Ist erzwungene Produktivität die schlimmste Form von Prokrastination?

Illustration: Hannah Minn
Da #OrganisationTikTok über 2,3 Milliarden und #CleaningTikTok satte 17,2 Milliarden Views hat, lässt sich mit Sicherheit sagen, dass wir unsere Aufmerksamkeit mehr denn je auf das, was in unseren eigenen vier Wänden passiert, richten. Das ergibt ja auch Sinn, da wir mehr Zeit als je zuvor zu Hause verbringen.
Es ist nicht zu leugnen, dass wir einen Kick verspüren, wenn wir TikTok-Hacks und Pinterest-DIYs durchforsten. Und warum? Nun, diese Dinge geben uns das Gefühl, dass wir etwas erledigt haben, noch bevor wir überhaupt z.B. eine Klebepistole in die Hand genommen haben. Das Gefühl ist jenem ähnlich, das du hast, wenn du zu Beginn des Jahres neue Schreibwaren kaufst oder dich fürs Fitnessstudio anmeldest. Aber auch wenn es schön ist, ja sogar Spaß macht, Aufgaben zu erledigen, die wir sonst immer aufschieben, stellt sich die Frage: Wann wird aus erzwungener Produktivität Prokrastination? Verschwenden wir Zeit, indem wir Dinge zu erledigen versuchen, für die wir uns sonst nicht die Zeit nehmen?
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Denk dabei an Aktivitäten, die Zeit und Energie verbrauchen und sich zwar produktiv anfühlen, eigentlich aber wenig Wert haben und nicht wirklich dazu beitragen, erstrebenswerte Ziele zu erreichen.
Nicht unbedingt notwendige To-do-Listen zu erstellen und sich durch Produktivität aus zweiter Hand überschwemmen zu lassen, kann uns davon abhalten, das Beste aus unserem Tag zu machen. Sobald die Aufgabe erledigt ist, wissen wir nämlich oft nichts mit uns anzufangen.
Als jemand, der zugegebenermaßen viel Zeit damit verbringt, ein Rezept zu finden, nur um dann keine Zeit zu haben, es tatsächlich zu kochen, ist Ellen, 27, nur allzu vertraut mit dem Dopamin-Kick eines gefundenen „Hacks“.
„Ich musste [TikTok] löschen“, gesteht sie.
„Mein Algorithmus lieferte mir endlose Reinigungs-, Koch- und Organisationstipps und ich war ganz vernarrt darin. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele ‚virale‘ Produkte ich gekauft habe, nur um dann enttäuscht zu sein und keine Zeit mehr zu haben.“
Wie bei vielen von uns war auch bei Emily der Lockdown schuld an diesem Beschäftigungsdrang. „Zuerst nahm ich mir die Zeit und räumte meine Make-up-Schubladen aus – etwas, das ich schon ewig tun wollte. Ich warf alle abgelaufenen Produkte in den Müll, verschenkte einen Haufen an Freund:innen und packte den Rest in beschriftete Behälter. Das war ein großartiges Gefühl; es war, als ob ich meinen Scheiß geregelt gekriegt hätte“, sagt sie. „Ich habe nicht nur mein Badezimmer auf Vordermann gebracht. Außerdem verrate ich nicht, wie viel ich für die Behälter, die Etikettiermaschine und anderes Zubehör ausgab.“
„Ich war zwar gerade von meinem Hinge-Date versetzt worden, dafür war aber die Pasta in meiner Speisekammer leicht zu finden.“
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Ellen räumt ein, dass das Gefühle, ihr Leben im Griff zu haben, nur flüchtig war. Stattdessen hinterlässt uns Zwangsbeschäftigung oft ein falsches Gefühl von Erfüllung – eine Illusion, dass wir unsere Zeit produktiv nutzen, obwohl das nicht wirklich der Fall ist.
Und mit dieser Erfahrung ist sie sicher nicht allein.
Wie eine Studie ergab, ist eine Abneigung gegen das Nichtstun ein weitverbreitetes Phänomen der heutigen Zeit. Wir neigen dazu, alles zu tun, was nötig ist, und jede Rechtfertigung zu nutzen, um uns zu beschäftigen, selbst wenn die Aufgabe sinnlos ist.
Die Studie ergab auch, dass die Befragten angaben, sich eher glücklich zu fühlen, wenn sie beschäftigt und nicht untätig waren. Das mag sich zwar so anhören, als ob wir uns deshalb alle möglichst viele Aufgaben erledigen sollten, aber dieses Gefühl, etwas geleistet zu haben, ist nicht unbedingt echt, sondern können vielmehr das Kernproblem widerspiegeln: dass Zwangsbeschäftigung uns davon abhält, das zu verarbeiten, was wir gerade durchmachen.
In Brené Browns Kultroman Verletzlichkeit macht stark legt die Professorin dar, warum wir nicht gerne untätig bleiben. Sie erklärt, dass wir unsere Zeit lieber mit Aktivitäten und Beschäftigungen füllen, als zu riskieren, mit unseren Gedanken allein zu sein. Zudem fördert unsere „Hustle-Culture-Gesellschaft“ dieses Verhalten, indem sie Freizeit und Nichtstun mit Faulheit und mangelndem Antrieb assoziiert.

