Blond: Lasst Marilyn Monroe bitte einfach in Frieden ruhen

Foto: bereitgestellt von Netflix.
Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um körperlichen und sexuellen Missbrauch.
Wenn du an die tragischen Protagonistinnen des goldenen Hollywood-Zeitalters denkst, ist „Marilyn Monroe“ sicher einer der ersten Namen, der dir einfällt. Die Hollywood-Ikone dominierte damals die Kinoleinwände und faszinierte Millionen von Menschen, bis sie 1962 überraschend und viel zu früh verstarb. Wir wissen nur sehr wenig über das Privatleben von Norma Jeane Baker, der Frau hinter dem Pseudonym – ihre öffentliche Kunstfigur der Marilyn Monroe ist aber inzwischen zum Inbegriff der finsteren Seite des Ruhms geworden. Sie ist der Archetyp der Frau, der Erfolg und Macht versprochen werden, und die dann doch brutal von ihrer eigenen Branche ausgenutzt wird.
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Blond, der fiktionalisierte Monroe-Film mit Ana de Armas in der Hauptrolle, ging letzte Woche auf Netflix an den Start – und rückt Monroes Leben in ein furchtbares Licht. Der Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Joyce Carol Oates basiert, will nicht nur ganz offensichtlich schockieren, indem er belastende Szenen und Ereignisse hinzufügt, die in der Realität nie stattfanden, sondern präsentiert seinem Publikum zusätzlich eine ästhetisierte Version des tatsächlichen Traumas von Marilyn Monroe. Auf diese Weise verherrlicht Blond Leid und Gewalt – und untergräbt sowie überschattet damit gleichzeitig die wahren Schmerzen der echten Frau.
Monroe war eine der ersten, aber bei Weitem nicht die letzte berühmte Frau, von deren Trauma Hollywood geradezu besessen scheint. Von Prinzessin Diana über Anna Nicole Smith bis hin zu Britney Spears: Wir bekommen offenbar nicht genug davon, die Leben tragischer weißer Frauen zu bemitleiden, selbst wenn sie uns dafür nicht mal mehr ihre Erlaubnis geben können (obwohl Blond zwar nicht in Zusammenarbeit mit Monroes Nachlass entstand, äußerten sich die Verantwortlichen ihres Erbes positiv über die Besetzung von Ana de Armas). Und das wirft die Frage auf: Wann hören wir endlich damit auf, solche Filme zu produzieren, und lassen diese Frauen – und ihre Vermächtnisse – in Frieden ruhen? 
Von der ersten Szene, in der wir Monroe in Blond zu sehen bekommen, erleidet sie Missbrauch – zuerst durch ihre Mutter, die sie nach einem Nervenzusammenbruch zu ertränken versucht, dann durch einen Studioproduzenten, der Monroe bei einem Casting vergewaltigt. Die Kamera zoomt dabei an Armas’ weit aufgerissene Augen heran, in denen Tränen glitzern. Sie dissoziiert, scheint ihren eigenen Körper zu verlassen, und wiederholt im Geiste ihr Mantra: „Er begleitet euch, wo immer ihr seid. Der Kreis des Lichts gehört euch.“ In diesem Raum entsteht der Star Marilyn Monroe – aber auch ihr Trauma. Dieses Trauma zieht sich daraufhin wie ein roter Faden durch den restlichen Film. Monroe erleidet Gewalt durch verschiedene romantische Partner, die von ihrem Körper und ihrem Image profitieren; sie durchlebt mehrere Fehlgeburten und wird von Hollywood gnadenlos ausgenutzt, wo sie unterbezahlt, belächelt und als „Hure“ und „Schlampe“ abgestempelt wird. Eine solche Szene folgt auf die andere. Es ist übertrieben und schwer mitanzusehen, und wie Mark Kermode in seinem Review für The Guardian schreibt, ist Blond ein „Horrorfilm, der sich als Film über Ruhm ausgibt“.
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Die Tatsache, dass in solchen Filmen und Serien oft die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt, unterstreicht wieder einmal, wie belanglos die tatsächliche Person und deren Realität für die Story zu sein scheinen.

Eigentlich soll Blond dabei ein Kommentar über die dunkle Seite Hollywoods und den häufig horrenden Preis der Berühmtheit sein. Der Regisseur Andrew Dominik betonte gegenüber BFI: Blond soll dich zitternd zurücklassen, wie einen verwaisten Rhesusaffen im Schnee. Es ist ein Schrei des Schmerzes, der Wut.“
Monroes Erfahrung war kein Einzelfall – leider ebenso wenig wie die Darstellung dieser unangenehmen Realitäten auf der Leinwand. Wir als Gesellschaft sind besessen vom Schmerz blonder Frauen. Seit ihrem Tod 1997 dienen Prinzessin Dianas Erfahrungen mit der königlichen Familie, mit der britischen Presse und ihr Tod mit 36 Jahren bei einem Autounfall als Basis für ihre Darstellung als tragische Heldin in zahlreichen Filmen und Serien. Spencer, The Crownund unzählige Dokumentationen stürzen sich immer wieder auf ihr wahres Trauma, nur um uns erneut zu präsentieren, wie furchtbar all das war und wie viel sie durchleben musste. Und auch Dokumentationen über Britney Spears – die vergangenes Jahr endlich nach über einem Jahrzehnt aus der Vormundschaft ihres Vaters entlassen wurde – gibt es immer mehr, weil Filmmacher:innen und Fans so fasziniert von ihrer frühen Sexualisierung in der Musikbranche, ihren Problemen mit der geistigen Gesundheit und der Ausnutzung durch ihren engsten Vertrautenkreis zu sein scheinen. 
