The Harder They Fall hat einen bitteren, coloristischen Beigeschmack

Foto: bereitgestellt von Netflix.
Achtung: Spoiler zum Netflix-Film The Harder They Fall direkt voraus!
Das neue Netflix-Original The Harder They Fall ist eine Hommage an die legendäre Ära Schwarzer Cowboys. Verspielt und fantasievoll bringt der actionreiche Film frischen Wind ins Western-Genre. Leider hat das Ganze einen bitteren Beigeschmack: Eine kontroverse Casting-Entscheidung vom Autor und Regisseur Jeymes Samuel verleiht The Harder They Fall einen coloristischen Unterton. Obwohl Samuels kreative Freiheit im Umgang mit den Biografien historisch echter Figuren sicher eine der größten Stärken des Films ist, wird sie ihm gleichzeitig zum Verhängnis – insbesondere in Bezug auf Samuels Neuinterpretation von Stagecoach Mary, einer dunkelhäutig-Schwarzen Legende des Wilden Westens, die hier von Zazie Beetz gespielt wird.
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The Harder They Fall ist eine epische Rache-Story, die sich vor der sandigen Kulisse des amerikanischen Wilden Westens im 19. Jahrhundert abspielt. Samuels Drehbuch trieft nur so vor Trauma: Nachdem er die brutalen Morde an seinen Eltern durch den berüchtigten Verbrecher Rufus Buck (Idris Elba) miterlebt hat, stürzt sich Nat Love (Jonathan Majors) ironischerweise ebenfalls in die Kriminalität und wird selbst zur Gauner-Legende. Zusammen mit seinen ähnlich verrufenen Kollegen (Edi Gathegi und RJ Cyler) macht er es sich zur Aufgabe, rivalisierende Gangs zu überfallen. Als er erfährt, dass Buck aus dem Gefängnis entkommen ist, bekommt Nat wieder Appetit auf Rache – und stößt einen Krieg zwischen den beiden verfeindeten Lagern los.
Samuels Film beginnt mit einem Disclaimer: „Obwohl die Ereignisse in dieser Geschichte frei erfunden sind, gab es diese Menschen wirklich.“ Die Charaktere seines Netflix-Projekts sind Neuinterpretationen echter historischer Figuren des späten 19. Jahrhunderts. Nat Love war ein ehemaliger Sklave, der in den späten 1800ern als begnadeter Scharfschützen-Cowboy berühmt wurde. Elbas Rufus Buck war ein halb-Schwarzer, halb-indigener Teenager-Verbrecher, der seine gewalttätige Gang dazu anstachelte, Siedler:innen anzugreifen, die seine Community umsiedeln wollten. Der Deputy Marshal Bass Reeves (Delroy Lindo) war als hartnäckiger Gesetzeshüter in einer gesetzlosen Zeit bekannt. Und auch die Story von Stagecoach Mary ist beeindruckend. Die Schwarze Frau wurde 1832 als Mary Fields auf einer Plantage in Tennessee geboren, und ihre einzigartige Reise führte sie von ihrem Job als Hausmeisterin in einem Kloster in Ohio quer durch die ganzen USA – als Briefträgerin. Als erste (bekannte) Schwarze Frau, die diesen Job ausführte, baute sich Stagecoach Mary mit der Zeit den Ruf auf, sich von niemandem etwas sagen zu lassenundihre Karriere sehr ernst zu nehmen. So ernst, dass die Legenden ihrer beharrlichen Arbeit im ganzen Wilden Westen kursierten.
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In The Harder They Fall bringt Beetz diese legendäre Hartnäckigkeit auch richtig gut rüber. Im Wilden Westen des Films wird Mary sowohl bewundert als auch gefürchtet und wirkt gebieterisch – ob nun bei Performances in ihrem Saloon oder auf dem Rücken ihres treuen Rosses. Marys Romanze mit Nat dient außerdem als weiterer Antrieb für dessen Vendetta: Als sie von der Rufus Buck Gang gefangen und als Geisel gehalten wird, bewegt Nats tiefe Liebe für Mary ihn sogar dazu, über seine strikte Moral hinwegzusehen und sich für ihre Sicherheit selbst in Gefahr zu begeben.
