Wie ich mit einem Mastektomie-Tattoo den Verlust meiner Brüste überwand

2016 erhielt Grace Lombardo die verheerende Diagnose Brustkrebs. Diese führte dazu, dass sie sich beide Brüste entfernen lassen musste. Nach der doppekten Mastektomie musste die dreifache Mutter erstmal mit ihrem neuen Aussehen und dem Gefühl, die Kontrolle über ihren eigenen Körper verloren zu haben, klarkommen. Um sich selbst und ihren Körper wieder lieben zu können, beschloss Lombardo, sich ein Mastektomie-Tattoo über ihre Brüste und den Brustkorb tätowieren zu lassen. Die sollten die Narben der Operation verdecken.
Nach diesem mutigen Schritt wurde Lombardo im Oktober des letzten Jahres das Gesicht der Brustkrebs-Aufklärungskampagne für die Marke GHD. Dadurch konnte sie nicht nur der ganzen Welt ihr Tattoo und somit ihren neuen Körper zeigen, sondern sie bekam auch eine Plattform, auf der sie ihre eigene Geschichte erzählen konnte – und die soll jeder Person, die an Brustkrebs erkrankt, helfen, sich selbst wieder zu lieben.
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Das folgende Interview wurde mit Rachel Lubitz geführt und aus Gründen der Länge und Lesbarkeit überarbeitet.
Am 19. April 2016 wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert. Ich war damals 35 Jahre alt, hatte drei kleine Kinder und war eigentlich in der besten körperlichen Verfassung meines Lebens. Eine genetische Veranlagung für den Brustkrebs hatte ich auch nicht – ich gehöre einfach zu den Menschen, die das Pech haben, die Krankheit ohne erkennbaren Grund zu bekommen.
29 Tage später, am 18. Mai, hatte ich eine doppelte Mastektomie. Um mich nicht verrückt zu machen, habe ich auf die Internetrecherche verzichtet. Ich dachte mir nur: Das kommt jetzt auf mich zu. Und das war wirklich nicht leicht für mich, denn eigentlich gebe ich sehr ungern Kontrolle ab. Ich musste einfach ganz loslassen und meinen Ärzt*innen vertrauen. Glücklicherweise durfte ich meine Brustwarzen behalten und als mir nach der Operation der Verband abgenommen wurde, hatte ich eigentlich das Gefühl, meine Brüste sahen aus wie immer. Doch der Blick in den Spiegel war dann leider eine ganz andere Sache: Dort siehst du nämlich alle blutigen Details, die Nähte und die Drainagen.
Nach einer Mastektomie fehlt dir jegliches Körperempfinden und die Nervenrezeptoren in deinen Brüsten reagieren einfach nicht mehr. Ich habe meine Brüste monatelang nicht anfassen können; sie waren für mich einfach tabu. Sie fühlten sich wirklich kalt an, weil kein Blut mehr in sie fließen konnte – das war wirklich schockierend für mich, denn niemand hatte mir gesagt, dass das passieren würde. Es dauerte eine Weile, bis ich die verheerenden Folgen des Verlusts meiner Brüste wirklich realisiert hatte. Als mir das alles Monate später klar wurde, fühlte ich mich wirklich schrecklich. Es war ganz so, als hätte ich die Kontrolle über meinen Körper und meine Weiblichkeit verloren.
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Etwa zwei Wochen nach der Operation gab es in der Chicago Tribune einen Artikel auf der ersten Seite über David Allen, einen Tätowierer, der für seine schönen Mastektomie-Tattoodesigns bekannt ist. So viele Leute in meinem Umfeld schickten mir den Link zu der Story. Und als ich dann auf seine Website ging und mir seine Werke ansah, wusste ich sofort, dass ich auch so ein Tattoo haben wollte – auch wenn es mein erstes sein würde.
Eigentlich war ich ja eine ganz normale Frau aus der Vorstadt, die einen Minivan fuhr. Mein Tattoo aber war etwas, dass nur für mich war. Damit konnte ich diesen für mich so unschönen Bereich meines Körpers abdecken und es machte mich glücklich.
