Ich dachte, ich sei schwul – dann verliebte ich mich im Lockdown in meine Mitbewohnerin

Illustration: Naomi Blundell Meyer
Es war ein eiskalter Abend im Februar. Valentinstag, um genau zu sein – und meine Mitbewohnerin Esther und ich hatten keine Dates in Aussicht. Anstatt deswegen aber Trübsal zu blasen, beschlossen wir, dann eben gemeinsam unser Singledasein zu feiern. Also zogen wir uns was Schickes an, gingen in eine edle Tapas-Bar und teilten uns den billigsten Tropfen auf der Weinkarte.
Am nächsten Tag fühlte ich mich komisch – irgendwie unruhig, als würde ich unterbewusst irgendwas verdrängen. Und plötzlich fing ich an, darüber nachzudenken, wie viel Zeit Esther und ich miteinander verbrachten. Wie ihre Gegenwart jede Situation, jedes Erlebnis einfach so viel schöner machte. Ich liebte ihren Sinn für Humor, ihr Lachen, ihre Einstellung zum Leben und Lieben. Wir lachten gemeinsam, weinten gemeinsam, tranken, aßen, furzten gemeinsam. Und trotzdem war ich mir immer sicher gewesen, dass daraus nie was Romantisches entstehen könnte. Schließlich war sie eine Frau – und ich schwul.
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Am nächsten Wochenende wurden wir dann von Freund:innen spontan in eine Bar mitgeschleppt. Einige Wodkas später lagen wir uns alle im Raucherbereich in den Armen und küssten uns (hach ja, die guten, alten Zeiten vor Corona). An meinen ersten Kuss mit Esther kann ich mich kaum noch erinnern; an den zweiten direkt danach hingegen schon. Irgendwie einigten wir uns wortlos darauf, unsere Chemie nochmal auf die Probe zu stellen. Und plötzlich war es da, das Gefühl – ein richtiges Feuerwerk, wie ein Schlag in die Magengrube, und der Kuss ließ mich definitiv auch untenrum nicht kalt. Als wir später zusammen nach Hause gingen, war das wie sonst auch am Ende jeder langen Nacht: Wir tranken noch ein bisschen schlechten Wein, aßen einen noch schlechteren Döner und guckten uns einen kitschigen Film an. Nur eins war diesmal anders. Wir gingen gemeinsam ins Bett, anstatt uns im Flur voneinander zu verabschieden.
Am nächsten Morgen wachte ich neben einer leise schnarchenden Esther auf und war einfach… glücklich. Nichts fühlte sich komisch oder schlecht an, obwohl ich gerade mit meiner besten Freundin geschlafen hatte. Irgendwas in mir wusste, dass es nicht nur bei einem One-Night-Stand bleiben würde; es fühlte sich richtig an, als hätten wir endlich etwas längst Überfälliges erledigt. Das war der Anfang unserer Monica-und-Chandler-Phase: Wir trafen uns heimlich, versteckten uns vor unserem anderen Mitbewohner. Diese erste Phase bestand aus jeder Menge vielsagendem Zwinkern, Nicken und heimlichen Berührungen – und inzwischen ist daraus eine richtige, ernste, glückliche Beziehung geworden, die jetzt schon eine Pandemie und mehrere Lockdowns überstanden hat.
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Da wir ja schon vorher zwei Jahre zusammen gewohnt hatten, war der erste Lockdown dann auch ein Kinderspiel (naja, größtenteils). Anstatt uns also von seinen negativen Seiten überwältigen zu lassen, sahen wir ihn als Chance, uns in unserer frischen Beziehung einzukuscheln und die Welt für den Moment auszublenden. Daraus entstand eine tiefe Intimität, die keiner von uns so je erlebt hatte: Ihr zu sagen, dass ich sie liebte, fiel mir leicht; genauso die Einsicht, dass wir perfekt zusammenpassten. Wenn sie in meiner Nähe war, war ich ganz aufgedreht. Das Einzige, was mir Schwierigkeiten machte, war die Frage nach meiner Sexualität – und ich hatte ja auch plötzlich jede Menge Zeit, um darüber nachzudenken. Was bedeutete diese Beziehung für mich? Hatte ich mich vielleicht immer schon zu Frauen hingezogen gefühlt? War es ein Fehler gewesen, mich mit 18 als schwul zu outen? War ich die ganze Zeit nicht homo-, sondern bi- oder pansexuell gewesen? 
Mein Coming-out hatte ich mit 18, kurz nachdem ich fürs Studium von zu Hause ausgezogen war. Es folgten eine ganze Reihe an kurzlebigen Beziehungen, Affären sowie eine interessante Begegnung an einer Bushaltestelle – aber nichts für die Ewigkeit. Sobald ich aber mit Esther zusammenkam, verstand ich: Mein Coming-out war nicht in Stein gemeißelt. Esther hatte mir gezeigt, dass ich auf die Person stand, nicht auf das Gender.
Mich gegenüber meiner Familie daraufhin zum zweiten Mal zu outen, war schwierig. Nicht wegen ihrer Reaktion; meine Verwandten reagierten genauso liebe- und verständnisvoll wie beim ersten Mal. Und doch hielt es mir vor Augen, wie monumental und formell sich mein erstes Coming-out damals angefühlt hatte. Viele sehen es als wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur eigenen Identität; ich persönlich erkannte jetzt aber zum ersten Mal, dass das Coming-out vielen homo-, bi-, pansexuellen und trans Menschen suggeriert, sie müssten sich dafür erklären, wenn sie sich zu jemandem außerhalb der für sie entsprechenden „Norm“ hingezogen fühlen. Stattdessen sollte es doch viel eher als das gefeiert werden, was es ist: Ein Mensch möchte einen anderen lieben. Gender muss dabei nicht immer so eine große Rolle spielen.
Das zwischen Esther und mir hatte als Freundschaft begonnen; wir hatten uns einander langsam geöffnet, uns wirklich kennengelernt, ohne den Druck einer romantischen Ebene. Daraus war im Laufe von drei Jahren eine tiefe Bindung entstanden, bevor wir uns dann plötzlich in einem anderen Licht sahen. Ich würde nichts an unserer Vergangenheit ändern wollen – obwohl ich mir doch irgendwie wünsche, jemand hätte mich in meinen Teenagerjahren dazu ermutigt, mich nicht so von außen unter Druck setzen zu lassen, mich selbst zu definieren. Hätte ich diese Chance und Zeit bekommen, hätte ich mich vielleicht ganz anders entwickeln können – in meinem eigenen Tempo. Wenn du das jetzt also liest und selbst noch nicht so ganz weißt, wer du eigentlich bist und sein willst, lass mich dir sagen: Deine Gefühle lassen sich nicht mit Worten festlegen oder vorhersagen. Vertraue deinem Instinkt, ohne dir den Kopf darüber zu zerbrechen. Und vor allem: Lass dir Zeit. 

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