Rassistisches Verhalten: Warum Entschuldigungen problematisch sind & was ich mir stattdessen wünsche

Photographed by Jessica Garcia
Vor ein paar Wochen bekam ich eine Nachricht von einer Schulfreundin, die sich bei mir für ihr rassistisches Verhalten entschuldigen wollte. Ihr war eingefallen, dass sie mich mal auf dem Klo verärgert hatte, indem sie mir unendlich viele Fragen zu meinen Haaren gestellt hatte. „Ich will nur sagen, es tut mir leid. Es belastet mich sehr.“ Der Vorfall ist 13 Jahre her.
Ich habe ihr nicht geantwortet und mein Handy erst mal beiseitegelegt. Ich war verwirrt, sprachlos und fühlte, wie mein Blut langsam zu kochen anfing. Du hast mehr als ein Jahrzehnt gebraucht, dich zu entschuldigen? Warum gerade jetzt?
Nach der Ermordung von George Floyd erhielt das Thema Rassismus weltweit viel Aufmerksamkeit. Die Schwarze Community musste miterleben, wie ihre Lieben an Corona sterben und ansehen, wie Menschen, die wie sie aussehen, umgebracht werden. Das hat zu globalen Protesten geführt – und dazu, dass weiße Menschen dazu gezwungen wurden, in den Spiegel zu schauen und sich mit ihren weißen Privilegien auseinanderzusetzen; damit, wie ihr Handeln und ihre Kultur zur Unterdrückung Schwarzer Menschen beiträgt.
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Als ich diese Nachricht am Ende eines Tages las, an dem ich in London demonstriert hatte und deswegen (und wegen Corona) sehr emotional war, brachte das meine Traumata wieder ans Tageslicht. Ich erinnerte mich daran, dass ich in der Schule “Wischmopp“ genannt wurde, Lehrer*innen ständig meine Haare kommentierten und sagten, es wäre unordentlich und ungepflegt. Sie rieten mir, ich solle sie doch einfach glätten. Ich erinnerte mich daran, wie Menschen meine dunkle Haut kommentierten und sie mit verbranntem Toast verglichen. Ich wurde viele Jahre wie eine Außenseiterin behandelt und man gab mir das Gefühl, minderwertig zu sein. Jedes Mal, wenn ich dazu etwas sagte, wurde mir entgegnet, ich würde überreagieren oder hätte einfach keinen Sinn für Humor. So etwas, während der prägenden Jahre, immer und immer wieder zu hören, führte dazu, dass ich es irgendwann selbst glaubte. Racial Gaslighting nennt man das und es ist eine Form von psychischem Missbrauch, bei der die Wahrnehmung des Opfers infrage gestellt wird.
In Großbritannien ist Rassismus (Anmerkung der Übersetzerin: ebenso wie in Deutschland) eine heimtückische Angelegenheit. Es ist so tief in unserer Kultur verankert, dass es ein Teil davon geworden ist und zu unserem Leben gehört. Es verging kein einziger Tag in meinem Leben, an dem ich nicht mit Rassismus konfrontiert wurde – ich wurde beschimpft, erfuhr institutionellen Rassismus in der Schule, im Job und bei jeder Organisation, bei der ich mich engagiert habe, und hörte, wie unser Premierminister Menschen, die wie ich aussehen, als “thugs“ (Verbrecher, Schläger, Strolch) bezeichnete.

Obwohl ich froh bin, dass sie realisiert hat, rassistisch gehandelt zu haben, ist es nicht meine Aufgabe, sie von ihrer Schuld freizusprechen.

Wenn sich also eine Person bei mir entschuldigt, die höchstwahrscheinlich White Guilt fühlt, weiß ich nicht, wie ich reagieren soll. Bin ich wütend? Bin ich traurig? Bin ich verwirrt?
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Ich bin nicht die Einzige, der es so geht. Andere Schwarze Frauen, mit denen ich gesprochen habe, erhielten in den letzten Monaten ähnliche Nachrichten.
Jade* erzählte mir von einer Nachricht, die sie von einer weißen Frau bekommen hat: „Sie entschuldigte sich für einen rassistischen Kommentar, den sie in der Vergangenheit gemacht hat. Sie schrieb mir, wie sehr sich ihre Denkweise in letzter Zeit verändert hätte. Obwohl ich froh bin, dass sie realisiert hat, rassistisch gehandelt zu haben, ist es nicht meine Aufgabe, sie von ihrer Schuld freizusprechen. Wenn ich eine Nachricht wie diese bekomme, finde ich das auch ein bisschen komisch; wir stehen uns nicht besonders nahe und deswegen frage ich mich, wie viele andere Schwarze Freund*innen sie hat und warum sie damit gerade zu mir kommt. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Wertschätzung und dem Gedanken, dass sie von mir nur will, dass ich sie beruhige/freispreche.“
Eine andere Frau sagte, sie hätte eine Entschuldigung von einem alten Schulfreund bekommen, weil er sie das N-Wort genannt hat. „Er meinte, er hätte es seitdem jeden Tag bereut.“

Wenn sich eine Freundin 13 Jahre später entschuldigt, nachdem du dich lange von der Sache distanziert hast, führt das dazu, dass du dich überfordert fühlst, weil es alles wieder an die Oberfläche bringt.

