Kann man lernen, ohne Wecker pünktlich aufzuwachen?

Foto: Michael Beckert.
Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich generell ein eher ängstlicher Mensch bin, aber ich stelle mir jeden Abend acht (!) Wecker. Ich weiß, das ist absolut unverhältnismäßig. Aber weil ich denke, ich könnte es überhören und verschlafen, klingelt mein Handy morgens alle 15 Minuten.
Manchmal wache ich zwar tatsächlich kurz vor dem Wecker auf, aber meistens schlafe ich dann direkt wieder ein. Ansonsten habe ich nach dem ersten Klingeln oft das Gefühl, ich könnte den ganzen Tag weiterschlafen. Und deswegen snooze ich, so lange es geht. Das Problem ist nur, dass ich es eigentlich nicht gut finde, so abhängig von meinem iPhone zu sein. Was, wenn der Akku mal leer ist oder es kappt geht? Dann komme ich ja gar nicht mehr aus dem Bett! Ist es nicht irgendwie möglich, ganz natürlich und ohne Wecker pünktlich aufzuwachen? Und wenn ja: Kann man das lernen?
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Bevor ich die Ergebnisse meiner Recherche verrate, erst mal eine Entwarnung: Laut Dr. Daniel Barone, einem Neurologen des New York-Presbyterian/Weill Cornell Medicine Centers for Sleep Medicine und Autoren von Let's Talk About Sleep, ist es ganz normal, das Gefühl zu haben, einen – oder mehrere – Wecker zu brauchen, um wach zu werden. Wenn du dagegen oft von selbst ein paar Minuten vor dem Klingeln aufwachst ist das ein Zeichen dafür, dass du genügend Schlaft bekommst. In diesem Fall brauchst du nicht zwingend einen Wecker, so Dr. Barone.
So geht es allerdings leider den wenigsten von uns. Die meisten brauchen schrille Klingeltöne oder einen Radiowecker oder eine*n Partner*in, die oder der einen mehr oder weniger sanft wachrüttelt. Und eine große Tasse Kaffee. Sonst sind wir nicht ansprechbar. Laut Dr. Barone ist das ein deutliches Zeichen für unsere unter Schlafentzug leidende Gesellschaft: Im Schnitt schlafen wir heutzutage etwa eine Stunde weniger als noch vor 100 Jahren. „Das klingt erst Mal nicht so viel, kann aber potentiell viel nach sich ziehen – wie, dass wir abhängig von Weckern sind“. (Abgesehen davon, kann es auf lange sich auch zu Übergewicht, verzögerter Reaktionsfähigkeit, schlechten Blutzuckerwerten und anderen gesundheitlichen Problemen führen. Aber darum soll es in diesem Artikel nicht gehen.)
Doch selbst, wenn du jede Nacht sieben bis neun Stunden Schlaf bekommst (je nachdem was die perfekte Schlafstundenanzahl für dich und deinen Körper ist), heißt das laut Dr. Barone nicht automatisch, dass du jeden Morgen pünktlich ohne Wecker wach wirst. Warum? Weil auch die Schlafzyklen, die je etwa 90 Minuten andauern, regelmäßig sein müssen. Wenn wir schlafen, durchläuft unser Gehirn verschiedene Phasen. „Nach etwa vier oder fünf Schlafzyklen wachen wir normalerweise auf“, so Dr. Barone. Wenn du dann genug geschlafen hast, wacht auch dein Gehirn von selbst auf. Wenn das nicht der Fall ist, wirst du das Gefühl haben, die Snooze-Taste drücken zu wollen.
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Wenn du Körper dazu bringen möchtest, ohne Wecker zur selben Zeit aufzuwachen, solltest du immer zur selben Zeit schlafen gehen – selbst am Wochenende. Es ist also alles eine Sache der Gewöhnung. Unterbrichst du die Routine jedoch, verwirrst du deinen Körper und dann verschläfst du es wahrscheinlich am Montagmorgen. Du kannst auch versuchen, dir immer und immer wieder vor dem ins Bett gehen zu sagen, wann du aufwachen willst. So als ob du deinen inneren Wecker stellen würdest. Angeblich soll das tatsächlich funktionieren.
Menschen, die viel meditieren, fällt es übrigens oft leichter, pünktlich von selbst aufzuwachen. Für Menschen, die im Schichtsystem arbeiten ist es dagegen deutlich schwerer (aber nicht unmöglich), die innere Uhr wieder in Einklang zu bringen, erklärt Dr. Barone.
Ganz gleich, ob du mit oder ohne Wecker aufwachst: Wichtig ist, dass du nicht noch Mal einschläfst. Dadurch bringst du dein Gehirn durcheinander. Es denkt dann, es wäre schon wieder Abend. „Unser Gehirn funktioniert nicht wie ein An-Aus-Schalter“, sagt Dr. Barone. „Es kann sein, dass du, wenn du wieder einschläfst, gleich mehrere Stunden weg bist.“ Also stell deinen Wecker am besten direkt auf die andere Seite des Zimmers, damit du aufstehen musst, um ihn auszuschalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass du dann noch mal ins Bett kriechst ist ziemlich gering.
Und falls du es ausprobieren willst, auf deinen Wecker zu verzichten, mach es vielleicht im Urlaub. Oder stell dir zumindest in den ersten Tagen einen Notfallwecker. Wenn es nicht klappt, dann mach dir nichts draus! Es gibt schließlich auch noch andere Möglichkeiten, sanfter in den Tag zu starten als mit einem schrillen Klingelton.
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