Lasst eure Kinder bei der nächsten Hochzeit gefälligst zu Hause!

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In einem schönen Kleid mit meinem Mann zu tanzen und ohne Rücksicht auf Verluste in Speck gewickelte Muscheln von einem Tablett zu picken, während ich mit anderen Erwachsenen anstoße, klingt für mich nach einer wundervollen Art und Weise einen Samstagabend zu verbringen. Zu dieser fabelhaften Vorstellung noch Kinder hinzuzufügen, würde das Szenario in keiner Form verbessern. Warum also können wir es nicht einfach lassen?
In einem kürzlich bei Salon erschienenen Artikel legte der Autor David Andrew Stoler verlobten Paaren nahe, sein „Kind zu eurer Hochzeit einzuladen.“ Um hinzuzufügen: „Glaubt mir, ihr werdet es bereuen, wenn ihr es nicht macht.“ Auch wenn sein Text lustig ist, muss ich als Mutter seinen sechs Argumenten für Kinder auf der Gästeliste eindeutig widersprechen.
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Zugegebenermaßen habe ich dieser Tage nicht das aufregendste Sozialleben. Ich habe eine einjährige Tochter, mit der ich mehr oder weniger meine komplette Freizeit verbringe. Taucht allerdings eine Hochzeit am weit entfernten Horizont der Freizeitaktivitäten auf, wittere ich sofort meine Chance auf eine Partynacht. Eine seltene, aufregende Möglichkeit endlich mal wieder unpraktische Schuhe zu tragen, zu testen wie oft das Cateringpersonal mit den Krebsküchlein mir den Spruch: „Ohhh, was ist das Feines?“ abkauft und ein Paar zu feiern, das mir wahrscheinlich ziemlich wichtig ist. Es ist quasi unmöglich, all das zu tun und gleichzeitig auf ein Kleinkind aufzupassen.
Ich habe meine kleine Tochter auf genau eine Hochzeit mitgenommen. Sie war damals fünf Monate alt und – in der Zwischenzeit ist es mir etwas peinlich das zuzugeben – nicht eingeladen. Die Zeremonie verbrachte ich im Eingangsbereich der Kirche, aus Angst sie könnte anfangen zu schreien. Während des Empfangs wechselten mein Mann und ich uns in einem separaten Teil des Ballsaals ab. Einer von uns schaute der Kleinen beim Schlafen zu, während der andere ein Entrée runterschlang, das seine besten Tage schon gesehen hatte. Wir hatten keine Zeit zusammen das Fest zu genießen, geschweige denn der Braut und dem Bräutigam angemessen zu danken. Stattdessen verabschiedeten wir uns früh in unser Zimmer, wo wir – und das ist das einzig Gute an dem Abend – eines meiner liebsten Familienfotos schossen, während das Baby alleine in luxuriösem Riesen-Bett schläft.
An diesem Tag habe ich ein entzückendes kleines Kleidchen und ein paar Strumpfhosen in der Toilette der Kirche ausgewaschen, weil wir uns wenige Minuten vor Beginn der Zeremonie in einer, nun ja, „Scheiß“situation wiederfanden. Wenigstens in einem Punkt bin ich mit Stoler d’accord: Kinder in schicken Klamotten sind, wenn auch umständlich, wahnsinnig niedlich. Und damit wären wir auch schon beim entscheidenden Punkt: Meine Erfahrung ist in keinster Weise außergewöhnlich. Sobald man mit einem Kleinkind unterwegs ist, gehören solche Unannehmlichkeiten ganz einfach dazu.
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Ich frage mich also, zu wie vielen Hochzeiten Stoler sein Kind mitgenommen hat. Bestanden seine Abende wirklich, wie er es in seinem Artikel beschreibt, aus einer Menge niedlicher Fotos, tollen Tänzen und einem stressfreien Abschied „ein paar Stunden später als zur gewöhnlichen Schlafenszeit“? War er jemals dazu gezwungen sein Kind im Frack zu wickeln? Wickelstationen befinden sich ja meistens in den Damentoiletten. Ich vermute darum, dass die unangenehmen Dinge, die Babys auf Hochzeiten bedeuten, an Stolers Frau hängen blieben. Ganz zu schweigen von der Herausforderung, sich als stillende Mutter festlich zu kleiden und dabei auch noch die möglichen Spuren klebriger Babyhände zu bedenken.
