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Ist „Slow Dating“ einen Versuch wert?

Foto: J Houston
Die Pandemie setzte dem Dating-Leben der 24-jährigen Ola ein jähes Ende und läutete eine neue Phase für sie ein. Vor Corona verbrachte sie täglich Stunden damit, nach links und rechts zu swipen, sich mit Menschen zu treffen, von denen sie eigentlich nicht überzeugt war, und sich zu zwingen, „nicht aufzugeben“, um den berühmt-berüchtigten „Einen“ oder die berühmt-berüchtigte „Eine“ zu finden. Seit den letzten eineinhalb Jahren hat sich aber etwas an ihrer Einstellung verändert: Sie hat beschlossen, in Sachen Dating viel langsamer vorzugehen.
Mit dieser neuen Denkweise ist Ola scheinbar nicht alleine. Auch anderweitig scheint „Slow Dating“ nämlich auf dem Vormarsch zu sein. Diese Entwicklung beim Daten zeichnet sich dadurch aus, dass sich Personen mehr Zeit als sonst fürs Kennenlernen nehmen und mehrere Dates haben, bevor sie mit potenziellen Partner:innen Sex haben. Obwohl vom diesjährigen Sommer allgemein erwartet wurde, dass er ganz besonders sexy werden würde, teilten viele offensichtlich Olas Haltung und entschieden sich dafür, sich beim Kennenlernen mehr Zeit zu lassen. Wie es scheint, hatte die Pandemie und die damit verbundene Extra-Zeit in unseren eigenen vier Wänden dafür gesorgt, dass viele Singles die Partner:innensuche nach den Lockdowns anders angehen wollten.
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„Während der Lockdowns fühlte ich mich dazu gezwungen, etwas Abstand zu gewinnen und zu verstehen, welche Art von Interaktionen ich tatsächlich genieße und mit welcher Art von Menschen ich zusammen sein möchte“, sagt Ola. Sie erklärt, dass sie Dinge beim Daten jetzt viel langsamer und etwas nüchterner angeht und mehr Zeit darin investiert, Menschen zuerst richtig gut kennenzulernen und geduldig mit ihren Gefühlen zu sein. „Ich bin ziemlich zufrieden mit diesem Sinneswandel“, meint sie. „Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl habe, mich selbst wirklich zu lieben – und das reicht mir!“
Jemma Ahmed, die für die Dating-App Bumble tätig ist, erzählt mir, dass die Firma Anfang des Jahres eine Umfrage unter ihren Usern durchgeführt und dabei herausgefunden hat, dass dank der Lockdowns und Quarantänen sich etwa zwei von fünf Personen länger Zeit lassen, um jemanden kennenzulernen, und diese Zeit genutzt haben, um kritisch darüber nachzudenken, was sie von einer Beziehung tatsächlich erwarten. „Viele lernen sich selbst gerade viel besser kennen“, sagt Jemma. „Und deshalb lassen sie es ruhig angehen, wenn es darum geht, herauszufinden, wer der oder die Richtige für sie ist und wer nicht.“
Sanjay Panchal, Gründer von Elate, einer „Anti-Ghosting“-Dating-App, die auf Slow Dating ausgerichtet ist, erzählt, dass auch er eine Veränderung beim Daten bemerkt habe. „Die meisten Dating-Apps zeigen dir so viele Profile wie möglich und verlassen sich darauf, dass du herausfindest, wer das richtige Match für dich ist“, sagt er. „Vor der Pandemie ging es um maximale Schnelligkeit und Effizienz. Die meisten Leute wollten so schnell wie möglich auf ein Date gehen, um herauszufinden, wie ihr Gegenüber wirklich ist. Wie haben festgestellt, dass jetzt immer mehr Menschen ein langsameres Tempo bevorzugen und sich Zeit nehmen, jemanden schrittweise kennenzulernen, damit sie weniger Zeit mit Leuten verschwenden, die nicht zu ihnen passen.“
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Vor der Pandemie ging es um maximale Schnelligkeit und Effizienz. Die meisten Leute wollten so schnell wie möglich auf ein Date gehen, um herauszufinden, wie ihr Gegenüber wirklich ist.

Sanjay Panchal, Gründer von Elate
Sanjay erklärt, dass es durch die Lockdowns viel akzeptabler geworden ist, beim ersten Date zu telefonieren oder einen Videoanruf zu führen. „Das macht es viel einfacher, jemanden nach dem Matchen kennenzulernen, bevor es zu einer Verabredung in natura kommt“, fügt er hinzu.
