Bist du wirklich hetero – oder ist das „Zwangsheterosexualität“?

Illustration: Lily Fulop.
Wenn du herauszufinden versuchst, wer du bist und was deine Sexualität ausmacht, wirst du nicht drumrumkommen, einige vermeintliche „Wahrheiten“ über dich und dein Umfeld bewusst zu verlernen. Einen Teil deiner Identität zu entdecken – oder zu akzeptieren –, heißt häufig, dass du dich von anderen Teilen verabschieden musst.
Von diesem zutiefst persönlichen Prozess können insbesondere queere Communitys ein Lied singen. Den besten Beweis dafür liefert TikTok, wo gerade jede Menge Videos zum Begriff „compulsory heterosexuality“ (z. Dt.: „verpflichtende Heterosexualität“ oder „Zwangsheterosexualität“), kurz „comphet“, die Runde machen. Der Hashtag dazu hat aktuell bereits über 112 Millionen Views. 
„Vielen wird gerade klar, dass wir in der westlichen Kultur in einer heteronormativen Gesellschaft aufwachsen, die automatisch davon ausgeht, jede:r sei heterosexuell und cisgender, bis das Gegenteil bewiesen wird“, erzählt Tessa Caramia von der LGBTQ+-Organisation Minus18
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Was ist „compulsory heterosexuality“, also Zwangsheterosexualität?

„Zwangsheterosexualität“ bezieht sich darauf, wie eine patriarchische, heteronormative Gesellschaft Frauen gesellschaftlich darauf konditioniert, ihre Interaktionen und Beziehungen zu Männern als romantisch oder sexuell zu interpretieren.
„Zwangsheterosexualität zwingt lesbische Menschen dazu, mit großen Schwierigkeiten den Unterschied darin zu erlernen, welche Bedürfnisse ihnen beigebracht wurden (den Wunsch, mit Männern zusammen zu sein) und welche Bedürfnisse wirklich ihnen gehören (den Wunsch, mit Frauen zusammen zu sein“, erklärt das beliebte „Am I a lesbian?“-Dokument auf Tumblr. 
Der Begriff „Zwangsheterosexualität“ ist dabei aber keine neue Erfindung, sondern wurde schon von der feministischen Dichterin und Autorin Adrienne Rich in ihrem 1980er-Essay Zwangsheterosexualität und lesbische Existenzverwendet und beschreibt das Konzept einer systematischen vorgeschriebenen Heterosexualität.

Die Annahme, ‚Die meisten Frauen sind von Natur aus heterosexuell‘, ist für viele Frauen sowohl in theoretischer als auch politischer Hinsicht eine große Hürde. Leider lässt sie sich auch so leicht stützen.

Adrienne Rich
„Die Annahme, ‚Die meisten Frauen sind von Natur aus heterosexuell‘, ist für viele Frauen sowohl in theoretischer als auch politischer Hinsicht eine große Hürde. Leider lässt sie sich auch so leicht stützen – zum Teil, weil das Eingeständnis, dass die Heterosexualität von Frauen gar keine ‚Vorliebe‘, sondern womöglich etwas sein könnte, das ihnen aufgedrückt, propagiert und gewaltsam aufrechterhalten wird, ein riesiger Schritt ist, wenn du dich selbst als freiwillig und ‚von Natur aus‘ heterosexuell betrachtest“, schrieb Rich.

Was sind die Anzeichen von Zwangsheterosexualität?

In einem Video, das inzwischen beinahe eine halbe Million Likes hat, erklärt die TikTok-Userin @femmefetti die typischen Anzeichen von Zwangsheterosexualität – zum Beispiel, wenn du einen Mann nur magst, bis er deine Gefühle erwidert, wenn du nur fiktive Männer oder Promis magst oder sexuelle Intimität mit Männern nicht wirklich genießt.
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Eine weitere Userin erzählte von alldem, was sie vor ihrem Coming-out als lesbisch für „normal“ hielt – zum Beispiel, dass sie beim Sex immer die Augen schloss, sich nur zu feminin aussehenden Männern hingezogen fühlte oder Männer anhand dessen „aussuchte“, wie attraktiv sie auf andere Frauen wirkten. „Fühle ich mich zu Männern hingezogen oder will ich nur, dass sie sich zu mir hingezogen fühlen? Kann ich mir vorstellen, dass ein Mann all meine emotionalen und körperlichen Bedürfnisse erfüllt? Sind das Schmetterlinge in meinem Bauch, oder bin ich einfach nur unruhig?“, fragt jemand anderes
Laut dem „Am I a lesbian?“-Dokument zeigt sich die Zwangsheterosexualität vor allem in Form einer erzwungenen Hingezogenheit zu Männern, von leidenschafts- und gefühllosem Sex und einem komplizierten Interesse gegenüber Frauen. 
Natürlich variiert jede individuelle Erfahrung von Person zu Person. Wenn du diese Anzeichen an dir selbst feststellst, lassen sich daraus keine eindeutigen Schlüsse über deine Sexualität ziehen.

Ist diese Theorie biphobisch?

Obwohl sich viele Frauen, die sich zuvor für heterosexuell hielten, durch dieses Phänomen jetzt mit ihrer LGBTQ+-Identität wohler fühlen, hat es auch vielen bi- und pansexuellen Menschen der Tatsache gegenüber die Augen geöffnet, dass sie eigentlich lesbisch sind.
Weil Zwangsheterosexualität und verinnerlichte Biphobie so eng miteinander verwoben sind, kann es schwierig sein, beides auseinanderzuhalten. Die queere Community ist seit jeher von Biphobie durchzogen, und viele Menschen sprechen Bisexualität bis heute keine Daseinsberechtigung zu; stattdessen behaupten sie, Bisexualität sei nur ein „Zwischenhalt“, eine Maske, hinter der sich in Wahrheit Homosexualität verberge.
Das wachsende Bewusstsein rund um #comphet hat auch dazu geführt, dass viele Menschen bisexuelle Charaktere in Film und Fernsehen heute anders betrachten und ihnen unterstellen, sie seien in Wahrheit homosexuell. Dagegen werden immer mehr Stimmen laut. „Ich wünsche mir echt, dass die Leute endlich mal damit aufhören würden, zu behaupten, eine bisexuelle Frau (die auch schon gesunde Beziehungen mit Männern hatte) sei eigentlich bloß ‚comphet‘ und lesbisch“, schreibt jemand auf Twitter.
Klar ist: Das Konzept der Zwangsheterosexualität hat vielen die Augen geöffnet. Gleichzeitig sollten wir dabei aber immer bedenken, dass Bisexualität dennoch eine echte sexuelle Orientierung ist. 

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