Ich liebe es zu jammern – aber ab wann wird es ungesund?

Foto: Lara Callahan
Der doofe Wind hat deine Frisur komplett zerstört und jetzt tränen auch noch deine Augen. Du bestellst Pizza und als du den Karton öffnest denkst du: Das soll mit Extrakäse sein? Dein eigentlich vielversprechendes Tinder-Match ghosted dich auf einmal. Dein Internetanbieter kapiert einfach nicht, dass du das Superangebot, bei dem du fünf Cent sparst, dich aber lebenslang verpflichtest, wirklich nicht annehmen willst. Auf deinem Kinn ist ein roter Punkt und du weißt jetzt schon, in den nächsten Tagen wird daraus ein richtig fieser Pickel – und du kannst nichts dagegen tun.
Bestimmt ist dir mindestens eine dieser Sachen (wenn nicht sogar alle) schon passiert und du hast dich daraufhin bei einer Freundin, einem Freund, einem Familienmitglied oder vielleicht sogar einer höheren Macht so richtig schön aufregt. Für die meisten von uns fühlt es sich super an, rumzujammern und sich zu beklagen. Mir persönlich war gar nicht bewusst, wie sehr ich es tatsächlich genieße, bis ich eines Tages anfing, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Die Idee: Eine Woche lang durfte ich meinem Unmut keine Luft machen.
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Jupp, wir sind an dem Punkt der Geschichte angekommen, an dem ich mich darüber aufrege, wie schwer es war, mich nicht mehr aufzuregen.
Meckern fühlt sich gut an. Und dafür gibt es laut “The Optimism Doctor®“ (ja, sie hat wirklich ein Trademarkzeichen!) Dr. Deepika Chopra auch Gründe. Die Psychologin sagt, es kann sehr hilfreich sein, die eigenen Emotionen auf konstruktive und achtsame Art und Weise rauszulassen. Eine zweite Meinung kann schließlich nie schaden. „Manchmal führt es zu Lösungsansätzen“, so Dr. Chopra. „Manchmal hilft es uns, unsere Gefühle oder unseren Kummer mit anderen zu teilen – dadurch fühlen wir uns gehört. Es kann Beziehungen reparieren und uns die Motivation geben, uns schweren Herausforderungen zu stellen. Es kann uns auch dabei helfen, einen anderen Blickwinkel auf die Dinge zu bekommen.“
Abgesehen davon ist es ziemlich einfach, sich zu beschweren. Jede*r kann es machen. Alles was du brauchst, ist eine*n Zuhörer*in – und das kann dein*e Partner*in, aber auch einer deiner Insta-Follower sein.
Gewohnheit ist ein weiterer Grund dafür, warum wir so viel meckern. Laut der Psychologin Margot Bastin, die das Thema Kommunikation zwischen erwachsenen Freund*innen als Post-Doktorandin an der KU Leuven in Belgien untersucht, fangen viele von uns schon im Kindesalter an, sich zu beschweren. Es gibt zwar Expert*innen, die sagen, es kann schlecht für deine mentale Gesundheit sein, sich aufzuregen, aber Bastin ist der Meinung, es fühlt sich gut an, weil es gut für uns ist – solange du es nicht übertreibst. „Sich kurz über etwas aufzuregen ist vollkommen okay. Einmal ausgesprochen, kannst du das, was dich beschäftigt, wahrscheinlich schneller abhaken und vergessen“, so die Psychologin. „Wenn du dir jedoch pausenlos Sorgen machst und dich ständig aufregst, kann das auf lange Sicht negative Auswirkungen haben.“
Ein Beispiel: Es ist in Ordnung, bei deiner BFF Dampf abzulassen, weil du nicht weißt, wie du die kryptische Nachricht deines Ex interpretieren sollst. Wenn du dich darüber allerdings tage- oder sogar wochenlang aufregst, kann das zum Problem werden – für deine Psyche, aber auch für deine Freundschaft. „Untersuchungen zeigen, wenn du dich permanent beschwerst und pessimistisch bist, kann das Freundschaften zerstören“, warnt Bastin. „Oder aber zumindest für mehr Stress in der Beziehung sorgen.“ Deswegen lautet ihre Faustregel: Beschwer dich ruhig, aber halte dich weder zu lang, noch zu oft an ein und demselben Thema auf.
Im Zweifel solltest du laut Chopra beobachten, wie du dich vor, während und nach dem Jammern fühlst. „Dann kannst du reflektiert beurteilen, ob es sich positiv oder negativ auf dich auswirkt“, erklärt Chopra und ergänzt: „Wenn du eine Beschwerde äußerst, versuche, deinen Fokus auf die Lösung zu legen und nicht auf das Problem, denn: Es ist immer auch eine Frage der Perspektive“.
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