Catfishing: Warum ich online vorgab, schlank zu sein – & keine Plus-Size-Frau

Illustrated by Seung Chun
Ich war 14 Jahre alt, als ich mich das erste Mal online für jemand anderen ausgab. Ich hatte mir nicht viel dabei gedacht und es war auch nicht meine Absicht, jemanden zu verletzen. Ich wollte mich einfach nur weniger allein fühlen.
Während meine (wenigen) Freund*innen und Klassenkamerad*innen anfingen, auf Dates zu gehen, Sex zu haben und auf Partys zu gehen, wurde ich noch nicht mal eingeladen. Ich hatte noch nicht mal jemanden mit Zunge geküsst. Die Schuld dafür gab ich meinem dicken Körper. Meiner Queerness. Den Fußballjungs, die mich wegen meinem „fetten Arsch“, meiner „schwabbeligen Oberschenkel“ und meinem „ekligen Doppelkinn“ ärgerten. Denen, die mich Kampflesbe nannten, nachdem sie mein Tagebuch gestohlen und mich vor der halben Schule geoutet hatten.
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Alle hörten auf die beliebten Kids und folgten ihnen blind, ohne sich auch nur eine Sekunde Gedanken darüber zu machen, wen sie durch ihr Handeln vielleicht verletzen könnten. Doch das werfe ich ihnen noch nicht mal vor. Ich fühlte mich monströs.
Damals war ich in meine beste Freundin verknallt. Sie war bestenfalls bi-curious, und zwar auch nur dann, wenn Jungs in der Nähe waren. Nachdem sie erfahren hatte, dass die Boys nichts gegen ein bisschen Girl-Action hatten (so lange die betreffenden Mädchen keine echten Lesben waren), gab sie mir manchmal ein Küsschen auf den Mund, wenn jemand neben ihr stand, auf den sie abfuhr. Auf mich stand natürlich nie jemand. Aber irgendwann fragte ich mich, ob sie mich vielleicht in einem anderen Licht sehen würde, wenn das Risiko bestehen würde, sie könnte mich an eine andere Person verlieren. Ich fragte mich, ob diese Küsschen wirklich nur dazu dienten, verführerischer auf ihren Schwarm zu wirken oder ob sie mehr bedeuten könnten. Für mich taten sie das auf jeden Fall.
Ich erinnere mich noch daran, einen MSN-Account für einen Jungen namens Dylan (oder war es Bobby?) eingerichtet zu haben. Ich hatte online Fotos von einem süß aussehenden Emo gefunden (ach ja, die Nullerjahre…), die ich als Profilbild benutzte. Ich loggte mich also in einem Fenster als Dylan ein und in einem zweiten mit meinem echten Account. Und dann verbrachte ich Stunden damit, kitschige Dialoge zu schreiben. Dylan erzählte mir all die Dinge, die ich liebend gern von meiner Freundin gehört hätte – dass ich schön, heiß, clever und lustig bin; und perfekt, so wie ich bin.
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Als ich meiner Freundin diese Unterhaltungen zeigte und so tat als wäre Dylan jemand, den ich auf Myspace kennengelernt hatte, interessierte sie das nicht wirklich. Sie war höchstens froh darüber, dass ein Fremder mit mir Herz-Emojis austausche. Von Eifersucht keine Spur.
Also beendete ich die Sache mit Dylan bald und erstellte stattdessen eine E-Mail-Adresse und einen MSN-Account für Diego, um “direkt“ mit meiner besten Freundin kommunizieren zu können. Für sein Profil benutzte ich Fotos eines Jungen, den ich aus einem Urlaub im Heimatland meiner Mutter kannte. Ich wusste, sie könnte mich niemals lieben, schließlich war ich fett, mixed, queer und hatte Cellulite und Reibeisenhaut. Sie war dünn, umwerfend schön und begehrt. Ich konnte ihr – oder sonst irgendjemanden – nichts bieten. Es sei denn, ich war nicht ich.
Sie und Diego schrieben etwa ein halbes Jahr lang fast jeden Tag nach der Schule. Sie sprachen über Musik, Filme und das Sehnsucht, die Welt außerhalb ihrer jeweiligen Kleinstädte zu sehen. Ich denke, vielleicht liebten sie sich. Zumindest liebte er/ich sie.
Es ist mir wichtig, zu betonen, dass die Beziehung zwischen Diego und meiner Freundin nie über das Schreiben hinausging. Skypen war ohnehin keine Option und ich hatte auch gar nicht das Verlangen, die süßen, unschuldigen Unterhaltungen, die wir führten, in eine andere Richtung zu lenken. Ich habe nie nach Nacktfotos gefragt oder Sexting vorgeschlagen. Ich wollte einfach nur mit ihr reden – ihr all die Dinge erzählen, die ich, das fette Mädchen, ihr nicht erzählen konnte. Meine Klassenkamerad*innen, meine Familie und die Medien hatten mich davon überzeugt, ich sei grotesk und nicht liebenswert. Ich wollte einfach nur für einen kurzen Moment etwas anderes fühlen. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, wenn die Person, für die ich schwärmte, Interesse an mir hat.
