Alleinerziehend heißt nicht „allein“, lehrte mich die Geburt meiner Tochter

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Als ich mich dafür entschied, alleinerziehende Mutter zu werden, dachte ich, das Schwierigste an dieser Entscheidung wäre es, meine Partnersuche für eine Weile auf Eis legen zu müssen. Den Rest würde ich schon bewältigen. Immerhin war ich doch extrem unabhängig; das bin ich schon mein ganzes Leben lang gewesen. Bald aber wurde mir klar, dass sich mein Beschluss auf so viel mehr als bloß meinen Dating-Status auswirken und nicht nur auf einen Krankenhausbesuch beschränken würde. Die Wahl, Alleinerziehende zu werden, bringt eine gewaltige To-do-Liste und einen Berg voller Fragen, die sich Leute, die verheiratet sind, nie stellen müssen, mit sich (Wie soll ich mir das leisten? Wer geht nach der Geburt, wenn meine Vagina kurzzeitig außer Betrieb ist, mit dem Hund Gassi?).
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Mit 30 hatte ich einen Bestseller geschrieben, war Mitbegründerin einer Organisation, die Mädchen beibringt, Führungsqualitäten zu entwickeln, und reiste durchs Land, um Vorträge darüber zu halten, wie man Töchter zu selbstbewussten Individuen aufzieht. Ich hatte eine Wohnung in Brooklyn. Ich nahm mir ein Taxi, wann immer ich wollte. Ich kaufte unnötiges Zeug, wenn mir danach war, betrank mich und ließ die Sachen dann auf dem Rücksitz des Fahrzeugs liegen. Während Frank Sinatras „New York, New York“ der passendste Soundtrack zu meiner Karriere gewesen wäre („If I can make it there, I can make it anywhere“, zu Deutsch: „Wenn ich es hier schaffe, kann ich es überall schaffen“), fasste „Another One Bites the Dust“ (zu Deutsch: „Und wieder beißt jemand ins Gras“) mein Liebesleben am besten zusammen.
Mit 35 fasste ich die Entscheidung, ohne bessere Hälfte schwanger zu werden. Für eine vergangene Beziehung war ich zuvor in eine kleine Uni-Stadt im Westen von Massachusetts gezogen. Nachdem wir uns getrennt hatten, blieb ich dort, obwohl ich mich nach dem Großstadt-Spirit sehnte und mir im Schnee den Arsch abfror. Warum? Ein Kind allein großzuziehen, war dort billiger und einfacher als in New York.
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Ich wurde im Handumdrehen schwanger. Meine Freund:innen und Familie unterstützten mich voll und ganz – nicht, dass ich darum gebeten hätte; ich bin schrecklich darin, um Hilfe zu bitten. Ich hasse es, mich so zu fühlen, als würde ich mich aufdrängen. Ich ziehe es vor, anderen zu sagen, dass es mir gut geht, auch wenn es mir eigentlich nicht gut geht. Ich will ohne andere Menschen auskommen können und schon gar nicht so rüberkommen, als bräuchte ich eine helfende Hand. So war es auch mit meiner Schwangerschaft.
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Ich dachte mir nicht viel dabei, als mein Geburtstermin näher rückte und ein Hurrikan die Bäume in meinem Viertel umwarf und mir so Strom und Heizung abschnitt. Ich zog mir lange Umstandsunterwäsche an, legte mich mit einer Stirnlampe ins Bett und zitterte wie Espenlaub vor mich hin. Am nächsten Morgen fuhr ich zu einer Freundin – ganz so, als sei nichts Besonderes passiert. Immerhin ging es mir ja gut. Ich war stark. Ich konnte allein zurechtkommen. Das war mir doch schon immer gelungen.
Als die Wehen einsetzten, war ich davon überzeugt, dass ich einfach nur Blähungen hatte. Ich rief meine Hebamme an und klagte über eine mögliche Verstopfung. Sie zögerte und ich verlangte nach einem Abführmittel. Das war vier Tage vor meinem Geburtstermin. Die Hebammen lachen heute noch über meine „Blähungen“. Meine Freundin Sam rief an und fragte, ob es mir gut ginge. Ich sagte ihr, dass alles ok wäre, ich nur so richtig aufs Klo müsse. Ich hatte vor, schlafen zu gehen und das Baby vielleicht am nächsten Morgen zur Welt zu bringen – ja, ich plante dieses Ereignis in meinem Kopf, als ob es dabei um eine Formalität ginge. Ein paar Minuten später rief Sam zurück und fragte, ob ich sicher sei, dass ich allein sein wolle. Ich brach in Tränen aus.