Beetz’ Verständnis für und Darstellung von Stagecoach Mary ist nicht nur durch Zufall so authentisch, sondern spiegelt ihre gründliche historische Recherche wider. Um sich auf die Rolle vorzubereiten, studierte sie zahlreiche Erzählungen über das Leben Schwarzer Menschen im Wilden Westen.
„Weil wir [für den Film] viele Lücken in Geschichtsbüchern füllen mussten, wollte ich unbedingt verinnerlichen, wie das Schwarze Leben im Westen damals aussah“, erzählte die Schauspielerin gegenüber Refinery29 in einem Interview vor dem Release. „Ich habe mir viel zu Mary selbst und zu den [Menschen, die die anderen Figuren inspiriert haben] durchgelesen, sowie prinzipiell viel Literatur zum Schwarzen Westen. Dabei ist vor allem ein Gefühl von Selbstermächtigung hängen geblieben: Das alles sind Geschichten über Durchhaltevermögen, und es war toll, vom Erfolg Schwarzer Menschen damals zu erfahren. Ich wollte, dass meine Darstellung von Mary dasselbe Maß an Hartnäckigkeit und Überlebenswillen rüberbringt und sie im Film mit jedem Charakter mithalten kann.“
Foto: Public Domain.
Und dennoch: Trotz Beetz’ gründlicher Vorbereitung und Arbeit hat ihre Darstellung von Stagecoach Mary einen unangenehmen Beigeschmack. Die Auswirkungen von Stagecoach Marys Leben auf die Schwarze amerikanische Geschichte waren enorm – vor allem, wenn man bedenkt, wie stark die verschiedenen Aspekte ihrer Identität sie daran behindert haben dürften. Sie war eine Schwarze Frau – und dann auch noch eine dunkelhäutig-Schwarze, dicke, ältere Schwarze Frau –, die sich in einer Zeit durchsetzte, in der weiße Männer unangefochten dominierten. In fast jeder Hinsicht als „anders“ zu gelten und dennoch erfolgreich zu sein, ist absolut unglaublich – doch hat sich The Harder They Fall nur eine dieser Identitäten ausgesucht, um darauf seine Geschichte zu fußen. Und obwohl Samuel genau genommen mit dieser Casting-Entscheidung durchkommt (weil der Film quasi „Avengers, aber als Schwarze Cowboys!“ ist), ist diese Ignoranz enttäuschend und besorgniserregend, weil sie deutlich den Colorismus der Entertainment-Branche aufzeigt. 
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Wenn du dich in den letzten Jahren mit der TV- und Filmwelt auseinandergesetzt hast, wird dir bewusst sein, dass Colorismus in Hollywood keine neue Entwicklung ist. Tatsächlich zieht sich die Tendenz, dunkelhäutig-Schwarze Frauen zu ignorieren, wie ein roter Faden durch alle Genres: Überall stehen hellhäutig-Schwarze Darstellerinnen im Vordergrund, während ihre dunkleren Kolleginnen oft auf Nebenrollen beschränkt werden (wenn sie überhaupt vorkommen). Selbst in Projekten, die auf echten Ereignissen und Menschen basieren, übernimmt der Colorismus das Casting-Steuer: 2016 ließ sich Zoe Saldana dunkler schminken und bekam Gesichts-Prothesen, um für das kontroverse und heftig kritisierte Biopic Nina die Titelrolle der Nina Simone zu spielen.
Das konsequente Versagen dieser Industrie, dunkelhäutig-Schwarze Frauen nicht nur anzuerkennen, sondern ihnen auch die Hauptrollen zuzusprechen, tut schon in Mainstream-Produktionen weh – fühlt sich aber umso mehr wie ein Verrat an, wenn dafür andere dunkelhäutig-Schwarze Menschen verantwortlich sind, wie eben Jeymes Samuel. Als Beetz’ Besetzung in The Harder They Fall bekannt wurde, reagierten viele Leute wütend, die sich mit Stagecoach Marys Geschichte auskannten. Die deutsch-amerikanische Schauspielerin entspricht nicht dem Bild, das viele von der Western-Legende erwartet hätten; Beetz sieht der dunkelhäutigeren, dicken Frau überhaupt nicht ähnlich, von der ihr Charakter inspiriert ist. Im Gespräch mit Refinery29 erzählte Samuel aber, die Darsteller:innen in seinem Film hätten schon immer zu seiner Vision für den Blockbuster gehört – inklusive Beetz.
