Das Geschäft mit dem Glauben: Ein Besuch im "Kabbala Center" Berlin

In einer Welt voller Auswahl kommt dem Menschen Spirituelles entgegen , um sich zu kanalisieren – in welcher Form auch immer. Manch einer weiß diese Unsicherheiten auszunutzen. Ein Besuch im „Kabbala Center“ in Berlin.
An der Frau am Empfang ist alles ein bisschen zu viel. Die Pailletten am Kleid, das Blond der blondierten Haare, das Weiß der gebleichten Zähne, das Lächeln. Aber beim Kabbala geht es ja um das Innere, nicht die äußere Schale. Das soll einem später noch gesagt werden. Und wegen Kabbala ist man ja heute hier.
An der Frau muss jeder Besucher vorbei, der an diesem Abend ins „Kabbala Center“ in Berlin-Schöneberg kommt. Von allen verlangt sie Namen, Mailadresse und Telefonnummer. Wer seine persönlichen Daten verweigert, wird kritisch beäugt. Die Liste in den Händen der Dame füllt sich.
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Man nimmt Platz an einem der riesigen, runden Tische. Es ist ein bisschen wie bei einem Bankett in einem Saal, nur ohne Sitzordnung und Geschirr. Da liegen Kulis, Zettel, Wasserflaschen und Plastikbecher. Das Publikum – über hundert Personen – ist durchmischt. Teure Taschen und angeklebte Nägel. Strick und Dreadlocks. Gespannt blicken sie nach vorne wie Erstsemester in der Uni.
Diese frisch renovierten Räumlichkeiten wirken fast etwas steril. So könnte es in einer Schönheitsklinik für Prominente in Los Angeles aussehen. Alles in weiß und cremefarben. Organisch eingezogene, halb offene Wände. Eine Empore, Spiegel an den Wänden, historische Fresken an der Decke.
Die Frau im Paillettenkleid betritt die Bühne. Während sie ihre Arme öffnet, bittet sie mit einem Strahlen im Gesicht David Naor zu sich. Diesem Mann überlässt sie nun das Sprechen. Sie tritt ab. Ihre weißen Zähne blitzen, bis sie aus dem Sichtfeld der Besucher verschwunden ist. Von oben leuchtet eine riesige Lampe herunter. Geformt wie ein überdimensionierter Heiligenschein wirkt das Setting damit fast etwas sakral.
Naor ist der Lehrer. Er trägt sein Hemd in der Hose, sieht nach jugendlichem Messdiener aus. Seine Blicke schweifen durchs Publikum, vereinzelt nickt er Leuten zu, sagt dann in das kabellose Mikro, das er im Ohr trägt: „Hallo!“ Gleich mehrmals. Zwischen jedem hält er künstlich inne. Auf der Leinwand hinter ihm liest man auf der ersten Folie der Power Point Präsentation „Reise der Kabbala – Grundlagenkurs“.
Rabbiner Y. Ehrenberg aus Berlin sagte mir zuvor, dass die Kabbala eine Lehre des Judentums und eine Ergänzung zum Studium der Heiligen Bücher Thora und Talmud sei. Die Tradition besage, man müsse unbedingt jüdischen Glaubens sein und danach leben, wer die Weisheit lernen will. Koscher essen und Sabbat halten. An diesem Abend muss jedoch niemand gehen.
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Naors erste Frage, ein gewaltiger Opener, der gleich alle eint: „Es ist schwierig glücklich zu sein, oder?“ Zustimmende Laute aus dem Publikum, heftiges Kopfnicken. Die Blicke, die untereinander getauscht werden, sagen: Endlich einer, der mich versteht.

DIE BLICKE, DIE UNTEREINANDER GETAUSCHT WERDEN, SAGEN: ENDLICH EINER, DER MICH VERSTEHT.

