Nach 8 Jahren bin ich endlich über meinen Ex hinweg

Design: Dionne Pajarillaga.
Mein Ex-Freund und ich trennten uns im August 2014. Das war kurz vor meinem dritten Jahr an der Uni und gleich nach seinem Studienabschluss. Wenn ich mich nicht von ihm getrennt hätte, hätte er es zweifellos getan.
Unsere Beziehung beruhte einst auf intimes Nachtgeflüster im Bett, Händchenhalten und einer stolzen Freude, die in seinen Augen zu sehen war, wann immer er mich so zum Lachen brachte, dass ich kaum noch atmen konnte.
Aber all das zerbrach durch kleinliche Eifersüchteleien und bösartige Streitereien. Monatelang schrien wir uns gegenseitig an. Wir verbrachten Nacht für Nacht damit, auf Whatsapp zu streiten. Ich tippte dabei mit solcher Wucht, dass mir die Fingerkuppe meines Daumens am Ende höllisch wehtat, als ich dann sauer schlafen ging.
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Es war an der Zeit, getrennte Wege zu gehen. Wir beide wussten, dass es die richtige Entscheidung war. Trotzdem war ich nach der Trennung am Boden zerstört. Immerhin war das meine erste Beziehung gewesen und ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte.
Unmittelbar nach dem Schlussmachen sprachen wir darüber, dass wir uns über die Weihnachtsfeiertage treffen würden, „um zu reden“, aber als Weihnachten vor der Tür stand, teilte mir mein Ex mit – nennen wir ihn einfach mal Thomas –, dass er das nicht mehr wollte. Ein paar Monate später fragte ich ihn, ob er sich vorstellen könnte, wieder mit mir zusammenzukommen. Darauf antwortete er: „Sorry, aber ich bin einfach nicht mehr in dich verliebt.“
Das brach mir natürlich gleich noch einmal das Herz. Dr. Gemma Harris, klinische Psychologin, die auf Instagram unter @theexdoctor zu finden ist, sagt Folgendes dazu: „Diese Art von Trauer nach einer Trennung kann komplex sein. Ein häufiger Grund, warum wir uns schwertun, weiterzumachen und mit dem Kapitel abzuschließen, ist, dass wir irgendwo im Trauerzyklus festsitzen“, erklärt sie. „Das kann daran liegen, dass eine Person in einem Schockzustand ist oder es einfach nicht glauben kann, dass sie nicht mehr mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammen ist. In der Regel bleiben viele aber in der Verhandlungphase dieses Trauerprozesses stecken. Das bedeutet vielleicht nicht einmal, dass eine Person aktiv mit dem:der Ex verhandelt; viele Menschen spielen einfach Skripte und Erinnerungen vor ihrem inneren Auge ab und verhandeln mit sich selbst.“
„Manchmal sind es die Art und der Zeitpunkt des Beziehungsendes, die es schwermachen, weiterzumachen. Ein abruptes, unerwartetes oder unerklärliches Ende kann eine besondere Herausforderung darstellen“, fährt Dr. Harris fort. „Ein weiterer Grund kann sein, dass wir an unserer idealisierten Zukunft festhalten und diese scheinbar nicht an die neuen Umstände anpassen können.“
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Diese Trennung überschattete mein gesamtes drittes Jahr an der Uni. In jedem Club, in jedem Café und bei jeder Veranstaltung hätten die Worte „Weißt du noch, als du mit Thomas hier warst?“ als Neon-Schriftzug an der Wand blinken können. Ich war schon immer für Partys zu haben, aber zu dieser Zeit trank ich beim Ausgehen so viel, dass es anfing, mir Angst zu machen. Jedes Mal, wenn ich auf einem Foto auf Facebook markiert wurde, hoffte ich, Thomas würde es sehen. Ich war mit niemandem wirklich zusammen, aber ich hatte etwas Lockeres mit mehreren Typen gleichzeitig. Ich kämpfte darum, im Hier und Jetzt zu bleiben, aber meine Erinnerungen an den liebevollen, leidenschaftlichen Sex mit Thomas bahnten sich trotzdem ihren Weg in den Vordergrund.

