Ich mochte meinen Körper – bis ich meine Hochzeitsfotos sah

Photographed by: Katie Osgood
Vor kurzem schickte mein Cousin mir ein Foto, das er von mir gemacht hat. Darauf grinse ich bis über beide Ohren. Meine Augen fest verschlossen und meine beiden Fäuste in die Luft gestreckt – so als hätte ich gerade Wimbledon gewonnen. Ich sehe ungeheuer glücklich aus – weil ich es war. Dieses Foto entstand auf meiner Hochzeit, direkt nach der Trauung. An meinen Jubel-Move kann ich mich ehrlich gesagt nicht mehr wirklich erinnern – zugegeben, vieles von dem Tag habe ich am nächsten Morgen nicht mehr gewusst. Meine Hochzeit (besonders die Zeremonie) war eher eine außerkörperliche Erfahrung für mich. Ich wusste nur, dass ich Riesenspaß hatte, tanzte, bis ich meine Füße nicht mehr spüren konnte und dass all der Stress und die Panik in dem Moment, als der DJ The Supremes auflegte, wie Eiscreme in der Sonne dahinschmolzen. Ich konnte es kaum erwarten, die Fotos zu sehen, und am nächsten Tag wachte ich auf und fand Dutzende von ihnen, die über WhatsApp und Social Media in mein Handy strömten. Das mit der Faust war das erste – und in dem Moment, als ich das Bild sah, kam all der vergessene Stress und die Panik innerhalb von Sekunden zurück.
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Pausbäckchen, Doppelkinn und Fettpölsterchen… Das waren die ersten Dinge, die mir ins Auge stachen. Reflexartig scannten meine Augen meinen ganzen Körper und die niederschmetternden Gedanken schossen wieder mal durch meinen Kopf: Warum musste er mich von der Seite ablichten? Ich sollte wirklich nie wieder meine Arme in die Luft strecken. Hmm, eigentlich sollten meine Arme lieber immer eng an meinem Körper bleiben. Erst nachdem ich instinktiv die verschiedenen Übel an mir erfasst hatte, bemerkte ich, dass ich, jawohl, auch glücklich aussah. Aber verdammt nochmal, sah ich dabei immer so schrecklich aus?
Diese Gedanken waren einfach so wieder da und setzten sich fest. Und ich mache das nicht absichtlich. Ganz im Gegenteil, diese Selbstkritik ist eine völlig unbewusste Angewohnheit. Indem ich mein Aussehen auf jedem Foto, Spiegel und jeder reflektierenden Oberfläche argwöhnisch betrachtete, nährte ich dieses negative Selbstbild, bis es die Macht über meine Gedanken hatte. Aber ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die mit solchen Dämonen zu kämpfen hat. Viele Menschen schauen sich ihre Fotos an und sehen nur die Dinge, die sie an ihrem Körper nicht mögen. Umso trauriger ist es, dass wir zehn Jahre später genau vor den gleichen Fotos sitzen und denken: Schau, wie schön ich war! Gott, ich wünschte, meine Beine/Haut/Arme würden noch so aussehen. Die einzige Ausnahme der Regel sind Frisuren, die altern nämlich nie gut.
Ich selbst habe viel Zeit damit verbracht, mir diese Gedanken abzugewöhnen. Vor vier Jahren beendete ich meinen lebenslangen Teufelskreis der Diäten, des unausgewogenen Essens, manischen Fitnesswahns und mit dem damit einhergehenden Hass auf meinen Körper. Heute weiß ich, mein Körper ist kein Problem, das es zu korrigieren gilt! Ich habe Jahre damit verbracht, mir dieses Denken anzueignen. All die Therapiestunden, die ich deswegen schon hinter mir habe, die Bücher, die ich darüber gelesen und geschrieben habe. Und ganz zu schweigen von den ganzen Selfcare-Sessions, in denen ich mich in Selbstliebe geübt habe. Das alles hat sich irgendwann ausgezahlt! Wäre dem nicht so, dann hätte ich es niemals geschafft, vor Freund*innen und Familie zu stehen und mich 25 Minuten lang von ihnen anstarren zu lassen. Und das auch noch im Seitenprofil!
