Darum sehen wir gerade so viele Rom-Coms

In Ticket ins Paradies finden sich das Ex-Ehepaar David (George Clooney) und Georgia Cotton (Julia Roberts) in der unwahrscheinlichsten – und wirklich unbequemsten – Lage wieder: Sie sitzen nebeneinander auf einem Langstreckenflug nach Bali. Sie sind seit über einem Jahrzehnt geschieden, aber die Zeit heilt nicht alle Wunden, denn sie streiten sich über ihre ahnungslose Sitznachbarin in der Mitte hinweg. „Das waren die schlimmsten 19 Jahre meines Lebens“, sagt George Clooneys David zur Flugbegleiterin über seine Ehe. „Wir waren nur fünf Jahre verheiratet“, erwidert Roberts. Ihre Sitznachbarin verlangt sofort nach Champagner. 
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Eine albtraumhafte Situation, die aber auch das Zeug zu einer tollen romantischen Komödie hat. Die Formel kennen Filmfans gut: Junge trifft Mädchen, Junge und Mädchen verleugnen ihre Gefühle füreinander aus einem scheinbar unüberwindbaren Grund (vielleicht, weil sie rivalisierende Buchladenbesitzer sind, oder weil sie einen geheimen Beziehungspakt geschlossen haben, oder, wie im Fall von Ticket ins Paradies, weil sie geschieden sind), und dann, unvermeidlicherweise, erkennen Junge und Mädchen ihre wahren Gefühle und gestehen sie sich gegenseitig. Dazwischen gibt es viel zu lachen, Missverständnisse und wahrscheinlich auch einige großartige Comedy-Einlagen. Das ist etwas, was die Kinobesucher:innen in den letzten zehn Jahren vermisst haben, da romantische Komödien auf der großen Leinwand durch milliardenschwere Franchises wie Marvel und Fast and the Furious ersetzt wurden.
Aber zum Glück scheint sich der Filmgeschmack wieder auf einfachere Zeiten zu besinnen. Denn Ticket ins Paradies ist nur die jüngste einer ganzen Reihe romantischer Komödien, die in den Kinos und bei Streaming-Diensten Premiere feiern oder demnächst erscheinen. Die kürzlich erschienenen Film Rosalinde, Bros und der im Februar erscheinende Film Marry Me mit Jennifer Lopez und Owen Wilson werden von einer sich wandelnden Branche und einem Publikum beeinflusst, das sich nach Jahren der Pandemie einfach nur gut fühlen will.
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Diese Zeitspanne als die Rückkehr der Liebeskomödie zu bezeichnen, ist nicht ganz korrekt, denn Liebeskomödien sind schon seit einer Weile wieder da – zumindest auf unseren Fernsehbildschirmen. Während wir im Jahr 2022 ein großes Wiederaufleben der Liebeskomödie auf den Kinoleinwänden erleben, sieht Scott Meslow, der Autor von From Hollywood with Love: The Rise And Fall (And Rise Again) Of The Romantic Comedy, den Sommer 2018 als den entscheidenden oder maßgeblichen Moment, der die Renaissance der romantischen Komödie einleitete, wobei er sich ausschließlich auf die Sehgewohnheiten bei Streaming-Diensten stützt. „Netflix entdeckte anhand seiner Daten, dass die Leute sich alte Liebeskomödien wieder ansahen“, erklärt Meslow gegenüber Refinery29. „Sie lizenzierten Filme wie Pretty Woman, die sich sehr gut verkauften und von den Zuschauern immer wieder angeschaut wurden“ – ähnlich wie früher beim wöchentlichen Ausleihen deines Lieblingsfilms bei Videoworld (ähem, Cinderella Story, ähem). Netflix erkannte dieses Phänomen und beschloss, einen unterversorgten Markt zu erschließen. In der Zeit, die manche als „Sommer der Liebe“ bezeichnen, veröffentlichte der Streaming-Anbieter moderne Kultklassiker wie To All The Boys I've Loved Before, The Kissing Booth, Set It Up und Sierra Burgess Is A Loser.