Ich bin froh, dass die Hochzeit, an der ich mit meiner nicht eigeladenen Tochter teilnahm, dem Brautpaar und anderen Verwandten die Möglichkeit bot, die Kleine kennenzulernen. Aber mein Mann und ich mussten uns danach auch eingestehen, dass wir die Sache nicht zu Ende gedacht hatten. Ohne ein Baby hätten wir den Abend sehr viel mehr genossen, als Gäste wären wir präsenter gewesen und hätten wir keine Möglichkeit gehabt, unsere Tochter in der Obhut eines Babysitters zu lassen, hätte uns auch niemand unser Fernbleiben übel genommen.
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Stolers wichtigstes Argument für Kinder auf Hochzeiten ist, den Eltern einen Gefallen zu tun. Ihr Leben zu erleichtern, indem man ihnen erlaubt ihre Kinder mitzubringen. „Ich bin verheiratet und zur Feier haben wir nur die Kinder eingeladen, die wir unbedingt einladen mussten“ schreibt er. „Ich bereue es, egoistisch gehandelt und meine Freunde mit Kindern gezwungen zu haben, Geld für einen Babysitter auszugeben oder sie zu zwingen, sich für einen Abend zu trennen, damit einer mit dem Bräutigam trinken konnte, während der andere zu Hause blieb… Ich hatte rücksichtsvoller und großzügiger sein sollen.“
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Sicher, der Autor versucht mitfühlend zu sein und das schätze ich auch. Und ich verstehe, dass die Kosten für einen Babysitter sich für einige Hochzeitsgäste ausschließen – Stoler spricht von 120$ für einen Abend, „plus Trinkgeld!“ Aber wenn ich in Sachen Hochzeiten eines verstanden habe, dann ist es, dass sie eher teuer sind – für Gastgeber und Gäste. Und im Vergleich zu der Summe, die Gastgeber ausgeben, scheint Stolers Klage bezüglich der Kosten für einen Babysitter kleinlich und egoistisch. Letztendlich hilft es seiner Argumentation, dass Hochzeitspaare auch die Kinder ihrer Gäste einladen sollten, nicht wirklich weiter.
Natürlich können Kinder unter bestimmten Umständen eine großartige Bereicherung für eine Hochzeit sein und wenn jemand ein kinderfreundliches Fest möchte, sollten Kinder selbstverständlich eingeladen werden. Aber das eigene Kind als Star im Hochzeitsalbum eines befreundeten Paares oder gar als Mittelpunkt der Tanzfläche sehen zu wollen, ist das Argument von Helikopter-Eltern. Eine Mutter, die anonym bleiben möchte, sagte uns letzten Monat: „Manchmal brauche wir alle ein bisschen Freiraum.“ Genauso wie es Kindern gut tut, ihre Mutter außerhalb des eigenen Heims arbeiten zu sehen, ist es gut für sie zu verstehen, dass ihre Eltern manchmal auch ohne sie Spaß haben. Es zeigt Kindern, dass sich nicht immer alles um sie dreht und dass sie manchmal einfach stören. Außerdem könnte es sein, dass das Hochzeitspaar keine Kinder auf der Hochzeit wünscht – und diese Entscheidung liegt zu 100% bei ihnen.
Als Hochzeitsgäste besteht unsere Hauptaufgabe darin, gemeinsam mit dem Paar ihre Liebe zu feiern. Sollte irgendjemand meinen, dies aufgrund von Kindern, finanziellem Druck oder aus welchem Grund auch immer nicht tun zu können, ist es vielleicht besser zu Hause zu bleiben. Sagt man einem Paar, wie es die eigene Hochzeit gestalten „sollte“, überschreitet man eine Grenze. Es geht nicht um deine Vorstellungen und auch nicht um meine – es geht überhaupt nicht um uns.
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