Die Geräusche anderer Leute widern mich an & das zerstört meine Beziehungen

Foto: Hayleigh Longman
Plötzlich packt mich diese lähmende Angst, die durch laute Musik ausgelöst wird, über die ich keine Kontrolle habe. Wenn ich zum Beispiel Musik von nebenan durch die Wand höre, gerate ich auf einmal in Panik und kann nichts dagegen tun. Deswegen stiegen mir Ex-Freund:innen früher immer aufs Dach (kein Wunder, dass diese Freund:innen jetzt Ex-Freund:innen sind, oder?). Diese unkontrollierbaren Reaktionen habe ich schon seit meiner Teenie-Zeit, nur wusste ich damals noch nicht, dass sie einen Namen haben. Damals dachte ich, ich sei einfach nur „schwierig“.
Die Bezeichnung dafür? Misophonie. Diese Erkrankung zeichnet sich dadurch aus, dass bei Betroffenen intensive Emotionen hochkommen, sobald sie mit alltäglichen Geräuschen konfrontiert werden, die von anderen Personen erzeugt werden. Zu diesen Gefühlen gehören für gewöhnlich intensive Wut oder Ekel als Reaktion auf die Geräusche anderer Menschen beim Essen zum Beispiel. Durch diese Auslöser können positive Gedankenmuster durch sofortige und extrem negative Emotionen überlagert werden. „Auf einmal macht sich Wut in mir breit“, erzählt die 34-jährige Zoe. Seit ihrer Kindheit leidet sie an dieser Krankheit. „Wenn ich jemanden mit offenem Mund kauen höre, werde ich sofort wütend. Bei diesem Geräusch wird mir schlecht. Und wenn eine Person die Nase hochzieht, denke ich: ‚Schnäuz dich doch bitte. Immerhin bist du erwachsen.‘“ Zoe erkärt, dass ihre Misophonie zu einer noch größeren Herausforderung wird, wenn Partner:innen ins Spiel kommen. „Ich hatte einen Ex, der die ganze Zeit die Nase hochgezogen hat“, sagt Zoe. „Irgendwann ging das Ganze so weit, dass ich mich vor ihm ekelte. Damals fühlte ich mich deshalb ein wenig wie ein verzogener Fratz. Jetzt weiß ich aber, dass es sich dabei um eine Phobie handelt und das Ganze eine ernste Angelegenheit ist… Vielleicht bin ich doch nicht so verrückt, wie ich einmal dachte.“
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Emma, 36, leidet ebenfalls an Misophonie. Sie berichtet von ähnlichen triggernden Erfahrungen in ihrer Beziehung. „Wenn mein Freund isst, muss ich den Fernseher aufdrehen oder Musik nebenbei laufen lassen, sonst drehe ich durch“, sagt sie. „Als wir zusammenkamen, ekelte ich mich jedes Mal vor ihm, wann immer er etwas aß, weil er dabei immer schmatzte.“ Wie geht sie also mit ihrer Misophonie um, wenn ihr Partner in ihrer Nähe isst? „Manchmal stecke ich mir meine Finger so diskret wie möglich in die Ohren und versuche, mich zu beruhigen, indem ich mir sage: ‚Er macht nichts falsch. Das wird vorbeigehen. Bald wird er mit dem Essen fertig sein‘“, sagt sie. „Das hilft mir dabei, nicht sauer auf ihn zu werden. Immerhin hat er mir ja nichts getan. Wenn die Leute um dich herum nett und verständnisvoll sind und dich wirklich mögen oder lieben, versuchen sie für gewöhnlich, leiser zu essen, wenn du ihnen das Ganze erklärst.“ Zoe ist ebenfalls der Meinung, dass Kommunikation in diesem Zusammenhang wichtig ist. Ihr Mann, mit dem sie seit acht Jahren verheiratet ist, kennt und nimmt Rücksicht auf ihre Auslöser, indem er sich sofort entschuldigt, wenn er in ihrer Nähe versehentlich ein triggerndes Geräusch erzeugt, oder dafür sorgt, dass er zumindest weit genug von ihr entfernt ist, wenn es dazu kommt.

Misophonie ist eine häufig missverstandene und äußerst unangenehme Erkrankung. Betroffene sind nicht einfach nur „schwierig“.

