Sexsomnia: eine Schlafstörung & nicht bloß „Schlaf-Sex“

Foto: Michael Beckert
Sex-Träume können ganz schön heiß oder – genau das Gegenteil – sehr unangenehm sein. So oder so sind sie in den meisten Fällen aber nichts weiter als unterhaltsam, weil sie ja schließlich bloß in unserem Unterbewusstsein stattfinden. Im besten Fall wachst du ein wenig wuschig auf und stellst fest, dass dein Partner oder deine Partnerin auch Bock auf Morgensex hat. Es gibt aber Menschen, die während des Schlafen nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich sexuell aktiv werden und sich nach dem Aufwachen oft nicht mehr an ihre Handlungen erinnern können. Dieses Phänomen geht also über Sexträume hinaus und stellt eine ernstzunehmende Schlafstörung dar.
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Sexsomnia ist die medizinische Bezeichnung für „Schlaf-Sex“, einem Zustand, der wie das Schlafwandeln oder chronische Erfahrungen mit Albträumen zur Gruppe der nicht organischen Schlafstörungen gehört, erklärt der Experte Dr. Raj Dasgupta. Betroffene haben im Schlafzustand Sex und können sich nach dem Aufwachen oft nicht mehr an ihre Handlungen erinnern. „Dabei handelt es sich um unerwünschte Verhaltensweisen, Gedanken und Emotionen, die beim Übergang zwischen den verschiedenen Schlafphasen auftreten“, fügt er hinzu.
Ähnlich wie beim Schlafwandeln oder Sprechen während des Schlafens tritt Sexsomnia während der Non-REM-Phase in Form von sogenannten Aufweckreaktionen (vom englischen „arousal“, hier als Wachzustand zu verstehen) auf, sagt Dr. Dasgupta. Personen, die an dieser Störung leiden, kann es dann passieren, dass sie anfangen, zu masturbieren oder ihre Partner:innen zu streicheln. Dabei kann es sogar zu Geschlechtsverkehr kommen. Männer sind häufiger als Frauen von Sexsomnia betroffen. Der Internationalen Gesellschaft für Sexualmedizin zufolge kann diese Krankheit genetisch bedingt sein. Diese Schlafstörung hört sich zunächst vielleicht nicht so schlimm an, für Betroffene kann sie aber ein Albtraum sein. Immerhin gibt es einen bedeutenden Unterschied zwischen dem bewussten Wunsch, mitten in der Nacht Sex zu haben, und sexueller Aktivität im Schlafzustand, über die du keine Kontrolle hast.
Wenn sich eine Person nach dem Aufwachen nicht mehr an ihre nächtlichen „Sex-kapaden“ erinnern kann, ist das Dr. Dasgupta zufolge ein großes Warnsignal dafür, dass sie an Sexsomnia leiden könnte. „Wenn du dich in der Früh noch an alles erinnern kannst, was du während der Nacht getan hast, kann es sich nicht um eine Schlafstörung handeln“, sagt der Experte. Sexsomnia ist ein „heikles Thema“. Leider gibt es nämlich Menschen, die behauptet haben, darunter zu leiden – obwohl sie nie diagnostiziert wurden –, um so zu versuchen, sexuelle Übergriffe zu rechtfertigen, sagt er. Es gibt also zu viel Spielraum dafür, diese Erkrankung für gewalttätige Zwecke zu missbrauchen.
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Diese Schlafstörung kann schwer zu diagnostizieren sein , da es notwendig ist, sich daran erinnern zu können, was während des Schlafens passiert ist. Weil Betroffene am nächsten Tag alles, das sie im Schlafzustand gemacht haben, vergessen haben, sind es im Normalfall ihre Schlafpartner:innen die zuerst bemerken, dass etwas nicht stimmt.
„Parasomnia wird im Allgemeinen nicht ausreichend diagnostiziert. Das hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass hier Scham eine große Rolle spielt. Das ist normalerweise einfach keine Angelegenheit, die man seinem Arzt erzählt“, sagt Dr. Dasgupta. Höchstwahrscheinlich kommt dieses Thema auch nicht unbedingt beim Familienessen zur Sprache. So ließe sich aber herausfinden, ob diese Erkrankung in der Familie liegt. Bei vielen Menschen handelt es sich bloß um vereinzelte Erfahrungen mit dieser Schlafstörung. Widerfährt es dir öfters, solltest du aber Ärzt:innen aufsuchen und versuchen, die zugrunde liegende Ursache für diese Erkrankung herauszufinden, rät der Experte.
Ärzte sind sich nicht absolut sicher, warum Menschen Sexsomnia haben. Es gibt aber ein paar Schlafstörungen, die sich ebenfalls durch Aufweckreaktionen des Körpers auszeichnen. Dr. Dasgupt gibt Schlafapnoe als ein Beispiel an. „Auch hier weckt der Körper sich selbst, weil er sonst ersticken würde“, sagt er. Alkoholkonsum kann ebenfalls ein Auslöser sein, weil er die Schlafqualität verschlechtert. Was Ärzte aber mit Sicherheit bestätigen können, ist, dass Schlafmangel zu Sexsomnia führen kann. „Heutzutage schlafen wir alle zu wenig. Aus diesem Grund ist das Risiko höher, irgendwann eine solche Schlafstörung zu entwickeln.“ Außerdem können laut des Experten bestimmte Medikamente in einigen Fällen auch zu dieser Krankheit oder zu Schlafwandeln führen.
Die gute Nachricht ist, dass Sexsomnia therapierbar ist – je nachdem, was die zugrunde liegende Ursache ist. Ärzt:innen sollten zunächst überprüfen, ob – und wenn ja – welche Medikamente Betroffene einnehmen. Vielleicht ist eines davon ein Auslöser, so Dr. Dasgupta. Natürlich müssen auch Schlafpartner:innen in Sicherheit gebracht werden. Vielleicht ist das Schlafen in unterschiedlichen Zimmern notwendig, bis die Krankheit behandelt werden kann. „In dem Moment, in dem ich den Verdacht habe, dass es etwas gibt, das eine Person verletzen oder emotional oder körperlich beeinträchtigen könnte, muss etwas dagegen unternommen werden“, sagt er.
Oberflächlich betrachtet hört sich der Begriff „Schlaf-Sex“ vielleicht erotisch oder lustig an. Wenn dir aber nicht bewusst ist, dass du sexuell aktiv bist und du somit überhaupt keine Kontrolle über deine Handlungen hast, lohnt es sich, professionelle Hilfe aufzusuchen. Schließlich sind Seelenfrieden und guter Schlaf unschätzbar.

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