Pegging: Wieso so viele junge Frauen gerne ihre Partner penetrieren

Foto: Karen Sofia-Colon.
2001 fragte der Sex-Journalist Dan Savage in seiner Kolumne „Savage Love“: „Welcher Begriff soll von heute an die gängig akzeptierte Beschreibung dafür sein, wenn eine Frau einen Mann mit einem Umschnalldildo in den Arsch fickt?“ Seine Leser:innen antworteten: „Pegging.“ 
20 Jahre später ist Pegging beliebter denn je. Der Online-Sexshop Lovehoney gab an, 2020 fast 200 Prozent mehr Umschnalldildos verkauft zu haben. Auch in Film und Fernsehen wird Pegging immer häufiger gezeigt – zum Beispiel in der Comedy-Drama-Serie The Bold Type. Darin peggt Kat Cody, den Typen, den sie datet, und ist anfangs noch sehr skeptisch. „Du weißt, dass ich im Bett nie gerne dominant war“, erzählt sie ihrer Freundin Jane. „Und ich bin auch nicht sonderlich gut darin. Das ist einfach nicht mein Ding.“ Jane ermutigt Kat aber dazu, es mal auszuprobieren – was sie dann auch tut. Und siehe da: Es macht ihr Spaß. „Ich dachte, das wäre was total Körperliches, was Sexuelles, was Urmenschliches, und das war es auch alles – aber es war auch sehr intim.“
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Die 22-jährige Joanna* hat ähnliche Erfahrungen mit Pegging gemacht. „Ich bin sonst eigentlich total unterwürfig und mag es nicht so gern, mich dominant zu fühlen“, erzählt sie mir. „Aber es gefällt mir, zu sehen, wie sehr es ihm gefällt.“
Sie probierte das Pegging zum ersten Mal mit ihrem Freund aus, nachdem er es nach sechs Monaten Beziehung vorgeschlagen hatte. „Er war nervös, weil er nicht wusste, wie ich reagieren würde, aber ich war total offen dafür“, erinnert sie sich. „Das war während des ersten Lockdowns letztes Jahr. Zu der Zeit trafen wir uns monatelang nicht, unterhielten uns viel drüber und ich war sehr interessiert. Als wir uns dann wiedersahen, fingen wir an, ein bisschen rumzuexperimentieren.“

[Männer] fragen sich oft, ob das nicht ‚schwul‘ wäre. Da muss ich immer lachen. Warum ist deine Männlichkeit so zerbrechlich, wenn es um dominante Frauen geht?