Denise Freeman
Laut Denise Freeman, Therapeutin und Mitglied der British Association for Counselling and Psychotherapy, könnten die Gefühle – Wut, Verwirrung oder Frustration – mit vergangenen Erfahrungen verknüpft sein, statt mit der Nachricht an sich. „Viele Schwarze Menschen distanzieren sich vom rassistischen Trauma und fühlen sich dadurch am Ende wie betäubt oder im Limbus“, erklärt sie mir. „Wenn sich eine Freundin 13 Jahre später entschuldigt, nachdem du dich lange von der Sache distanziert hast, führt das dazu, dass du dich überfordert fühlst, weil es alles wieder an die Oberfläche bringt.“
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Vielleicht hat meine alte Schulfreundin ihre Fehler erkannt und vielleicht war ihre Entschuldigung aufrichtig, aber muss ich sie deswegen annehmen? Kann ich ihr verzeihen? Ich finde Vergebung sehr wichtig, denn es kann dir dabei helfen, mit einer Sache abzuschließen; doch diese Sache habe ich noch nicht genug verarbeitet, um ihr zu verzeihen.
„Teil des Heilungsprozesses ist es, zu verstehen und zu verzeihen – und das ist für viele Menschen sehr schwer. Doch bei der Vergebung geht es nicht immer um die andere Person“, so Freeman. „Bei rassistischem Missbrauch schauen wir oft auf die andere Person, statt darauf, in welcher Beziehung wir selbst zu ihr stehen“, sagt die Expertin und ergänzt, es kann helfen, gedanklich das Gefühl der Entschuldigung mit der Situation zu verknüpfen – das hilft uns dabei, das Ganze abzuschließen und nach vorne zu schauen. Freeman gibt aber auch zu, dass das für Schwarze Frauen besonders schwer sein kann. „Rassistisches Trauma zu überwinden ist schwer, weil du immer wieder mit neuen Mikroaggressionen oder anderen Formen des Rassismus konfrontiert wirst. Und wie kannst du ein Trauma bewältigen, an das man dich ständig erinnert?“
Mir fallen Tausende Sachen ein, die ich auf die Entschuldigung meiner Freundin antworten könnte – hauptsächlich Schimpfworte –, aber das wäre kontraproduktiv. Stattdessen empfiehlt Freeman, Tagebuch zu schreiben. „Schreib all deine Emotionen und das, was man zu dir gesagt hat auf und versuche herauszufinden, wie du dich fühlst. Bring alles zu Papier und versuche, so zu deinen tatsächlichen Gefühlen zurückzufinden. Das wird dir dabei helfen, die Kontrolle wieder zu übernehmen.“ Wenn das bei dir nicht funktioniert, rät Freeman dazu, sich einer Therapeutin oder einem Therapeuten anzuvertrauen. „Ich ermutige Menschen dazu, alles auszusprechen – am besten bei einer Schwarzen Therapeutin oder einem Schwarzen Therapeuten.“
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Falls du dich dazu entscheidest, auf die Nachricht zu antworten, solltest du dich laut Freeman nicht dazu gezwungen fühlen, dich bedanken zu müssen. Du kannst zum Beispiel antworten, dass du verwirrt und überrascht über die Nachricht bist. Mehr musst du nicht sagen. „Es ist wichtig, sich selbst genug Zeit zu geben, alles zu verarbeiten.“
Ich persönlich habe meiner Schulfreundin immer noch nicht geantwortet und ich glaube nicht, dass ich es jemals tun werde. Die letzten Monate haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, Grenzen zu ziehen und meine Energie und meine Gefühle zu beschützen. Die Entschuldigungen weißer Menschen sind kraftraubend; weiße Menschen sind, im Allgemeinen, kraftraubend. Ich will keine Entschuldigungen hören für Dinge, die sie niemals hätten sagen oder tun sollen. Ich will einfach nur, dass sie Schwarze Menschen jetzt und in Zukunft gleich und mit Respekt behandeln.
*Name wurde geändert.

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