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Irgendwann traf meine Freundin dann allerdings jemanden IRL und ich/Diego war Geschichte. Trotzdem gab ich noch ein paar Jahre vor, bei MSN und in Chatrooms jemand anderes zu sein. Mein Profilbild war meist das eines weißen, dünnen Mädchens, das ich bei Google gefunden habe. Ich chattete mit ein paar Leuten meiner Schule, aber hauptsächlich mit Fremden – ich wollte sie weder verführen, noch ihnen schaden, sondern einfach nur die Akzeptanz genießen, die dünne Menschen anscheinend von Natur aus genießen.
Das was ich getan habe, nennt man übrigens Catfishing. Man gibt sich online als jemand anderes aus – eine reale Person oder auch eine fiktive. Das Wort Catfish (Welsartige) bezieht sich angeblich darauf, dass beim Kabeljaufang echte Welse eingesetzt werden, damit der Kabeljau denkt, er wäre noch im Meer und frei.
Erst als 2018 “Sierra Burgess is a Loser“ auf Netflix rauskam, realisierte ich, dass ich wahrscheinlich nicht das einzige dicke Mädchen auf der Welt war, das dazu getrieben wurde, Catfishing zu betreiben. Es war ein verzweifelter Versuch, sich endlich gewollt zu fühlen. Im Film gibt der Plus-Size-Teenie Sierra vor, ein dünnes, weißes, blondes, beliebtes Mädchen zu sein, um mit ihrem Crush, Jamey, flirten zu können. Ihre Geschichte ist natürlich etwas anders als meine. Schließlich stimmte Veronica (das beliebte Mädchen) zu, dass Sierra ihre Identität benutzen kann (im Austausch für Nachhilfeunterricht). Veronica geht sogar auf ein Date mit Jamey und sagt ihm, er solle seine Augen schließen, so dass Sierra ihn heimlich küssen. Dadurch überschreiten die beiden eine Grenze, denn das Catfishing findet nicht mehr nur online statt. Außerdem handeln sie ohne die Einwilligung von Jamey (Thema Consent), was natürlich gar nicht geht. Verständlicherweise gab es viele Gegenreaktionen, denn manche Zuschauer*innen glaubten, der Film würde Catfishing glorifizieren – genauso wie die Verwendung homophober, transphober und ableistischer (be_hindertenfeindlicher) Sprache. Obwohl ich die Kritik absolut nachvollziehen kann, denke ich nicht, dass das Ziel des Films war, Catfishing zu glorifizieren oder zu entschuldigen. Ich glaube vielmehr, es sollte gezeigt werden, was eine junges, dickes, eigentlich superliebes Kind dazu treiben kann, so etwas Schreckliches zu machen.
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Die Menschen neigen dazu, übergewichtige Personen zu verurteilen – ohne groß darüber nachzudenken. Statt zu analysieren, warum Sierra vorgegeben hat, jemand anderes zu sein, richten sie den Fokus darauf, was sie getan hat. Das geht in eine ähnliche Richtung wie, dass Menschen übergewichtige Personen dafür kritisieren, keine Ganzkörperfotos in ihren Datingprofilen oder in den sozialen Medien zu veröffentlichen. Sie nennen sie Lügner*innen oder Betrüger*innen, aber keiner fragt, warum sie so viel Angst haben, ihren Körper im Internet zu zeigen.
Wir leben in einer Welt, in der die größte Angst von Frauen beim Onlinedating ist, auf einem Blind Date mit einem Serienmörder zu landen. Die größte Angst der Männer ist es, auf einem Blind Date mit einer dicken Frau zu landen. Selbst eingefleischte Feminist*innen machen manchmal Witze über dicke Frauen oder jammern vor ihren kräftigeren Freund*innen rum, weil sie ein halbes Kilo zugenommen haben. Es gibt sehr wenige Safe Spaces für Menschen, die fett sind. Es gibt sehr wenige Stimmen, die uns sagen, dass wir es verdienen, zu existieren, zu lieben und geliebt zu werden.
Catfishing ist eine direkte Reaktion auf eine Gesellschaft, die der Meinung ist, wir wären abstoßende Wesen, die sich besser verstecken oder wenigstens ausreichend bedecken sollten. Eine Gesellschaft, die uns glauben lässt, Liebe, Freundschaften und beruflicher Erfolg sind Dinge, die man nur bekommt, wenn man abnimmt. Der Grund für mein Handeln ist, dass mit gesagt wurde, mein Körper und meine Sexualität wären von Natur aus fehlerhaft. Ich übernehme die Verantwortung für mein Verhalten. Ich weiß, wie falsch es war. Doch hätte ich so etwas getan, wenn man mir beigebracht hätte, meinen eigenen Wert zu sehen? Wenn mir jemand – irgendjemand – im echten Leben mit der Freundlichkeit begegnet wäre, mit der sie meiner ausgedachten Onlinepersönlichkeiten begegneten?

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