Claire*
„Ich war anfangs supernervös, weil ich Angst hatte, ihm wehzutun – wenn du dich aber richtig drauf einlässt, macht es Spaß“, erzählt Joanna weiter. „Anfangs machte ich ein paar Fehler, ging zu hart oder zu schnell ran, aber man lernt schnell dazu. Mein Freund meint, ich werde mit jedem Mal besser.“ Sie ergänzt, dass ihr Partner eine körperliche Be_hinderung hat und sie daher nur begrenzt viele Sexstellungen zur Auswahl haben. Das Pegging hat daher frischen Wind in ihr Sexleben gebracht. „Eine neue Art, miteinander zu schlafen, hat uns gut getan.“
Megan*, ebenfalls 22, hat ebenfalls Erfahrungen mit Pegging. Sie hat einmal einen engen Freund peggt, nachdem sie beide in einem Gespräch herausgefunden hatten, dass sie es gern mal ausprobieren würden. „Wir quatschten einfach darüber, wie interessant die Machtdynamik dabei wäre, und meinten dann: Hey, das könnte doch hier mehr als nur ein Gesprächsthema sein – es könnte echt spannend sein, es mal zu machen“, erinnert sie sich. „Pegging scheint voll die Nische zu sein, aber ich glaube, je mehr Leute darüber reden, desto mehr von ihnen wollen es ausprobieren.“
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Die 25-jährige Claire* hingegen hat noch nie jemanden gepeggt – obwohl sie definitiv davon fantasiert. „Ich glaube, beim Pegging würde ich mich echt mächtig fühlen. Die Vorstellung, mich über einen Typen zu lehnen und ihn in dieser verletzlichen Position zu sehen, gefällt mir“, sagt sie. „Ich denke auch, dem Typen würde es gefallen, und ich fände es schon heiß, wenn ein Kerl das überhaupt mal ausprobieren will. Es wäre einfach aufregend, diese Art von Gleichberechtigung zu haben und gleichzeitig sehr verletzlich zu sein.“
Das Pegging ist schon lange ein Tabuthema, was sicher zu großen Teilen mit der Zurückhaltung zusammenhängt, sexuelle Grenzen ineinander verfließen zu lassen. Obwohl das damit verbundene Stigma langsam abgebaut wird, gibt es rund ums Pegging noch jede Menge Missverständnisse. Das hat auch Claire bemerkt, als sie heterosexuelle Männer aufs Pegging angesprochen hat. „Sie fragen sich oft, ob das nicht ‚schwul‘ wäre“, sagt sie. „Da muss ich immer lachen. Warum ist deine Männlichkeit so zerbrechlich, wenn es um dominante Frauen geht?“ Joanna stimmt da zu. „Viele Leute glauben, die gepeggte Person könne gar nicht hetero sein – aber viele heterosexuelle cis Männer, die ich kenne, stehen aufs Pegging. Inklusive meines Freundes.“
Die Sextherapeutin Gillian Myhill hofft, dass uns allen offene Gespräche übers Pegging dabei helfen könnten, im Umgang mit unserer Sexualität toleranter und verständnisvoller zu werden. „Es gibt eindeutig eine Verbindung zwischen der wachsenden Beliebtheit von Pegging und der offeneren Debatte rund um Gender und Sexualität“, meint sie. „Diese Themen waren zu lange tabu, und es ist toll, in diesen Bereichen endlich offene Gespräche zu hören.“
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Megan ergänzt, dass außerdem viele Leute glauben, Frauen, die aufs Pegging stehen, hätten allgemein „außergewöhnliche“ sexuelle Vorlieben. „Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass peggende Frauen quasi Dominas sind. Dabei kann Pegging auch sehr zärtlich sein“, meint Megan. „Pegging muss nicht total pervers ablaufen, sondern kann für euch beide auch einfach sehr befriedigend sein.“

Wenn ihr daran interessiert seid oder mal ein bisschen experimentieren wollt, dann los! Es ist auch okay, wenn es euch dann doch nicht gefällt.

Joanna*
Und da hat Megan Recht: Myhill erklärt, dass die Stimulation der Prostata – a.k.a. des männlichen G-Punkts – für cis Männer wahnsinnig heiß sein kann. „Das ist eine hochempfindliche Zone mit zahlreichen Nervenenden“, sagt sie. „Nicht alle Männer finden die Prostatastimulation angenehm, die meisten aber schon. Sie kann außerdem einen völlig anderen Orgasmus auslösen.“
Welchen Rat haben Joanna und Megan also für all diejenigen, die Lust aufs Pegging haben? Beide empfehlen direkt, nicht zu sparsam mit dem Gleitmittel umzugehen. Joanna ergänzt: „Versuch’s ganz langsam und vorsichtig – anfangs ist weniger mehr.“ Megan betont außerdem, wie wichtig die Kommunikation ist. „Sprecht danach offen über eure Gefühle“, rät sie. „Unterhaltet euch darüber, wie angenehm es für euch war und wie es euch damit jetzt geht, weil es für euch beide eine ziemlich emotionale Erfahrung sein kann.“ 
Letztlich gilt: Wenn du und dein:e Partner:in Lust habt, das Pegging auszuprobieren, ist es den Versuch ziemlich sicher wert. „Dafür braucht sich auch niemand zu schämen – ganz egal, wie eure sexuelle Orientierung oder Gender-Identität aussehen“, sagt Joanna. „Wenn ihr daran interessiert seid oder mal ein bisschen experimentieren wollt, dann los! Es ist auch okay, wenn es euch dann doch nicht gefällt. Wichtig ist einfach nur, dass ihr darüber redet.“ Und mal ehrlich: Gilt das nicht ohnehin für jede Art von Sex?
*Namen wurden von der Redaktion geändert.

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