Seit ich weniger verdiene, kann ich mir mehr leisten

Foto: Erin Yamagata
Sicher kennst du den Spruch “Glück kann man nicht kaufen“. Und da ist natürlich was dran. Doch darum geht es in meiner Geschichte gar nicht. Oder nur bedingt. Es geht vielmehr darum, dass ich mir, seitdem sich mein Gehalt halbiert hat, endlich Designerschuhe leisten kann. Es geht darum, zu lernen, bewusster mit Geld umzugehen und achtsamer zu sein, was Geldangelegenheiten angeht. Und ja: Ich kann das Wort “Achtsamkeit“ auch nicht mehr hören.
Als ich meine Festanstellung kündigte, um als Freelancer zu arbeiten, hatte ich gewisse Erwartungen: Ich dachte, ich würde glücklicher sein und wieder mehr Zeit für mich und meinen Sohn haben. Was ich definitiv nicht erwartet hatte, war, dass ich mich reicher fühlen würde. Ich dachte, ich würde Geld gegen Zeit tauschen. Mit 33 hatte ich endlich realisiert, dass Letzteres ist das wertvollere Gut ist. Ich mich hatte gedanklich bereits darauf eingestellt, ärmer zu sein und es war vollkommen okay für mich. Aber dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Ich konnte mir plötzlich schickere Klamotten und bessere Urlaube leisten. Mittlerweile zahle ich keine Schulden mehr ab, sondern kann sogar etwas Geld beiseitelegen – und dafür muss ich noch nicht mal jeden Cent umdrehen und auf alles Mögliche verzichten. Und ich habe sogar mehr Spaß daran, Geld auszugeben als früher.
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Ich war 21 als ich das erste Mal “echtes Geld“ verdiente. Ich arbeitete damals für eine Werbeagentur. Sie hatten mir 16.000 angeboten und ich hatte direkt zugesagt (schon lustig, dass es gesellschaftlich gesehen okay ist, über das erste Gehalt zu sprechen, doch wenn wir älter werden, wird es auf einmal zum Tabuthema). Selbst vor 12 Jahren war es echt schwer, mit 16.000 klarzukommen – vor allem in London. Aber ein älterer Kollege hat mal zu mir gesagt, in der Werbebranche wird man in der ersten Hälfte der Karriere unterbezahlt und in der zweiten überbezahlt. Er hatte recht. Nach ein paar Jahren bedeutete ein Jobwechsel die Verdopplung des Gehalts. Wenn du also ein paar Mal die Agentur wechselst, verdienst du relativ schnell sehr gutes Geld. Und genau so lief es auch bei mir. Doch die Krux bei der Sache ist: Ich war mir damals gar nicht bewusst, wie viel ich tatsächlich verdiente. Hättest du mich gefragt, wie ich mein Gehalt finde, hätte ich gesagt, es ist zu niedrig – und das, obwohl ich zu den Top-Verdiener*innen der UK zählte.
Jeden Monat gab ich Tausende aus und alles, was ich am Ende hatte, war ein Stapel H&M-Tops, die ich nur ein einziges Mal trug und dann wieder aussortierte. Ich verdiente genug, um nicht über Geld nachdenken zu müssen. Genug, um Cocktails zu bestellen, sie aber nicht auszutrinken. Genug, um Urlaube zu buchen und sie kurz vor der Abreise wieder zu stornieren – der trotz Stornogebühr in Höhe von 80 Prozent. Genug, um nicht vom Rückgaberecht Gebrauch zu machen, obwohl mir die Klamotten weder passten noch gefielen. Ich warf mein Geld zum Fenster hinaus. Ich dachte einfach nicht darüber nach.
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Ich habe nie einen Haushaltsplan aufgestellt oder auch nur meine fixen und flexiblen Kosten aufgelistet. Ich stopfte mit Geld die Löcher, die ich eigenhändig geschaffen hatte. Ich kaufte mir unterwegs ein paar neue Sneaker, weil ich meine zu Hause vergessen hatte, aber in der Mittagspause mit einer Kollegin zum Joggen verabredet war. Es war fast so, als hätte Geld keinen Wert für mich.
„Aber du hast dir sicher viele fancy Klamotten gekauft, oder?!“, fragen mich Freund*innen manchmal. Aber das habe ich nicht. Um “fancy“ zu finden, braucht es Zeit, Aufmerksamkeit und einen aktiven Kaufprozess. Wenn du dir innerhalb von 15 Minuten eine Jeans kaufst, einfach nur, weil du Zeit zwischen zwei Meetings totschlagen musst, ist deine Beute wahrscheinlich alles andere als fancy. Vielleicht besteht sie aus schickem, nachhaltigem, hochwertigem Denim, doch sie wird dir nicht richtig passen. Du kaufst sie trotzdem, weil du eine neue Jeans brauchst und weil du das Gefühl hast, eine Belohnung verdient zu haben. Und weil 180 Euro noch im Rahmen sind. Und dann landet die Hose in deinem Schrank. Ab und zu holst du sie raus, schlüpfst rein, ziehst sie dann aber doch wieder aus, bevor du das Haus verlässt, weil dir beim Rausgehen der Cameltoe auffällt. Und zack! flattern wieder 180 Euro zum Fenster hinaus.