Gleichzeitig haben Untersuchungen des Kinsey-Instituts rund ums Thema Sex nach der Pandemie ergeben, dass mehr als die Hälfte der Befragten kein Interesse mehr an One-Night-Stands hat. 44 Prozent gaben an, dass ihnen eine feste Bindung jetzt wichtiger sei. 33 Prozent sagten, sie wollten nun länger warten, bevor sie jemanden persönlich treffen, während 37 Prozent sagten, sie wollten das erste Mal Sex länger rauszögern.
Wenn es um Sex und Beziehungen geht, ist der Tipp, es beim Kennenlernen langsam anzugehen, einer der ältesten Ratschläge überhaupt – etwas, das sicherlich sowohl deine Mutter als auch deine Urgroßmutter befürworten würde. Er richtet sich auch oft an Frauen und dient stillschweigend dem Zweck, ihre sexuellen Freiheiten zu kontrollieren und sie auf keusche Objekte zu reduzieren, die in den Augen der Männer „rein“ bleiben müssen. Wir haben viele dieser überholten Regeln über Bord geworfen, da wir als Gesellschaft sexuell offener geworden sind. Warum also entscheiden sich jetzt so viele Menschen – vor allem Frauen – für eine achtsamere, langsamere Form von Dating? Macht Langsamkeit den Kennenlernprozess besser?
Der 33-jährigen Niamh gab die Auszeit vom Dating während der Pandemie Zeit, ihr Verhältnis zum Sex genauer zu überdenken. „Mir wurde klar, dass ich noch nie mit jemandem ausgegangen war, mit dem ich nicht sofort geschlafen hatte“, erzählt sie Refinery29. „Auch wenn Sex moralisch gesehen keine große Sache für mich ist, so habe ich mir erst jetzt eingestehen können, dass er emotionstechnisch sehr wohl eine ist“, fährt sie fort.
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Die Vorstellung, dass wir als Frauen nicht einfach bloß Sex haben und dann gehen können, ist etwas, das Sitcoms der 00er-Jahre wie Sex and the City herausforderten und durch die sich vieles geändert hat. Diejenigen von uns, die aber nicht auf Gelegenheitssex stehen, müssen jetzt aber gegen ein gegenteiliges Stigma ankämpfen, das sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Dabei ist es doch völlig in Ordnung, dass wir Gefühle empfinden, wenn wir unseren Körper und unser Bett mit einer anderen Person teilen.
„Ich entwickle schnell eine emotionale Bindung zu den Menschen, mit denen ich schlafe. Ich machte mir immer ziemliche Sorgen darüber, was sie für mich empfanden – selbst wenn es nur eine lockere Sache war“, sagt Niamh. „Aus Angst vor Zurückweisung tat ich manchmal so, als ob ich nichts Ernstes wollte.“ Sie fügt hinzu, dass ihre Angewohnheit, schon früh mit potenziellen Partner:innen zu schlafen, dazu führte, dass sie „keine vernünftigen Entscheidungen mehr treffen konnte“, was ihr zufolge oft „toxische Umstände“ schuf.
Wie Ola hat sich auch Niamh vorgenommen, ihre Partner:innensuche zu entschleunigen. Wie sie hat auch die 21-jährige Jemima festgestellt, dass eine langsamere Herangehensweise in Sachen Daten ihr geholfen hat, mehr Vertrauen in sich selbst und ihre Entscheidungen zu haben.
Jemima wurde Herpes diagnostiziert, als Corona zu wüten begann. „Die Pandemie hat es mir definitiv leichter gemacht, mit meinen Partner:innen über meine Geschlechtskrankheit zu sprechen“, sagt sie. „Da wir uns monatelang nicht berühren konnten, hatten wir Zeit, uns gut kennenzulernen und eine Beziehung aufzubauen. So konnte ich mich in ihrer Nähe wohlfühlen, bevor wir uns küssten oder Sex hatten.“
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Auch wenn Sex moralisch gesehen keine große Sache für mich ist, so habe ich mir erst jetzt eingesgtehen können, dass er emotionstechnisch sehr wohl eine ist.

