Warum Schlafwandeln nicht lustig ist: 3 Betroffene berichten

Illustrated by Meriu00e7 Canatan.
Kennst du das, wenn du aus dem Schlaf hochschreckst und du dir für einen kurzen Augenblick nicht sicher bist, ob das gerade wirklich passiert ist? Die meisten von uns realisieren sehr schnell, dass alles nur ein Traum war. Doch manche Menschen können sich gar nicht zu 100 Prozent sicher sein. Warum? Weil sie schlafwandeln.
Betroffen sind etwa 15 bis 20 Prozent aller Kinder und Jugendlicher und 1,5 bis 2,5 Prozent aller Erwachsenen. Amy gehört zur zweiten Gruppe. Sie ist 26 Jahre alt und benutzt ihr Smartphone – wie die meisten Millennials – lieber zum Schreiben als zum Telefonieren. „Ehrlich gesagt vermeide ich es sogar aktiv, zu telefonieren, wie die Liste meiner verpassten Anrufe eindeutig beweist. Ich denke immer, wenn jemand etwas von mir will, soll er mir einfach schreiben. So einfach ist das“, so Amy. „Mein Problem ist, dass ich manchmal auch Leuten schreibe, wenn ich schlafwandle. Zwar schreibe ich ganz normale, zusammenhängende Sätze, doch die Themen sind oft komplett beliebig – also für die Empfängerin oder den Empfänger zumindest. So habe ich nachts schon Freund*innen von Dingen erzählt, die ich eigentlich bewusst nicht ansprechen wollte, um mögliche Konflikte zu vermeiden. Die Gespräche, die dadurch im Nachhinein entstanden, waren meist nicht so lustig. Ich bin auch schon mal morgens aufgewacht und dachte, ich hätte nur davon geträumt, einem Kollegen eine flirty Nachricht geschrieben zu haben. Ich schaute auf mein Handy und musste entsetzt feststellen, dass ich es tatsächlich gemacht hatte. Ich versuchte, mich damit rauszureden, dass ich ‚betrunken war und der falschen Nummer geschrieben habe‘. Doch in die Augen schauen konnte ich ihm nach dieser Geschichte trotzdem nicht mehr. Um mich vor mir selbst zu schützen, habe ich mein Smartphone sogar schon vor dem Schlafengehen in ein anderes Zimmer gelegt. Doch dann bin ich einfach aufgestanden und habe es mir im Schlaf geholt. Meinen Freund*innen habe ich mittlerweile von meinem Problem erzählt, damit sie sich nicht wundern, wenn sie mitten in der Nacht eigenartige WhatsApp-Nachrichten von mir bekommen. Das hat allerdings zur Folge, dass sie nichts mehr für voll nehmen, was ich ihnen nach 22 Uhr schicke.“
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Was Amy erlebt ist gar nicht mal so untypisch für Schlafwandler*innen, denn die Betroffenen sind in der Lage, während einer sogenannten Episode sogar komplexe Handlungen durchzuführen, erklärt Dr. Irshaad Ebrahim, Schlafexperte und Leiter des Londoner Sleep Centre. „Schlafwandeln ist ein Sammelbegriff für Störungen der Gehirnströme während des Nicht-REM-Schlafs. Diese wecken die betroffene Person zwar nicht auf, führen aber zu Episoden.“ Wie sich diese dann äußern, kann unterschiedlich sein. Manche haben zum Beispiel das Bedürfnis, alle Lichtschalter im Haus zu betätigen. Das ist dann zwar für die Mitbewohner*innen nervig, aber ansonsten harmlos. Es kann aber auch passieren, dass du mitten in der Nacht aufwachst und splitterfasernackt auf dem Gehweg stehst, was ziemlich gruselig sein kann, wie Make-up-Artist Lucinda, 29, bestätigt.

Vor ein paar Monaten bin ich aus meiner Wohnung gelaufen, zum Aufzug gegangen und aus dem Haus spaziert. Ich lief die Straße runter, wo mich glücklicherweise meine Freundin, die gerade bei mir zu Besuch war, einsammelte.

