Brand New Cherry Flavor: Der blutige Preis des Hollywood-Ruhms

Foto: bereitgestellt von Netflix
Achtung: Spoiler für das Finale von Brand New Cherry Flavor direkt voraus!
Auf den ersten Blick ist Netflix’ neue Miniserie Brand New Cherry Flavor ein brutaler Rachethriller über eine aufsteigende Regisseurin namens Lisa Nova (Rosa Salazar), die versucht, ihren Film aus den Klauen des perversen Produzenten Lou Burke zurückzuholen. Trotz all des Bluts, der Innereien und hochgewürgten Kätzchen (von denen es hier definitiv zu viele gibt, ganz ehrlich) ist die acht Episoden lange Verfilmung des gleichnamigen Todd-Grimson-Romans aber eigentlich Satire. 
In seinem makabren Kern geht es in Brand New Cherry Flavor nämlich um den hohen Preis des Ruhms – insbesondere in Hollywood, wo jede:r gewillt scheint, die eigene Seele für eine Chance auf Erfolg zu verkaufen. 
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Direkt zu Beginn geht Lisa einen Deal mit einer teuflischen Figur namens Boro ein, gespielt von einer völlig verstörenden Catherine Keener. Boro ist ein übernatürliches Wesen, das sich von Katzenblut ernährt, ihre Kund:innen in Zombies verwandelt und ihren Körper austauscht, wenn sie Lust darauf hat. Die hexenhafte Frau verspricht, sich für Lisa mithilfe schwarzer Magie an dem Produzenten zu rächen. Diese Rache hat aber einen hohen Preis: Lisas Umfeld wird für ihre Träume zum Kollateralschaden, und selbst Lisa schafft es kaum lebendig bis zum Serienfinale.
In der letzten Episode von Brand New Cherry Flavor erfahren wir dann, dass Boro kurz davor ist, den Körper zurückzulassen, den sie seit einem Jahrzehnt benutzt. Sie glaubt, Lisas Körper sei eine gute neue Wahl – insbesondere, weil Boro zu vermuten scheint, Lisa habe selbst eigene dunkle Kräfte. Boro hilft Lisa also gar nicht wirklich, sondern wartet nur auf den richtigen Zeitpunkt, um ihren Körper zu übernehmen.
Das ist eine finstere Interpretation der Mentor:innenbeziehungen in Hollywood. Die Moral dahinter ist klar: Nimm dich vor all denen in Acht, die dich voranbringen wollen. Lisa glaubt anfangs noch, Lou wolle sie unter seine Fittiche nehmen; er ist aber mehr daran interessiert, mit ihr zu schlafen. Als sie das nicht tut, manipuliert er sie so weit, dass sie glaubt, es sei ihre Schuld gewesen, dass sie die Chance darauf verloren hat, ihren eigenen Film zu drehen. Sie sei nicht erfahren genug. Sie habe sich noch nicht bewiesen. Sie würde eines Tages schon noch eine weitere Chance bekommen – vorausgesetzt, sie hält Lou bei Laune.
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Und auch Boro gibt sich Lisa gegenüber erst als nette Helferin aus. Lisa muss für sie über jede Menge Hürden springen: Sie muss Kätzchen kotzen, Kröten lecken und widerliche Tränke runterwürgen – alles in dem Glauben, dadurch ihren Träumen einen Schritt näher zu kommen. Also befolgt sie Boros merkwürdige Anweisungen, die ihre Verzweiflung schamlos ausnutzt. Quasi wie Ursula, die Arielle ihre Stimme klaut, um damit Prinz Erik zu verzaubern. 
Trotzdem stellt Brand New Cherry Flavor Lisa nicht als das Opfer dar – sondern hinterfragt, ob sie eigentlich wirklich besser ist als Lou oder Boro. Auf ihrem Weg zum Hollywood-Erfolg lässt sie immerhin auch die einäugige Mary Gray (Siena Weber) hinter sich, die davon überzeugt ist, von Lisa ausgenutzt worden zu sein: Während der Dreharbeiten für die letzte Szene in Lisas Kurzfilm kratzt sich Mary ihr eigenes Auge aus und isst es. Das Publikum fragt sich später, wie Lisa es hinbekam, das Ganze so echt aussehen zu lassen; in Episode 5 erfährt Mary jedoch die Wahrheit. Als es passierte, waren Mary und Lisa auf Drogen – doch ist Mary sich nun sicher, dass es ohne Lisas aggressive Aufforderungen, Mary solle überzeugender schauspielern, niemals dazu hätte kommen können.
Aber es wird noch schlimmer: Lisa lässt Mary daraufhin allein im Wald zurück, um sich mit den furchtbaren Filmaufnahmen auf den Weg nach L.A. (und schließlich zu Lou) zu machen. Nun ist Mary auf ihre eigene Rache aus – die sie direkt zu Boro führt, die ihren Schmerz nur zu gern ausnutzt.
Foto: bereitgestellt von Netflix
Am Ende bekommt Lisa ihren Film zurück, wenn auch nicht durch Boros „Hilfe“, sondern durch Alvin Sender (Patrick Fischler), einen reichen Hollywood-Boss, dem ihr Film gefällt. Lisa zeigt keine Reue für all das, was denen zugestoßen ist, die ihr wirklich bei der Erfüllung ihrer Träume helfen wollten – so wie Code (Manny Jacinto) oder der Filmstar Roy Hardaway (Jeff Ward), dessen Liebe für sie ihn seinen Kopf kostet.
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Sie scheint aber doch echtes Mitgefühl für Lou zu empfinden, der dank Boro erblindet und Filme nicht mehr so wie einst genießen kann. Seinen Schmerz mitanzusehen, lässt Lisa daran zurückdenken, wieso sie überhaupt Regisseurin werden wollte: Es war gar nicht der Ruhm, den sie sich wünschte, sondern die kreative Freiheit. Vielleicht hat sie also mehr mit ihm gemeinsam, als sie dachte – und seine Situation lässt sie begreifen, dass sie am Ende nur sich selbst loyal bleiben kann.
Lisa ist keine Heldin, weil sie am Ende beschließt, nach Brasilien zurückzukehren und Hollywood hinter sich zu lassen. Sie ist bloß clever genug, um einen weiteren Pakt mit dem Teufel auszuschlagen. Sie besiegt Boro nicht und rächt sich auch nicht für ihre Freund:innen – sondern rennt vor dem Chaos davon, das sie selbst verursacht hat. Lisa rettet sich selbst, überlässt Boro die gebrochene Mary und akzeptiert damit, dass dem übernatürlichen Wesen dadurch nur noch mehr verletzliche Leute zum Opfer fallen werden.
Die Wahrheit ist: Lisa war für Boro nur eines von vielen Opfern, von dem sich Boro und der Rest der Hollywood-Parasiten kurzzeitig ernähren konnten. Wie Brand New Cherry Flavor beweist, findet sich nämlich irgendwann immer jemand Neues, der oder die gewillt ist, die eigene Seele für Ruhm und Erfolg zu verkaufen. 

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