Ich habe abgenommen & es hat meine Beziehung ruiniert

Photographed by Kava Gorna
Als ich James traf, dachte ich, er sei eine super Partie. Er war schlau, gebildet, hatte eine Eigentumswohnung (was an der Lower East Side von Manhattan echt nicht einfach ist), und er war ein talentierter Musiker und Frontmann einer rauen, zehnköpfigen Gospel/Soul-Band. Zum ersten Mal sah ich ihn aus dem Publikum, und auf der Bühne hat er mich sofort hypnotisiert. In seiner ganzen Extravaganz wirkte er wie ein Rockstar. Ich war sofort verknallt.

Damals war ich ein ganz anderes Mädchen als jetzt. Ich war 24 Jahre alt und war gerade erst nach New York gezogen, um meinen Traum von einer Broadway-Karriere zu verfolgen. Wie schon mein ganzes Leben lang war ich übergewichtig, und obwohl ich sehr selbstbewusst war, was meine Talente und Intelligenz anging, habe ich mich mit meinem Körper nie so wohl gefühlt. Mehrere qualvolle Abnehmversuche haben nie zu dem schlanken Äußeren geführt, von dem ich seit meiner Kindheit geträumt hatte, und mein Selbstwertgefühl war nicht gerade auf dem Hochpunkt. Ich war jung, voller Hoffnung und Romantik, auch wenn ich nicht ganz mit mir zufrieden war.

James' Band brauchte Back-up-Sänger – und das war mein Einstieg. Nach einer monatelangen Kampagne hatte ich meinen ersten Gig mit ihnen. Die ganze Nacht über klebte ich an James und er nahm mich mit nach Hause. Wir hatten etwas miteinander, aber keinen Sex. Er wollte an dieser Stelle einfach nicht loslassen. Er sagte, er sollte wahrscheinlich nichts mit einem Bandmitglied anfangen — natürlich hatte er gewartet, bis wir rumgemacht hatten, bevor er das sagte. Dennoch war ich mir sicher, dass das der Anfang einer wunderschönen Beziehung werden würde.

Im Laufe der nächsten zehn Monate ging es mit James so oft hin und her, dass ich so etwas wie ein emotionales Schleudertrauma entwickelte. Mal konnte er kaum die Finger von mir lassen, aber schon bei unserem nächsten Treffen konnte er mir eine Rede darüber halten, dass wir nur Freunde sein könnten — natürlich, wegen der Band. Jedes Mal, wenn ich mich mit jemand anderem traf, kam er angelaufen und erzählte mir, wie sehr er mich vermisste. Und die ganze Zeit über sorgte er dafür, dass unsere sexuelle Beziehung sich niemals in eine Situation entwickelte, die mich auch nur annähernd befriedigt hätte. Soll heißen: keine Orgasmen für Samia.

Und im Laufe dieser Affäre machte ich mich so unentbehrlich für die Band wie ich nur konnte. Ich arbeitete härter als alle anderen, stets über meine Rolle als Backing-Sängerin hinaus. Ich schleppte Equipment und half bei der Organisation der Logistik. Ich tat was ich nur konnte, um diesen Typen von meinem Wert zu überzeugen. Ich war mir sicher, dass ich ihm nur zeigen müsste, auf wie viele Arten ich nützlich sein konnte, damit er sich in mich verliebt.

Beinahe ein Jahr nach unserem ersten Treffen schien es bergauf zu gehen. James lud mich zum Essen ein, in einem eleganten und vornehmen Thai-Restaurant — Ich dachte, wir hätten ein richtiges Date. Ich zog ein neues Kleid an und machte mein Haar zurecht, vollkommen überzeugt, dass er sich endlich in mich verliebte.

Aber bald schon stellte sich heraus, dass er mich nur zum Essen eingeladen hatte, um mir zu erklären, warum wir nie zusammen sein konnten. Er sah mich an und sagte: „Samia, ich bin wirklich oberflächlich, und du bist nicht...du bist einfach nicht...“ Er verstummte langsam und zuckte mit den Schultern.

„Ich bin nicht was?“ fragte ich. Und wartete. Er antwortete nicht. „Ich bin nicht...heiß genug für dich?“ Ich riss meine Tasche an mich und stand auf. Unter Schock und mit den Tränen kämpfend rannte ich aus dem Restaurant.

Er rannte mir hinterher und stotterte Rechtfertigungen hervor, darüber, dass er es nicht so gemeint hatte, und dass es so hässlich klang, wenn ich es so sagte.

Hässlich, so wie ich. Ich weinte auf der Straße und ließ mich von dem Arschloch umarmen.