„Ich wollte, dass das eine fiktive Story wird, in der ich all diese Charaktere zusammenbringe, die es wirklich gab“, erklärte er. „Also quasi die ganze Gang. Ich dachte mir: Okay, wer wäre meine Lieblingsbesetzung für diese Rolle? Und genau diese Namen landeten dann im Cast.“
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Obwohl diese Besetzung enttäuschend ausfiel, war die Reaktion auf die gerechtfertigte Kritik daran noch eine Nummer enttäuschender. Klar, die Produktion von The Harder They Fall ist vorbei, und der Film in Kinos und auf Netflix zu sehen – wir können nichts rückgängig machen, was längst durch ist. Dennoch sollte die Kritik am Film von jenen verstanden und anerkannt werden, gegen die sie sich richtete. Aber nichts dergleichen: Nur wenige Wochen vor dem Release rechnete ein nur als „T.C.“ bekannte Casting Director auf Instagram mit der Kontroverse um Beetz’ Besetzung ab – und das lief überhaupt nicht gut.
„Ich verstehe Colorismus… und das hier ist keiner“, schrieb er. „Dieser Film ist voller wunderschöner DUNKLER Frauen – von Ignoranz keine Spur… Mein Problem damit: ALLE anderen sind dunkelhäutig. Es ist nur eine Person… eine. Und trotzdem beschweren wir uns immer weiter.“
„Ich finde es traurig und sehe es als beleidigend für die Schauspielerin, die als ‚nicht schwarz genug‘ gesehen wird“, schrieb T.C. in den Kommentaren weiter. „Nein, sie sieht nicht aus wie Stagecoach Mary, aber wie viele Schauspielerinnen tun das schon?“
Genau diese Fragestellung ist aber das Problem – schließlich gibt es eine Vielzahl Schwarzer Darstellerinnen in Hollywood, die Stagecoach Marys Teint und Körperbau entsprechen (Wunmi Mosaku und Leslie Jones zum Beispiel), und so zu tun, als gäbe es sie nicht, bestätigt wieder nur, worum es hier eigentlich geht: Colorismus beschreibt nicht bloß die falsche Behandlung und Missachtung dunkelhäutig-Schwarzer Menschen, sondern auch die Normalisierung dieses Phänomens sowie die Tendenz, jegliche Kritik daran im Keim zu ersticken. Selbst die fantasiereiche, fiktive Version der Legende, die Stagecoach Mary nun mal war, und Beetz’ würdevoller, starker Auftritt rechtfertigen nicht die bewusste Entscheidung gegen eine authentische Darstellung der echten Frau. Das ist eine Beleidigung ihres Vermächtnisses.
Als jemand, die selbst nie ein Fan von Western-Filmen war, war ich überrascht, wie sehr mich jede Szene von The Harder They Fall doch packte. Von seinem zutiefst Schwarzen Soundtrack (einem exzentrischen, aber effektiven Mix aus Soul, Hip Hop, AfroBeat und mehr) über die beeindruckende Cinematografie bis hin zu den dynamischen Persönlichkeiten der Charaktere – die Elemente in Samuels Film fügen sich perfekt ineinander und hauchen dem Schwarzen Wilden Westen neues Leben ein. Im Kern ist der Film ein Liebesbrief an den Schwarzen Western, eine Würdigung einer Geschichte, die in Mainstream-Medien über das goldene Zeitalter von Cowboys und Verbrecher:innen oft ignoriert wird. Die Entscheidung eines Schwarzen Creators, dessen Absicht es war, eine historisch unterrepräsentierte Community zu zelebrieren, seine Rolle der Stagecoach Mary nicht mit einer dunkelhäutig-Schwarzen Frau zu besetzen, tut weh. Bei seinem Versuch, sie im Geiste wiederzubeleben, hat er einige wichtige Aspekte ignoriert, die das Leben von Stagecoach Mary vermutlich maßgeblich beeinflusst haben.
Hollywood denkt vielleicht, Colorismus würde sich auszahlen; die Wahrheit ist aber, dass er fast immer die Authentizität eines Projekts ruiniert. Im Fall von The Harder They Fall sorgt der Colorismus dafür, dass der Film nicht die wunderschöne Würdigung Schwarzer Identitäten ist, die er hätte sein können – und erinnert uns stattdessen schmerzlich daran, dass dunkelhäutig-Schwarze Frauen selbst in fiktiven Welten als ersetzlich gelten.

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