Der verborgene Reiz des grünen Kleides

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Es gibt vieles, dass an der Verfilmung von Ian McEwans Buch Atonement aus dem Jahr 2007 faszinierend finde: die Art, wie das Ende eines wunderschönen Sommertages in einer gewissen Tragik dargestellt wird; wie wir mit kurzen Momenten der Intimität überrascht werden, obwohl der Film in der Zeit des 2. Weltkriegs spielt oder wie uns die authentische Performance der jungen Saoirse Ronan verzaubert hat.
Doch eine Sache hat mir besonders den Atem geraubt: Keira Knightley als Cecilia Tallis in diesem rückenfreien, grünen Seidenkleid. Der sanfte Stoff schmiegt sich an ihre Haut und umarmt ihre zierliche Figur. Die dünnen Träger, die ihren nackten Rücken schmücken, geben dem Charakter einen Charme à la Femme fatale. Und das leuchtende Grün erhellt den Raum, wie ein kleiner Hoffnungsschimmer in der Gegenwart des Krieges.
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Dieses Kleid ist spektakulär. Immerhin brachte es der Kostümdesignerin Jacqueline Durran eine Oscar-Nominierung und begeisterte Teenies weltweit – wie viele von uns haben sich gewünscht, zum Abiball oder irgendeinem Event in diesem (oder zumindest einem ähnlichen) Traumkleid zu erscheinen. Zum Teil liegt das natürlich an dem Schnitt des Kleides. Es ist sexy, elegant und glamourös zugleich – ein Kleid, dass den Stil der 30er-Jahre einfängt, ohne zu altmodisch zu wirken. Letztendlich ist es aber auch die Farbe, die dieses Kleid zu einem Meisterwerk der Modegeschichte macht. Es ist der Mix aus Farn- und Smaragdgrün, der so verführerisch wirkt. Und wie ein Edelstein, verändert sich die Tiefe der Farbe im Licht.
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Lange Zeit ignoriert, ist das grüne Kleid jetzt wieder im Fokus der Modewelt. Auf den Catwalks der Fashionshows für SS20 erschien es in neuen Variationen, aber mit dem selben Charme. Sies Marjan, Victoria Beckham, Galvan, Erdem, Roksanda Ilincic... sie alle zeigten ihre eigenen Interpretationen des ikonischen Kleidungsstücks auf ihren Laufstegen. Oft werden dem Grün mit pinken, orangefarbenen und/oder blauen Akzenten Kontraste gesetzt, wodurch das gesamte Kleid nur noch besser strahlen kann.
So ist es mit dem grünen Kleid; es will die Aufmerksamkeit aller im Raum auf sich ziehen. Als zarter Minzton wirkt es mystisch. Aber durch einen Farbmix oder mehr Intensität wird es zu lebenssprühender Couture. Dabei war ironischerweise ein intensives Grün in der Vergangenheit lebensgefährlich! Im 19. Jahrhundert war eines der beliebtesten Grüntöne das sogenannte Schweinfurter Grün (auch bekannt als Scheeles Grün). Das Pigment enthielt Kupfer und das giftige Arsen. Handschuhe, Kleider und sogar Tapeten wurden damit gefärbt. Kunsthistorikerin Alison Matthews David schreibt in ihrem Buch Fashion Victims, dass die Leute, die diese Farbe trugen, schon einem hohen Risiko ausgesetzt waren gesundheitliche Probleme davonzutragen, aber die Arbeiter*innen in den Farbfabriken zahlten den eigentlichen Preis für die Beliebtheit der Farbe – sie erkrankten, litten an Krampfanfällen und in einigen Fällen führte die giftige Farbe sogar zum Tod.
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Manchmal hat ein sattes Grün aber auch eher einen metaphorischen Einfluss auf eine Person. Djuna Barnes unterhaltsame Kurzgeschichte The Terrible Peacock aus dem Jahr 1914 macht das gut deutlich. Die Autorin erzählt vom kleinen Abenteuer des jungen Stadtreporters Karl: Dieser soll im Auftrag seines Redakteurs eine Frau suchen, die „gefährlicher als Kleopatra, neununddreißigmal so verführerisch wie das Sonnenlicht auf einen Goldadler und ungefähr so schwer zu fassen“ ist.