Spannungen in einer Beziehung können auch durch Geräusche entstehen, die nicht von den jeweiligen Partner:innen verursacht werden. Der:die einunddreißigjährige Reid leidet unter Misophonie und fühlt sich getriggert, wenn er:sie hört, wie seine:ihre Hunde sich selbst lecken. Er:sie freut sich zwar darauf, dass seine:ihre Partnerin Laura bald bei ihm:ihr einzieht, macht sich aber auch Sorgen über die Belastung, die seine:ihre Misophonie am Morgen verursachen könnte, wenn das Geräusch am stärksten wahrzunehmen ist. „Wenn ich richtig erklären könnte, wie sich diese Phobie anfühlt, würden andere sie ernster nehmen, denke ich“, sagt Reid über die öffentliche Wahrnehmung seiner:ihrer Krankheit. Bevor die beiden zusammenzogen, sprachen Reid und Laura über dieses sensible Thema und dachten sich Bewältigungstechniken aus, um mit Reids Misophonie zurechtzukommen (wie z.B. Kopfhörer in Reichweite von Reids Betts parat zu haben, sodass er:sie sie am Morgen aufsetzen kann, sobald die Hunde loslegen).
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Ich habe im Laufe der Jahre ebenfalls meine eigenen Bewältigungsstrategien entwickelt. Obwohl sie tatsächlich bis zu einem gewissen Grad funktionieren, möchte ich meine Misophonie aber unbedingt endgültig loswerden – am besten so schnell wie möglich. Doch im Gespräch mit Dr. Hashir Aazh, einem Audiologen und Spezialisten für Tinnitus- und Misophonie-Rehabilitation, wird mir klar, dass das nicht so einfach umzusetzen ist. „Es gibt keine endgültige Heilung im Falle von Misophonie“, erklärt er. „Die Reaktion auf ein auslösendes Geräusch zeichnet sich durch eine emotionale Komponente und eine körperliche Empfindung aus. Eine Person wird also wütend oder beginnt, sich zu ekeln. Außerdem kann sich die Herzfrequenz erhöhen oder ein Gefühl der Anspannung entstehen. Weil diese erste Reaktion so schnell erfolgt, ist sie extrem schwer zu dämpfen.“
Dr. Aazhs Ansatz besteht darin, eine Therapie anzubieten, um das übliche emotionale Muster, das mit Misophonie einhergeht, zu durchbrechen. „Die anfängliche Reaktion setzt oft einen Teufelskreis in Gang, der sich verschlimmert“, erklärt er, „und dann wird der Schneeball zu einer Rückkopplungsschleife. So verstärkt sich die eigentliche Reaktion ebenfalls, weil eine Stress-Rückkopplungsschleife entsteht. Durch Therapie kann dieser Stress-Kreislauf, der durch die Erstreaktion hervorgerufen wird, durchbrochen werden. Die anfängliche Reaktion tritt dann zwar immer noch auf, aber für Betroffene wird es mit der Zeit so viel leichter, sich davon zu erholen. Langfristig lässt sogar die Erstreaktion irgendwann nach und nach.“
Für mich als Misophonie-Patientin hört sich eine Therapie zur Bewältigung dieser Rückkopplungsschleife vielversprechend an. Was aber ist mit den Partner:innen von Betroffenen? Wie können sie ihre Partner:innen unterstützen und lernen, wie sie sich in triggernden Situationen am besten verhalten sollen? „Sie müssen verstehen, dass es sich um eine echte Erkrankung handelt, und alles tun, was in ihrer Macht steht, um die von ihnen verursachten Auslöser zu minimieren“, sagt Dr. Aazh. „Partner:innen sollten meiner Meinung nach, ebenfalls professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um die Krankheit ihrer besseren Hälften gemeinsam in den Griff zu bekommen. Falls dein:e Partner:in an Misophonie leidet, ist das Ganze auch für dich bestimmt eine Belastung. Das ist auch der Grund, warum es vielleicht keine schlechte Idee ist, dir ebenfalls professionelle Hilfe zu holen. Immerhin kann es sein, dass ihr als Paar mit erheblichen Einschränkungen zurechtkommen müsst – vor allem, wenn die Auslöser deines Partners oder deiner Partnerin Ess-, Schlaf- oder sogar Atemgeräusche sind. Offenheit ist gut, löst das Problem aber nicht. Eine Therapie ist wirklich wichtig, um zu lernen, mit Misophonie umzugehen, und zwar für beide Partner:innen.“ Dr. Aazh erzählt mir auch, dass er noch nie Klient:innen in seiner Praxis hatte, deren Auslöser Sexgeräusche waren – eine Sorge weniger, nehme ich an.
Jede:r Betroffene, mit dem bzw. mit der ich gesprochen habe, wollte, dass Nicht-Betroffene verstehen, dass Misophonie eine häufig missverstandene und äußerst unangenehme Erkrankung ist. „Wir sind nicht einfach nur ‚schwierig‘“. Ich bin normalerweise ein selbstbewusster Mensch, der sich schnell für Dinge begeistert, aber meine Misophonie verwandelt mich innerhalb von Sekunden in jemanden, den ich nicht wiedererkennen kann. Das kann sehr unangenehm sein, nicht nur für mich, sondern auch für meinen Freund. Diese Krankheit macht die Dinge in einer Beziehung für alle Beteiligten zweifellos schwieriger, aber mithilfe von Kommunikation, Bewältigungstechniken und der relativ neuen Möglichkeit, professionelle Hilfe dafür in Anspruch zu nehmen, fühle ich mich besser gerüstet als je zuvor.

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