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Photographed by: Katie Osgood
Aber die Sache ist doch die: Vier Jahre aktive Selbstakzeptanz löschen nicht den Selbsthass, den ich mir ein ganzes Leben lang aufgebaut habe. Ein positives Selbstbild kannst du nicht einfach so lernen. In diesem Fall musst du nämlich aktiv versuchen zu vergessen. Manchmal denkt mein Gehirn immer noch an all die nichtssagenden Worte, mit denen ich mich quälte. Wenn ich im Supermarkt vor dem Obst stehe, achte ich immer noch auf die kalorienarmen Früchte und ignoriere die leckeren Bananen nebendran. Ich sehe ein wunderschönes Kleid und überlege gleich, es in Schwarz zu kaufen, damit ich schlanker darin aussehe. Strecke deinen Hals, damit dein Doppelkinn verschwindet, denke ich mir, wenn ich für ein Bild posiere. Gibt es jemanden, hinter dem du stehen kannst?
Wenn es deine Hochzeit ist, lautet die Antwort klipp und klar: Nein. Eigentlich habe ich mittlerweile kein Problem damit fotografiert zu werden. Auch wenn mein Gehirn anfängt mir Befehle zu geben, bin ich heutzutage in der Lage, sie einfach abzuwimmeln und in die Kamera zu grinsen. Aber Hochzeiten sind nicht die ganz normale Normalität. Sie sind spektakulär oder schrecklich oder ein bisschen von beidem, aber nie wirklich normal. Sprich: Ich war nicht so wie immer, sondern die Braut! In Tüll und Seide gekleidet, Perlen im Haar und im Mittelpunkt des Geschehens. Und obwohl ich wusste, dass das Gerede von der Hochzeit als „der wichtigste Tag deines Lebens“ im Grunde Schwachsinn ist, war mir auch klar, dass dieser Tag nicht unwichtig war. Ich hatte Angst und war müde und wenn das passiert, neigt mein Gehirn dazu, die alte Negativität aus den Tiefen meiner Seele heraufzubeschwören.
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Wie geplant haben wir uns vor der Zeremonie für Familienfotos versammelt. Stelle dich vorteilhaft hin, flüsterten mir meine Gedanken zu, als ich mich neben meinen zukünftigen Ehemann positionierte, umgeben von der Verwandtschaft. Vermeide, dass man dein Doppelkinn sieht. Für jedes Foto brauchte der Fotograf ungefähr zehn Sekunden, um die Leute richtig zu positionieren und weitere 30, um mich davon zu überzeugen, mein Kopf zu senken und einen Schritt nach vorne zu gehen. Und noch einen. Etwas mehr. Uuuuund noch einen kleinen Schritt, bitte!
Als die obligatorische Fotosession beendet war, war es endlich an der Zeit zu heiraten. Das ist das Schöne an der emotionalen Achterbahnfahrt, die sich Hochzeit nennt: In einer Minute umarmst du deine weinende Oma, in der nächsten unterschreibst du ein Rechtsdokument neben deinem neuen Ehepartner. Du wirst in unglaublich intensive Gefühlslagen geschoben und bevor du Zeit hast, diese überhaupt zu verstehen, ist es schon wieder vorbei. Ab einem bestimmten Punkt kannst du hoffentlich loslassen und einfach Spaß haben. Irgendwo zwischen dem Gang zum Altar und dem „Ja, ich will“ war es dann auch bei mir soweit. Ich machte mich frei von all dem Stress und genoss den Moment. Von da an liebte ich jede einzelne Sekunde meiner Hochzeit.

