Borderline-Störung: Wenn Liebe toxisch wird

Foto: Eylul Aslan
Triggerwarnung: In diesem Artikel wird das Thema Suizid erwähnt.
Im Laufe meines Lebens habe ich mich immer wieder auf bestimmte Menschen fixiert und sie idealisiert. Wie intensiv meine Gefühle dabei waren und wie unfähig ich war, sie zu kontrollieren, ist beunruhigend. Erst als bei mir im Alter von 22 Jahren eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) diagnostiziert wurde, ergaben meinen Erfahrungen endlich einen Sinn.
Bei Betroffenen wechseln sich Gefühle wie Liebe und Hass schnell ab und es kann zu extremen Gefühlsausbrüchen kommen. Die Symptome sind von Person zu Person unterschiedlich, können aber unter anderem emotionale Instabilität, gestörte Denkmuster, impulsives Verhalten und instabile Beziehungen zu anderen sein. In Deutschland leiden ca. zwei Prozent der Bevölkerung an dieser seelischen Störung.
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Hannah Larkin ist eine 20-jährige Studentin, die sich noch in der Anfangsphase ihrer Genesung von BPS befindet. „Diese Störung hat meine Beziehungen zu allen Menschen in meinem Leben zerstört. Das ging so weit, dass ich jetzt nicht einmal mehr ein Zuhause habe“, sagt sie. „Ich bin im Krankenhaus und habe keine Freund:innen.“
Wie Hannah stellte auch ich irgendwann fest, dass all meine Beziehungen einen Punkt erreicht hatten, von dem ich dachte, dass sie nicht mehr zu retten seien. Erst als ich vor vier Jahren die Diagnose erhielt, konnte ich mich selbst verstehen und mein Verhalten nachvollziehen. So habe ich zum Beispiel erst vor Kurzem vom Konzept der Lieblingsperson (LP) erfahren. Von da an war ich in der Lage zu erkennen, was für eine wichtige Rolle dieser Begriff in meinen intensivsten Beziehungen gespielt hat.
Im Zusammenhang mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine LP eine Person, die der Person mit BPS Trost spendet und ein Fels in der Brandung für sie ist. Sie unterscheidet sich dadurch von einem besten Freund oder einer besten Freundin, dass sich Betroffene emotional von ihr abhängig fühlen und anfangen zu glauben, dass sie die einzige Person sei, die sie glücklich machen kann. Lieblingspersonen bieten Menschen, die an BPS leiden, emotionale Bestätigung und Sicherheit.
Dr. Elena Touroni, beratende Psychologin und Mitbegründerin der Chelsea Psychology Clinic, erklärt gegenüber R29, dass diese Art von Beziehungen ein häufiges Thema bei ihren Patient:innen mit dieser Störung sind. „Deine LP könnte ein enger Freund oder eine enge Freundin, ein:e Partner:in, ein Kollege oder eine Kollegin, ein:e Therapeut:in oder vielleicht eine etwas ältere Person sein, die die Funktion eines Mentors oder einer Mentorin hat“, sagt sie.
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Obwohl ich immer nur eine LP zur gleichen Zeit hatte, haben manche Menschen mehrere davon. Bei der 24-jährigen Georgia Louise, bei der BPS im Alter von 21 Jahren diagnostiziert wurde, waren die Personen, die zu ihren Lieblingspersonen wurden, entweder Liebespartner:innen oder ihre besten Freund:innen.
Hannah hingegen hat im Moment vor allem eine LP: ihre Mutter. „Ich würde sagen, das liegt daran, dass ich sie am meisten sehe“, erklärt sie. „In der Vergangenheit hatte ich andere Lieblingspersonen wie Mitarbeiter:innen des Krankenhauses, Lehrer:innen und Freund:innen der Familie.“
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Georgia beschreibt ihre Bindungen als eine Form von Besessenheit, die aus einem zutiefst instabilen Selbstverständnis entsteht. „Wenn uns jemand so liebt und schätzt, wie wir wirklich sind, verlieben wir uns auf gewisse Weise in diese Person (was aber nicht immer auch sexueller Natur sein muss).“ Sie schildert auch, wie extrem beschützend und besitzergreifend sie ihrer LP gegenüber in ihrer Jugend war und sagt, dass sie sich manchmal sogar in Gefahr begab, um diese zu schützen.
Das ist etwas, was ich gut nachempfinden kann. Wann immer meine frühere LP Probleme hatte, habe ich alles stehen und liegen gelassen, um ihr zu helfen. Das tat ich zum Teil, weil ich mich sorgte, aber auch, weil ich glücklich war, wenn sie es war.
