5 Frauen beweisen, dass Tattoos ab 50 immer schöner werden

„Das wirst du in ein paar Jahren bereuen“ ist einer der häufigsten Sätze, die Menschen zu hören bekommen, wenn sie überlegen, sich in jungen Jahren ein Tattoo stechen zu lassen. Die dahinterstehende Überlegung ist, dass ein Tattoo, das bei einer Zwanzig- oder Dreißigjährigen vermeintlich frisch und strahlend aussieht, mit der Zeit zu einem ausgeblichenen und verschwommenen Bild auf alter Haut wird. Doch diese Behauptung ist nicht nur altersdiskriminierend, sondern auch eng mit der Vorstellung verknüpft, wie Frauen sich ab einem bestimmten Alter zu präsentieren haben. Darüber hinaus kommen manchen Menschen beim Stichwort „Tattoo“ noch immer Assoziationen mit männlichen Seemännern und Kriminellen in den Sinn. Ältere Frauen mit Tinte unter der Haut haben also auch heute noch sowohl mit sexistischen als auch mit altersdiskriminierenden Vorurteilen zu kämpfen.
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Obwohl Tattoos mittlerweile de facto nichts Ungewöhnliches mehr sind: Laut einer repräsentativen Umfrage sind mehr als ein Siebtel der Deutschen tätowiert. Insbesondere unter den Jüngeren steigt diese Zahl immer weiter an. Man könnte also meinen, Tätowierungen seien in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch für Frauen über 50 scheint das nicht zu gelten.
Ob man sich aus einem Impuls heraus tätowieren lässt, die Motivation dahinter tiefgreifende persönliche oder nur ästhetische Gründe hat, Tattoos hinterlassen dauerhafte Spuren auf unserer Haut. Dass Frauen sich selbst dafür entscheiden, mit ihrem Körper zu machen, was sie für richtig halten, ist immer ein Grund zu feiern, egal wie alt sie sind. Glücklicherweise gibt es auch immer mehr ältere Frauen, die offen mit ihren Tattoos umgehen. Wir haben fünf von ihnen getroffen und sie nach den Geschichten hinter ihrer Körperkunst gefragt.
Blue, 54, Besitzerin von The Blue Tattoo
1983, im Alter von 19 Jahren, bekam Blue ihr erstes Tattoo: ein schwarzes Herz mit einem Dolch. Inspiriert wurde das Motiv von ihrem damaligen Lieblingssong „Black Heart“ von der New-Wave-Band Marc and the Mambas. Kein geringerer als Tattoo-Legende Bob Roberts, der zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre als Profi-Tätowierer arbeitete, verpasste ihr das Motiv damals in seinem weltberühmten Studio Spotlight Tattoo in der Melrose Avenue in Los Angeles. „Ich liebe mein erstes Tattoo auch nach 36 Jahren noch und auch, wie es gealtert ist. Mittlerweile bin ich am gesamten Körper tätowiert.“ So sehr, dass nur noch kleine Tattoos in Lücken passen oder sie manche Motive überstechen lässt. Über die bereits gestochenen, langsam ausgeblichenen Motive kommen heutzutage neue, strahlende Cover-ups.
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„Ich habe keines von ihnen jemals bereut“, sagt Blue stolz. „Ich bin, wie ich bin und ich schaue nicht zurück.“ Während einige Motive eine persönliche Bedeutung haben, sind ihre Tattoos für sie in erster Linie ein Mittel, sich auszudrücken und sich an die Zeit zu erinnern, in denen sie gestochen worden sind. „Darüber hinaus sind sie allesamt wunderschöne Bilder von tollen Tattookünstlern und -künstlerinnen.“
Liz, 57
Es wird oft gesagt, dass Leute sich nie nur ein Tattoo machen lassen, sondern dass auf das erste immer auch weitere folgen. Manche bezeichnen das erste Tattoo deshalb als Einstiegsdroge in die Welt der Körperbilder. So ging es auch der 57 Jahre alten Liz, die wirklich schnell angefixt war. Im vergangenen Mai hat sie sich ihr erstes stechen lassen. Während des Sommers sind es sage und schreibe 16 weitere geworden. „Ich habe mir mein erstes Tattoo zum 18. Geburtstag meiner Zwillingstöchter machen lassen. Sie hatten sich gewünscht, dass wir uns alle zu dritt das Gleiche stechen lassen.“ Es handelt sich um die Initialen ihrer Kinder, die zufälligerweise T.W.I.N. sind, die englische Übersetzung des Wortes Zwilling.
„Ich habe mir schon immer ein Tattoo gewünscht. Aber ich war früher übergewichtig und sehr unglücklich mit meinem Aussehen. Deswegen wollte ich mir damals keins stechen lassen. Nachdem ich 25 Kilo abgenommen hatte, wollte ich mich selbst belohnen. Da kam die Tätowierung genau richtig.“ Ihr Umfeld reagierte schockiert. Ihre älteren Freund*innen verstehen nicht, wieso sie sich in ihrem Alter noch hat tätowieren lassen hat und lehnen ihre Entscheidung teilweise sogar ab. Die jüngeren hingegen finden es gut, dass sie den Schritt gewagt hat. Auch ihre Familie hat sie dabei unterstützt. Da sie mittlerweile aber schon so viele hat, sind sie der Meinung, dass es jetzt langsam auch mal wieder reicht. Liz selbst ist das egal – für 2019 hat sie schon weitere Motive geplant.
