Aktivkohle gegen den Kater: Wundermittel oder Placebopille?

Photo: Getty Images.
Wenn es eine Anti-Kater-Tablette geben würde, die tatsächlich funktioniert, wären viele von uns sonntags bestimmt deutlich glücklicher, produktiver und aktiver. Doch soweit ich weiß, existiert dieses Wundermittel leider noch nicht. Und so greifen wir alle zu verschiedenen Hausmitteln, wenn wir ein Hangover haben und verkriechen uns unter der Bettdecke, bis sich Kopf und Magen irgendwann wieder normalisiert haben.
Eines dieser Hausmittel ist Aktivkohle. Der gehypte Inhaltsstoff, der in den letzten Jahren unter anderem in Zahnpasta, Smoothies und Deos verwendet wurde, soll angeblich auch gegen das miese Gefühl am Tag danach helfen. Und so werfen sich manche Leute vor dem Schlafengehen oder am nächsten Morgen eine Aktivkohlepille ein, um die Kater-Symptome zu verhindern. Aber hilft das wirklich? Und ist das aus gesundheitlicher Sicht unbedenklich?
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Im Vergleich zu Kaffee, fettigem Essen und Elektrolyt-Glucose-Mischungen ist Aktivkohle nicht ganz ohne. Sie wird sogar in der Notaufnahme verwendet, um Patient*innen mit einer Überdosis zu behandeln, erklärt Dr. Alexis Halpern, eine Notärztin am New York-Presbyterian/Weill Cornell Medical Center. Wird sie innerhalb einer Stunde nach Aufnahme der Medikamente oder Gifte eingenommen, bindet Aktivkohle buchstäblich Gifte im Bauch, so dass sie nicht vom Körper aufgenommen werden können.
Das würde ja erst Mal dafür sprechen, dass Aktivkohle tatsächlich ein gutes Katermittel sein könnte. Doch so einfach ist es dann doch nicht. Tatsächlich handelt es sich bei dem Produkt, das im Krankenhaus verwendet wird nicht um dasselbe, dass du auch in einer Drogerie kaufen kannst. „Wir verabreichen es in flüssiger Form – ähnlich wie ein Smoothie. Es ist extrem ekelig und bringt einige Patient*innen sogar dazu, sich zu übergeben“, sagt Dr. Halpern und ergänzt, dass die Kapseln und Tabletten – obwohl sie angeblich die gleichen Inhaltsstoffe haben – nicht so effektiv sind. Höchstwahrscheinlich haben sie sogar gar keinen Effekt, vielleicht sogar einen negativen. (Dazu später mehr.)
Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass Aktivkohle Alkohol nicht binden kann, so Dr. Ziad Kazzi, Associate Professor der Notfallmedizin an der Emory University School of Medicine. Wahrscheinlich wird es also nicht viel bringen, vor oder während der Party einfach eine Pille einzuwerfen. Aber macht es Sinn Aktivkohle nach einer durchzechten Nacht einzunehmen, damit der Kater nicht so groß wird? Laut Dr. Kazzi eher nicht. „Ethanol wird sehr schnell vom Magen absorbiert“. Wenn du dir also am nächsten Morgen eine Tablette einwirfst, ist der Alkohol schon gar nicht mehr im Magen.
Klingt so als würde Aktivkohle zwar nicht gerade gegen einen Kater helfen, aber die Sache auch nicht verschlimmern? Nicht ganz. Tatsächlich kann es sogar riskant sein, Aktivkohle (in welcher Form auch immer) zu konsumieren. Musst du wegen des Alkohols erbrechen, könnte Aktivkohle in der Lunge oder der Atemröhre landen, warnt Dr. Kazzi. „Aktivkohle kann Lungeninfektionen oder -entzündungen hervorrufen, wenn du dich daran verschluckst“. Dazu kommt, dass Aktivkohle auch noch für Verstopfungen sorgen kann, also ist es laut Dr. Kazzi eh keine gute Idee, sie zu sich zu nehmen.
Kurz gesagt: Es gibt keine Beweise dafür, dass Aktivkohlepillen bei einem Kater helfen. Die Hersteller setzen auf den Placeboeffekt – darauf, dass die Leute hoffen, die Tablette hilft ihnen, so Dr. Kazzi. Halte dich also besser doch an bekannte und getestete Hausmittel wie viel Wasser zu trinken und dich mit deinem Laptop aufs Sofa zu verziehen und zur Ablenkung Serien zu bingen.
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