Jetzt mal Klartext: Solltest du deine Eizellen einfrieren lassen?

Foto: Daantje Bons
Mit 32 trennte sich die Marketing-Managerin Ali nach sechs Jahren Beziehung von ihrem Freund. „Sofort war da diese leise Stimme in meinem Hinterkopf, die mir zuflüsterte, dass meine biologische Uhr immer lauter tickte. Ich fing also an, mir Sorgen darum zu machen, wie viel Zeit mir noch blieb, um den Richtigen zu treffen und eine Familie zu gründen“, erzählt sie heute. Ali ist inzwischen 35, und ihre Worte dürften bei vielen Frauen einen emotionalen Nerv treffen, ob Single oder vergeben; denn mit unserer Fruchtbarkeit müssen wir uns alle früher oder später auseinandersetzen. 
Rund ein Jahr nach der Trennung entschied sich Ali, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, weil sie wusste, dass ihre Mutter und Großmutter ungewöhnlich früh in die Wechseljahre gekommen waren. Der Eingriff kostete fast 5.500 Euro; Ali hatte dafür schon drei Monate gespart, bevor sie überraschend aus ihrem Job entlassen wurde. Das war aber „eigentlich ein Segen“, sagt sie, weil sie schnell einen neuen Job fand und ihre finanzielle Abfindung in die Eizellenentnahme investieren konnte. 
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Heute ist Ali in einer neuen Beziehung und sich sicher: Das Einfrieren hat ihr Leben verändert. „Wenn ich das nicht getan hätte“, erklärt sie, „hätten mich die Sorgen um meine Fruchtbarkeit vielleicht dazu gebracht, eine Familie mit jemandem zu gründen, der gar nicht richtig für mich war, anstatt mich von ihm zu trennen. Das Wissen, dass meine Eizellen eingefroren sind, nimmt mir ein bisschen was von dem Zeitdruck. Es gibt mir das Gefühl, meine Zukunft besser unter Kontrolle zu haben. Ich habe alles getan, was ich konnte, und das ist irgendwie beruhigend.“
Das Einfrieren der Eizellen ist dabei aber natürlich keine unkomplizierte Sache, sondern will wohl überlegt sein: Schon vor dem operativen Eingriff injizierst du dir rund ein bis zwei Wochen lang Hormone – und das nicht nur einmal. Während eines normalen Ovulationszyklus produziert eine Frau nämlich nur eine Eizelle; die Hormone regen die Eierstöcke dazu an, mehr zu produzieren, doch braucht es meist zwei Behandlungszyklen, bis genug Eizellen (etwa 30) gesammelt werden können, um eine realistische Kinderchance zu haben. Hierzulande unterscheidet man dabei zwischen „Medical Freezing“ und „Social Freezing“, also zwischen Eingriffen mit medizinischer Begründung (wenn beispielsweise die Fruchtbarkeit durch eine Chemotherapie gefährdet ist) und denen zur freiwilligen Vorsorge-Familienplanung. Dabei übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung aber nur die Kosten für Medical Freezing; Social Freezing muss aus eigener Kasse bezahlt werden. 

Unsere Leben als „Erwachsene“ beginnen erst später, als es für vorherige Generationen der Fall war. Und trotzdem bleibt unsere Fruchtbarkeit ja dieselbe – und sinkt bei Frauen schon ab dem 30. Lebensjahr.

