Meine Beziehung mit einem jüngeren Kollegen war eine Katastrophe

Foto: Refinery29.
Hannah* war 31, als sie in dem Ingenieursbüro, für das sie arbeitete, einen Kollegen namens Andy kennenlernte. Sie wusste sofort, dass das problematisch werden könnte. „Ich war erst kurz als Kommunikationsmanagerin dabei. Er hatte gerade den Bachelor gemacht und bei uns angefangen“, sagt sie. „Ich stand direkt auf ihn. Das kam mir schon gefährlich vor. Mir war klar, dass er jung war. Wie jung, erfuhr ich erst, als ich ihn näher kennenlernte.“
Andy war 23 – acht Jahre jünger als sie. Obwohl sie nicht seine direkte Vorgesetzte war, war Hannah für einen Teil des Outputs von Andys Team zuständig. „Es gab keine genauen Regeln in der Firma zum Dating unter Kolleg:innen, aber es war definitiv nicht gern gesehen“, erzählt sie. Trotzdem freundeten sich die beiden an, und es dauerte nicht lang, bevor der Flirt bei der Büro-Weihnachtsfeier eskalierte.
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„Wir küssten uns. Ich fand ihn echt lustig und sehr gutaussehend. Wir führten ein paar tolle Gespräche, und er hatte auch keine Probleme damit, mir seine offene Meinung zu sagen. Ich fühlte mich total geschmeichelt, weil mich so ein attraktiver, jüngerer Typ mochte“, erinnert sich Hannah.
Nach diesem Abend trafen sich die beiden heimlich miteinander. Sie hatten Angst, dass es sich negativ auf ihre Karrieren auswirken könnte, wenn jemand davon erfuhr. „Obwohl einige Kolleg:innen im Büro ihre späteren Partner:innen kennengelernt hatten, waren das immer ein älterer Mann und eine jüngere Frau. Das wurde dann fast schon gefeiert“, meint Hannah. „Andy wollte als Berufseinsteiger einen guten Eindruck machen, und ich hatte Angst, als Frau härter verurteilt zu werden.“
„Ich dachte, die Leute könnten vielleicht denken, ich würde ihn ausnutzen, oder mich für unreif oder unprofessionell halten. Diese dauernde Sorge, erwischt zu werden, setzte unsere Beziehung ziemlich unter Druck“, erzählt sie weiter.
Hannahs Ängste sind nicht ganz unbegründet. In einer Studie der Cambridge University zu genderbasierten Vorurteilen am Arbeitsplatz gaben 53 Prozent der befragten Frauen an, sie hätten in ihrem beruflichen Umfeld mitbekommen, dass Frauen für dasselbe Verhalten wie Männer negativer verurteilt wurden. In Bezug auf Dating kann das sogar noch größere Ausmaße annehmen.
Wir hören oft von älteren Männern, die mit jüngeren Kolleginnen etwas anfangen – und dafür auch gemeldet werden. Wir wissen, dass es in diesem Umfeld auch zu ernsthaftem Machtmissbrauch kommen kann (siehe: Harvey Weinstein). Wir hören aber seltener davon, wie sich die Dynamiken von Alter und Macht zwischen älteren Frauen in höheren Positionen und jüngeren Männern abspielen.
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Der Sex- und Beziehungstherapeutin Rhian Kivits zufolge wird nach einer Trennung oder in einer komplizierten Situation häufiger der Frau die Schuld gegeben. „Frauen erfahren tendenziell mehr sexuelle oder Beziehungsscham als Männer und werden öfter für ihre Beziehungen verurteilt. Es ist demnach kaum überraschend, dass viele Frauen das Bedürfnis haben, ihre Position zu schützen, wenn sie sich auf eine Beziehung am Arbeitsplatz einlassen – vor allem, wenn sie in einer höheren Position arbeiten als der Mann.“
Obwohl sich Frauen schon um mehr berufliche Gleichberechtigung bemühen, ist da laut Kivits noch Luft nach oben. „Wir erwarten immer noch automatisch, dass Männer mehr verdienen. Dieses Machtungleichgewicht in einer Beziehung fühlt sich deswegen vielleicht nicht so komisch an, wenn die Situation umgedreht ist [sprich: wenn ein älterer Mann etwas mit einer jüngeren Kollegin anfängt]. Wenn eine solche Beziehung nicht funktioniert, hat das meist auch weniger komplizierte oder unangenehme Konsequenzen.“
Zwar steht in nur wenigen Arbeitsverträge eine Klausel, die das Daten unter Kolleg:innen verbieten würde, aber Genderdiskriminierung und Sexismus gibt es selbst in den progressivsten Firmen. Das kann sich auch auf die Beziehung der Frauen mit ihren Kolleg:innen auswirken. In Hannahs Fall erfuhr zwar nur eine Handvoll ihrer Mitarbeiter:innen von der Beziehung; der Druck, das Geheimnis wahren zu müssen, hatte aber Konsequenzen.

