Ich habe mich für 52 Jobs beworben – & das habe ich daraus gelernt

Foto: Naohmi Monroe.
Meine Freund:innen nennen mich einen „beruflichen Pechvogel“. Warum? Da wäre zum Beispiel die Story, als ich nach drei ausführlichen Bewerbungsaufgaben und zwei zermürbenden Bewerbungsgesprächen von meinem Traumjob zu hören bekam, ich würde ganz bald das Angebot bekommen – nur um dann von der Firma geghostet zu werden. An Heiligabend bekam ich dann nochmal eine Mail: „Wir melden uns so bald wie möglich.“ Erst im März akzeptierte ich, dass ich den Job wohl doch nicht bekommen würde. Dann wäre da noch die Firma, die das Bewerbungsgespräch wieder und wieder nach hinten verschob und immer mehr Aufgaben von mir verlangte. Drei Aufgaben und kein Bewerbungsgespräch später wurde mir klar: Auch daraus würde wohl nichts werden. Ich weiß, dass diese Erfahrung keine Seltenheit ist. Wenn man aber das Gefühl hat, immer und immer und immer wieder abgewiesen zu werden, setzen wohl bei uns allen irgendwann Logik und Verstand aus – aber dazu gleich mehr.
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Damals, im März, als ich plötzlich Absage-Mails für Jobs bekam, bei denen ich inzwischen schon vergessen hatte, dass ich mich dafür überhaupt beworben hatte, schlug mir jemand aus meinem Freundeskreis vor, ich sollte doch mal eine Bewerbungs-Übersicht erstellen. Was als kleine Liste aus Jobbezeichnungen und Firmen begann, entwickelte sich schnell zu einer komplizierten Tabelle der Stunden und Mühen, die ich in die Bewerbungen investierte; kaum eine Ausschreibung verlangte nur einen Lebenslauf und ein Anschreiben. Insgesamt verbrachte ich 73 Stunden mit dem Schreiben von Bewerbungen, 11 Stunden in Bewerbungsgesprächen und 39 Stunden mit Einstellungstests und -aufgaben. Die bestanden meist aus einem Mix aus Markt- und Wettbewerbsanalysen, Content-Strategien und Musterprojekten. Oft bekam ich nicht mal eine Rückmeldung, nachdem ich die Aufgaben eingereicht hatte. Irgendwann hörte ich auch damit auf, die 20 Minuten hier und da zu tracken, die für „Job-Orga“ draufgingen – die nervige, zeitaufwendige Arbeit, mich nach Bewerbungsgesprächen nochmal zu melden und „nachzuhaken“. Genauso wenig notierte ich die Zeit, die ich mit dem besessenen Lesen von Karriereratschlägen verbrachte. 

Ich war so versessen darauf, meine Situation zu verändern, dass ich irgendwann nicht mal mehr hinterfragte, ob ich die Jobs überhaupt machen wollte, für die ich mich da bewarb.

Am Wochenende arbeitete ich an meinen Bewerbungen, damit ich sie am Dienstagmorgen abschicken konnte – dem angeblich optimalen Tag, um sich für einen Job zu bewerben. Nach der Arbeit scrollte ich mich durch die Bewerbungsportale, weil ich wusste, dass Firmen frühe Bewerber:innen bevorzugen. Die Suche nach dem Traumjob wurde für mich immer und immer mehr zum Ritual; ich meditierte, manifestierte und suchte in den Sternen nach Antworten. Ich orientierte mich an meinem Horoskop und war während des rückläufigen Merkurs besonders vorsichtig. Alles, was mir das Ganze aber einbrachte, waren Instagram-Ads für Kristallheilung, die mir „Karriere-Klarheit“ versprachen. 
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In Otegha Uwagbas neuem Buch We Need to Talk About Moneyschreibt sie: „Verzweiflung ist ein furchtbarer Ausgangspunkt für gute Entscheidungen.“ Als jemand, die sich nach einer Googlesuche nach „Kristalle für beruflichen Erfolg“ an Sonnenstein geklammert hat, kann ich das bestätigen. Ich war so versessen darauf, meine Situation zu verändern, dass ich irgendwann nicht mal mehr hinterfragte, ob ich die Jobs überhaupt machen wollte, für die ich mich da bewarb.
Carina Talla, Coach für ayurvedische Gesundheit und Heilung, empfiehlt, klare Karriereabsichten zu formulieren, um sie von einem positiven Standpunkt aus anzugehen. Ihr Tipp: eine Absichten-Liste. „Was möchte ich erschaffen?“, „Wie sähe meine Traumwelt aus?“, „Wie kann ich diesen Prozess zur Weiterentwicklung nutzen?“ – Fragen wie diese solltest du für dich beantworten können. „Deine Gedanken aufzuschreiben, kann dir außerdem dabei helfen, dir deine Sorgen nicht dauernd durch den Kopf gehen zu lassen“, ergänzt Life-Coach Laura Davies, der es bei ihrer Arbeit um Veränderungen geht.

Ich bin keine selbstbewusste Texterin und versuchte, mit der Ästhetik meine Unsicherheit beim Schreiben zu verstecken.