Paulina Czienskowksi über das Kabbala Center in Berlin
Das „Kabbala Center“, in dem sich diese Menschen versammelt haben, hat vor Kurzem in einem Hinterhof der Hauptstraße neu eröffnet. Es wirkt luxuriös. Der Kontrast zur etwas schäbigen Straße ist krass. Einmal die Woche bietet es nun diesen kostenlosen Grundkurs an. Für jeden folgenden muss man zahlen. 345 Euro für ein ganzes Jahr. Auch auf Facebook werben sie dafür.
Zur Erinnerung: Anfang der 2000er schwappte der als „pseudojüdisch“ bekannte „Pop-Kult“, wie man häufig kritisch in der Presse lesen konnte, aus Kalifornien rüber in andere Teile der Welt. Sein Image: glamourös. Was damals vor allem an seinen berühmten Anhängern in Beverly Hills lag. Madonna, Victoria Beckham, Elton John. Man kennt Fotos der Stars mit roten Bändchen ums Handgelenk, das einen laut Kabbala-Guru Philip Berg schützen soll. Er machte die Tausende Jahre alte Lehre in den 70er-Jahren öffentlich und gründete erste Zentren. Auch ein Wasser, von dem es heißt, es könne Krebs heilen, wurde teuer verkauft. Als Betrug bezeichnet das Kritiker.
Auch der Philosophiehistoriker der Freien Universität Wilhelm Schmidt-Biggemann sieht diese Kommerzialisierung der Kabbala kritisch. Er sagt: „Das Phänomen dieser Begeisterung liegt hier im Reiz an der Esoterik. Es ist die Idee davon, man hätte eine Einsicht in Sachzusammenhänge, die sonst eigentlich geheim bleiben und nur an ebenso Gläubige weitergegeben werden kann.“
Bergs Anhänger hingegen beharren bis heute darauf, dass der spirituelle Mix der Lehre schlichtweg eine für jeden verständliche Version der alten jüdischen Geheimlehre sei. Mit dieser Dialektik des Geheimnis’ werde häufig geworben, sagt Schmidt-Biggemann. „Es ist ja so: Was nicht mehr geheim ist, ist auch kein Geheimnis mehr.“
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Naor sagt immer wieder, dass die Kabbala keine Religion ist. Ehrenberg hingegen beschreibt sie als Lehre des Judentums. Genau genommen ist sie die Interpretation des Anfangs der Bibel und gelte gleichermaßen für Juden und Christen, spezifiziert Schmidt-Biggemann. Die jüdische Tradition besagt, dass man bereits gefestigt im Leben stehen sollte, bevor man die Kabbala studiert. Manche finden sogar, man sollte das 40. Lebensjahr erreicht haben. Naor selbst ist Anfang 30.
Das Öffnen für die breite Gesellschaft, wie es im „Kabbala Center“ angekündigt wird, hat für Rabbiner Ehrenberg und auch für Schmidt-Briggemann nichts mit dem Charakter der ursprünglichen Kabbala zu tun. Naor jedenfalls erwähnt nichts von alledem. Natürlich nicht.
Knapp 90 Minuten beschreibt er das Gedankengut, das der gesamten Menschheit gehören soll. Das tut er mit existentiell klingenden Sätzen: Kabbala ist ein Baustein der Seele! Der Sinn unseres Lebens! Eine universelle Weisheit! Schon nach wenigen Minuten hat man das Gefühl, ausschließlich durch sie und nur noch mit ihr existieren zu können. Schmidt-Biggemann sagt, dass so etwas – also so ein Wissen, das glücklich machen soll – vor allem die weniger Gefestigten überzeugen würde, weil sie ihnen Halt bietet.
Aber natürlich gibt es auch diejenigen, die hinterfragen. Genau das scheint auch Naor zu wissen und versteht es, sich im richtigen Moment, bevor es manchem Gast zu missionarisch werden könnte, zurück zu nehmen. Um zu beschwichtigen, sagt er dann: „Wir möchten niemanden überreden, den eigenen Weg zu verlassen – wir geben nur die Hand!“ Ähnliche Sätze streut er mal hier und da ein.
Wenn Naor mit seinem Publikum spricht, sagt er „du“ und „wir“, so als wären hier alle eine homogene Truppe, die sich schon seit Jahren kennt. Das ist natürlich äußerst sympathisch. Auf einer Augenhöhe und so. Mit dem Mann, der weiß, was „wir“ brauchen.
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An diesem Abend geht es hauptsächlich um das menschliche Bewusstsein. Denn um selbstbestimmt und zufrieden auf dieser Welt zu sein, müssten wir nicht im niedrigen sondern unbedingt im höheren Bewusstsein leben: „Du erschaffst deine eigene Realität, wenn du weißt, mit deinem Bewusstsein richtig umzugehen“, sagt er.
Und das geht so: Man muss sich gegen die Diktatur des Gehirns stellen! Erlerntes und Vorgegebenes hinterfragen! Den fünf Sinnen nicht blind glauben! Kein Sklave sein! Kein Roboter! Keine Automatismen! Wenn man Naors Parolen so lauscht, wirkt es als sei die Welt ein sehr schlechter Ort, der es nicht gut mit einem meint.
Jene Lehre gilt hier also als Erlösung jeglicher Unzufriedenheit. Vor allem als etwas, woran man sich orientieren kann. Das klingt natürlich gut, immerhin ist die Pluralität in der Welt zwar eine große Errungenschaft. Aber der Mensch sucht am Ende ständig nach Zugehörigkeit, um den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Anthropologie sagt, dass das schon immer so war. Nur war früher alles durch das Christentum festgelegt.