Ich hatte das Gefühl, immer gut aussehen zu müssen und darauf zu achten, wie ich mich in Andys Nähe verhielt, damit niemand was mitbekam. Jede Entscheidung fiel mir so schwer, und ich war irgendwann einfach nur noch nervös.

Hannah*
„Wir verfielen irgendwann in diesen Kreislauf aus Trennung und Wiederversöhnung“, erklärt sie. „Er zog sich vor mir zurück und ich hatte das Gefühl, ich konnte nicht offen mit ihm über meine Bedürfnisse sprechen, weil wir in dieser unangenehmen Situation feststeckten. Ich wollte nicht dem Klischee der älteren Frau entsprechen, die es auf jüngere Männer ‚abgesehen‘ hat – deswegen saß er immer am längeren Hebel. Wir dateten zwischendurch auch andere Leute, kamen aber doch immer wieder zusammen.“ Für beide stand es außer Frage, den Job zu kündigen, und sie sprachen auch nie über die Option, die Firma zu wechseln.
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„Außerdem war da noch dieser zusätzliche Stress, mir darüber Gedanken zu machen, was ich anziehen sollte. Ich hatte das Gefühl, immer gut aussehen zu müssen und darauf zu achten, wie ich mich in Andys Nähe verhielt, damit niemand was mitbekam. Jede Entscheidung fiel mir so schwer, und ich war irgendwann einfach nur noch nervös“, sagt sie. Abgesehen davon waren Hannah und Andy in völlig unterschiedlichen Lebensphasen. Sie vermutet, dass das dazu beitrug, dass er sich nicht komplett auf die Beziehung einlassen wollte.
Schließlich, nach drei Jahren Hin und Her, konnte Hannah einfach nicht mehr. „An einem Tag ging es mir richtig schlecht, und ich gestand unsere Beziehung der therapeutischen Ersthelferin im Büro“, erinnert sie sich. „Ich weiß noch, dass sie zu mir meinte, er sei ja ‚quasi noch ein Kind‘ und dass, was auch immer ich tat, ‚niemand von der Beziehung erfahren‘ dürfe. Sie meinte es nur gut, aber ich fand es auch ein bisschen verurteilend.“
Erst, als Andy in eine andere Stadt versetzt wurde, konnte sich Hannah so richtig von ihrer schwierigen Beziehung lösen. „Meine beste Freundin außerhalb der Firma machte sich Sorgen um mich, weil sie sah, wie schlecht es mir geistig wegen der ganzen Sache ging. Eine Person bei der Arbeit wusste auch Bescheid und riet mir dazu, nicht zu seiner Abschiedsparty zu gehen. Obwohl mir das schwer fiel, war das definitiv die richtige Entscheidung.“
Als dann die Pandemie begann, verlieh die Arbeitspause Hannah den letzten Anstoß, den sie brauchte, um wirklich damit abzuschließen. „Ich beschloss, die Firma zu verlassen und einen ganz neuen Weg einzuschlagen“, sagt sie. „Erst da konnte ich die Beziehung so richtig hinter mir lassen. Es war anfangs so aufregend, in einer heimlichen Beziehung zu stecken, aber das artete irgendwann ins Chaos aus.“
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Kivits meint, dass viele Beziehungen am Arbeitsplatz ähnlich ausgehen. „Was uns anfangs zueinander hinzieht, ist oft genau das, was später für Probleme sorgt“, sagt sie. „Zum Beispiel fühlen sich viele ältere Frauen zu jüngeren Männern hingezogen, weil sie so unbeschwert und sorgenfrei sind; jüngere Männer bewundern oft die Macht und das Selbstbewusstsein älterer Frauen. Mit der Zeit kann das aber auf beiden Seiten für Groll sorgen. Vielleicht nimmt er ihr dann ihr Geld und ihren Erfolg übel, während sie Angst davor hat, nicht von ihm ernst genommen zu werden oder ihren Job zu verlieren.“
Kivits betont auch, dass Männer oft später als Frauen ihre geistige Reife erreichen, wodurch sich der Altersunterschied noch drastischer anfühlen kann. „Natürlich ist das eine Verallgemeinerung und gilt so nicht für jedes Paar, aber es ist schon ein deutlicher Trend zu erkennen.“
Jane*, die inzwischen Mitte 40 ist, weiß genau, wie es sich anfühlt, in einer Beziehung mit einem jüngeren Kollegen festzustecken. Sie lernte ihren Ex-Partner Darren vor einigen Jahren kennen, als sie beide für eine Bundesbehörde arbeiteten. Sie war damals Anfang 40, er aber zehn Jahre jünger.
„Wir lernten uns durch Arbeits-Events kennen. Er war total lieb und lustig“, erzählt Jane. „Wir waren ein paar Monate befreundet, bevor sich daraus langsam Treffen unter vier Augen entwickelten.“
Ihre Beziehung entwickelte sich schnell weiter, und nach etwa drei Monaten zog Darren bei ihr ein. Jane ließ ihre Beziehung jedoch nicht ihre Dynamik im Büro beeinflussen, sondern trennte Berufs- und Liebesleben strikt voneinander. Sobald Darren einzog, wurde die Einkommensschere zwischen den beiden aber immer deutlicher.
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„Er hatte nie Geld, und mir fiel auf, dass ich häufig fürs Abendessen bezahlte und zusätzlich auch noch seinen Mietanteil und weitere Rechnungen übernahm. Anfangs hatte ich damit kein Problem, weil ich ja wusste, dass ich mehr verdiente als er. Irgendwann bemerkte ich aber, dass er mir auch nie im Haushalt half und immer noch erwartete, dass seine Mutter seine Wäsche machte.“
Die meisten von Janes Kolleg:innen wussten von der Beziehung. Obwohl sie sie nicht für den Altersunterschied verurteilten, waren sie doch besorgt, dass er ihre gutmütige Art ausnutzte. „Anfangs wollte ich gar nicht glauben, dass er mich ‚benutzen‘ könnte, aber nach einem Jahr Beziehung ließ sich die Realität nicht mehr ignorieren“, sagt sie. „Er gab sein ganzes Geld fürs Feiern aus und erwartete von mir, dass ich ihm bei allem anderen aushalf. Am Ende sagte ich ihm, dass es so nicht weitergehen konnte, und machte Schluss.“