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Marian, 64
Frauen, die die 50 erreichen, müssen oft der Tatsache ins Auge blicken, von nun an für Männer und jüngere Menschen weniger interessant zu sein. Marian entschloss sich dazu, ihren 50. stattdessen zu feiern, indem sie sich selbst ein Tattoo schenkte. 14 Jahre ist es nun her, dass sie diesen Meilenstein ihres Lebens mit einem Stück Körperkunst feierte. „Ich wusste erst nicht, was es werden sollte. Am Ende entschied ich mich für einen Drachen.“ Das Motiv symbolisiert für sie jedoch nichts Bestimmtes. „Ich fand einfach, dass es cool aussieht. Natürlich weiß ich, dass sich viele Leute für ein Drachen-Tattoo entscheiden, aber das fand ich nicht schlimm.“
Marian hatte sich schon lange ein Tattoo gewünscht, als Juristin hatte sie jedoch immer die Befürchtung, dass es ihrer Karriere schaden könnte, würden andere in der Kanzlei Wind davon bekommen. Auch ihre Familie ist Körperkunst gegenüber negativ eingestellt. „Sie finden es schlimm, den Körper so zu ‚verunstalten‘.“ Nachdem sie sich zu ihrem ersten Tattoo, dem Drachen, durchgerungen hatte, war es ihr Ruhestand, der den Weg zu weiteren Tätowierungen ebnete. „Ich habe meine zwei großen Leidenschaften auf meinen Oberschenkeln verewigt: Schwimmen im offenen Wasser und Pferde“, erklärt sie. Als Vorlagen dafür dienten ihr Fotografien, die dann von der Londoner Tätowiererin Martha Smith umgesetzt wurden.
Die Schwimmerin auf dem linken Oberschenkel stellt sie selbst dar. „Ich habe mein Selbstbewusstsein durchs Schwimmen aufgebaut. Ich gehe oft im Morgengrauen.“ Dieses Hobby hat ihr neuen Auftrieb gegeben und das Gefühl, eins mit der Natur zu sein. Das Tattoo hat sich Marian als dauerhafte Erinnerung daran stechen lassen, wie gut ihr die Bewegung im Wasser tut – körperlich wie auch mental. Das Tattoo auf dem rechten Oberschenkel symbolisiert ihre Liebe zu Pferden. Die ruhigen, sanften Gespräche mit den Tieren waren für sie über Jahre hinweg eine Möglichkeit, Stress abzubauen, insbesondere, als sie noch in Vollzeit arbeitete. „Diese Tätowierung repräsentiert die Verbindung, die ich damals zu einem Pferd namens Bree gespürt habe. Sie hat sich Befehlen von anderen Menschen oft widersetzt, mich hatte sie allerdings sofort akzeptiert – darauf war ich stolz.“
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Auf ihrem Handgelenk ist das Wort „Basta“ geschrieben, das so viel wie stop oder genug auf Italienisch bedeutet. Das soll sie davon abhalten, zu viel – oder überhaupt – zu trinken, indem der Schriftzug jedes Mal dann, wenn sie nach einem Glas greift oder eine Flasche hochhebt, für sie zu sehen ist. „Mir ist bewusst, wie sehr meine Alkoholexzesse in der Vergangenheit Familienfeiern und Beziehungen ruiniert haben. Dieses Jahr habe ich mich dazu entschlossen, das Problem anzugehen“, erzählt sie im Gespräch. „Unsere Kultur setzt Alkohol mit Spaß gleich. Es ist nicht einfach, rauszugehen und dem Druck zu Trinken zu widerstehen. Aber bislang hat dieses Tattoo ziemlich gut für mich funktioniert.“ Außerdem hilft es ihr, sich auf das Triathlontraining zu konzentrieren – auch so eine Herausforderung, der sie ich, seit sie in Rente ist, widmet. Marian hofft, sich für die europäischen Meisterschaften im Schwimmen und Radfahren im nächsten Jahr qualifizieren zu können.
