Bewerbungsgespräch: Sollte ich die Firma um Referenzen bitten?

Illustration: Seung Chun.
Über schlimme Vorgesetzte hat jede:r von uns irgendeine Story zu erzählen. Wir hatten alle schon mal eine:n, oder haben zumindest aus unserem Umfeld die absurdesten Anekdoten gehört. Leider bemerken wir die toxischen Tendenzen dieser Vorgesetzten oft selbst erst viel zu spät. Aber was, wenn du dir schon beim Einstellungsprozess einen klareren Eindruck des Charakters deines neuen Chefs bzw. deiner neuen Chefin verschaffen könntest?
Dir einen neuen Job zu besorgen – oder überhaupt an ein Vorstellungsgespräch zu kommen –, kann schon schwer genug sein. Wenn du aber dringend Geld und Beschäftigung brauchst, läufst du vermutlich mit metaphorischen Scheuklappen durch den Bewerbungsvorgang und übersiehst dabei womöglich das eine oder andere Warnzeichen. Dabei solltest du eigentlich bedenken, dass ein Bewerbungsgespräch nicht nur der Firma die Chance bieten soll, dich auf die Probe zu stellen, sondern auch dir, deine potenziellen neuen Arbeitgeber:innen kennenzulernen und herauszufinden, ob sie gut zu dir passen.
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Als ich also über ein TikTok-Video von Allison Peck (@allifromcorporate0) stolperte, in dem sie erzählte, wie ihr der Manager in ihrem Vorstellungsgespräch Empfehlungen von ehemaligen Angestellten angeboten habe, die für ihn gearbeitet hatten, war ich total baff.
„Er sagte zu mir: ‚Hier sind die Namen von drei Frauen, die für mich gearbeitet haben. Sie sind meine Empfehlungen; sie haben gesagt, Sie können sie anrufen und fragen, wie es war, als Frau für mich zu arbeiten.‘ Ich rief sie also an und sie erzählten mir, er sei der beste Chef gewesen, den sie je gehabt hätten. Ich arbeitete daraufhin jahrelang in der Firma“, erzählt Allison. Wenn das mal nicht eine Verschiebung der Machtverhältnisse ist!
Abbie Baker, Leiterin von Baker Recruitment, meint, das habe sie so auch noch nicht gehört. „Ich finde aber, das ist eindeutig etwas, was [Arbeitgeber:innen] tun sollten“, sagt sie gegenüber Refinery29 Australia. Dazu verweist sie auf Glassdoor, eine Seite, auf der aktuelle und ehemalige Mitarbeiter:innen anonyme Bewertungen zu ihren Arbeitsplätzen abgeben können. Dort wird Transparenz groß geschrieben. „Der häufigste Grund dafür, warum unsere Klient:innen den Job wechseln wollen, ist die Arbeitskultur“, sagt Baker. „Ein:e Chef:in, dessen:deren Tür immer offen steht und den:die du immer ansprechen kannst, sorgt für ein harmonischeres Arbeitsumfeld.“
Es ist demnach keine Überraschung, dass es einen starken Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen und ihrer Beziehung zu ihren direkten Vorgesetzten gibt. Laut McKinsey ist die Beziehung zum Management sogar der einflussreichste Faktor in der Bestimmung der Jobzufriedenheit und der zweitwichtigste Aspekt im generellen Wohlbefinden bei der Arbeit. Trotzdem ergab eine McKinsey-Umfrage von 2019, dass für 75 Prozent der Befragten der stressigste Teil ihres Jobs der:die unmittelbare Vorgesetzte sei. 
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„Wenn sich in einer Firma die Angestellten die Klinke quasi in die Hand geben, ist das normalerweise ein Warnsignal. Warum ist der Mitarbeiter:innenverschleiß da so hoch? Wenn ein:e Chef:in gut ist, kann er:sie die Angestellten für gewöhnlich länger halten“, meint Baker. 
Deswegen empfiehlt sie, schon beim Bewerbungsgespräch als Kandidat:in zu fragen, warum die Stelle überhaupt frei ist, und vorher ein bisschen zu recherchieren, wie lange Mitarbeiter:innen dort für gewöhnlich arbeiten.

Die Beziehung zwischen euch ist keine Einbahnstraße, sondern ein Geben und Nehmen.

ABBIE BAKER
„Wie viele Leute die Position bereits besetzt haben, ist eine weitere gute Frage“, ergänzt Baker. „Wenn jemand schon drei oder vier Assistent:innen hatte, stellt sich die Frage: Warum? Du solltest wissen, welche Art von Unterstützung dir [dein:e potenzielle:r Chef:in] bieten kann.“
Zum Glück gibt es aber auch ein paar grüne Flaggen, nach denen du im Bewerbungsverlauf die Augen offen halten kannst. Baker zufolge ist klare Kommunikation das eindeutigste Anzeichen eines guten Managements. Ein strukturierter Onboarding-Prozess und ein Business-Plan, dem Angestellte entnehmen können, wie sie ihre beruflichen Ziele verfolgen können, sind zwei weitere positive Indikatoren, meint Baker.
„Für mich sind gute Chef:innen auch immer gute Mentor:innen“, sagt sie. „Die Beziehung zwischen euch ist keine Einbahnstraße, sondern ein Geben und Nehmen. Du arbeitest für jemanden, möchtest aber auch, dass er:sie dir beim Erreichen deiner Ziele hilft.“
Während wir uns langsam von der #Girlboss-Kultur distanzieren und uns nicht mehr so stark von traditionellen Erfolgsmaßstäben blenden lassen, werden unsere Zufriedenheit und Freude am Arbeitsplatz immer wichtiger. Schließlich geht es nicht nur darum, was du einer Firma geben kannst – sondern auch darum, was sie dir ermöglicht.

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