Obwohl ich genau genommen in der mächtigeren Position war, hatte ich das Gefühl, in meiner Beziehung weniger mitbestimmen zu können.

Hannah*
Um die unangenehme Phase nach der Trennung zu vermeiden, konnte Jane eine Versetzung für Darren anordnen. Er nahm sie dankend an und zog in eine andere Stadt. Sie haben seitdem keinen Kontakt mehr.
Obwohl es Hannah und Jane gelang, ihre Beziehungen zu beenden, ohne damit ihren Karrieren zu schaden, können Büro-Trennungen übel ausgehen. In extremen Fällen kann es dabei sogar zu absurden Behauptungen oder offiziellen Anschuldigungen kommen. Laut der Arbeitsrechtsanwältin Deeba Syed sind es dabei häufiger Männer als Frauen, die nach einer gescheiterten Beziehung auf Rache aus sind.
„Das kann eine Art sein, ihre Macht oder Dominanz zu beweisen, oder um sich zu rächen. Es kommt selten vor, dass ein Arbeitsvertrag eine Beziehung mit einem:einer Mitarbeiter:in verbietet. Deswegen geht es bei den meisten Anschuldigungen um arbeitsbezogene Probleme – zum Beispiel schlechte Leistung oder Verspätungen“, erklärt sie. „Um sich zu schützen, müssen manche Frauen auch von sich aus von einer Beziehung am Arbeitsplatz erzählen. Das macht sie dann aber wiederum angreifbarer für weitere Diskriminierung durch ihre Arbeitgeber:innen.“
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Obwohl es natürlich zahlreiche Gesetze gibt, die uns vor Diskriminierung und Belästigung am Arbeitsplatz beschützen sollen, glaubt Syed, dass wir noch deutlich mehr unternehmen könnten, um nuanciertere Probleme anzugehen. „Viele Paare lernen sich bei der Arbeit kennen, und trotzdem behandelt wir diese Beziehungen als völlig private Angelegenheiten“, sagt sie. „In manchen Fällen können Dinge wie Machtmissbrauch innerhalb solcher Partnerschaften auch im Job zum Problem werden – zum Beispiel in Form falscher Anschuldigungen zum Zweck der Rache. Gegen so etwas kann das Arbeitsrecht heute noch nicht wirklich viel unternehmen.“
Hannah wurde von ihrem Ex-Partner nie missbraucht, und trotzdem möchte sie nie wieder in einer solchen Beziehung stecken. „Weil unsere Leben so eng miteinander verwoben waren, hat es mich viel Zeit gekostet, bis ich die Situation wirklich objektiv betrachten konnte“, sagt sie abschließend. „Obwohl ich genau genommen in der mächtigeren Position war, hatte ich das Gefühl, in meiner Beziehung weniger mitbestimmen zu können. Sie hat sich nicht direkt auf meine Karriere ausgewirkt, aber sehr wohl auf meine geistige Gesundheit. Ich lebte quasi in dauernder Angst davor, dass es jemand Wind davon bekommen könnte. Das werde ich in der Zukunft nie wieder so machen.“
* Name wurde von der Redaktion geändert.

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