Das war der Moment, in dem ich zu verstehen begann, dass es nicht nur ein sehr mutiger Akt ist, ein Baby allein zu bekommen, sondern auch eine Erfahrung, die dich sehr bescheiden macht. Ich erkannte, dass du nicht allein bist, nur weil du Single bist. Zu lernen, Hilfe anzunehmen, war etwas, das ich aus Liebe zu meinem Kind tun musste. Verletzlich zu sein, war die echte Bestandsprobe für mich als Alleinerziehende. Wenn wir nicht um Beistand bitten, liegt das oft daran, dass wir das Gefühl haben, ihn nicht zu verdienen. Dieser schmerzhafte Mangel an Selbstwertgefühl – und die Isolation, unter der man leidet, wenn man zu stolz ist, Unterstützung in Anspruch zu nehmen – waren eindeutig keine Werte, die ich an mein Kind weitergeben wollte.
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Sam kam also rüber, machte sich auf meiner Couch breit und schaltete den Fernseher ein. Ich legt mich auf einen grünen Plüschsessel. Ich krümmte mich vor Schmerzen und fing an, die Abstände meiner Wehen in einer Schwangerschaftsapp einzutragen (ich konnte sie als leicht, mittelstark oder stark einstufen). Rosie, mein neunjähriger Terrier, lag still und mit aufgerissenen Augen neben meinen Füßen. Die Wehen waren wie ein langer Flug: Zunächst vergehen die Minuten langsam, und dann, ganz plötzlich, rast die Zeit. Irgendwann schlief Sam ein, während ich hingegen keuchte und stöhnte. Ich hätte Maggi, meine enge Freundin aus Uni-Tagen, die in der Nähe wohnte, anrufen können, aber ich tat es nicht. Ich kontaktierte auch nicht die Geburtsbegleiterin. Der Grund? Ich wollte weder sie noch Sam wecken. Ich würde die Sache schon selber in den Griff kriegen – so, wie ich es schon immer getan hatte. Um zwei Uhr nachts, als die Wehen im Abstand von zwei Minuten kamen, hatte ich aber keine andere Wahl mehr und holte mir endlich Hilfe. Am nächsten Nachmittag hatte ich eine Tochter. Das ist jetzt schon zwei Jahre her.
Studien haben herausgefunden, dass Frauen einer anderen Person zuliebe eher dazu bereit sind, ein Risiko einzugehen. Eine Untersuchung hat zum Beispiel gezeigt, dass Frauen stärker dazu neigen, eine Gehaltserhöhung für Kolleg:innen als für sich selbst zu verlangen. Als Mutter sehe ich diesen Kontrast zwischen Egoismus und Selbstlosigkeit mit anderen Augen. Sobald du ein Kind hast, erkennst du, dass die Person, zu der du dich entwickelst, mit dem verletzlichen Geschöpf verbunden ist, das du zur Welt gebracht hast. Das kann beängstigend sein, sich aber auch sehr inspirierend anfühlen. Plötzlich haben deine Entscheidungen viel mehr Bedeutung. Ich empfand das als eine einzigartige Chance, mich persönlich weiterzuentwickeln, die es ohne Frage zu nutzen galt.
Ich war nicht in der Lage gewesen, mich meinetwegen zu ändern. Für meine Tochter wollte ich es aber plötzlich. Mir war es wichtig, ihr zu ermöglichen, ihr Leben anders leben zu können, als ich es getan hatte – andere Leute anrufen und aufwecken zu können, wenn sie Unterstützung brauchte, anstatt alles selbst zu machen. Meine Erfahrung als alleinerziehende Mutter hat mich Folgendes gelehrt: Aus Liebe war ich dazu bereit, das größte Risiko meines Lebens einzugehen und Hilfe anzunehmen, um die ich früher sonst niemals – nicht einmal in meinen kühnsten Träumen – gebeten hätte. Es ist ok, verletzlich zu sein und dir unter die Arme greifen zu lassen. Nur, weil du alleinerziehend bist, bist du noch lange nicht allein und brauchst auch nicht alles alleine zu bewältigen.

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