Manchmal sind es die Art und der Zeitpunkt des Beziehungsendes, die es schwer machen, weiterzumachen. Ein abruptes, unerwartetes oder unerklärliches Ende kann eine besondere Herausforderung darstellen.

Dr. Gemma Harris
In den Jahren darauf blockierten Thomas und ich uns abwechselnd in den sozialen Medien und sprachen ab und zu auf Whatsapp miteinander. Jedes Mal, wenn ich seinen Namen auf meinem Bildschirm auftauchen sah (meist als Antwort auf etwas, das ich gesagt hatte), griff ich zum Telefon. Ich nutzte jeden Grund, der mir einfiel – emotionale Manipulation, Ratschläge, die ich nicht brauchte –, um mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ich wusste, dass ich nervig und anhänglich war (obwohl er immer freundlich reagierte), aber ich konnte nicht anders. Ich musste in Verbindung mit ihm bleiben.
„Wir bleiben oft in einer Denk- oder Verhaltensweise stecken, die keine gute Grundlage für Heilung, Akzeptanz und Wiedergutmachung ist“, sagt Dr. Harris. „Sich mit dem Leben [des:der Ex] zu beschäftigen, ihn:sie in den sozialen Medien zu stalken, intensiven Kontakt aufrechtzuerhalten, das (innerliche) Feilschen mit dem:der Ex, auf eine Wiedervereinigung zu hoffen oder das Geschehenen ständig im Kopf durchzuspielen, sind einige Beispiele für ungesundes Verhalten nach einer Trennung.“
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Einige Jahre nachdem wir uns getrennt hatten, trafen Thomas und ich uns nach einer Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes. Ich hatte mir zu diesem Zeitpunkt so oft vorgestellt, wie es wäre, wenn er wieder in meiner Wohnung wäre, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, die Szene von oben zu sehen. Wir schliefen nicht miteinander, aber er sagte, dass er oft an mich dachte, als er mir im Bett über die Haare strich. Ich hatte mich so lange danach gesehnt, das zu hören, aber ich konnte nichts darauf sagen. Die Worte, die er Jahre zuvor gesagt hatte – „Ich bin einfach nicht mehr in dich verliebt“ –, hallten in meinem Kopf nach. Deshalb schwieg ich und spürte, wie die geringe Wahrscheinlichkeit, dass wir jemals wieder zusammenkommen würden, durch meine Hände glitt wie ein Stück Seife.
Ein wenig später in demselben Jahr datete ich einen anderen Mann – der einzige andere Partner, den ich je hatte. Ich mochte ihn sehr und in den sechs Monaten, die wir zusammen waren, machte er mich wirklich glücklich. Seit unserer Trennung, ein paar Monate vor der Pandemie, habe ich jedoch nie mit dem Gedanken gespielt, wieder mit ihm zusammenzukommen. Und es dauerte nicht lange, bis meine Gedanken wieder zu Thomas zurückkehrten.
Ich dachte während der ganzen Lockdown-Zeit an Thomas. Außerdem glaube ich, dass wir in diesen zwei Jahren seit der Pandemie mehr miteinander gesprochen als in all den Jahren nach unserer Trennung. Meistens startete ich jede Interaktion. Als wir uns auf WhatsApp schrieben, hatte ich das Gefühl, einen Drahtseilakt auf Zehenspitzen zu vollführen: Ich versuchte, sein Interesse zu wecken und gleichzeitig zu verbergen, wie sehr ich wollte, dass wir weiterhin miteinander in Kontakt bleiben. Als ich mir Normal People anschaute, erkannte ich Thomas und mich in der Beziehungsdynamik von Connell und Marianne wieder.
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„Die Suche nach Informationen oder der Versuch, Kontakt aufzunehmen, nährt bloß die Verbindung zwischen dir und deinem:deiner Ex – egal, ob ein- oder wechselseitig“, betont Dr. Harris. „Versuch, den Kontakt einzuschränken. Wenn dir das schwerfällt, solltest du versuchen, es schrittweise, aber konsequent zu tun.“ Zu den weiteren Ratschlägen von Dr. Harris für Menschen, denen es schwerfällt, sich von ihrem:ihrer Ex zu lösen, gehört tägliches Tagebuchschreiben. „Das kann dir dabei helfen, zu verstehen, dass es in Beziehungen nicht nur um die Person geht, sondern darum, was für eine Rolle sie für dich gespielt hat“, erklärt sie. „Es kann viel verändern, zu verstehen, dass unsere Abhängigkeit oft auf irrationalen Ängsten beruht, z. B. dass wir nicht in der Lage sind, allein mit einer Situation fertig zu werden.“