Und das kann enorm teuer werden: Schon der Eingriff und das Einfrieren kostet etwa 4.000 Euro pro Zyklus, und dazu kommen jährliche Lagerungskosten von etwa 300 Euro. Damit ist aber noch nicht Schluss; schließlich soll daraus irgendwann auch ein Kind entstehen, und das Auftauen, Befruchten und Einpflanzen der Eizellen kostet nochmal mehrere Tausend Euro. 
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Trotz der hohen Kosten des Social Freezing steigt die Nachfrage: Immer mehr Frauen können und wollen es sich auch ohne medizinischen Grund leisten, ihre Eizellen einfrieren zu lassen und ihre Fruchtbarkeit so künstlich zu verlängern. Für Deutschland gibt es dafür zwar keine offiziellen Zahlen, aber Reproduktionsmediziner:innen berichten auch hierzulande über einen gefühlten Anstieg der Nachfrage in ihren Praxen. In Großbritannien ist man da etwas weiter – die Human Fertilisation and Embryology Authority führt eine offizielle Statistik, laut der die Zahl der Eizellenlagerungen von nur 1.500 im Jahr 2013 auf knapp unter 9.000 im Jahr 2018 gestiegen sei. Das ist ein Wachstum von 523 Prozent – oder um es einfacher zu sagen: Die Zahl der Frauen, die sich in Großbritannien Eizellen entnehmen und einfrieren lassen hat, hat sich verfünffacht. 
Mir fällt es nicht schwer, das nachzuvollziehen. Auf einem Mädelstrip kamen wir letztens immer wieder auf das Thema zu sprechen: Wir fünf sind alle in unseren frühen Dreißigern, stecken mitten in unserer Karriere – halten uns aber, unabhängig vom Beziehungsstatus, weder finanziell noch emotional für bereit dazu, eine Familie zu gründen. Und das geht nicht nur uns so: Lag der Altersdurchschnitt der Mütter zur Geburt ihres ersten Kindes in Deutschland 1980 noch in den frühen Zwanzigern, sind wir inzwischen durchschnittlich 30 Jahre alt, wenn das erste Baby kommt. 
Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Wir haben heute zuverlässigere Methoden zur Verhütung, die uns bessere Kontrolle über unsere Fortpflanzung ermöglichen. Es studieren und arbeiten mehr Frauen denn je. Das durchschnittliche Heiratsalter liegt inzwischen erst bei 32 Jahren, und mehr als jede:r Vierte wohnt mit 25 Jahren noch bei den Eltern. Sprich: Unsere Leben als „Erwachsene“ beginnen erst später, als es für vorherige Generationen der Fall war. Und trotzdem bleibt unsere Fruchtbarkeit ja dieselbe – und sinkt bei Frauen schon ab dem 30. Lebensjahr. Da ist es kaum verwunderlich, dass das Social Freezing an Beliebtheit gewinnt, und dass Firmen wie Google, Facebook und Apple ihren Angestellten den Eingriff inzwischen als „Bonus“ bezahlen.
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Für die meisten bleibt es aber leider bisher eine Investition, die sie selbst zahlen müssen. Eines haben Frauen wie Ali, die sich das leisten können, aber mit denen gemeinsam, die sich den Eingriff mühsam ersparen müssen – wie die 36-jährige Krankenschwester Ruth, die ihn gerade hinter sich hat: Ihre Eizellen auf Eis zu legen, verleiht ihnen das Gefühl der Kontrolle. „Das ist wie eine sehr teure Versicherung“, erklärt mir Ruth am Telefon, nachdem sie gerade eine 12-Stunden-Schicht hinter sich hat. „Ich fühle mich besser, nachdem ich es jetzt hinter mir habe – obwohl ich mir wünsche, ich hätte es schon früher gemacht. Dann hätten sie vielleicht mehr als nur fünf Eizellen sammeln können.“ Ruth war wahnsinnig enttäuscht davon, nur fünf Eizellen entnommen zu bekommen, kann sich aber keinen zweiten Zyklus leisten.
Den Begriff „Versicherung“ höre ich im Kontext von Social Freezing sehr oft. „Dabei ist das eigentlich das falsche Wort dafür“, meint die Gynäkologin Lisa Webber. „Eine Versicherung zahlt sich schließlich irgendwann aus, und die Umstände dafür kennst du schon vorher genau. Ich empfehle Frauen, die überlegen, ihre Eizellen auf Eis zu legen, den Eingriff deswegen eher als Chance zu sehen – nicht als Versicherung. Schließlich beweisen die Zahlen, dass es keine Erfolgsgarantie gibt.“ Richtig: Ein Baby ist dadurch nicht garantiert.
Aber wie sehen diese Zahlen denn konkret aus? Lisa erklärt es mir: Die Wahrscheinlichkeit, dass die eingefrorenen Eizellen das Auftauen überleben, liegt bei rund 70 bis 80 Prozent. Dabei spielt auch das Alter der Frau zum Zeitpunkt der Entnahme eine große Rolle – die Chance auf ein gesundes Kind hängt nämlich direkt mit dem Alter der Mutter zusammen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese erfolgreich aufgetauten Zellen dann zu einer gesunden Geburt führen, ist aber tatsächlich erschreckend gering: Wenn man Mehrlingsschwangerschaften aus der Statistik ausschließt, liegt die Chance einer erfolgreichen Geburt bei Unter-35-Jährigen bei 28 Prozent. Zwischen 35 und 37 Jahren liegt sie dann schon bei 23,5 Prozent, und bei 38- und 39-jährigen Patientinnen beträgt sie 18 Prozent. Und so geht es weiter: Bei 40- bis 42-Jährigen liegt sie bei 11, bei 43- bis 44-Jährigen nur noch bei 4 Prozent. 
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Bei all diesen Berechnungen gibt es aber noch etwas zu bedenken: die Zahl der gesammelten Eizellen und die Zahl der daraus erschaffenen Embryonen. Das nennt sich die kumulative Lebendgeburtenrate. Eine Frau unter 35 Jahren, der zehn Eizellen entnommen wurden, hat demnach eine 60- bis 70-prozentige Chance auf eine Lebendgeburt, da sie sich vielleicht mehr als nur einmal Embryonen einpflanzen lässt. Bei einer Über-35-Jährigen liegt die Chance bei derselben Anzahl entnommener Eizellen aber bloß bei 30 Prozent. 
Diese Wahrscheinlichkeiten klingen teilweise verschwindend gering – dabei sollten wir die Zahlen aber mit Vorsicht genießen, warnt Lisa. Viele dieser Statistiken beziehen sich nämlich auf Eizellen, die schon vor Jahren eingefroren wurden, bevor die Technologien dahinter verbessert wurden. Seitdem wurden viele weitere Tausend Eizellen eingefroren, die aber noch gar nicht zum Einsatz kamen – und zu deren Erfolgsrate es demnach auch noch keine Zahlen gibt. „Der Vorgang des Einfrierens kann sich stark unterscheiden“, meint Lisa. „Früher wurden die Eizellen durch sogenanntes Slow Freezing langsam abgekühlt; heute verwenden die meisten Kliniken aber die Methode der Vitrifikation (Flash Freezing), bei der die Eizellen schockgefrostet werden. Die Verlässlichkeit der Statistiken hängt also davon ab, wann die Zahlen erhoben und welche Methoden verwendet wurden.“

