich Grenzen?

Foto: Caroline Tompkins.
Ein Kumpel sagt mir immer wieder, dass ich ein nettes Gesicht habe, dank dessen sich Leute – selbst völlig Fremde – mir total gerne anvertrauen. Das ist vermutlich eine praktische Eigenschaft für eine Journalistin, und klar fühlt es sich auch echt gut an, dass mir andere genug vertrauen, um mich in ihre Geheimnisse einzuweihen. Gleichzeitig bin ich aber auch ein Mensch, der die Probleme anderer Leute gerne als meine eigenen betrachtet – auf Kosten meiner geistigen Gesundheit. Und damit bin ich nicht allein.
„Wenn sich ein:e Freund:in mit den eigenen Problemen an dich wendet, hast du vielleicht das Gefühl, ihm oder ihr die Last abnehmen zu wollen, indem du hilfreiche Ratschläge verteilst“, erklärt mir die Psychologin und Paartherapeutin Dr. Kristin Zeising. „Das kann schnell anstrengend werden – vor allem für Leute mit einer besonders fürsorglichen Persönlichkeit, die sich gern um andere kümmern. Sie haben womöglich das Gefühl, es sei ihre Aufgabe, das Leid anderer Leute zu teilen, und Schwierigkeiten damit, auch mal Nein zu sagen.“ So sehr du deine Freund:innen vielleicht auch liebst und so gern du ihre Probleme mit ihnen durchsprichst: Es ist völlig okay, dich manchmal überfordert zu fühlen, wenn du immer die Person bist, auf der alle ihren emotionalen Ballast abladen.
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Der Beziehungstherapeutin Vera Eck zufolge sollte es in jeder Beziehung und Freundschaft gesunde Grenzen geben. Es ist daher wichtig, dir bewusst zu machen, wenn du an eine solche Grenze stößt. „Wo diese Grenzen liegen – wie lange wir etwas ertragen –, ist für uns alle ganz unterschiedlich“, betont auch Dr. Zeising. Wenn du irgendwann merkst, dass du „weghörst“, wenn sich dir andere Leute mit ihren Sorgen anvertrauen, oder frustriert bist, wenn du selbst kaum zu Wort kommst, bist du womöglich an deine eigene Grenze gestoßen. 
„Wenn dein Leben gerade besonders stressig ist, kann es sein, dass du weniger Interesse und Energie für die Probleme anderer Leute aufbringst“, ergänzt Dr. Zeising. „Dann solltest du dir überlegen, für wen und wofür du dich gerade eigentlich verfügbar machst. Wenn du merkst, dass dir das alles zu viel wird, musst du dich dafür nicht schuldig fühlen oder dir Vorwürfe machen.“

Sprich über etwas, das dir gerade wehtut oder Kopfzerbrechen bereitet, und schau, ob du daraufhin Unterstützung und Aufmerksamkeit bekommst.

Aber wie kommunizierst du diese Einsicht? Gegenüber lockeren Bekannten reicht vielleicht schon eine schlichte Ausrede (deinem Nachbarn kannst du beispielsweise sagen, dass du es gerade eilig hast, bevor er dich im Hausflur in ein Gespräch verwickelt); solche Grenzen bei Menschen zu ziehen, die dir sehr nah stehen, kann allerdings schnell unsensibel rüberkommen. Eck warnt davor, dass du deinem Gegenüber womöglich das Gefühl gibst, kritisiert zu werden, wenn du ihm oder ihr ganz offen sagst, dass dich euer Gespräch gerade ein bisschen überfordert.
„Stattdessen solltest du dich in eine Position bringen, in der du auch mal den Support bekommst, anstatt immer nur zu geben. Teile etwas mit der anderen Person“, empfiehlt sie. „Dafür musst du dich selbst verletzlich machen. Sprich über etwas, das dir gerade wehtut oder Kopfzerbrechen bereitet, und schau, ob du daraufhin Unterstützung und Aufmerksamkeit bekommst. Stellt dir dein Gegenüber Fragen? Drückt er oder sie Mitgefühl oder Besorgnis für dich aus? Wirst du verstanden?“
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Wenn dein:e Gesprächspartner:in nicht den Eindruck erweckt, dir zuzuhören, oder dich sogar unterbricht, kann es sein, dass du ihn oder sie wiederum unterbrechen musst, um klarzustellen, dass du noch nicht fertig warst. „Das solltest du direkt ansprechen. Ansonsten wird sich die Person nicht bewusst, wie narzisstisch sie sich gerade verhält“, erklärt Eck.
Dr. Zeising betont, dass du diese Schritte dringend rechtzeitig einleiten solltest, damit es gar nicht erst dazu kommt, dass du das Gefühl hast, mit niemandem über deine Sorgen sprechen zu können – und vielleicht sogar sämtlichen Kontakt abbrichst.
„[Ein offenes Gespräch] bietet deinem Gegenüber die Möglichkeit, besser zu verstehen, was mit dir los ist, und dir gegebenenfalls sogar zu helfen“, sagt sie. „Wenn du stattdessen aber einfach den Kontakt abbrichst, fühlt er oder sie sich womöglich verletzt, nicht respektiert oder macht sich Sorgen um dich. Das kann für mehr Probleme sorgen, als wenn du ganz ehrlich kommunizierst, dass du gerade eine Menge durchmachst und eurer Beziehung vielleicht nicht so viel Zeit und Aufmerksamkeit schenken kannst wie sonst.“
Wenn du eine bestimmte Person in deinem Umfeld hast, die ihre Probleme immer auf dir abzuladen scheint, ohne den Gefallen mal zu erwidern, empfiehlt Dr. Zeising, dieser Person sanft zu erklären, dass du nicht die Energie hast, um sie andauernd zu unterstützen. Ein solches Gespräch kannst du zum Beispiel so einleiten: „Ich habe bemerkt, dass du in letzter Zeit ganz schön gestresst bist, und ich wäre gerne für dich da – aber ich kann dir selbst nur begrenzt weiterhelfen.“
Wenn du für dieses Gespräch noch nicht ganz bereit bist, hast du trotzdem noch andere Optionen, um dich nicht überladen zu fühlen. „Es ist wichtig, Selfcare zu priorisieren und darauf zu achten, dass du deine eigenen Akkus wieder auftankst“, erklärt Eck. Solche Methoden können beispielsweise feste Zeiten sein, zu denen du dein Handy ausmachst, oder regelmäßige Gespräche mit ausgewählten Personen über deine eigenen Probleme (ohne wiederum diese Leute zu überwältigen, versteht sich). Denn irgendwann musst du dich auch einfach mal um dich selbst kümmern.

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