Es liegt in der Natur des Menschen, lose Fäden miteinander verknüpfen und unsere Erfahrungen verstehen zu wollen. Manchmal ist es aber gesünder, zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die wir niemals verstehen werden.

DR. GEMMA HARRIS
Dr. Harris betont auch, wie wichtig Akzeptanz in diesem Zusammenhang ist. „Vielleicht wirst du nie verstehen, wie es zu der Trennung kam. Das ist auch in Ordnung“, sagt sie. „Es liegt in der Natur des Menschen, lose Fäden miteinander verknüpfen und unsere Erfahrungen verstehen zu wollen. Manchmal ist es aber gesünder, zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die wir niemals verstehen werden.“
Akzeptanz ist das Wort, das mich am meisten berührt, weil es mir irgendwann dann tatsächlich gelungen ist, zu akzeptieren, dass diese Beziehung vorbei war. Ich wünschte, das hätte mit einer Erleuchtung oder einem Moment plötzlicher Klarheit zu tun, durch den ich erkennen konnte, dass Thomas und ich nicht zusammen sein sollten. Aber das war nicht der Fall. Ich verspüre einfach nicht mehr diesen Drang, ihm Nachrichten zu schicken.
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Ich denke, es war ein allmählicher Prozess. Zum einen ist er wieder in einer Beziehung. Seine neue Freundin ist wunderschön, hat unglaubliche Haut – die Art, bei der ich mir immer automatisch über meine Hautunreinheiten streiche, wann immer ich ein Bild von ihr sehe – und sie stehen sich auf Fotos so nahe, dass sie beinahe zu einer Person verschmelzen. Sie sehen so aus, als ob sie zusammengehören.
Vielleicht war es nötig, ihn in einer Beziehung zu sehen, die – zumindest auf Instagram – so aussieht, als könnte sie von Dauer sein. Vielleicht liegt mein Fortschritt auch daran, dass ich vor Kurzem erkannt habe, dass ich demisexuell bin (wenn du sexuelle Anziehung erst dann empfinden kannst, wenn du eine emotionale Bindung zu einer Person aufgebaut hast). Denn das hat mir dabei geholfen, zu verstehen, warum ich so oft damit zu kämpfen hatte, die sexuelle Anziehung, die ich zu Thomas hatte, zu jemand anderem zu spüren. Vielleicht liegt meine Weiterentwicklung auch daran, dass ich mich in meinem Berufsleben endlich zentriert fühle und zielbewusster bin – etwas, das sich richtig anfühlt, nachdem ich jahrelang eine Reihe von Jobs hatte, die bloß Mittel zum Zweck und nur vorübergehend waren. Vielleicht liegt es an all diesen Dingen und einigen anderen Faktoren, die mir noch gar nicht bewusst sind, dass ich über Thomas hinweg bin.
Ich weiß jetzt, dass es für keinen von uns beiden das Richtige gewesen wäre, wenn wir wieder zusammengekommen wären. Früher konnte ich das nicht akzeptieren, aber inzwischen habe ich mich von der Vorstellung gelöst, dass er und ich eine Beziehung führen sollten. Ich bin jetzt so glücklich wie seit fast acht Jahren nicht mehr.
Ich bin mir nicht sicher, wer ich ohne den Teil von mir sein werde, der sich danach sehnt, mit Thomas zusammen zu sein. Schließlich war ich seit meinem 19. Lebensalter nicht mehr diese Person. Aber bis jetzt fühlt es sich gut an. Endlich weiß ich wieder, dass ich auch alleine sehr gut zurechtkomme.

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