„Irgendwann wurde ich meiner LP aber zu viel, denn so sehr sie mich vielleicht auch mochte oder liebte, brauchen wir alle schließlich unseren persönlichen Freiraum und Zeit für uns selbst“, fügt Georgia hinzu. „Ich habe zwei beste Freund:innen, die früher meine Betreuer:innen waren. Ich weiß, dass ich viel Druck auf sie ausübte. Sie wussten aber, dass ich psychisch krank war und konnten deshalb damit umgehen.“
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Dabei handelt es sich im Grunde um einen unbewussten Tanz zweier Personen miteinander.

Dr. Elena Touroni
Diese Beziehungen können schnell toxisch und unbeständig werden. Dr. Touroni sagt, dass all das auf die Kindheit der Betroffenen zurückgeht. Menschen mit BPS sind auf der Suche nach einer Person, die ihnen dabei helfen kann, Dinge wie einen Mangel an Aufmerksamkeit oder Liebe, mit dem sie als Kind zurechtkommen mussten, wettzumachen oder Traumata zu verarbeiten, die sie in ihrer Kindheit erlebten (was bei Menschen mit BPS häufig der Fall ist). „Ich glaube, dass es oft eine unbewusste Übereinstimmung gibt zwischen jemandem, der:die auf einer emotionalen Ebene sehr viel entbehren musste, und jemandem, der:die in der Kindheit dazu neigte, die Rolle eines Gebers oder einer Geberin (vielleicht eines Elternteils) zu spielen“, erklärt sie. Weil sie die Kriterien einer Bezugsperson, die sich um einen kümmern, erfüllen, werden diese Menschen zu Lieblingspersonen.
„Diese Bezugsperson wiederum lässt sich aufgrund eigener emotionaler Erfahrungen auf diese Beziehung ein“, fügt Dr. Touroni hinzu. „Sehr oft wiederholt sich in solchen Paarbeziehungen etwas aus der Vergangenheit.“ Da die Person mit BPS keine Widerstandsfähigkeit entwickeln konnte, fühlt sie sich emotional abhängig von der anderen Person.
Irgendwann lässt die Bezugsperson die Person mit BPS jedoch im Stich. „Die Anforderungen werden zu hoch oder sie versteht einfach nicht, wie wichtig ihre Rolle für ihr Gegenüber ist“, sagt Dr. Touroni. „Für gewöhnlich beginnt die Beziehung mit guten Absichten. Der LP ist aber zu Beginn oft nicht klar, wie abhängig die andere Person von ihr ist. Sie lässt sich also nicht bewusst darauf ein. Das beeinträchtigt beide Parteien.“
Für Georgia waren diese Tiefpunkte in der Regel auf einen Mangel an offener Kommunikation zwischen ihr und ihrer LP zurückzuführen. „Wenn eine Person im Laufe der Zeit dein ‚Ein und Alles‘ wird und du dich wertlos ohne sie fühlst, fängst du an, zu glauben, dass du ein Anrecht auf ihre Zeit hast.“
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Obwohl die Beziehung schon vorher zerbrechlich war, manifestiert sich Toxizität gewöhnlich in solchen Momenten. Die Person mit BPS fühlt sich allein gelassen und emotional beraubt, während ihre Bezugsperson emotional belastet ist und sich zurückziehen möchte. „Dabei handelt es sich im Grunde um einen unbewussten Tanz zweier Personen miteinander“, sagt Dr. Touroni.
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Als meine letzte Beziehung mit einer Lieblingsperson endete, war ich kurz davor, mir mein Leben zu nehmen. Ich hatte keinen Funken Selbstwertgefühl. Die Situation wurde außerdem noch dadurch verschlimmert, dass wir intim gewesen waren und ich viele romantische Fantasien auf die Beziehung projiziert hatte. Dadurch wurden die Gefühle, die ich empfand, nur noch verstärkt. Als es mir gelang, mich aus meiner Verzweiflung zu befreien, bemühte ich mich bewusst darum, keine Beziehungen einzugehen. Da ich wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit BPS Suizid begehen, 50-mal höher ist als bei solchen, die nicht an dieser Störung leiden, und da ich verzweifelt war, beschloss ich, mich ausschließlich auf meine Genesung zu konzentrieren.
Es dauerte drei Jahre, bis ich mich wieder mit jemandem auf dieselbe Weise verbunden fühlte. Wir waren schon Jahre zuvor zusammen gewesen (etwas sehr Lockeres), und ich empfand ihn nicht als „Bedrohung“. Das war der Grund dafür, dass ich nicht das Gefühl hatte, mich selbst schützen zu müssen, und mich schließlich binden konnte. Der Übergang geschah allmählich, aber sobald wir regelmäßig miteinander kommunizierten, spürte ich, dass ich emotional wieder mehr bei der Sache war.