„Ich bin schon als Kind schlafgewandelt, konnte mich aber am nächsten Morgen nie daran erinnern, was ich gemacht habe. Meine Eltern lachten mich deswegen immer aus. Als ich dann eine Phase hatte, in der ich davon überzeugt war, ihr Schlafzimmer wäre das Bad und der Teppich das Klo, fanden sie es auf einmal nicht mehr so lustig. Ansonsten habe ich mich manchmal auch im Schlaf aufgesetzt und mit Leuten gesprochen, die gar nicht da waren (nicht, dass ich mich daran erinnern könnte). Das ist jetzt 20 Jahre her und zwischenzeitlich hatte ich auch keine Probleme. Doch dann begann ich vor ein paar Monaten wieder, zu Schlafwandeln. Dieses Mal mache ich mir mehr Sorgen denn je. Vor ein paar Monaten bin ich aus meiner Wohnung gelaufen, zum Aufzug gegangen und aus dem Haus spaziert. Ich lief die Straße runter, wo mich glücklicherweise meine Freundin, die gerade bei mir zu Besuch war, einsammelte. Sie hatte gehört, wie ich die Tür ins Schloss gefallen ist und als sie feststellte, dass ich nicht mehr im Bett lag, zählte sie eins und eins zusammen und ging mich suchen. Zum Glück war ich noch nicht weit gekommen. Als sie bei mir war, fragte sie mich, was ich machen würde und ich antwortete, ich würde zur Arbeit gehen. Ich reagierte sehr irritiert, als sie darauf bestand, mich zurück ins Bett zu bringen. Am nächsten Morgen erzählte sie mir davon und da fiel mir ein, dass ich schon mal eine ähnliche Episode hatte. Damals wachte ich mitten auf der Straße auf und rannte zurück nach Hause. Ich erzählte niemandem davon, weil an dem Abend viel getrunken hatte und keine Lust auf eine Moralpredigt hatte. Jetzt wo ich weiß, dass Alkohol meine dramatischen Schlafwandelepisoden triggert, habe ich beschlossen, weniger zu trinken – aus Angst, ich könnte eines nachts der falschen Person in die Arme laufen. Ich möchte mir nicht ausmalen, was dann alles passieren könnte.“
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Selbst Jahre nach dem Unfall setzte ich mich mit ausgestreckten Armen auf mein Bett, als würde ich ein unsichtbares Lenkrad in der Hand halten. Mein Herz raste dann immer wie wild.

Lucinda ist nicht die einzige, die sich für ihre Episoden schämt und sich deshalb nicht traut, mit jemandem darüber zu sprechen. Lorraine geht es da zum Beispiel ganz ähnlich. Seit sie und ihre beiden Kinder einen Autounfall hatten, schlafwandelt sie regelmäßig. „Selbst Jahre nach dem Unfall setzte ich mich mit ausgestreckten Armen auf mein Bett, als würde ich ein unsichtbares Lenkrad in der Hand halten. Mein Herz raste dann immer wie wild“, berichtet die 45-Jährige. „Dann versuchte ich, auf die Bremse zu steigen und einen Zusammenstoß zu verhindern. In diesem Moment wachte ich schweißgebadet auf und oft starrte mich mein Ehemann dann hilflos an.“
Was Lucinda hier beschreibt ist eine sogenannte Nachtangst. Das ist eine Aufwachstörung, bei der oder die Betroffene Symptome eines großen Schreckens zeigt, wie weite Pupillen oder eine schnelle Atmung. Manche Menschen schreien oder weinen auch oder schlagen um sich, weil sie versuchen, einer Gefahr zu entkommen oder andere zu beschützen, erklärt Dr. Ebrahim.
Lucindas Nachtangst trat selbst dann noch auch auf, als sie das Unfallauto verkauft hatte. „Manchmal stand ich sogar im Schlaf auf und wollte mit unserem neuen Auto fahren, weshalb mein Mann irgendwann anfing, die Autoschlüssel zu verstecken. Abgesehen von meiner Familie habe ich niemandem von meinen Episoden erzählt. Erst als meine Kinder etwas älter waren, ließ meine Angst um sie langsam nach – und mit ihr verschwand irgendwann auch die Nachtangst. Zwar schlafwandle ich auch heute noch (was meine Familie sehr lustig findet), aber mittlerweile haben die Episoden nichts mehr mit Autofahren zu tun.“
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Stress ist einer der Hauptauslöser des Schlafwandelns. Das erklärt auch, warum sie seltener Episoden hatte, als ihre Sorgen weniger wurden – denn dadurch sank auch ihr Stresslevel. „Hintergrund kann beispielsweise eine genetische Veranlagung sein. Aber auch Stress, Schlafmangel, Alkoholkonsum, obstruktive Schlafapnoe, (epileptische) Anfälle und Restless-Leg-Syndrom können regelmäßige Episoden auslösen“.
Dadurch, dass Schlafwandeln so viele Ursachen haben kann, gibt es natürlich auch verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Es ist also wichtig, zuerst herauszufinden, was die Episoden auslöst. Anschließend kann es unter Umständen helfen, Stress-Management-Techniken zu lernen oder den Lifestyle zu verändern, so Dr. Ebrahim.
Versuche zunächst herauszufinden, ob es bestimmte Muster gibt, was das Auftreten der Episoden angeht. Frag dich dafür, wann du am häufigsten schlafwandelst. Vielleicht ist es, wenn du Alkohol getrunken hast, nachdem du dich mit deiner Partnerin oder deinem Partner gestritten hast oder wenn du besonders viel Stress im Job hast? Wenn du den Auslöser kennst, kannst du ihn besser vermeiden. In jedem Fall ist es immer eine gute Idee, erst Mal zu versuchen, deine Schlafgewohnheiten zu verbessern. Finde heraus, wie viele Stunden Schlaf du brauchst, um am nächsten Tag fit zu sein. Benutze deine Smartphone nicht kurz bevor du schlafen gehst. Dunkle die Fenster ab und lüfte gründlich durch. Wenn du willst, kannst du auch ein heißes Bad nehmen oder meditieren, um runterzukommen. Orgasmen können übrigens auch helfen, weil das ausgeschüttete „Kuschelhormon“ dich besser einschlafen lässt. Wenn diese Veränderungen nicht helfen, solltest du einen Arztbesuch in Betracht ziehen oder eine*n Therapeut*in aufsuchen.