Danach fing ich an, jemanden zu daten, der es mit mir recht schnell recht ernst meinte. Und als James spürte, wie ich davonglitt, war seine Reaktion natürlich absolut vorhersehbar: Er versuchte, mich zurückzukriegen. Diesmal erzählte er, dass er zu viel Angst gehabt hatte, um zuzugeben, wie viel er für mich empfand, und dass er bereit für den nächsten Schritt war. Und endlich hatten wir Sex. (Heilige Scheiße, das hat ewig gedauert.)
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ICH GLAUBTE ALL DIE KLISCHEES DARÜBER, DASS MÄNNER ZUVIEL 'ANGST' HABEN KÖNNEN, UM EINEN ZU LIEBEN, UND ICH WAR SO GLÜCKLICH, DASS DIESER MANN SEINE ÄNGSTE DURCHBROCHEN HATTE.

Rückblickend will ich mein jüngeres Ich aufrütteln, und ihr ein wenig Selbstrespekt eintrichtern. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich noch Gefühle für ihn. Ich sah seine Handlungen nicht als manipulativ oder egoistisch an. Ich glaubte all die Klischees darüber, dass Männer zuviel „Angst“ haben können, um einen zu lieben, und ich war so glücklich, dass dieser Mann seine Angst durchbrochen hatte. Die Vergangenheit war Vergangenheit; er liebte mich jetzt, und alles war toll. Ich brach die Beziehung zu dem anderen Typen ab, und James und ich wurden zu einem richtigen Paar.

Nach einigen Monaten offizieller Beziehung wurde mir etwas klar, das mich komplett umwarf. Mein ganzes erwachsenes Leben über lief ich in dem tiefen Glauben herum, dass niemand mich jemals lieben würde. Das klingt so dramatisch, aber tief in meinem Inneren glaubte ich daran. Und obwohl James nicht perfekt war, liebte er mich wenigstens. Oder sagte das zumindest, und das reichte schon, um diesen destruktiven Glauben aus den Tiefen meines Unterbewusstseins direkt in die Mitte meiner Gedanken zu katapultieren, wo ich mich nun zum ersten Mal damit auseinandersetzen musste.

Jemand liebte mich. Ich verdiente Liebe. Es war komplett irrsinnig gewesen, dass ich jemals etwas anderes gedacht hatte, und dass ich das bis jetzt nicht einmal begriffen hatte. Ich warf diese Vorstellungen direkt aus meinem Kopf und Herzen, musterte mich lange und gründlich, und erlebte nichts geringeres als eine Erleuchtung.

Ohne den Irrglauben, dass ich nicht liebenswert sein, konnte ich nicht weiterhin so mit mir umgehen, als sei ich nicht die wichtigste Person in meinem eigenen Leben. Ich hatte mich so schlecht in meiner eigenen Haut gefühlt, dass es mir einfach hoffnungslos erschien, mich um mich selbst zu kümmern — und als darstellende Künstlerin konnte es mir nur zugute kommen, wenn ich in guter Form wäre. Indem ich mich ungesund ernährte, keinen Sport trieb und meinen Körper nicht so gut wie möglich behandelte, gab ich mir nicht die bestmögliche Chance im Leben. Ich konnte diese Zustände nicht guten Gewissens weiter ertragen. Ich musste etwas tun.

OHNE DEN IRRGLAUBEN, DASS ICH NICHT LIEBENSWERT SEI, KONNTE ICH MICH NICHT WEITER SO BEHANDELN, ALS WÄRE ICH NICHT DIE WICHTIGSTE PERSON IN MEINEM EIGENEN LEBEN.

Und auf einmal fiel es mir leicht, fit zu werden. Ich ging die Sache vernünftig an. Ich trieb vier oder fünf Tage die Woche Sport. Ich ging weiterhin zum Essen aus und hatte Spaß, aber ich behielt auch im Auge, was ich aß, und ich aß weniger kalorienhaltige Gerichte. Und zu keinem Zeitpunkt fühlte ich Frustration, Groll oder Mangel, wie bei anderen Abnehmversuchen in der Vergangenheit. Diesmal bereitete mir das Abnehmen einfach nur Freude. Ich ging die Sache mit Liebe an.

Ich konnte darin schwelgen. Ich kaufte mir neue Klamotten. Ich trug wieder Jeans, was ich immer zu unbequem fand, als ich noch dicker war. Ich hörte auf, meinen Bauch hinter Taschen oder Kissen zu verstecken. Mein Selbstbewusstsein schoss in die Höhe.

Plötzlich bekam ich Aufmerksamkeit von Männern wie ich es noch nie erlebt hatte. Es war, als wäre die Welt sich auf einmal der Tatsache bewusst geworden, dass ich heiß war. Auf gewisse Weise machte es mich wütend (weil – hallo! – ich war schon die ganze Zeit sexy), aber ich glaube, es war mehr als die körperliche Veränderung, die mein Game für immer veränderte. Ich hielt auch meinen Kopf höher, lächelte mehr und betrat jeden Raum mit dem Gefühl, dass ich das fantastischste Wesen überhaupt sei. Glückliche und selbstbewusste Menschen sind magnetisch.

Zum ersten Mal in meinem Leben lief ich auf zu Höchstleistungen. Ich war stark, fit und gesund. Ich fing an, mich zu mögen, und das fühlte sich so, so gut an.