Der Reporter verliebt sich sofort in das Bild einer „Aphrodite der Meere“ und vergisst dabei fast sein Date mit der „fliederfarbenen Jane“ – ist das nicht ein reizvoller Vergleich: Fade Pastelltöne stehen einer sinnlichen „grünen Göttin gegenüber, deren Anziehungskraft möglicherweise Zerstörung bedeutet.“ In einem roten Gewand, würde sie eine bedrohliche, vampirähnliche Aura ausstrahlen. Dagegen erinnert das grüne Kleid an Sirenen, volkstümliche Magierinnen und den Wunsch, sich dem unerlaubten Verlangen zu unterwerfen.
Barnes ist nicht die Einzige, die sich der tiefen Symbolik des Wassers bedient, um das grüne Kleid zu beschreiben: In Virginia Woolfs Mrs. Dalloway erscheint die Figur in einem eleganten „silbrig-grünen Meerjungfrauenkleid“, das „an ein Wesen erinnert, das in seinem Element schwebt.“ Auch in Atonement schreibt McEwan, dass Cecilia sich gegen die rosafarbene Kutte entscheidet, weil diese zu blass ist. Stattdessen wählt sie das smaragdfarbene Stück: „Und ihr Spiegelbild war eine Meerjungfrau.“
Filmemacher und Künstler Derek Jarman schreibt in einem Buch Chroma, das sich mit der Philosophie der Farben beschäftigt: „Für uns hat die Farbe Grün weit mehr Nuancen, als jede andere Farbe – wie die Knospen, die das Grau des Winters unterbrechen. Sie vermitteln einen Hauch Sommer“. Für jedes grüne Kleid, das an eine zauberhafte Meeresfigur erinnert, gibt es eins, das für etwas ganz anderes steht: Neuanfänge im Frühling, üppige Gärten im Juni, das glitzernde Neon der Disco-Lichter, mittelalterliche Royale oder aber auch zerstörerische Disney-Bösewichte. Das macht natürlich auch Sinn, denn wie alle Farben unseres Spektrums, wird Grün mit einer Reihe von Symbolen assoziiert – und die reichen von Fruchtbarkeit über Neid bis hin zu materiellen Zeichen, wie Geld.
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Expert*innen sehen in der Modewelt aber vor allem Nuancen, die Hoffnung und Natur repräsentieren, an Beliebtheit gewinnen. Tatsächlich hat Trend Union sogar vorausgesagt, dass diese zu den wichtigsten Farben der nächsten Jahre gehören werden.
So sehr man sich anfangs auch darüber freuen mag, dass die wachsende Diskussion über Nachhaltigkeit durch etwas Neues bereichert wird, so scheint doch ein grünes Kleidungsstück ein typisches Zeichen für die Beteiligung an der Sorge um den Planeten zu sein. Es ist sehr einfach, ein wald- oder farnfarbenes Kleidungsstück zu kreieren. Dagegen ist es sehr schwierig, die äußerst schädliche Umweltbelastung einer Marke sinnvoll zu reduzieren.
Ja, Grün kann an Wälder und Wiesen und komplizierte, bedrohte Ökosysteme erinnern. Aber es besitzt auch andere, einzigartige Eigenschaften: Wenn ich an das grüne Kleid denke, dann habe ich Bilder von Tamara de Lempicka oder dem schrecklichen Pfau von Djuna Barnes im Kopf.
Es ist eine Art von Glamour. Aber auch ein bisschen raffinierter, imposant und wunderschön und ein wenig frech. Eine Art Kleid, das uns wirklich dazu auffordert, es anzuschauen und uns vielleicht zu wünschen, dass auch wir uns in leuchtendes Grün hüllen.

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