Deine Beweggründe infrage zu stellen, wenn du ja einfach bloß vorankommen willst, fühlt sich vielleicht an wie Zeitverschwendung; das Praktizieren von mehr Achtsamkeit und das Stellen konkreter Aufgaben ist aber nachweislich hilfreich dabei, deine Ziele zu erreichen, und wird so auch regelmäßig im Life-Coaching gemacht. „Wenn du nur deine eigenen Handlungen kontrollieren kannst, hilft es dir, einen Plan zu schmieden und nach einer festgelegten Zeit darauf zurückzublicken, wie gut dieser Plan für dich funktioniert“, betont Davies und ergänzt: „Mach dich dessen bewusst, dass du alles tust, was du kannst, und dass du deine Herangehensweise anpassen kannst, wenn sie nicht funktioniert. Das kann solchen Zeiten der Veränderung Struktur und Fokus verleihen.“ Genau das hatte mir gefehlt: Ich verbrachte unendlich viel Zeit damit, komplizierte Sachen zu designen, anstatt mir auf YouTube erklären zu lassen, wie InDesign funktioniert. Und ich verschwendete viele Stunden damit, für mein Anschreiben nach exakt der Schriftart zu suchen, die die Firma selbst nutzt. Am Ende bekam ich keinen dieser Jobs, und war umso frustrierter, weil mich die Bewerbungen so viel Zeit gekostet hatten.
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Natürlich sind hübsche, ausgefeilte Bewerbungen wichtig, aber weil ich mir über das Visuelle so den Kopf zerbrach, verheimlichte ich damit etwas, das ich nicht gern zugeben wollte: Ich bin keine selbstbewusste Texterin und versuchte, mit der Ästhetik meine Unsicherheit beim Schreiben zu verstecken. Diese Unsicherheit entsprang den zahllosen Absagen und Bewerbungsgesprächen. Um dagegen anzukämpfen, empfiehlt Davies, sich nur auf die Fakten zu konzentrieren: „Denk dir keine negative Geschichte rund um eine Absage aus, sondern gratuliere dir selbst dafür, dass du überhaupt in der Position warst, zu ‚scheitern‘ – denn das heißt, dass du gleichzeitig in der Position warst, Erfolg zu haben.“
Als Millennial wurde mir schon früh die Selbstoptimierung eingetrichtert, also der Glaube, jede:r sei seines:ihres eigenen Glückes Schmied. Also befolgte ich jeden Karriererat, den ich hörte – setzte meine Bewerbungsgespräche dienstags oder mittwochs an, schrieb nach jedem Gespräch eine „Danke“-Mail und übte mich in dem Balance-Akt, enthusiastisch, aber nicht verzweifelt zu wirken.
Ich meldete mich bei „den richtigen Leuten“, überarbeitete meinen Social-Media-Auftritt und verbrachte ganze Wochenenden damit, mir Tutorials anzugucken, um die perfekte Schriftart und -farbe für meine Bewerbungen zu finden, die „mich“ ideal präsentieren würde. Dabei bemerkte ich nicht, dass ich in die Falle der vermeintlichen Perfektion getappt war. „Wenn sich unsere Situation ändert, können wir schnell davon besessen werden, den ‚perfekten‘ nächsten Schritt zu machen“, erklärt Davies. „Dann willst du jede mögliche Option genau durchdenken. Oft machen wir aber größere Fortschritte, wenn wir kleine Schritte machen. Uns unseren Zielen ganz langsam zu nähern, kann uns von der Überzeugung befreien, es gäbe nur den einen Weg zu unseren Träumen.“ Und selbst dann ist das Ganze natürlich immer noch eine Glücksfrage. „Es kann schwierig sein, zu akzeptieren, dass es manchmal eben kommt, wie es kommt, und wir nichts hätten anders machen können – oder sollen.“
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Ja, der Zufall spielt natürlich eine große Rolle. In meinem Fall schien Statistik aber ebenfalls viel mitzuentscheiden: Als ich dann doch endlich einen Job bekam (meine 51. Bewerbung war erfolgreich), hatte ich mich tatsächlich an einem Dienstag beworben, und das nur ein paar Stunden, nachdem die Ausschreibung online gegangen war. 
Anstatt uns (ganz millennialtypisch) andauernd selbst optimieren zu wollen und zu versuchen, ein System zu „hacken“, das uns immer wieder enttäuscht, sollten wir uns bewusst werden: Selbst wenn du alles „richtig“ machst, klappt es nicht immer. „Sei vorsichtig mit Regeln, die du dir selbst aufstellst“, warnt auch Davies. „Manchmal halten wir uns selbst zurück, indem wir uns an Regeln orientieren, die wir uns selbst auferlegen.“ In meinem Fall hieß das: Ich musste damit aufhören, meine Identität von meinem Erfolg abhängig zu machen – wie es so viele von uns tun.
Uns wird eingeredet, harte Arbeit würde uns automatisch „nach oben“ bringen. In unserer „Hustle“-Kultur scheinen Selbstwert und Arbeit untrennbar miteinander verbunden zu sein; kein Wunder, dass es sich wie ein persönliches Versagen anfühlt, wenn dein Job nicht deinen Werten entspricht oder du gar keinen hast. Aber was, wenn die Arbeit eben einfach nur Arbeit ist? Was, wenn die Vorstellung vom „Traumjob“ total toxisch ist? Es gibt so viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen, und wenn sich die Türen auf einem dieser Pfade einfach nicht für dich öffnen, solltest du vielleicht einen anderen einschlagen.
Das Einzige, was du wirklich optimieren solltest, ist deine eigene Zufriedenheit. Und dafür brauchst du bloß ein paar Worte. „Ich bin gut genug, ich war schon immer gut genug. Mein Selbstwertgefühl hängt nicht von etwas Äußerlichem ab“, zählt Talla auf. Ja, es fühlt sich ein bisschen esoterisch an – aber warum solltest du mehr brauchen, um dir selbst klarzumachen, dass dich mehr ausmacht als dein Jobtitel?

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