„Es klingt so, als hättest du keinen Respekt vor Geld gehabt“, sagt die Psychologin Dr. Joan Harvey. Und damit hat sie vollkommen recht. Vielleicht dachtest du, Geld muss einen hohen Stellenwert für mich gehabt haben – schließlich habe ich sehr hart dafür gearbeitet. Dabei war es andersrum: Ich musste hart arbeiten, um das Geld zu verdienen, mit dem ich meine sinnlosen Einkäufe bezahlte. Dr. Harvey äußerte außerdem die Vermutung, ich hätte damals wahrscheinlich auch keinen Respekt vor meiner Zeit gehabt. Sie meint, vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Budgetplanung nicht nur etwas damit zu tun hat, mehr Geld zum Ausgeben rauszuholen – sie kann einem auch mehr Zeit bescheren. Und damit trifft sie genau ins Schwarze. Es klingt lächerlich, aber es hat sehr lange gedauert, bis ich realisiert habe, dass es meine Angewohnheiten in Sachen Geld ausgeben waren, die mich dazu zwangen, meinen ultrastressigen Vollzeit-Job nicht an den Nagel zu hängen.
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Kurz bevor ich dann letztendlich doch beschloss, zu kündigen, hörte ich, wie mein 22-jähriger Neffe mit seinen Kumpels auf die Art und Weise über Zeit sprachen, wie ich und meine Freund*innen damals über Geld gesprochen hatten. Er hatte bei seinem neuen Job mehr Urlaubstage verhandelt – ich mehr Geld. Er arbeitet vier Tage pro Woche und nimmt sich so oft es geht frei, um mit seiner Band auf Tour zu gehen. Zu sehen, wie mein kleiner Neffe das (Arbeits-)Leben rockt, brachte mich ganz schön ins Grübeln. Und als ich dann auch noch eines Abends feststellte, dass ich die letzten vier Tage erst nach Hause gekommen war, als mein Sohn schon lange tief und fest schlief, war klar, ich muss etwas verändern. Ich muss kündigen.
In dem Moment als mir bewusst wurde, es würde von nun an nicht mehr regelmäßig Geld auf mein Konto fließen, fing ich an, sparsamer zu leben. Ich überlegte mir eine kleine Challenge: Ich wollte nicht mehr als fünf Euro am Tag ausgeben. Der Endorphinrausch, der mich überkam, wenn ich es schaffte, war so viel größer als der, den ich nach einer ausgedehnten Shoppingtour verspürte. Außerdem lernte ich, auf was ich easy verzichten kann – wie Protein Balls, Jakobsmuscheln, Pumpkin Spice Latte und ASOS-Lieferungen. Gleichzeitig lernte ich aber auch, wofür es sich (für mich persönlich) lohnt, zu arbeiten – wie Kinderbetreuung, die Gesichtscreme von Kiehl's und Bier. Im Moment verbringe ich lieber Zeit mit meinem Sohn oder mit Projekten, die zwar nicht so gut bezahlt werden, aber mir wirklich am Herzen liegen, statt in teuren Klamottenläden. Heute ist mir bewusst, dass ich für eine Runde Aperol Spritz, die eigentlich gar niemand wollte, eine Stunde meines Lebens in einem Meetingraum verbringen muss und das ist es mir nicht Wert. Als Freelancerin kann ich so viel oder so wenig arbeiten wie ich will. Deswegen frage ich mich jetzt jedes Mal bevor ich etwas kaufe: „Bin ich bereit, dafür eine oder mehrere Stunden zu arbeiten?“
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Oft wirkt es so, als wäre das einzige Ziel im Leben, noch mehr zu verdienen. Als hätten wir gar keine andere Wahl, als zu versuchen, die Karriereleiter nach oben zu klettern. Doch mir wäre es lieber, wir würden einen anderen Weg einschlagen – einen Weg, bei dem Erfolg nicht mit Gehalt gleichgesetzt wird, sondern mit Wahlmöglichkeiten. Das Ziel sollte sein, frei entscheiden zu können, was und wie wir arbeiten und wie und womit wir unsere Zeit verbringen. Immer, wenn ich einen Artikel á la “10 Tipps, wie du eine Gehaltserhöhung bekommst“ sehe, denke ich, ich hätte lieber 10 Tipps, wie ich nach mehr Urlaubstagen frage oder nach einer Stundenreduzierung (Ich weiß: schwieriges Thema für alle, die aktuell unfreiwillig in Kurzarbeit sind). Ich bin der Meinung, um Spaß daran zu haben, Geld auszugeben, brauchst du Zeit, nachzudenken.
Ich habe das Gefühl, endlich einen gesunden Respekt für Geld zu haben. Ich habe gelernt, Klamotten anzuprobieren, statt sie blind zu kaufen. Und wenn ich mich nicht komplett wohl in ihnen fühle und sie am liebsten jeden Tag tragen möchte, kaufe ich sie gar nicht erst – oder retourniere sie. Ich habe gelernt, Mahlzeiten vorzuplanen. Den ersten Kaffee am Morgen mit Genuss zu schlürfen. Ein Paar Schuhe auszuwählen, in das ich mich Hals über Kopf verliebt habe, statt sieben 08/15-Tops von H&M (die ich gekauft habe, weil ich keine Zeit hatte, meine Klamotten zu waschen). Ich kaufe jetzt frisches Obst und Gemüse und schneide es selbst in Streifen, statt zur vorgeschnittenen Plastiktüten-Option zu greifen. Ich vermeide es, bei Amazon zu shoppen. Wenn ich etwas wirklich gern haben will, kann ich auch meinen Hintern vom Sofa bewegen und in ein Geschäft in meinem Viertel gehen. Ich kaufe keine Blumensträuße mehr, sondern Topfpflanzen. Ich habe gelernt, Taxis sind selten schneller als der Bus. Ich entschuldige mich nicht mehr mit einer teuren Flasche Alkohol, wenn ich zu spät zur Dinner-Party komme, sondern komme einfach pünktlich.

Ganzgleich, wie viel Geld du verdienst, nimm dir die Zeit, darüber nachzudenken,wie du es ausgeben willst. Und wenn du dir dann etwas gönnst, mach dir bewusst,wie gut es sich anfühlt, sich etwas leisten zu können, dass du wirklich haben willst.

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