Es gibt so viele Mythen rund um die weibliche Fruchtbarkeit, und viele Frauen in ihren Zwanzigern oder Dreißigern haben keine Ahnung davon, bis sie versuchen, ein Kind zu bekommen – obwohl es dann schon zu spät sein könnte. 

Julia, 33
Eine Frage, die sich viele Frauen vor dem Eingriff stellen: In welchem Alter solltest du deine Eizellen idealerweise einfrieren lassen? Lisa betont zwar, dass die Gleichung „je jünger, desto besser“ zwar stimmt, sich aber viele Frauen den Eingriff in ihren Zwanzigern kaum leisten können dürften. Außerdem besteht so früh noch eine höhere Chance, „rechtzeitig“ einen Partner zu finden und mit diesem auf natürliche Weise ein Kind zu bekommen. Glücklicherweise gibt es in Deutschland aber – im Gegensatz zu Großbritannien, wo Eizellen nur zehn Jahre gelagert werden dürfen – keine zeitliche Obergrenze für die Lagerung, sehr wohl aber für das maximale Alter der Patientin zum Zeitpunkt der Entnahme. Das kann jede Klinik selbst entscheiden; bei vielen liegt die Deadline bei 35 Jahren. 
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Auch die 33-jährige Grafikdesignerin Julia hat sich vor Kurzem Eizellen entnehmen lassen – eine Entscheidung, die sie wie Ali rund ein Jahr nach dem Ende einer langen Beziehung traf. Sie zahlte knapp 5.500 Euro; beim Eingriff wurden zehn geeignete Eizellen gesammelt. Trotz dieses Erfolges weiß sie aber, dass es eben keine „Versicherung“ ist. „Ich denke, es ging mir dabei weniger darum, für meine Fruchtbarkeit zu zahlen, als darum, mir ein bisschen Ruhe zu verschaffen“, erklärt sie. „Ich weiß, dass das Einfrieren keine Garantie für ein Baby ist, aber es schenkt mir mehr Selbstbewusstsein. Meiner Meinung nach sollten Frauen die Möglichkeit haben, ihre Fruchtbarkeit jährlich untersuchen zu lassen. Es gibt so viele Mythen rund um die weibliche Fruchtbarkeit, und viele Frauen in ihren Zwanzigern oder Dreißigern haben keine Ahnung davon, bis sie versuchen, ein Kind zu bekommen – obwohl es dann schon zu spät sein könnte. Meine Situation gibt mir da Stärke.“
Und obwohl auch die männliche Fruchtbarkeit ab 40 nachlässt, hört man selten einen Mann nach einer Beziehung sagen, er habe damit „Zeit verschwendet“. Frauen fühlen sich noch immer von einer unsichtbaren, aber unvermeidlichen „biologischen Uhr“ verfolgt, die wie ein Damoklesschwert über uns hängt, wann immer wir eine Beziehungs- oder Karriereentscheidung treffen müssen. Es ist daher wenig überraschend, dass sich daraus ganze Geschäftsmodelle entwickelt haben – auch, wenn sich dadurch die Frage stellt, wie ethisch verwerflich es eigentlich ist, wenn Privatkliniken von weiblicher (Un-)Fruchtbarkeit und unserem Bedürfnis, uns selbst ein wenig mehr Zeit zu kaufen, profitieren.  
Vor allem, weil uns diese Zeit nichts garantiert. Janet Lindsay von der Organisation für Frauengesundheit Wellbeing of Women sagt es vielleicht am besten: „Wir unterstützen die Entscheidung jeder Frau, selbst die Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit zu übernehmen. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass das nicht-medizinische Einfrieren von Eizellen nicht die ‚Versicherung‘ ist, für die es oft gehalten wird. Social Freezing sollte nicht als ‚Heilmittel‘ gegen die völlig natürliche Abnahme der weiblichen Fruchtbarkeit verkauft werden.“

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