Dieses Narrativ des Missbrauchs wieder und wieder zu erzählen, hilft uns aber überhaupt nicht dabei, die Debatte rund um den Umgang mit Frauen voranzutreiben. Stattdessen ist es nur eine weitere Form der Ausnutzung, das wahre Trauma von Frauen für finanziellen Erfolg an der Kinokasse zu nutzen.
Warum? Zuallererst einmal, weil viele dieser Projekte nicht einmal die Frauen in den Vordergrund rücken, von denen sie uns angeblich erzählen möchten. Wie auch Kermode in The Guardian anmerkt, setzt sich Blond nicht wirklich mit Monroes Psyche und ihrem Blickwinkel auseinander. „Trotz seiner detailgetreuen Nacherzählung von Momenten aus Monroes Leben finde ich, dass sich Blond letztlich gar nicht wirklich um Marilyn dreht, sondern lediglich ihre Kleider trägt.“
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Die Tatsache, dass in solchen Filmen und Serien oft die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt, unterstreicht wieder einmal, wie belanglos die tatsächliche Person und deren Realität für die Story zu sein scheinen. Reales und Imaginäres zu vermischen, ist ein Eingeständnis dessen, dass es vielen letztlich wohl egal ist, was real ist und was nicht – was wiederum die gelebten Erfahrungen dieser Frauen entwertet und untergräbt.
Natürlich gibt es auch Filme, die für sich behaupten, die Realität darzustellen – wie die zahlreichen Britney-Spears-Dokus, die in den vergangenen Jahren über unsere Bildschirme geflimmert sind. Wenn diese allerdings nicht von der betreffenden Person in Auftrag gegeben wurden oder von dieser als peinlich empfunden werden (Britney Spears bezeichnete die New-York-Times-Doku Framing Britney Spears als Darstellung eines „demütigenden Moments meiner Vergangenheit“), fragt man sich doch: Für wen werden diese Filme eigentlich gemacht?
Natürlich ist es an dieser Stelle wichtig anzuerkennen, dass die meisten der Frauen, die auf diese Weise mythologisiert werden, eines gemeinsam haben: Sie sind weiß. Es ist ein immenses Privileg, wenn deine Geschichte überhaupt erzählt wird und deine Erfahrungen gewürdigt werden. Wie viele Frauen of color in der Unterhaltungsbranche hätten wohl dieselbe Anerkennung erfahren?
Am schlimmsten ist wohl jedoch die Tatsache, dass wir nie von unseren Fehlern zu lernen scheinen. Filme wie Blond und Spencer, oder Dokumentationen wie die über Britney Spears und Anna Nicole Smith, stellen genau dar, wie wir diesen Frauen geschadet haben – angeblich, um uns eine Lektion zu erteilen. Wir sollen den Umgang mit diesen Frauen und die Handlungsunfähigkeit ihres Umfelds als eine Art abschreckendes Beispiel empfinden, damit sich die Geschichte nicht immer wiederholt. Und trotzdem schlachten wir diese Frauen immer wieder dadurch aus, indem wir ihre Erfahrungen auf diese Art weitererzählen und sie – wie Blond-Regisseur Andrew Dominik – als machtlos darstellen.
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Dabei übernahm Monroe sehr wohl die Kontrolle über manche Bereiche ihres Lebens, beispielsweise durch die Gründung ihrer eigenen Produktionsfirma und ihren Kampf gegen die Segregation. Wie er gegenüber BFI erzählte, interessierte sich Dominik aber einfach nicht für diese Aspekte ihrer Persönlichkeit – oder dafür, sie als Menschen mit Macht darzustellen. Stattdessen konzentrierte er sich auf Marilyn Monroes größte Tiefpunkte. „Für mich ist das am wichtigsten“, sagte er. „Nicht die Ruhe. Nicht die Momente der Stärke.“ Und obwohl das sicherlich eine künstlerische Entscheidung war, zeichnet er damit ein eindeutiges Bild von Monroe als eine Frau, die vorrangig von ihrem Trauma beeinflusst wurde.
Trotz dessen, wie sehr wir im Nachhinein die Leben und Erfahrungen dieser Frauen auseinandernehmen, scheinen wir nie daraus lernen zu können – und Menschen wie Monroe genau dann zu helfen, wenn sie es am dringendsten brauchen.
Der Erfolg dieser Art von Geschichten bedeutet immer, dass darauf weitere folgen werden. Staffel 5 von The Crown, die diesen November auf Netflix erscheint, erzählt von Prinzessin Dianas royaler Ausgrenzung sowie ihrer Scheidung, und auch ein Film über den Verleumdungsprozess zwischen Amber Heard und Johnny Depp ist derzeit in Arbeit. Und wenn uns die letzten Jahre eines gezeigt haben, dann, dass diese Darstellungen vermutlich weiterhin das Trauma ihrer weiblichen Protagonistinnen ins Rampenlicht rücken werden, ohne wirklich etwas daran ändern zu wollen, wie Frauen prinzipiell behandelt werden.
Für gewöhnlich werden uns diese Geschichten als Kritik der Entertainment-Branche und des Umgangs mit Frauen verkauft. Müssen wir die Erfahrungen dieser Frauen aber wirklich dermaßen ausschlachten, um die Message zu kapieren? Vielleicht ist es an der Zeit, immer dieselben Storys über wunderschöne, tragische Frauen wiederzukäuen – und endlich mal etwas gegen das Umfeld zu unternehmen, in dem es zu ihren Traumata überhaupt kommen konnte. Wie schon Cara Cunningham in ihrem viralen Britney-Spears-Video von 2007 sagte: Lasst sie einfach in Ruhe.
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