Die Reaktionen, die sie bislang von älteren Leuten auf ihre Tattoos bekommen hat, waren hauptsächlich positiv. Sie schwankten zwischen interessiert und ein wenig schockiert, waren aber fast alle nicht wertend. Jüngere Menschen fanden ihre Tätowierungen prinzipiell einfach cool. „Körperkunst ist heutzutage als eine Form des persönlichen Ausdrucks viel akzeptierter. Gerade beim Schwimmen ist mir aufgefallen, dass Menschen jeden Alters und Geschlechts Tattoos haben. Mit meinen vier Stück fühle ich mich deswegen ziemlich normal.“ Das nächste Tattoo auf Marians Liste soll ihre Teilnahme bei den europäischen Meisterschaften feiern, wenn es soweit kommt. „Außerdem möchte ich, dass Martha das Schwimmerinnen-Tattoo um eine Seeschlange erweitert. Sie soll die Gefahr symbolisieren, die ich überwunden habe, indem ich mich neuen Herausforderungen gestellt habe.“
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Pamela, 50
Genau wie Marian ist auch die Kinderkrankenschwester Pamela wegen ihrer Tätowierung eine Rarität unter ihren Berufsgenossinnen. Ihr erstes Tattoo ließ sie sich 1990 im Alter von 21 Jahren stechen. „Eigentlich war ich nur mitgekommen, um eine Freundin zu begleiten, die sich ihr erstes Tattoo stechen lassen wollte. In letzter Minute entschied ich mich dann aber, selbst eins machen zu lassen. Es wurde eine Rose auf meiner Schulter.“ Rückblickend musste Pamela leider feststellen, dass es nicht gut gemacht war. Deswegen entschied sie sich, das günstige Tattoo mit einem riesigen Rückentattoo zu überdecken.
„Ich stand zwei Jahre lang auf der Warteliste eines sehr begehrten Tätowierers und habe etwa 2000 Pfund (ca. 2260 Euro) ausgegeben, um dieses Kunstwerk immer bei mir zu tragen.“ Außerdem hat sie ein Portrait von Che Guevara auf die Innenseite ihres Unterarms tätowiert. „Das ist mein Lieblingstattoo, weil es mich daran erinnert, bei allem, was ich tue, mein Bestes zu geben.“
Die spontane Entscheidung, sich vor 30 Jahren ein Tattoo stechen zu lassen, hat ihr Leben verändert, sagt sie. „Ich liebe meine Tattoos, weil ich durch sie immer mit anderen Menschen ins Gespräch komme.“ Dass fast keine*r ihrer Kolleg*innen tätowiert ist, ist für Pamela kein Problem: „So hebe ich mich ein bisschen vom Rest ab. Das ist für mich persönlich immer etwas Gutes.“
Marie-Anne, 54
Wie bei Liz, Marian und Pamela, bei denen ihre Unterarm-Tattoos für Erinnerungen an Dinge stehen, die ihnen wichtig sind, hat auch das von Marie-Anne eine sehr besondere Bedeutung. Im Alter von 48 Jahren entschied sie sich für ihr erstes Tattoo, einen Davidstern, der mit einem Kreuz verflochten ist. Sie selbst war zwar nie religiös, doch „das Symbol repräsentiert meinen jüdischen Vater und meine katholische Mutter“, wie sie erklärt.
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Marie-Anne bereut nicht, sich das Tattoo stechen zu lassen. „Ich liebe es immer noch. Ich habe es selbst gestaltet, deswegen ist es in meinen Augen einzigartig. Es ist keineswegs religiös, obwohl die beiden Symbole natürlich stellvertretend für Religionen stehen. Für mich sind sie auch ganz abgesehen von ihrer Bedeutung schöne Symbole, weil sie beide so schlicht und einfach sind. Deswegen habe ich mich auch zu ihnen hingezogen gefühlt. Außerdem symbolisiert das Tattoo für mich meine Eltern und das Erbe, das wir teilen.“
Eigentlich wollte sie schon seit ihrem 18. Geburtstag ein Tattoo haben, aber ihr fehlte immer entweder der Mut oder das Geld. Als sie 2008 anfing, ihre Familiengeschichte zu recherchieren, entdeckte sie jedoch einige spannende Überraschungen, die sie veranlassten, doch nochmal über eine Tätowierung nachzudenken. „Der Gedanke, mir ein Tattoo stechen zu lassen, wurde damals wieder konkreter. Doch ich wollte eins haben, das eine persönliche Bedeutung hatte, und das Motiv schwirrte mir immer wieder im Kopf rum. Jetzt, wo ich das eine habe, denke ich auch über ein weiteres nach. Aber bislang habe ich noch keine ausgereifte Idee dafür im Kopf.“
In ihren Augen haben sich die kulturellen Codes, die mit Tattoos verbunden sind, über die Jahre hinweg gewandelt. Sie glaubt, dass es mittlerweile viel salonfähiger für ältere Frauen ist, ihre Persönlichkeit über Körperkunst zum Ausdruck zu bringen. Sie selbst hat zwar nie Anfeindungen wegen ihres Tattoos erfahren, ist sich aber trotzdem sicher, dass da draußen immer noch viele Leute mit einer festgefahrenen Meinung rumlaufen. „Wenn deine Grundeinstellung ist, dass alles, was du nicht machen würdest, falsch ist, wirst du deine Meinung zu bestimmten Themen wahrscheinlich nie ändern und mit Scheuklappen durchs Leben gehen.“ Zu diesen Menschen möchte wahrscheinlich keine*r von uns gerne gehören.
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