Alles, was ich sehen konnte, waren Oberarmfett, mein hoch rutschendes Kleid und natürlich mein Kinn.

Doch dann das Erwachen am nächsten Morgen. Hast du jemals ein Bild von dir selbst auf einer Achterbahn gesehen? Mund offen, mit weit aufgerissenen Augen, etwas Schweiß auf der Stirn. Warum machen sie diese Fotos überhaupt? Das dachte ich mir, als ich mit meinem Handy im Bett lag (ach so, und dem Typen, den ich gerade geheiratet hatte) und durch die Schnappschüsse meiner Familie und Freunde scrollte. An irgendeinem anderen Tag wäre das keine große Sache gewesen. Immerhin waren Fotos von mir ja kein Problem mehr für mich – auch „schlechte“ Fotos nicht. Tatsächlich versuche ich, diese Fotos als Gelegenheit zu nutzen, um ein wenig über mich selbst zu lachen oder mich mit dieser bösen Stimme in meinem Kopf auseinanderzusetzen. Wenn mich jemand auf einem Gruppenfoto auf Facebook markiert, ist mir mein Ausdruck oder der Bauchumfang nur anfangs etwas unangenehm. Dann setze ich mich hin und schaue mir das Foto so lange an, bis es mich nicht mehr stört. Manchmal sage ich dabei so etwas wie: „Ich liebe dich!“ Es klingt kitschig und langweilig (das ist es auch), aber diese Übung hilft mir, mein Selbstbewusstsein nicht mehr von meinem Aussehen abhängig zu machen.
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Aber auch hier gilt: Hochzeiten sind nicht die Normalität. Es waren nicht ein paar Gruppenfotos, sondern ein paar hundert. Und ich war nicht in einem oder zwei von ihnen zu sehen, sondern so ziemlich in allen. Auf dem einen sehe ich erschöpft aus, während ich mich bereit mache, zur Location zu gehen. Auf einem anderen wurde festgehalten, wie ich während eines der Toasts husten musste. Und, oh Gott, jemand hat ein Video von mir gemacht, als ich zu den Spice Girls abging. Noch einmal habe ich versucht mich daran zu erinnern, dass das nicht der wichtigste Tag meines Lebens war und dass diese Fotos daher einfach keine so große Sache waren. Aber sind wir mal ehrlich: Das waren sie doch!
In diesem Moment verließen mich all die Jahre rigoroser Selbstakzeptanz, zusammen mit meinen Überzeugungen und Prinzipien zum Irrtum der Schönheitsstandards, der patriarchalischen Hochzeitsindustrie und dem Feminismus. Ich starrte auf die Bilder auf meinem Handy und ließ der negativen Stimme in meinem Kopf frei reden: Du hättest wie eine Prinzessin aussehen müssen. Alles, was ich sehen konnte, waren Oberarmfett, mein hoch rutschendes Kleid und natürlich mein Kinn.

Pretty good weekend. ?by @svontesmar (?)

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Es ist schwer die Sprache der Scham und des Selbsthasses zu verlernen und ebenso ist es nicht leicht die Erwartung zu verlernen, dass Bräute perfekt und immer schön aussehen müssen. Und es ist fast unmöglich, die Vorstellung loszulassen, dass Schönheit bedeutet dünn und völlig frei von Achselfett zu sein. Ich wollte so sehr über all diesen Quatsch stehen. Aber irgendwo in mir war noch diese Frau, die an all diese Dinge glaubte und sie schämte sich für mich. Und ich schämte mich für sie.
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Dann machte die Achterbahn noch eine weitere Schleife. Harry stupste mich an und als ich hinüberschaute, steckte er mir mit einem riesigen, albernen Lächeln seinen Ehering ins Gesicht. Erst da hab ich wirklich verstanden, worum es bei all dem wirklich gehen sollte. Es sollte kein Morgen sein, um sich für irgendwas zu schämen. Ich war weder eine Feenprinzessin noch ein Musterbeispiel für vollkommenes Selbstbewusstsein. Und ja, ich habe Fettpölsterchen und nun auch Fotos, die das beweisen. Ich habe aber auch einen fantastischen Ehemann, eine Menge unglaublich toller Freund*innen und Verwandte, die gekommen waren, um uns zu feiern. Und eine Hochzeit, die so fröhlich und magisch war, dass sie kaum real schien. Aber dank dieser Fotos wusste ich, dass es so war. Wegen dieser Schnappschüsse, Instagram-Posts und betrunkenen Bildern von der Foto-Kabine hatte ich eine Aufzeichnung über den ganzen, unglaublichen Tag. Es spielte keine Rolle, dass so viele Momente verschwommen an mir vorbeigegangen waren, weil meine Lieben sie für mich festgehalten hatten. Kein Foto war schlecht. Sie alle waren meine Schätze.
Ich würde gerne sagen, dass ich seitdem Tag ein, Tag aus im Einklang mit meinem Körper bin. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich nie wieder bei einem anderen Schnappschuss zusammenbrechen werde oder dass ich keine Aufregung und keine Angst mehr spüre, wenn jemand Fotos von mir macht. Mehr als alles andere wünschte ich, ich würde mir nicht wünschen, dass ich darin anders aussehe. Aber ein Teil von mir tut es. Ein Teil von mir hängt immer noch an diesen alten, lächerlichen Überzeugungen über Schönheit und Prinzessinnenbräute. Ich glaube, dass dieser Teil eines Tages auch loslassen und einfach die Fahrt genießen wird. Fürs Erste, ist mein erster Blick auf ein Foto von mir immer ein kritischer.
Aber je länger ich hinschaue, desto mehr bemerke ich andere Dinge auf dem Bild: Meine Freude. Meine Lieblingsmenschen um mich herum. Die romantischen Blicke, die Harry und ich uns gaben. Je länger ich hinsehe, desto schwieriger ist es, etwas anderes als Liebe darin zu finden.
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