„Rom-Coms wurden in einer ähnlichen Zeit wie heute entwertet. Alles ist entweder ein 300 Millionen Dollar teurer Spider-Man-Film oder ein 10 Millionen Dollar teurer Indie-Film, der vielleicht den Oscar als bester Film gewinnt.“

SCOTT mESLOW
„Netflix entdeckte, dass diese Filme sofort weltweit ein großer Erfolg waren. Sie wurden von der Kritik gelobt, vom Publikum angenommen und dann tatsächlich immer wieder angesehen“, sagt Meslow gegenüber Refinery29. Außerdem seien diese Filme relativ billig in der Produktion gewesen (weil keine komplizierten Spezialeffekte) und hätten aufstrebende Talente und neue Stars hervorgebracht, anstatt auf bestehende Stars zurückzugreifen.
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Die Idee, dass Liebeskomödien Stars hervorbringen, ist natürlich nicht neu. Das war von Anfang an das Motto des Genres. Die Blütezeit in den 1990er und frühen 2000er Jahren, die Zeit der Klassiker Harry und Sally, Schlaflos in Seattle, e-m@il für Dich und Wie werde ich ihn los – in 10 Tagen?, brachte einige der heute bekanntesten und beliebtesten Stars hervor, wie Meg Ryan und Julia Roberts oder Schauspieler wie Hugh Grant und Matthew McConaughey als sympathische Hauptdarsteller und Herzensbrecher. „In dieser Zeit gab es etwas, das nach Starruhm aussah“, sagt Meslow.
Um 2010 herum funktionierte diese Formel nicht mehr, was an mehreren Faktoren lag. Nach mehr als einem Jahrzehnt voller genre- und karrierebestimmender Hits gab es eine ganze Reihe von romantischen Komödien, die das Publikum nicht mehr an die Kinokassen locken konnten. Meslow verweist auf Filme wie Woher weißt du, dass es Liebe ist? und Larry Crowne. Und in einer Zeit, in der sowohl das Publikum als auch die Filmstudios den Schwerpunkt auf große Kassenschlager und Oscar-Anwärter legten, hatten romantische Komödien – die historisch und aufgrund von Sexismus im Filmkanon abgewertet wurden – einfach keine Chance. Vor allem, wenn es darum ging, viel Geld auszugeben, um sie in die Kinos zu bringen.
„Rom-Coms wurden in einer ähnlichen Zeit wie heute entwertet. Alles ist entweder ein 300 Millionen Dollar teurer Spider-Man-Film oder ein 10 Millionen Dollar teurer Indie-Film, der vielleicht den Oscar als bester Film gewinnt“, sagt Meslow. Im Vergleich zu diesen Filmen oder den wenigen Liebeskomödien, die Erfolg hatten und in denen in der Regel ein weißer, männlicher Protagonist im Mittelpunkt stand, würden Rom-Coms „kommerziell gesehen weltweit nie eine Milliarde Dollar einspielen und bei den Kritikern nie den Beifall bekommen, den die Studios so dringend brauchen“, sagt Meslow. „Es gab also das Gefühl, dass sie nicht den Zweck erfüllten, den die Studios von ihnen erwarteten.“
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Und genau hier kommen Streaming-Anbieter wie Netflix ins Spiel. Im Oktober 2018 meldete Netflix gegenüber Variety, dass in diesem Sommer mehr als 80 Millionen Abonnent:innen ihre Liebeskomödien gesehen hatten, und verwies auf das schnelle und explosive Wachstum der Instagram-Followerschaft einiger Stars, um die Beliebtheit der Filme zu belegen. (Die Instagram-Followerschaft von Talenten wie Lana Condor und Noah Centineo stieg von 100.000 auf 5,5 Millionen bzw. von 800.000 auf 13,4 Millionen). Andere Streaming-Anbieter wie Amazon Prime und Hulu folgten bald. Und die nächste natürliche Entwicklung, sagt Meslow, sind die Studios. Als er sein Buch letztes Jahr fertigstellte, sagte Meslow am Ende voraus, dass die Hollywood-Studios, die Drehbuchautor:innen mit Rom-Com-Beiträgen jahrelang ignoriert hatten, innerhalb eines Jahres auf sie zukommen würden. „Und genau da sind wir jetzt“, sagt er.
Es gibt einen Grund, warum die Leute sich diese Filme ansehen und warum die Studios zu ihnen zurückkehren sollten. Aus demselben Grund, aus dem die Zuschauer:innen zum siebten Mal zu Videoworld latschten, um Schlaflos in Seattle erneut auszuleihen: weil sie einen Zweck erfüllen. „Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum wir uns gerne Rom-Coms ansehen“, sagt Emma Kenny, eine Fernsehpsychologin aus Großbritannien. „Die Verflechtung von Humor und Liebe hat etwas Köstliches, und anders als bei vielen anderen Filmgenres ist es unwahrscheinlich, dass die Zuschauer:innen am Ende des Films traurig sind oder das Gefühl haben, dass die Figuren nicht das Happy End bekommen haben, das sie verdient haben.“ Im Gegensatz zu den stressigen Erfahrungen, die viele Menschen im Alltag machen, „kann das Ansehen solcher Filme den Stresspegel senken, die Bindung in Beziehungen stärken und – was am wichtigsten ist – eine Flucht vor den Problemen der Work-Life-Balance bieten, denen viele von uns in unserer heutigen Kultur ausgesetzt sind.“
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Das gilt vor allem für unsere Fernsehgewohnheiten während und nach einer Pandemie. Wenn du das Gefühl hast, dass du während der Pandemie nur Sendungen sehen wolltest, die dir ein warmes Gefühl geben, dann bist du nicht allein. „Der Grund dafür, dass die Menschen in Krisen- und Stresszeiten eher Liebesfilme schauen, ist zweifellos die Ablenkung, die diese Genres bieten“, sagt Kenny. Aber es gibt auch einen tieferen psychologischen Grund. „Menschen lieben die Liebe“, erklärt Kenny. „Wir lieben Verbundenheit, wir lieben Intimität, wir lieben unsere Familie und Freund:innen. In Zeiten großer Unzufriedenheit und Disharmonie in unserer Welt besinnen wir uns also auf das, was uns wirklich ausmacht: Liebe, Familie, Verbundenheit, Humor und die Überzeugung, dass dies über allem anderen steht. Romantische Komödien verkörpern diese Eigenschaften und Beziehungen, und deshalb werden sie so sehr geschätzt.“