niamh, 33
Slow Dating ermöglichte es Jenima, Vertrauen zu sich selbst und potenziellen Partner:innen aufzubauen, was beim Daten mit einer Geschlechtskrankheit sehr wichtig ist. „Wie langsam ich es angehe, hängt für mich stark davon ab, wie ich mich fühle, wenn ich zukünftigen Partner:innen mitteile, dass ich Herpes habe.“
Die Möglichkeit, Vertrauen zu einer Person langsam aufbauen zu können, scheint sich vor allem für diejenigen von uns zu eignen, die in der Vergangenheit von einer schnell erloschenen Flamme verbrannt wurden. Der Dating-Experte Liam Barnett sagt, er habe festgestellt, dass Paare, die nichts überstürzen, viel eher eine solide Vertrauensbasis aufweisen. „Das Tempo bei der Partner:innensuche zu drosseln, ist auf jeden Fall ratsam“, sagt Liam Barnett, denn es hilft dabei, „ein besseres Verständnis für den (potenziellen) Partner oder die (potenzielle) Partnerin zu entwickeln“.
Holly Roberts, Beraterin bei Relate, stimmt Liam zu. „Beim Slow Dating entwickeln Personen tendenziell ein stärkeres Vertrauen zueinander“, sagt sie. „Es ist unwahrscheinlich, böse Überraschungen zu erleben, weil sich die Betroffenen ja die nötige Zeit genommen haben, um sich gründlich kennenzulernen. Durch Langsamkeit können wir Dinge über den anderen oder die andere herausfinden, ohne uns unter Druck gesetzt zu fühlen.“
Holly fügt hinzu, dass langsames Daten zu mehr Authentizität führt, weil wir so genug Zeit haben, um uns sicher genug zu fühlen, um uns öffnen und so zeigen zu können, wie wir wirklich sind. „Durch das gedrosselte Tempo können wir die andere Person allmählich kennenlernen und uns ein Bild von ihrer tatsächlichen Persönlichkeit machen, anstatt uns vom ersten Eindruck blenden zu lassen, der nicht immer unbedingt mit der Realität übereinstimmt“, erklärt sie. Außerdem haben wir so mehr Zeit, eine Beziehungsdynamik zu entwickeln. „Eine längere Kennenlernphase ermöglicht es uns besser, zu verstehen, was zwischen uns und unserem Gegenüber funktioniert und was nicht. Außerdem ist der Prozess kooperativer, weil die nötige Zeit vorhanden ist, gemeinsam an Dingen zu arbeiten.“
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Mit dem Slow Dating kann man es aber auch etwas übertreiben: Liam weist darauf hin, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer langsamen und einer „zu“ langsamen Vorgehensweise, die als Desinteresse ausgelegt werden kann. „Es ist gut, einen Mittelweg zu finden“, sagt er.
Außerdem ist Slow Dating nicht für jede:n von uns geeignet. Falls du es damit versuchen willst, hat Niamh ein paar Tricks parat. „Beim Online-Dating bin ich jetzt wählerischer, wenn es darum geht, mit wem ich mich treffe – nicht mit jeder Person, die ich auch nur im Entferntesten attraktiv finde, sondern nur mit Leuten, die mich wirklich interessieren“, sagt sie.
Niamh hat auch festgestellt, dass es für sie hilfreich war, ein wenig zu warten, bevor sie mit jemandem schläft. Aber die größte Veränderung in ihrer Herangehensweise, so sagt sie, besteht darin, sich darauf zu konzentrieren, wie sie sich fühlt und wie die Person, mit der sie sich trifft, sie fühlen lässt, anstatt sich zu sehr auf sich selbst und den Eindruck zu konzentrieren, den sie auf ihr Gegenüber macht. „Im Wesentlichen denke ich jetzt mehr nach und versuche, darauf zu achten, wie ich mich fühle, anstatt einfach alles geschehen zu lassen“, erklärt sie nachdenklich.
Als ich Ola frage, was ihr am langsamen Daten am meisten gefällt, sagt sie, es sei die Möglichkeit, Menschen zu treffen, ohne einen festen Plan zu haben, was sie von ihnen will. Aus biologischen Gründen scheint es jüngeren Frauen viel einfacher zu fallen, Prioritäten zu setzen, je nachdem, ob sie eine Familie gründen wollen oder nicht. „Man lernt Leute einfach kennen und sieht, wohin es führt“, meint sie, „also schätze ich, dass ich dieser Theorie zufolge alle slow date, die ich kennenlerne.“ Ola schätzt vor allem den „Seelenfrieden“, den ihr diese Form des Datens verschafft. „Wenn ich alles langsamer angehe, denke ich mehr über mich selbst und meine Bedürfnisse nach“, sagt sie abschließend. „Das würde ich nicht für mittelmäßigen Sex aufs Spiel setzen wollen!“

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