„Mein Freund und ich wohnen seit fünf Jahren zusammen und in den letzten drei Jahren habe ich ihn mindestens eine Nacht pro Woche schlimm beschimpft. Ich habe ihn richtiggehend angeschrien und ihm vorgeworfen, er würde mich betrügen oder mich anlügen!

„Bei mir sind Antidepressiva das Einzige, was hilft“, erzählt die 33-jährige Anwälten Abina. „Mein Freund und ich wohnen seit fünf Jahren zusammen und in den letzten drei Jahren habe ich ihn mindestens eine Nacht pro Woche schlimm beschimpft. Ich habe ihn angeschrien und ihm vorgeworfen, er würde mich betrügen oder mich anlügen! Am nächsten Morgen konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Eines nachts filmte er mich dann und erst, als ich das Video sah, wurde mir bewusst, wie schlimm es war. Ich hatte vorher nie Probleme mit dem Schlafen, aber ich arbeite in einer sehr stressigen Branche. Je weiter ich mich nach oben arbeitete, desto schlimmer wurden meine Nachtängste. Wir wohnen in einer Einzimmerwohnung, ich kann mich also nicht in ein anderes Zimmer zurückziehen. Ich habe versucht, auf dem Sofa zu schlafen, um herauszufinden, ob es vielleicht hilft, nicht nebeneinander zu schlafen. Aber am nächsten Morgen wachte ich im Bett auf und er erzählte mir, dass ich ihm wieder alle möglichen Schimpfwörter an den Kopf geworfen hatte. Überraschenderweise hat mich die ganze Sache mehr belastet als ihn. Er weigerte sich, mir zu erzählen, was ich in der Nacht gesagt hatte, weil er nicht wollte, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme. Aber das machte mich nur noch nervöser und ängstlicher. Ich probierte Schlaf induzierende Lebensmittel, Meditation und Schlafsprays aus, um tiefer schlafen zu können, aber nichs half. Also suchte ich einen Spezialisten auf, der mir Antidepressiva verschrieb. Dadurch steigt mein Serotoninlevel, was mir wiederum dabei hilft, meine Angstzustände und mein Schlafwandeln in den Griff zu bekommen.“
Anmerkung der Redaktion: Falls du oder eine Person, die du kennst, schlafwandelt, wende dich bitte zu allererst an eine Ärztin oder einen Arzt. Verschreibungspflichtige Medikamente wie etwa Antidepressiva sind nicht ohne medizinischen Rat einzunehmen.
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