Wir füllen unsere Zeit lieber mit Aktivitäten und Beschäftigungen, als zu riskieren, mit unseren Gedanken allein zu sein. Zudem fördert unsere Hustle-Culture-Gesellschaft dieses Verhalten, indem sie Freizeit und Nichtstun mit Faulheit und mangelndem Antrieb assoziiert.

BRENÉ BROWN, umschrieben aus Verletzlichkeit macht stark
Die letzten paar Jahre waren ziemlich wild und für viele mit Herzschmerz und Verlusten verbunden. Für einige von uns war es zwar dringend notwendig, das Tempo zu drosseln, innezuhalten und unsere Werte neu zu bewerten, doch dieses erzwungene Nachinnenschauen gefiel uns nicht immer. Ist es da verwunderlich, dass wir in solch schlimmen Zeiten, als wir mit unseren Gedanken allein waren, nach Ablenkung in Form von sinnloser Beschäftigung, DIY und Haushaltsführung suchten?
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Kaylie, 26, zum Beispiel, versuchte sich zu beschäftigen und ihre Hausarbeit zu optimieren, was schließlich zu einem finanziellen Problem wurde. „Alle Leute, die ich kenne, konnten während der Pandemie Geld sparen, weil sie nicht ausgingen, aber ich gab mehr aus als je zuvor: Wenn es nicht gerade ein TikTok-geprüfter Reinigungsschwamm oder ein Ton-Set zum Kneten war, das ich bis heute noch nicht geöffnet habe, dann waren es Teller und Gläser für die perfekte Dinnerparty – als ob sie während des Lockdowns stattgefunden hätte“, erzählt sie uns.
„Ich glaube, was wirklich dahinter steckte, war das Bedürfnis nach Ablenkung. Es war fast so, als würde ich mich auf die Zeit nach der Pandemie vorbereiten, obwohl sie drei Jahre später immer noch nicht vorbei ist“, sagt sie.
„Selbst als ich nichts zu tun hatte und nur herumsaß, wollte ich aktiv über etwas anderes nachdenken. Ich hatte den Wunsch, mein Gehirn anzustrengen, um mich mit etwas zu beschäftigen, das wichtig schien, anstatt auf das zu achten, was wirklich zählte. Wer wollte sich schon wirklich mit dem ganzen Gefühlschaos, das die Pandemie ausgelöst hatte, auseinandersetzten?“

Wer wollte sich schon wirklich mit dem ganzen Gefühlschaos, das die Pandemie ausgelöst hatte, auseinandersetzten?

Es lässt sich nicht leugnen, dass TikTok und andere soziale Plattformen voll von kreativen Ideen sind, die uns Möglichkeiten bieten, unser Leben zu verbessern. Durch nicht enden wollendes Scrollen und clevere Algorithmen können wir leicht in eine Ablenkungsfalle tappen, die nicht so gesund ist.
Es macht keinen Spaß, mit uns und unserem Gefühlschaos dazusitzen und nichts zu tun; manchmal ist das sogar ziemlich unangenehm. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, ist aber nur eine Illusion von Produktivität. Wenn wir uns das klarmachen, können wir weitermachen, unseren Rhythmus finden und Dinge, auf die es tatsächlich ankommt, erledigen.
Denk daran, dass deine Zeit und Energie nicht unerschöpfliche Schätze sind. Wenn wir zu viel Zeit damit verbringen, Fremden online beim Erledigen von Aufgaben zuzusehen, anstatt diesen in unserem eigenen Leben Priorität einzuräumen, bleiben die wichtigen Dinge auf der Strecke. Das stresst uns am Ende oft nur noch mehr. All die vollen Amazon-Warenkörbe und die gespeicherten Reinigungshacks auf TikTok beseitigen das Problem nicht, sondern zögern es nur hinaus.

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