Ich habe beschlossen, meine hohe Stirn zu lieben & verstecke sie nicht mehr

Foto: Daniela Morosini
Hi, ich bin Daniela, und als Gott die Stirnen verteilte, bekam ich meine, bat um eine zweite Portion, stellte mich dann gleich noch einmal in die Schlange und fragte nach noch ein paar Zentimetern – anders kann ich mir nämlich meine überdimensional hohe Stirn nicht erklären.
Dass ich so eine überdurchschnittlich große Stirn habe, wurde mir zum ersten Mal mit neun Jahren bewusst. Damals rockte ich zu jeder Frisur, die mir meine Mutter (die keine Ausbildung in einem Salon gemacht hatte) schnitt, einen kerzengeraden und sehr langen Pony vor meiner Stirn. Doch einmal im Sportunterricht machte ich mir einen Pferdeschwanz und steckte den Pony an der Seite fest. Auf diese Weise konnten meine Klassenkamerad*innen aber die gesamte Pracht meiner Stirn betrachten. Und natürlich war unter ihnen eine Person, die es sich nicht nehmen ließ, mir auf die Stirn zu klatschen und zu kommentieren, wie groß mein Gesicht doch sei.
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Meine italienische Großmutter versuchte, mich aufzumuntern, indem sie mir sagte, meine Stirn wäre nur so groß, weil mein großes Gehirn dahinter eben Platz braucht. Sie meinte es gut, aber ihre Worte halfen mir nicht wirklich darüber hinwegzukommen. Von diesem Zeitpunkt an war meine Stirn für mich breiter als der Atlantik und ich versteckte sie hinter meinem Pony, das mich vor all den Blicken der anderen schützen sollte. Jede Frisur, die ich von da an hatte, sei es nun ein Pferdeschwanz oder offen, glatt oder lockig, trug ich nur noch mit der kleinen Haargardine vor der Stirn.
Ich verehrte all diejenigen, die eine unscheinbare Stirn hatte. Eine meiner größten Idole als Teenie war die ehemalige Sängerin der britischen Band Girls Aloud Cheryl Cole. Ein Grund, warum ich zu ihr aufblickte war definitiv auch, dass sie so ein schönes kleines Gesicht hatte – und danach sehnte ich mich. Aber ich wusste, mit meiner Stirn, war das einfach nicht drin.
Das ich mit diesen Gedanken nicht allein bin, merkte ich erst, als ich vor einigen Wochen für Refinery29UK ein Instagram Live gemacht habe. Während ich mein Make-up auftrug machte ich einen Witz über meine große Stirn und war überrascht, wie viele Leute kommentierten, sie würden mein Leid teilen. Ich hatte das Gefühl, in dem Moment von Leidensgenoss*innen umgeben zu sein... Wir, die Mitglieder der Hohe-Stirn-Fraktion, haben eine überdimensionale Stirn und die kann schon echt lästig sein. Aber warum sehen wir eigentlich nur die negativen Aspekte? Immerhin bringt eine hohe Stirn doch auch so viele Vorteile mit sich: Du hast mehr Platz für dein Make-up. Du kannst deine Augenbrauen so dick zeichnen wie du magst. Und in Sachen Pony hast du absolute Wahlfreiheit. (Ich lasse mein Pony gerade noch herauswachsen und trage ihn im Seitenscheitel. Das verdeckt nicht meine ganze Stirn, aber zeigt auch nicht gleich alles, und so fühle ich mich gerade richtig wohl.)
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Außerdem haben doch einige der schönsten Frauen dieser Welt eine hohe Stirn. Schauen wir uns zum Beispiel Rihanna an. Ihre Stirn ist sehr prominent, und es schmeichelt ihrem Gesicht! Jemand hat einmal einen Insta-Post von ihr folgendermaßen kommentiert: „Ihre Stirn strahlt heller als meine Zukunft“, worauf Rihanna antwortete: „Dann gibt es noch Hoffnung für dich.“ Und Rihanna ist nicht die einzige Beautyqueen mit großer Stirn: Tyra Banks, Angelina Jolie, Zoe Saldana… Die Liste ist lang!
Eine hohe Stirn wird auch in der Kunst und Religion als etwas Schönes und Bedeutsames empfunden. Während der gesamten Renaissancezeit war eine große Stirn sogar ein Schönheitsideal. Manche Frauen zupften sich sogar den Haaransatz (autsch), damit die Stirn höher wird. Schau dir allein die Heilige Justina von Padua an, zum Beispiel. Und die supergroße Stirn von Elisabeth I. machte sie zu ihrer Zeit zu einem totalen Beauty-Star.
Viele so genannte Schönheitsideale haben ihre Wurzeln im Eurozentrismus und/oder Klassizismus (denken wir nur mal daran, dass helle Haut als attraktiv angesehen wurde, weil das bedeutete, man war reich und hatte Diener, die im Freien für einen arbeiteten). Aber eine hohe Stirn kann nicht nur auf eine bestimmte Gruppe von Menschen zurückgeführt werden, sondern scheint in dieser Hinsicht etwas wurzellos zu sein. Entweder du hast eine oder eben nicht. Sie wird normalerweise vererbt, wie die Form deines Mundes oder die Farbe deiner Augen. Also warum sollten wir unsere hohe Stirn nicht mit Stolz zeigen? Und wenn Menschen so kindisch sein und Witze darüber machen wollen, dann sollen sie doch! Auf solche Kommentare sollte man sowieso nicht hören.
Ich habe schon vor langer Zeit Frieden mit meiner Stirn geschlossen und du solltest das auch tun, denn deine Stirn ist ein Teil von dir und jeder Teil von dir ist schön!

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