DER MENSCH SUCHT AM ENDE STÄNDIG NACH ZUGEHÖRIGKEIT, UM DEN EIGENEN PLATZ IN DER GESELLSCHAFT ZU FINDEN

Paulina Czienskowksi über das Kabbala Center in Berlin

Heute kann und muss sich jeder einzelne seinen Weg selbst suchen. Partner, Freunde, Beruf, Interessen. Wer sich nicht entscheidet, kann in ungewollte Abhängigkeiten stolpern, nur weil sie vermeintlich den Pfad vorgeben. Der Anthropologe Christoph Wulf von der Freien Universität bestätigt, dass diese Schwäche des Menschen auch genutzt werden könne, um bewusst Abhängigkeiten entstehen zu lassen. Geld und Macht sind Gründe.
Eine ständige Sinnsuche also, die zur Überforderung führen kann. Während Tiere Instinkt geleitet leben, müssen wir unsere Biografien bewusst formen. Da kommt einem das Transzendente durchaus gelegen. Wulf sagt auch: „Es liegt in der Natur des Menschen, dass er seine Wirklichkeiten in irgendeiner Weise überschreiten will.“ Jeder möchte aus höheren und erweitertem Bewusstsein schöpfen können, um seine Unsicherheiten in der Welt zu stillen. Und schon wieder ist da dieses Wort: Bewusstsein.
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Vielversprechend kündigt Naor immer wieder an, uns eine neue Welt zu zeigen. Die Welt der Kabbala. Welche das genau ist, versteht man auch nach seinem Vortrag nicht ganz. Ähnlich wie er machen das weltweit mehrere solcher Zentren. In Tel Aviv, Los Angeles, London. Sie sind Franchise betrieben – ein Geschäft mit dem Glauben. Gegen viel Geld werden die Rechte an die einzelnen Einrichtungen abgetreten. Dafür darf der Nehmer dann Bergs Bücher vor Ort verkaufen. Auch in den Regalen der Hauptstraße liest man ausschließlich diese vier Buchstaben auf den Buchrücken.
Daneben steht der „Zohar“, das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala. Naor zeigt uns auf einer Folie einen Ausschnitt daraus, liest ihn vor. Eine Frau im Publikum fragt nach der Übersetzung. Was da steht, spiele keine Rolle, antwortet Naor bestimmt. Man müsse die hebräischen Schriftzeichen nicht lesen können. Es reiche aus, sie zu hören, um mit der kabbalistischen Meditation das Bewusstsein zu verändern. Diskussion beendet.
Bewusstsein erweitern. Bewusstsein schärfen, öffnen, erhöhen. Immer wieder dieses Wort. Irgendwann bei Nummer 18 hört man auf zu zählen. Gebetsmühlenartig fräsen sich seine Sätze ins Hirn. Unterbewusst. Naor fährt furchtlos fort mit seinen Phrasen. Erfolge gibt es nicht nur in der Arbeit! Es geht um den Weg! Wir haben die Wahl! Erwartung schürt Enttäuschung!
Dass es gut ist, wenn man mal inne hält, hinterfragt und sich nicht von Äußerem leiten lässt, ist keine überraschende Erkenntnis. Die zustimmenden Ausrufe werden mit der Zeit trotzdem lauter.
Bei der Lösung des allgemeinen Freiheitsproblems – soll heißen bei seinen Wahlmöglichkeiten – greift der Mensch schon lange auf Formen der Spiritualität zurück, sagt Wulf. Da ist und bleibt immer diese große Sehsucht nach dem tieferen Sinn. Das sehe man auch an Bewegungen wie Yoga. Aber auch daran, wenn Essphilosophien plötzlich zu Ersatzreligionen werden. Alles gut, solange es nicht ins Extreme kippt.
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Gegen Ende tippt Naor sich auf seine Kippa, die er trägt: „Auch wenn ich aussehe wie ein Rabbi – Kabbala ist aber keine Religion. Die zersplittern uns Menschen nur.“ Aussagen wie diese funktionieren natürlich ganz wunderbar. Denn das große Thema der Gesellschaft heute ist schließlich die Angst vor fremden Kulturen und den Glaubensrichtungen. Natürlich hofft Naor sehr, dass er uns alle wiedersehen wird, denn heute sei schließlich nur Appetithappen gewesen. Sein Blick sendet Versprechungen.
Von dem heiligen Wasser erwähnt er an diesem Abend übrigens nichts. Das auf den Tischen jedenfalls ist es nicht. Trotzdem kippen die Gäste die Gläser runter, als wäre damit schon jene Bewusstseinserweiterung getan. Die meisten Zettel sind leer geblieben. Nur einige haben etwas notiert. Zwei Worte: höheres Bewusstsein. Es könnte der Anfang sein.

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