David macht es dir wirklich einfach: Du schickst ihm ein Foto von der Stelle, die du tätowieren lassen willst und zeigst ihm, was mit dem Tattoo abgedeckt werden soll. Dann sucht er sich Designs aus, von denen er glaubt, dass sie am besten zu dir passen und du kannst auswählen, was dir am besten gefällt. Ich entschied mich für leicht verwelkte Rosen. Die Metapher hat etwas an sich: Sie sind so schön, aber wenn man sie genauer betrachtet, zeigen die Dornen, dass es harte, spitze, beängstigende Dinge gibt, die selbst der schönsten Blume Schmerzen zubereiten können.
Ich habe mich am einjährigen Jahrestag meiner Mastektomie tätowieren lassen – dem 18. Mai 2017. Es hat ungefähr vier Stunden gedauert, bis das Tattoo fertig war. Während des Tätowierens sprachen wir über meine Gefühle und meine eigene Körperwahrnehmung. Das Ganze fühlte sich für mich irgendwie surreal an, denn ein Jahr davor hatte ich noch ein ganz anderes Leben.
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Heute trage ich einen blonden Irokesenschnitt. Ich habe neue Brüste, die keine Funktion mehr für meinen Körper haben und sie schmückt ein riesiges Tattoo. Vor allem durch mein Tattoo fühle ich mich so empowert. Ich konnte David nicht genug danken, denn er gab mir ein Stück meines Körpers zurück.
Mit diesem Tattoo wollte ich dem Krebs die Stirn bieten. Ich wollte ihm deutlich machen, dass seine Zeit vorbei war! Das Tolle daran ist: Wenn ich jetzt auf meine Brüste herunterblicke, denke ich nicht mehr an den Krebs. Jetzt sehe ich mein Tattoo und sage mir: „Das ist so cool!“
Am liebsten trage ich Oberteile mit großem Ausschnitt an den Ärmeln und wenn ich im Fitnessstudio bin und man das Muster entlang meines Sport-BHs sehen kann, macht mich das richtig stolz.
Dieses Tattoo soll anderen Frauen zeigen, dass wir die Kontrolle über unseren Körper zurückgewinnen können. Es gibt bestimmt eine Million Dinge, die ich nicht tun kann, aber meine Geschichte kann ich erzählen und mein Tattoo kann ich zeigen.
Und genau das war ein Grund, warum die Partnerschaft mit GHD für mich so aufregend war.
GHD wollte die Frauen zeigen, die David tätowiert hatte. Sie fragten ihn, wer bereit wäre, ein Interview zu geben und er sagte ihnen meinen Namen. Als sie mich anriefen sagte ich gleich: „Sie haben das falsche Mädchen. Meine Haare sind schrecklich.“ Woraufhin sie antworteten: „Darum geht es nicht. Wir wollen eine starke Frau, die ihren Körper mit ihrem Tattoo zurückerobert hat.“ Mehr musste ich nicht hören.
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Im Rahmen dieser Kampagne wurden Fotos von mir gemacht, als ich in einem Raum mit 30 Leuten war, die sich meine Geschichte anhörten und mir alle sagten, wie schön ich bin. Es war eine so magische Erfahrung für eine Person, der ihr Selbstbewusstsein genommen wurde. Ich habe jetzt überall auf der Welt Frauen getroffen, die sich nicht wohl dabei fühlen, Menschen zu erzählen, dass sie eine Mastektomie hatten – manchmal sagen sie es nicht einmal ihrer eigenen Familie. Wenn sie sehen, was diese Tätowierung für mich getan hat, scheint sich meine Kraft auf sie zu übertragen. Das fühlt sich für mich wie ein Geschenk an. Ich habe es schon einmal gesagt: Ganz gleich, ob der Brustkrebs jemals zurückkommt oder nicht – das allein war es schon wert.
Es ist schwer, die Kraft, die mir diese Tätowierung verliehen hat, in Worte zu fassen. In meiner Nachbarschaft kannte mich jede*r als die bedauernswerte Mutter, die Krebs hat. Sie mussten ihren Kindern erklären, warum ich eine Glatze hatte. Aber jetzt bin ich die knallharte Lady mit dem Mastektomie-Tattoo, und das fühlt sich absolut richtig an. Diese Seite von mir ist fast wie mein Alter Ego: die knallharte Überlebende, die die Kunst ihres Kampfes auf dem Körper trägt. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals mehr wie ich selbst gefühlt habe.
Besonderer Dank gilt der Dokumentation Grace für die Bereitstellung von zusätzlichem Filmmaterial über Lombardo und Allen.

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