„Eine Rom-Com ist für mich wie eine warme Decke. Sie hilft dir, nachts zu schlafen.“

kaitlyn Dever
Für Kaitlyn Dever, die sowohl in Rosalinde als auch in Ticket ins Paradies mitspielt, ist diese Rückkehr eine willkommene Sache, vor allem, weil sie so vertraut ist. „Ich liebe Liebesfilme“, sagt sie gegenüber Refinery29. „Rosalinde fühlt sich an wie die Filme, die ich als Kind geliebt habe und die mich wirklich geprägt haben.“
Natürlich wird diese Neuauflage anders sein. Während Filme wie Ticket ins Paradies auf Genregrößen und Stars wie Clooney und Roberts zurückgreifen, um die Leute in die Kinos zu locken, wird das wohl vorerst eine Seltenheit bleiben. Das Wesen der Filmindustrie hat sich seit den 1990er Jahren verändert, was bedeutet, dass selbst große Stars das Publikum nicht unbedingt dazu bewegen, für einen Kinobesuch zu bezahlen.
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„Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Zuschauer nicht mehr für jeden beliebigen Film ins Kino gehen“, sagt Meslow. „Ich glaube nicht, dass das wiederkommt. Wenn die Leute das Gefühl haben, dass sie sich den Film einfach auf Netflix ansehen können, werden sie das auch tun. Wenn du jetzt einen so tollen Film wie Harry und Sally in die Kinos bringst, bin ich nicht sicher, dass er an den Kinokassen so viel einspielt.“ Das bedeutet, dass wir vielleicht Filme sehen werden, die eher eine Mischung aus verschiedenen Genres sind (z. B. The Lost City, eine klassische Sandra-Bullock-Rom-Com, aber gemischt mit Indiana-Jones-Action) und den anhaltenden Aufstieg von Streaming-Rom-Coms.
Egal, wo das Publikum sich nun hinbegibt, um zu sehen, wie sich seine Lieblingsstars verlieben, eines ist sicher: Es wird einschalten. „Eine Rom-Com ist für mich wie eine warme Decke“, sagt Dever. „Sie hilft dir, nachts zu schlafen.“ Und dieses Gefühl wird sich niemand entgehen lassen.
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