Aber in meiner Beziehung zu James – scheinbar der Zündfunke, der zu all diesen positiven Veränderungen in meinem Leben geführt hatte – zeigte die rosa Brille, durch die ich ihn sah, erste Risse. Während ich zu einer glücklicheren, selbstbewussteren Version meiner selbst heranwuchs, dämmerte mir langsam, dass er vielleicht nicht der Fang war, für den ich ihn immer gehalten hatte. Er schenkte mir nicht wirklich allzu viel Aufmerksamkeit. Wir konnten einen ganzen Abend lang abhängen, ohne dass er mich wirklich auch nur ein einziges Mal ansah. Er küsste und berührte mich nicht allzu oft, und er initiierte den Sex fast nie. Und merkwürdigerweise schien er sich immer weniger für mich zu interessieren, je stärker und selbstbewusster ich wurde.

Er unterstützte mich auch nicht in meiner Karriere, solange das, was ich tat, ihm nicht irgendwie nützte. Als ich eine zweimonatige Rolle in einem Sommertheater an der Küste von New Jersey ergatterte und mich extrem freute, reagierte er mit feindseliger Enttäuschung: „Und was ist mit der Band? Was soll ich mit den Gigs machen, die du verpassen wirst?“

Unsere Dynamik innerhalb der Band war fürchterlich. Vor den Augen der Musiker wertete er mich ab und degradierte mich, wenn es seiner Macht zu dienen schien. Er behandelte mich nicht mit dem Respekt, den ich als Solistin in seiner Band verdiente, von seiner Freundin ganz zu schweigen.

Dieser Mann, der mir ursprünglich gesagt hatte, er sei „wirklich oberflächlich“, der beinahe ein Jahr lang heiß und kalt mit mir gespielt hatte, der mich nur wollte, wenn er spürte, dass er mich verlieren könnte, der mich dazu brachte, mir den Arsch abzurackern und meine eigenen beruflichen Ambitionen für seine zu opfern, und der niemals auch nur einen einzigen Finger krümmte, um meine Karriere zu unterstützen — dieser Mann liebte mich nicht. Und er hatte sich im Laufe unserer Beziehung auch nicht verändert. Er war schon immer so. Ich hatte es einfach nicht gesehen, weil ich mich selbst so schlecht fand, dass ich nicht das Gefühl hatte, etwas besseres zu verdienen.

Nach einem ganzen Jahr, in dem ich der Star in meiner eigenen Lebensgeschichte war, konnte ich es vor mir selber nicht mehr vertreten, mit jemandem zusammen zu sein, der mich so schlecht behandelte. Das Abnehmen ruinierte meine Beziehung nicht, und es zauberte für mich kein Selbstwertgefühl herbei. Es war die Erkenntnis, dass ich es wert war, mich so gut um mich zu kümmern wie möglich, die mir die Macht gegeben hatte, endlich der Mensch zu werden, der ich immer sein wollte — und das Leben zu schaffen, das ich immer leben wollte. Und Männer davon zu überzeugen, mich zu lieben, war kein Teil dieses Lebens. Rot angelaufen und vor Wut kochend herumzustehen, nachdem ein Mann mich erniedrigt hatte, um seine Dominanz unter Beweis zu stellen, gehörte ebenfalls nicht dazu. Und ganz sicher gehörte kein Freund dazu, der mich nur als Nebenrolle in seinem eigenen, persönlichen Egotheater betrachtete — statt als menschliches Wesen aus Fleisch und Blut, mit eigenen Wünschen und Träumen, von den seinen getrennt und einzigartig.

Ich bereue nichts. James mit all seinen Mängeln, gab mir ein wunderbares Geschenk, indem er mich zwang, meine dunkelsten inneren Stimmen zu konfrontieren. Ich bin mir sicher, dass ich es auch ohne ihn geschafft hätte, aber so ist es eben abgelaufen. Sein verwirrter und unvollkommener Versuch, mich zu lieben, war lediglich ein Spiegel dafür, wie wenig ich mich selbst liebte. Ich zog jene Liebe an, von der ich dachte, dass ich sie verdiene.

Für eine Person, die sich stets für selbstbewusst und begabt gehalten hatte, war das eine schockierende Erkenntnis: dass alles in meinem Leben sich ändern musste. Wenn man sich selbst liebt, lässt man es nicht zu, dass andere Leute einen scheiße behandeln. Man bettelt nicht um Liebe. Man lebt sein Leben nicht halbherzig. Man lebt sein Leben, träumt groß, setzt sich Ziele, und man erreicht sie. Man konzentriert sich auf Freude und Dankbarkeit, und man umgibt sich mit Menschen, die einen unterstützen und ihr Leben ähnlich leben. Wenn man sich wirklich selbst liebt, ist es unmöglich, mit jemandem zusammen zu sein, der einen nicht genauso liebt.
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