Gibt es „Stressakne“ wirklich? Wir haben Expert:innen gefragt

Foto: Myesha Evon Gardner
Meine ersten Pickel hatte ich in der Grundschule, und als ich in die achte Klasse kam, war ich deswegen zum ersten Mal beim Dermatologen. Die Akne ließ zwar erst zwei Jahre vor meinem Schulabschluss nach – seitdem habe ich aber durch verschreibungspflichtige Medikamente und Salben bessere Haut. Nach der Uni war ich dann der Meinung, meine nächtliche Retinol-Routine ganz aus meinem Leben streichen zu können. Konnte ich auch – zumindest bis zur Corona-Pandemie, als meine Akne plötzlich wieder zu alter Hochform auflief. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut, nicht bloß wegen der Optik, sondern insbesondere wegen der Schmerzen. Mein Gesicht brannte und juckte, weil es sich zum zweiten Mal an die Isotretinoin-Behandlung gewöhnen musste.
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Wer meint, Akne sei ein reines Teenager-Problem, sollte sich im eigenen erwachsenen Umfeld mal umsehen: Obwohl sich die Jugend-Akne meist spätestens mit rund 25 Jahren legt, sind auch viele Erwachsene lange danach noch betroffen. Das nennt sich dann „Akne tarda“ bzw. „Spät-Akne“. Die Hautkrankheit ist also längst keine Seltenheit – was ihre Behandlung allerdings nicht automatisch zum Kinderspiel macht, da die Ursachen der Unreinheiten sehr individuell sein können. Eine scheinen viele derzeit aber gemeinsam zu haben: Stress.
Nach einem ganzen Pandemie-Jahr scheint sich nicht nur meine Haut für dieses emotionale Auf und Ab zu rächen. Aber ist denn was dran an der „Stress-Akne“? Oder ist es bloß Zufall, dass meine Akne aktuell wieder verrückt spielt? Ich habe die gefragt, die es wissen müssen.

Was genau ist denn „Stress-Akne“?

Da fängt’s schon an: Diesen „Fachbegriff“ gibt es genau genommen gar nicht, da „Spät-Akne“ keine spezielle Form der Akne ist. Die Dermatologin Dr. Caroline Robinson erklärt, dass die stressbedingten Hautunreinheiten eigentlich nur eine von vielen körperlichen Auswirkungen deiner Gefühle sind. Stress kann sich nämlich diverse Hautsymptome hervorrufen – zu denen eben auch Akne zählt. 
„Im Laufe der Jahre wurde definitiv eine starke Beziehung zwischen Stress und Akne erwiesen. Wir wissen, dass Akne durch eine stressige Erfahrung ausgelöst werden oder sich sogar verschlimmern kann“, erklärt Dr. Robinson. „Ein gesteigerter Stresspegel erhöht die Androgenproduktion – das sind die männlichen Hormone, die wir alle haben und unter anderem für eine Verschlimmerung der Akne sorgen können.“
Stressbedingte Akne erkennst du vor allem daran, erzählt Dr. Robinson, dass sie meist auf der unteren Gesichtshälfte auftritt und sich meist entzündlicher, vielleicht sogar zystisch zeigt; das heißt, sie nimmt die Form schmerzhafter, roter Beulen an und seltener die von Mitessern oder weißen Pickeln. Besonders anfällig dafür sind übrigens Menschen, die durch die Gene oder den (fettigen) Hauttyp ohnehin schon zu Akne neigen.
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Wie kann sich Akne auf unsere Psyche auswirken?

Akne ist so viel mehr als nur ein paar Pickel Pickel, vor allem, wenn du gerade von vornherein unter Stress stehst. Der Kinder- und Erwachsenenpsychotherapeut Dr. Matthew Traube hat sich auf das emotionale Spektrum spezialisiert, das Betroffene von Hautkrankheiten wie Ekzemen, Schuppenflechte und Akne typischerweise durchleben. Dabei hat er herausgefunden, dass die meisten Menschen zu ihrer Haut eine von zwei verschiedenen Beziehungen haben: eine, deren negative Auswirkungen fast überwältigend sind, oder eine, die sich kaum auf den Alltag der Patient:innen auswirkt. 
„Einige Betroffene haben eine sehr ernste Beziehung zu ihrer Akne – das heißt, wenn sie daran erkranken, haben sie das Gefühl, nicht liebenswert oder erfolgreich sein zu können und müssten sich deswegen zurückziehen“, erklärt Dr. Traube. „Andere sehen ihre Akne wiederum ganz anders, und die Krankheit beeinträchtigt sie kaum.“ Obwohl diese Leute ihren Alltag und ihr Sozialleben daher vielleicht ganz normal durchziehen können, heißt das allerdings nicht, dass sie ihre Akne nicht frustriert, meint Dr. Traube. Er hilft seinen Patient:innen daher, ihre Beziehung zu ihrer Haut und der Krankheit zu verbessern, indem er ihnen den gesunden Umgang mit Stress beibringt – zum Beispiel durch genug Schlaf und eine ausgewogene Ernährung.

Welche Produkte können dagegen helfen?

Dr. Robinson empfiehlt dazu vor allem Cleanser mit Salicylsäure oder einer Alphahydroxysäure wie Milch- oder Glykolsäure, der die Talgproduktion der Haut hemmt und damit verhindert, dass die Poren verstopfen und sich entzünden. 
Die klinische Ästhetikerin Danielle Gronich warnt allerdings davor, es zu übertreiben – insbesondere, weil einige vermeintlich aknebekämpfenden Inhaltsstoffe der Haut eher schaden. Konkret meint sie damit Isopropylalkohol (auch als 2-Propanol bekannt) und denaturierten Alkohol (bzw. SD-Alkohol). Auch Retinoide solltest du sparsam verwenden, um Hautirritationen und die gefürchtete „purge“ (das Auftreten vieler Pickel und Mitesser nach den ersten Anwendungen, weil die Haut ganz plötzlich den alten „Dreck“ an die Oberfläche bringt) zu vermeiden. Auch rät Gronich davon ab, dein Gesicht mit heißem Wasser zu waschen. „Das machen viele Leute jeden Tag, und das ist sowohl für alternde als auch unreine Haut schlecht, weil es Entzündungen fördert, die altes Narbengewebe verletzen und den Heilungsprozess aufhalten“, erklärt sie. 
Fest steht: In jedem Alter kann sich Akne enorm auf den Alltag und das Selbstbewusstsein auswirken. Hauterkrankungen wie diese verdienen Respekt und sanften Umgang – nicht nur von deinem Umfeld und deinen Ärzt:innen, sondern auch von dir selbst. Höre darauf, wenn dein Körper auf diese Art mit dir zu kommunizieren versucht. Oft weiß er, wenn etwas schief läuft, bevor du es selbst merkst – und Stress-Akne weist dich darauf hin, dass du deinen Alltag hier und da vielleicht ein bisschen anpassen solltest. 

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