Da ich mich in der Therapie mit diesem Thema auseinandergesetzt hatte, konnte ich alte Verhaltensmuster erkennen und mich beruhigen, sobald ich merkte, dass ich mich wieder kopfüber in die Sache stürzen wollte. Ich bemühte mich auch darum, es anzusprechen, wann immer mir auffiel, dass ich mich in der Beziehung falsch verhalten hatte, und versuchte, zu meinen Handlungen zu stehen.
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Dr. Touroni empfiehlt außerdem, deine Aufmerksamkeit zu „verteilen“. „Stell sicher, dass es in deinem Leben mehr als nur eine Person gibt, die deine Bedürfnisse erfüllt“, erklärt sie. „Andernfalls kann es leicht zu einer Mutter-Kind-Dynamik kommen, die in der Regel schief geht.“
Was meine jetzige Verbindung zu einer bestimmten Person betrifft, so liegt unser Kennenlernen jetzt etwas mehr als ein Jahr zurück. Obwohl ich es nicht erwartet hatte, hat diese Beziehung dazu beigetragen, dass ich mich nun selbst besser verstehe. Früher glaubte ich, dass meine LP mich „vervollständigt“. Dieses Mal habe ich bewusst versucht, herauszufinden, warum sie mir ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Zu diesem Zeitpunkt haben wir seit Tagen nicht mehr miteinander gesprochen, aber ich fühle mich nicht abgelehnt oder alleine gelassen. Ich vermisse ihn zwar, aber selbst, wenn wir nie wieder miteinander sprechen würden, würde ich mich nicht verlassen fühlen. Natürlich habe ich immer noch meine Momente, aber diese Beziehung ist ein Beweis dafür, dass es mir besser geht.
Georgia teilt meine Gedanken. Auch sie vergleicht ihre Beziehungen von damals (vor der Diagnose) mit jenen von heute. „Seitdem ich mich mit meiner Persönlichkeitsstörung auseinandergesetzt habe, habe ich festgestellt, dass ich in der Lage bin, allein zu sein“, erklärt sie. „Ich bin viel selbstständiger und finde es jetzt schwierig, mich auf andere Menschen zu verlassen, vor allem, wenn es darum geht, meine eigenen Gefühle zu kontrollieren.“ Dr. Touroni sagt dazu: „Es ist wichtig, zu erkennen, dass auch die andere Person ihren Teil dazu beitragen kann. Außerdem ist es von Bedeutung, unsere eigene emotionale Widerstandsfähigkeit zu stärken.“
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Um für Gleichgewicht in Beziehungen zu Lieblingspersonen zu sorgen, so betont Dr. Touroni, wie wichtig es ist, einige Menschen in deinem Leben zu haben, mit denen du verschiedene Aspekte von dir selbst teilen kannst. Außerdem solltest du ihr zufolge auf Nähe und Distanz achten und darauf, wie viel Zeit du mit deiner LP verbringst und wie häufig ihr miteinander kommuniziert.
Für mich persönlich war es aufschlussreich, mein emotionales Vokabular zu erweitern und Muster mit Hinblick auf den Typ Mensch entdecken, an den ich mich binde. Das gelang mir, indem ich mich selbst fragte: „Warum haben alle meine Lieblingspersonen die Eigenschaft [X]? Welche Gefühle treiben mich dazu, mich an diese Person zu binden?“ Durch das Beantworten dieser Fragen habe ich es geschafft, meine aktuelle LP nicht zu idealisieren. Das hat meine Genesung enorm beschleunigt. Auch wenn die Dinge nicht immer gut laufen, hat die Beziehung zu meiner derzeitigen LP mein Verständnis dafür vertieft, wer ich bin und wozu ich in der Lage bin.
Die Balance in Beziehungen ändert sich ständig. Durch die Erfahrungen mit meiner derzeitigen LP habe ich aber gelernt, mir selbst wieder zu vertrauen. Ich liebe ihn zwar sehr, aber ich bin nicht auf ihn angewiesen, um zu existieren. Ich weiß jetzt auch, dass ich viel mehr dazu bereit bin, platonische und romantische Beziehungen einzugehen, als ich dachte.
Als ich meine Diagnose erhielt, zweifelte ich daran, dass mein Leben jemals besser werden würde. Ich hoffe aber, dass wir Menschen mit BPS (und unsere Angehörigen) erkennen können, dass es zwar keine Heilung für diese Störung gibt, wir aber auf jeden Fall dafür sorgen können, dass es uns besser geht und wir so gesündere Bindungen eingehen können.

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